VERGIFTETE WAHRHEIT/DARK WATERS

Todd Haynes Investigativ-Thriller kann sich nie recht entscheiden, ob er Spannung oder Drama erzeugen will

Robert Bilott (Mark Ruffalo) ist soeben – wir schreiben das Jahr 1998 – in den Rang eines Partners in der Anwaltskanzlei in Cincinnati, Ohio, berufen worden, in welcher er seit Jahren arbeitet. Sein Vorgesetzter Tom Terp (Tim Robbins) hält große Stücke auf ihn. Er gibt ihm auch grünes Licht, als eines Tages der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) in der Kanzlei auftaucht und Bilott um dessen fachliche Hilfe bittet.

Tennants ist mit Bilotts Großmutter befreundet, die ihm auch den Tipp gegeben hatte, sich an ihren Enkel zu wenden. Dem Farmer sind etliche seiner Kühe verendet, er hat sie teils selbstständig obduziert und dabei u.a. enorme Mißbildungen und Vergrößerungen der inneren Organe festgestellt. Er ist der Meinung, daß die Vorkommnisse begonnen hätten, als das Chemieunternehmen Du Pont das Nachbargrundstück gekauft hat. Laut Tennant wäre das Wasser, das auch seine Tiere trinken, durch den Konzern vergiftet worden.

Bilott nimmt sich des Falles zunächst eher halbherzig an. Du Pont – die Kanzlei ist lose mit dem Konzern verbandelt, hat gelegentlich auch in dessen Auftrag gearbeitet – ist zwar der Meinung, die Vorkommnisse seien auf Tennants mangelnde Fähigkeiten als Farmer zurückzuführen, ist aber zunächst bereit, Bilott entgegen zu kommen. Allerdings sieht der sich nach kurzer Zeit mit einer enormen Fülle an Akten konfrontiert, die er zunächst durchschauen muß, um auf etwaige Unstimmigkeiten zu stoßen.

Schließlich findet Bilott heraus, daß das Unternehmen offenbar mit chemischen Verbindungen experimentiert hat, die unnatürlich sind und sich in den Körpern von Menschen und Tieren langfristig festsetzen und hoch krebserregend sind.

Es beginnt ein jahrelanger Kampf, bei dem Bilott zwar eine Entschädigungssumme für den mittlerweile schwer an Krebs erkrankten Wilbur Tennant erstreiten kann, selbst aber weiter gegen Du Pont vorgehen möchte, da er mittlerweile herausgefunden hat, daß bspw. das ebenfalls von dem Chemieriesen produzierte Teflon, welches bspw. als Beschichtung auf Pfannen zu finden ist, mit den Chemikalien durchsetzt ist – und Du Pont um die Gefahren weiß, die davon ausgehen. Bilott sieht einen gesellschaftlichen Schaden. Terp setzt in der Kanzlei auch gegen den Widerstand anderer Partner durch, daß Bilott den Prozeß gegen Du Pont weiterführen kann.

Es wird ein fast zwanzigjähriger Kampf, der Bilott bis vor den Umweltausschuß des Kongresses in Washington, D.C., führt. Er kann eine Strafzahlung gegen den Konzern durchsetzen, doch fällt die Strafe so gering aus, daß sie dem Konzern wenig schadet.

Privat leidet sein Familienleben unter seinem Einsatz. Obwohl seine Frau Sarah (Anne Hathaway) ihn immer unterstützt, spürt auch sie nach und nach die Entfremdung, die Bilotts Engagement zusehends in die Familie trägt. Zudem zeitigt sein Kampf auch Folgen in Parkersburg, West Virginia, wo Tennant lebt. Denn dort gehen etliche Jobs durch den Prozeß verloren. Dennoch schließen sich nach und nach Nachbarn der Tennants – Wilbur erliegt irgendwann seinem Krebsleiden – einer Sammelklage an, die Bilott einreicht.

Bilott erreicht, daß die Einwohner der Stadt unter ständige gesundheitliche Kontrolle gestellt werden und der Konzern etwaige Gesundheitsschäden finanziell ausgleicht. Er selber zahlt allerdings auch einen hohen Preis: Nicht nur, daß die Kanzlei ihm Jahr für Jahr ein niedrigeres Gehalt zahlt, da er im Grunde keinen Gewinn bringt, er erleidet schließlich auch einen Schlaganfall, der ihn stark beeinträchtigt.

