UTOPIA AVENUE

Die Rockmusik, ein Sammelsurium

Wie lautet der alte Spruch nochmal? Wer sich an die 60er erinnern kann, der war nicht wirklich dabei? Richtig. Deshalb schreiben am besten gleich die über jene wilde Dekade, die gar nicht erst dabei sein konnten – weil sie noch gar nicht geboren waren.

So hält es auch David Mitchell in seinem letzten Roman UTOPIA AVENUE (Original erschienen 2020, Dt. 2022). Der britische Bestsellerautor begibt sich in die Niederungen der späten 60er, genauer in die Jahre 1968/69 und lässt den Leser den Werdegang der für kurze Zeit enorm erfolgreichen Band Utopia Avenue begleiten. Die sind zwar nicht, wie es die Rock-Romantik so gerne will, eine Schülerband, die es schafft, auch keine Studentenband von eingeschworenen Freunden, sondern im Grunde die Schöpfung des Managers Levon Frankland, eines Kanadiers, der sein Glück in London versucht – und damit also so etwas wie eine Boyband, zusammengestellt von einem findigen Insider des Musikbusiness – ein wenig, wie es die Monkees einst waren. Allerdings sitzt mit Elf Holloway eine Folksängerin an den Tasten der Hammondorgel, wodurch das Etikett „Boyband“ so oder so überflüssig, weil falsch wäre. Und da Elf, der Bassist Dean, der Schlagzeuger Griff und vor allem der Gitarrist Jasper de Zoet allesamt hervorragende Musiker und – außer Griff – alle auch hervorragende Songwriter sind, wird die Band bald als authentisch gefeiert. Es gelingt ihr eine seltsame Stilmischung aus Folk, Rock, Blues, Griffs Jazz-Einflüssen und der damals angesagten Psychedelik. Der Roman verfolgt auf nahezu 750 Seiten die kurzlebige Geschichte der Band, bis sie auf ihrer ersten Amerika-Tour an ein grausiges Ende gelangt.

Mitchell hat offenbar sehr gut recherchiert. Er lässt das gesamte Who´s Who der Swingin´ Sixties auflaufen, nimmt uns mit auf Partys, in angesagte Studios und Clubs, und wir sind dabei, wenn die vier Hauptprotagonisten die Bekanntschaft von David Bowie, Syd Barrett, Keith Moon oder Brian Jones machen, John Lennon unter einem Tisch treffen, wo dieser seinen Verstand sucht (jaaa, die Szene kommt einem bekannt vor…war da nicht etwas in dem wegweisenden Animationsfilm YELLOW SUBMARINE/1968?), in den USA Leonard Cohen kennenlernen, mit Joni Mitchell abhängen, mit Frank Zappa über das Paradies philosophieren und mit Jerry Garcia auf Trip gehen. Ein wahres Sammelsurium aller Helden der ersten Genration Rockmusiker, die das Business hervorbrachte. Und in Mitchells Verständnis wahrscheinlich Beglaubigung von Authentizität. Lokal- und Zeitkolorit. Aber reicht das?

Es ist ein immerwährendes Geheimnis der Literatur, warum es einigen Autoren gelingt, vergangene Zeiten auferstehen zu lassen, andere jedoch – trotz genauester Recherche, trotz all des Lokal- und Zeitkolorits – nicht über einen trockenen Papiertiger hinauskommen. Mitchell hängt irgendwo dazwischen. Man merkt seinem Text die Liebe zu dieser speziellen Ära der Rockmusik an, er lässt die mythischen Orte der Szene wieder auferstehen, vom UFO Club in London über das Chelsea Hotel in New York bis zum Fillmore West in San Francisco, er lässt all die oben genannten Stars auftreten – wobei, achtet man genau darauf, auffällt, daß es fast nur bereits Verstorbene sind, die hier in direkte Interaktion mit den fiktiven Figuren treten, alle Mitglieder der Rolling Stones, die noch leben, werden höchstens erwähnt, gleiches gilt bspw. für Eric Clapton oder die Kollegen von Syd Barrett bei Pink Floyd – und formt die Figuren, die Utopia Avenue bilden, nach realen Vorbildern. So wird in Jasper de Zoet schnell ein Wiedergänger von eben jenem Syd Barrett erkennbar, den Jasper hier auch während einer nächtlichen Party trifft und der ihm allerhand Weisheiten an die Hand gibt. Wie Barrett ist auch Jasper ein psychisch labiler junger Mann, der – sein Name verrät es – ein Nachkomme jenes Jacob de Zoet ist, den Mitchell in einem früheren Roman portraitierte. Elf ihrerseits ist der Bluessängerin Janis Joplin nachempfunden, mit der sie sich schwesterlich verbündet während einer Dachterrassenparty im berühmten Chelsea, während Leonard Cohen um die britische Musikerin herumscharwenzelt und erlesene Sottisen von sich gibt.

