VERZEICHNIS EINIGER VERLUSTE

Judith Schalansky spürt den Fragmenten unserer Kultur nach und findet und füllt Leerstellen

Wenn man je eine ästhetisierte Form, einen literarischen Versuch betrachten wollte, der die Vorliebe der Postmoderne, des Poststrukturalismus, für das Fragment, die Auslassung, die Leerstelle in eine Form jenseits der Abstraktion, jenseits der Theorie bringt, dann sollte man Judith Schalanskys VERZEICHNIS EINIGER VERLUSTE (2018) heranziehen.

In zwölf Kapiteln (wenn man so will), einer Vorbemerkung und einem wahrlich lesenswerten Vorwort spürt sie mal autobiographisch, mal forschend, mal als Archivarin und gelegentlich als Schriftstellerin, die die Fiktion nutzt, um der Wahrheit nachzuspüren, Verlusten nach, ganz wie es der Titel des Buchs sagt. Meist sind es Verluste des Wissens, wie bspw. den Werken der Dichterin Sappho, die gern als „Dichterin der lesbischen Liebe“ tituliert wird, von der wir tatsächlich aber kaum mehr als rudimentäre Fragmente erster Hand besitzen. Wodurch Sappho auch immer eine Interpretation der Zeit war, die sich mit ihr beschäftigte, sozusagen den Deutern „gehörte“. Es sind aber auch Gebäude, Bräuche, im Falle von Greta Garbo ist es die eigene Identität oder vielleicht: das Eigentliche (im wahrsten Sinne des Wortes), das der Frau hinter dem Image da verloren ging.

Das folgt keiner Handlung, die Autorin springt in Zeit und Raum, wendet sich mal der Antike zu und gleich darauf wieder der jüngeren Gegenwart, beschäftigt sich mit den Büchern Manis, dem Begründer des Manichäismus, oder denkt sich in die Möglichkeit eines anderen Ausgangs des Kampfes zwischen Löwe und Tiger im Circus Maximus zu Rom. Sprachlich probiert Schalansky dabei immer wieder vollkommen unterschiedliche Stile aus, mal überschwänglich, mal dezidiert akademisch, mal schreibt sie eine Kurzgeschichte, nutzt Dialog und Deskription, mal nähert sich ihr Schreiben bereits der Form des Manifests, wobei das Augenmerk hier oft auf der gleichgeschlechtlichen, dezidiert der lesbischen Liebe liegt. Schalansky selbst lebt offen lesbisch in Berlin.

Gemein ist all diesen Funden, Geschichten, Versuchen der Verlust, den sie darstellen, der sie gewissermaßen definiert. Oft sind es – noch einmal sei auf Sappho verwiesen – wenige Fragmente, die aber eine gewaltige Wirkmacht im Laufe der Jahrhunderte, ja Jahrtausende entwickelt haben. Und doch verharren sie letztlich im Mythos, um dessen Zwiespältigkeit Schalansky wahrscheinlich sehr genau weiß. Der Mythos, so sinniert die Autorin an einer Stelle des Buchs, sei letztlich die einzig mögliche „Wahrheit“, die Bestand habe. Denn alles Wissen, das wir anhäufen, ist immer nur vorläufiges Wissen, ist immer nur ein Zwischenstand, eine Häufung, die jederzeit verloren werden kann – ganze Bibliotheken, wie die Alexandrinische, gingen der Menschheit verloren, Archive, die einst von sich behaupten konnten, das gesamte Wissen der Menschheit zu speichern. Geblieben sind immer die Legenden, Sagen, der Mythos, der aus den Verlusten selbst erwachsen ist, den der Verlust immer begünstigt.