Als Du Pont die zugesagten Zahlungen und Vereinbarungen einseitig aufkündigt, entschließt sich Bilott, jeden der tausende Fälle einzeln vor Gericht zu bringen. Er kann bei sechs schweren Krankheiten Zusammenhänge zu den Chemikalien nachweisen, die Du Pont regelmäßig verwendet. Nachdem er die ersten Fälle tatsächlich gewonnen und hohe Millionensummern erstritten hat, ist der Konzern bereit, eine einmalige sehr hohe Schadenssumme von über 671 Millionen Dollar zu zahlen.

Die betreffenden Chemikalien, die keiner Regulierung durch die amerikanische Umweltbehörde unterliegen, sind, so ein Inlet am Ende des Films, in nahezu 99% aller Lebewesen auf der Erde nachweisbar…Bilotts Kampf geht derweil weiter.

Der Einfachheit halber wollen wir sie einmal Investigativ-Thriller nennen – keine offizielle Bezeichnung! – jene Spielart des Polit-Thrillers, bei welcher mutige Journalisten oder auch Anwälte einen Skandal aufdecken und vor Gericht oder in die Zeitung, auf jeden Fall also an die Öffentlichkeit bringen. Der Klassiker in dieser Hinsicht ist Sidney Lumets ALL THE PRESIDENT´S MEN (1976), der die Geschichte um Bob Woodward und Carl Bernstein beschreibt, jene Journalisten der Washington Post, die einst den Watergate-Skandal aufdeckten. Einer der besten Vertreter dieses soeben erfundenen Sub-Genres dürfte Michael Manns THE INSIDER (1999) sein. Hier wiederum geht es um jenen Skandal, der in den 80er und 90er Jahren dazu führte, daß die Zigarettenindustrie zugeben musste, sehr wohl über die Gefahren des Zigarettenkonsums und vor allem das Suchtpotenzial, das im Rauchen steckt, Bescheid gewusst zu haben. ERIN BROKOVICH (2000) erweitert das Spektrum um die Privatperson, die durch beobachtete Auffälligkeiten zur (Umwelt-)Aktivistin wird.

Gemein ist diesen Filmen zumeist, daß sie auf den berühmten „wahren Begebenheiten“ beruhen, also von Menschen und ihre Geschichten erzählen, die real existier(t)en, die mutig und engagiert waren und es manchmal mit einer staatlichen oder ökonomischen Übermacht aufnahmen, was den Filmen erlaubt, zugleich Kritik zu üben und dennoch Individuen zu präsentieren, die sich wehren, damit also auch amerikanische Werte und indirekt die Demokratie verteidigen, bzw. diese feiern. Es sind Filme, die nicht der reinen Unterhaltung dienen, sondern ein Anliegen formulieren, Unrecht anprangern und zugleich doch immer auch etwas Erbauliches haben.

Todd Haynes lehnt sich in seinem eigenen Investigativ-Thriller DARK WATERS (2019) deutlich an Michael Manns Meisterwerk an, berichtet aber von einem ähnlichen Skandal wie Steven Soderbergh in ERIN BROKOVICH. Robert Billot, ein erfolgreicher Anwalt für Unternehmensrecht, dessen Kanzlei u.a. für den Chemieriesen Du Pont arbeitete, deckte im Laufe der 90er Jahre nach und nach einen furchtbaren Umweltskandal um heimlich entsorgte Chemikalien auf und erkämpfte bisher eine enorme Schadensersatzsumme für seine Klienten. Sein gerichtlicher Kampf geht noch immer weiter. Haynes nahm sich dieses Falles an und inszenierte in einem extrem realistischen Look die Geschichte eines etwas linkischen Mannes, der in seinem Berufsfeld sehr erfolgreich ist, persönlich aber Probleme mit Bindungen hat und sich voll und ganz seiner Aufgabe widmet, ohne dabei Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Familie zu nehmen. Es ist wichtig, diese persönlichen Merkmale zu erwähnen, da sie im Laufe der Film-Handlung immer wichtiger werden. Denn Haynes inszeniert eher keinen Investigativ-Thriller, sondern das persönliche Drama eines Mannes, der gegen viele, auch private, Widerstände seiner Mission folgt.

Mark Ruffalo, der den Film auch mitproduzierte, spielt diesen Robert Billot als einen zurückhaltenden, freundlichen Mann, der erst nach und nach bereit ist, sich auf den Fall einzulassen, glücklicherweise Unterstützung vom Chef der Kanzlei erhält, in welcher er eben erst in den Rang eines Partners aufgestiegen ist, und selbst erst nach und nach begreift, welch einen Skandal er da vor sich hat. Haynes fokussiert allerdings nicht einfach nur auf die Ermittlung und die sich daraus ergebenen Spannungsmomente, wobei es die im klassischen Sinne auch nicht gibt. Kein Geheiminformant wie der berüchtigte „Deep Throat“, der einst Woodward und Bernstein so wichtige Informationen zu den Vorgängen im Weißen Haus lieferte, auch gibt es keinen Whistleblower, wie es Jeffrey Wigand gewesen ist, der in THE INSIDER und der dahinterliegenden Story überhaupt erst alles in Bewegung setzte. Vielmehr besteht ein Teil des Skandals in DARK WATERS darin, daß Du Pont sich zunächst ganz leutselig gibt, offen zur Investigation beiträgt, Bilott eher mit einem Übermaß an Informationen eindeckt und hofft, dem Anwalt entgingen in der Fülle des Materials die wesentlichen Aspekte.