Doch gelingt es Mitchell nicht, diese Figuren mit Leben zu füllen. Gleich ob Cohen, Garcia, Joplin oder Bowie – sie alle wirken wie Blaupausen von Rockstars, sie alle reden mal mehr, mal weniger zynisch daher und geben sich lebensklug und abgeklärt. Es stellt sich die Frage, ob diese Leute wirklich so gewesen sind. Immerhin gab es damals keine Blaupause für Rockstars, sie alle entwarfen erstmals ein Image, welches danach von vielen gespiegelt, aufgegriffen und zum Klischee verflacht wurde. Doch wie dem auch sei – diese Stars, die hier auftreten, bleiben blutarm. Es reicht also nicht, einfach Namen zu nennen, gleich ob von Personen oder Orten, um den Leser wirklich in ein Milieu zu entführen, um ein Lebensgefühl zu erwecken oder so abzubilden, daß der Leser es zumindest glaubt. Das bspw. ist sowohl Rodrigo Fresán in KENSINGTON GARDENS (Dt. 2004) und auch dem Italiener Michele Mari in MR. PINK FLOYD (2010) weitaus besser gelungen; nicht zuletzt, weil beide Autoren ihre Geschichten mit etwas anderem, tiefgreifenderen zu verbinden wussten und dadurch Mehrwert erzielen konnten. Mitchell scheint einfach eine Rockmusikgeschichte erzählen zu wollen, eine Geschichte aus einer Zeit, die er nicht erlebt hat und die so vielleicht auch überhaupt nie stattgefunden hat. Weil – wer dabei war, kann sich ja angeblich nicht daran erinnern.

Hinzu kommt eine Fülle an zusätzlichen Charakteristika der Figuren, die den Roman dann überfrachten. Jaspers psychische Probleme, die sich – man mag das lesen, wie man will – als Besessenheit durch einen Dämon entpuppen; Elfs Homosexualität, die sie nach und nach entdeckt und zulässt; der Ruhm, der Dean zu Kopfe steigt und dazu führt, daß er einerseits Verantwortung übernehmen muß, weil er ein uneheliches Kind gezeugt hat, andererseits sein Verhältnis zum eigenen Vater, ein Despot und Schläger, überdenken lässt. Lediglich Schlagzeuger Griff scheint weiter keine tiefgreifenden Probleme zu haben, was ihn denn als Figur auch an den Rand des Geschehens drängt. Mitchells Stil – er erzählt auktorial, mäandert aber zwischen den Perspektiven der drei problembelasteten Band-Mitglieder – lässt es zu, daß wir uns mal mehr dem einen, mal der andern widmen, doch im Grunde erzählt er eine Reihe unabhängiger Geschichten, die auch ohne Rockstarruhm und US-Tournee erzählenswert wären, allerdings weniger aufregend. Hinzu kommen eine ganze Reihe von Schicksalsschlägen, die Angehörigen der Bandmitglieder widerfahren und die Story vorantreiben. So muß der Autor selten allzu sehr in die Tiefe einzelner Protagonisten hinabsteigen. Immer ist irgendeine Action, ein neuer Vorwand, eine weitere Prüfung zu bestehen.

Das liest sich gefällig, schnell und alles in allem auch unterhaltsam, kann aber nie über sich selbst hinausweisen. Daß in dieser Generation Musiker auch eine Tragik sich zeigte, daß – gerade in San Francisco und seiner Szene – auch eine ganz andere Entwicklung des Business möglich gewesen wäre, eine weniger kommerzielle, weniger poppigere, ehrlichere, das bleibt hier Makulatur, unerheblich, eine Randerscheinung. Mitchell grast die Orte, die Menschen und die Themen, die durch das übergreifende Thema vorgegeben werden, ab und scheint hier und da seine Häkchen zu setzen, eine Fleißarbeit.

Gut und schnell lesbar, kommt UTOPIA AVENUE aber nie über den Status eines gehobenen Unterhaltungswerks, reiner Belletristik, hinaus.

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