Nun ist aus der Sichtung von Hunderten von Akten und der Entdeckung gewisser chemischer Verbindungen nur schwer Spannung zu erzeugen. Haynes baut dann auch seinen Plot nicht auf Spannungsmomenten auf, ganz im Gegenteil. Vergleichsweise schnell hat Bilott im Film die entscheidenden Zusammenhänge entdeckt, sich bestätigen lassen und führt seine Klage vor Gericht, aber auch vor Untersuchungsausschüssen in Washington, D.C. Anstatt also auf wirklichen Thrill zu setzen, entwickelt Haynes ein Drama. Er zeigt die körperliche und seelische Zerrüttung, unter der Billot leidet, die Zerwürfnisse mit seiner Frau, die über dreizehn Jahre hinweg bereit ist, den Kampf ihres Mannes zu unterstützen und dabei in Kauf nimmt, daß der und die Familie sich immer stärker voneinander entfremden. Zudem setzt Haynes darauf, auch die sozialen Folgen zu zeigen, die der Kampf gegen Du Pont für den Hauptkläger, einen Farmer aus West Virginia, bedeutet, da dessen Klage auch zur Folge hat, daß in Parkersburg, wo die den Fall auslösende Umweltverschmutzung ihren Ausgang nahm, etliche Jobs verloren gehen. Und Haynes zeigt, daß der Kampf für einige – nach und nach werden es immer mehr Menschen, die sich einer Sammelklage anschließen, während Bilotts Ermittlungen immer weitere Kreise ziehen, da er nachweisen kann, daß letztlich das Teflon, welches massiv krebserregend ist, für etliche Erkrankungen verantwortlich war – schlicht zu spät kommt. Vom Krebs zerfressen, haben sie keine Chance mehr, die sich endlos, über Jahre hinziehenden Rechtsstreitigkeiten und Expertengutachten abzuwarten. Sie sterben.

So wird aus einem Investigativ-Thriller schleichend eine menschliche Tragödie. Anders als in den bereits erwähnten Filmen und ihren Hintergründen, gab es im Falle Bilotts keine direkte Bedrohung, aus welcher sich Spannungsmomente aufbauen ließen. Haynes verzichtet zwar ebenfalls nicht auf das scheinbar obligatorische Bedrohungsszenario in der Tiefgarage, das so viele Thriller dieser Spielart bieten, doch dient es hier eher dazu, Bilotts wachsende Paranoia zu dokumentieren, denn eine reale Bedrohung zu zeigen.

Auf dem Papier erscheint das wie eine runde Sache, ein gelungenes Drama. Das ist es an sich auch, allerdings schlingert der Film ein wenig, da er sich nicht wirklich entscheiden kann, was er sein will. So sehr er sich Mühe gibt, die sozialen und persönlichen Folgen dieses Dramas zu zeigen, auch die familiären Probleme der Bilotts, so bleibt er doch oft oberflächlich. Er reißt Vieles an, ohne es wirklich auszuspielen, er baut gewisse Spannungsbögen auf, die dann aber mehr oder weniger in sich zusammenfallen und selten dazu führen, den Zuschauer wirklich zu fesseln. Und spätestens wenn Robert Bilott zusammenbricht und im Krankenhaus landet, wo eine Art Schlaganfall diagnostiziert wird – wobei auch hier die Frage angerissen wird, ob dies Folge einer Vergiftung sein könnte, welche der Film dann aber nicht weiter verfolgt – wechselt der Film endgültig seinen Modus und präsentiert dem Zuschauer das persönliche Drama eines Mannes, der einen einsamen Kampf führt und zugleich unter Schuldgefühlen leidet, weil er seinen Klienten keine greifbaren Ergebnisse präsentieren kann.

So erfüllt DARK WATERS exakt jene Vorgabe, auf die oben hingewiesen wurde: Mit Du Pont gibt es einen ausreichend anonymen Konzern, übermächtig, der sich alles herausnimmt und glaubt, mit seinem Einfluß in Washington genügend Rückendeckung zu haben, um alle Klagen und Anwürfe an sich abschmettern zu lassen; mit Robert Bilott einen aufrechten Amerikaner, der den zunächst aussichtslosen Kampf aufnimmt und unter großem persönlichen Einsatz ausfechtet; mit dessen von Tim Robbins gespielten Chef einen ebenfalls an Recht und Gesetz und die Demokratie glaubenden Chef, der schließlich hinter dem Helden steht und ihm den Rücken freihält. Bill Pullman gibt einen umweltaktivistischen Anwalt vor Ort, der für den nötigen Slang sorgt, weil er sich vor Gericht als Mann des Volkes geben kann, der sich einer durchaus deftigen Sprache bedient.

Was Haynes allerdings vermeidet – und das ist das große Plus seines Films – ist jedwedes Pathos, alle Überhöhung der Figuren, die teils allerdings blass bleiben. Weder erfahren wir etwas über Tom Terp, jenen aufrechten Chef der Kanzlei, noch geht das Drehbuch wirklich in die Tiefe, was Bilotts Charakter betrifft. Lediglich in einer Szene im Krankenhaus, wo der Anwalt nach seinem Zusammenbruch landet, erklärt dessen Frau Sarah, von Anne Hathaway so vielschichtig angelegt, wie es die Rolle hergibt, daß Bilott als Kind mehrfach umgezogen ist, nie Freundschaften schließen konnte, weshalb die Firma für ihn so etwas wie eine Familie sei, ein Ort, der ihm Sicherheit gäbe. Die Szene korrespondiert mit einer früheren, in welcher Sarah ihrem Mann vorwirft, daß er nicht mehr mitbekommt, was sich in der Familie abspielt und kaum noch am Leben seiner Nächsten teilnehme. Bilott sitzt am Tisch und lässt die Vorwürfe über sich ergehen, entkräftet sie nicht und ist auch nicht bereit, Stellung zu beziehen. Es sind Szenen und Zusammenhänge wie diese, die die Grundstimmung des Films – eher leise und melancholisch, gar depressiv – bestimmen.

Woraus der Film einen gut´ Teil seiner unterschwelligen Spannung, seiner Dynamik, bezieht, ist der der Subtext, der den schleichende Prozeß der Entfremdung zwischen dem gehobenen Mittelstand und dem Land, an das er glaubt und welches ihm die Sicherheit gibt, in einem zivilisierten und rechtsstaatlichen Land zu leben, befeuert. Nachdem Bilott die Anerkennung der chemischen Verfahren und der Schädigungen erstritten hat, es auch Verfügungen gegeben hat, den Betroffenen Schadenersatz zu zahlen, zieht Du Pont irgendwann einfach alle getroffenen Zusagen zurück. Der verzweifelte Bilott erklärt Sarah, daß es in diesem Land niemanden gäbe, auf den Verlaß sei, daß immer nur sie, die einfachen Bürger, es seien, die wieder und wieder für das Recht stritten. Dies und jener Moment, in dem die entgeisterte Sarah die Ärztin fragt, ob ihr Mann womöglich vergiftet wurde, markieren diese Entfremdung zwischen dem Staat und jenen Bürgern, die man gemeinhin das „Rückgrat des Wohlstands“ nennt, überdeutlich. Hat man bis eben noch an Recht und Gesetz geglaubt, spürt man zusehends, wie diese Sicherheiten abhandenkommen und stattdessen ein umfassendes Mißtrauen um sich greift.

Dies ist das eigentliche Verdienst eines Films wie DARK WATERS – er erzählt davon, wie auch der rechtsgläubigste Bürger früher oder später beginnt, sein Land in Frage zu stellen und damit natürlich auch jener Entwicklung Vorschub leistet, der wir alle seit Jahren beiwohnen: Der Wut des einzelnen auf Staat und Gesellschaft und das wachsende Gefühl, sich in rechtsfreien Räumen zu bewegen, eine Willkür ausgeliefert zu sein, die man nicht versteht und der man sich jederzeit unterworfen sieht.

Am Ende dieser 128 Minuten Laufzeit bleibt der Eindruck eines stillen Dramas, im Mid-Tempo ohne besondere Spannungshöhepunkte inszeniert, das den Zuschauer mit dem Gefühl entlässt, daß es noch viel zu tun gibt, daß der Großindustrie die Grenzen immer wieder neu aufgezeigt werden müssen, daß es aber eben auch immer aufrechte Amerikaner gibt, die sich den Konzernen entgegenstellen und für Gerechtigkeit sorgen. Eine doppelbödige und auch doppeldeutige Botschaft, die den Zuschauer ein wenig ratlos, ein wenig enttäuscht zurücklässt.

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