Das primäre Speichermedium des Wissens ist (noch) der Text, das Zeichen, das Symbol. Es wird in der Zukunft wahrscheinlich das digitale Zeichen sein. Unter diesen noch gültigen (analogen) Zeichen ist das von uns genutzte phonetische Alphabet eine der nützlichsten Methoden, da es eine unermessliche Menge an funktionalen Möglichkeiten bietet, Wissen zu speichern, zu nutzen und zu vermitteln. Und Judith Schalansky ist eine Schriftstellerin, auch wenn sie weit darüber hinaus auch eine Handwerkerin des Buches ist, stellt sie die von ihr verfassten Bücher doch auch gern selbst her. Doch die Sprache ist ihr Medium und so versucht sie sich in vielen verschiedenen sprachlichen Zusammenhängen, Stilen und Methodiken. Das kann den Leser durchaus enervieren. Manchmal ist die von ihr genutzte Sprache beflissen – der Wille zum Wissen, aber auch der Wille, dieses Wissen zu vermitteln, auszustellen, wenn man so will, ist diesem Schreiben sozusagen eingeschrieben. Gerade in den überaus genau recherchierten Abschnitten des Buches wird der Leser mit Details, aber auch einer manchmal fast affektierten Sprache, die sich am jeweiligen Objekt, dem Gegenstand der Recherche und der Sprache, die ihm und der Forschung dazu ausrichtet. Das wirkt nicht zwangsläufig überzeugend und strengt an beim Lesen. In anderen Abschnitten – u.a. auffällig in jener Selbstreflektion, die Schalansky Greta Garbo bei einem Fußweg durch Manhattan angedeihen lässt – wird das Wissen des Lesers mit einer Sprache konfrontiert, die dieses Wissen konterkariert. Die „Göttliche“, wie die Garbo gern genannt wurde, befleißigt sich da einer ausgesprochen ordinären Sprache, die ihrem Image maximal entgegensteht, es geradezu unterläuft.

Doch dann berichtet Schalansky uns von ihrem Versuch, dem Fluß Ryck von seiner Quelle bis in den Hafen von Greifswald fußläufig zu folgen. Der Leser ersäuft quasi in Adjektiven und weiß sich kaum vor den Adverbialgewittern zu retten. Und in eben jenem Moment, da man diesen Abschnitt für komplett gescheitert hält, begegnet einem der schwarze Rücken dieses Schreibens, sozusagen das Meta-Bewußtsein dieser Sprache. Kann es sein, daß hier eine Autorin das Scheitern in der Naturbeschreibung – wobei sie nicht die erste wäre, die an genau diesem Punkt scheitert – nicht nur in Kauf nimmt, sondern geradezu sucht, ja, es bewußt in Sprache gießt, dieses Scheitern? Denn in diesem Moment stehen wir dem gegenüber, was immer schon verloren ist und doch immer auch wird: Die Natur ist das, was sich der Sprache entzieht, da sie einfach ist. Sagen wir „Natur“, so sind wir bereits wieder in der Sprache angelangt, nur im Sprachsystem selbst ist „Natur“ erfassbar und kommunizierbar. Und genau dort beginnt der Moment des Versagens. Die Sprache beginnt, zu zerfließen. Die Anhäufungen von Adjektiven wirken hilflos, je mehr da angehäuft wird, desto weniger Zugriff scheint die Sprache – die Autorin – auf das zu Beschreibende zu haben. Und Schalansky markiert dieses Scheitern – als Mangel – nahezu perfekt. Dabei geht sie ein hohes, wenn auch kalkuliertes Risiko ein. Dieses Risiko, diese Risikobereitschaft, macht das Buch dann wirklich spannend und zu einer Lektüre, der zu folgen den Leser nicht nur fordert, sondern auch immer auffordert, die eigene sprachliche Position zu hinterfragen.

Dieses Buch endet auf dem Mond, wo ein Gelehrter der Aufklärung ein Archiv allen Wissens einzurichten sich bemüht. Und begreifen muß, daß nur im Scheitern Erkenntnis zu gewinnen ist. Der Mond, in sich schon mythisch – oder mythologisch – besetzt, ist eigentlich der folgerichtige Endpunkt dieses Werks. Hier laufen die Fluchtlinien zusammen, auf jenem kalten Gestirn, das mal als Planet und mal als Trabant betrachtet wurde, das wir, in unserer unendlichen Wissens- und Technologiegläubigkeit, in unserer Klassifizierungs-, Kadrierungs- und Mess-Wut längst eingeordnet, verstanden zu haben glauben und dessen dunkle (Rück)Seite wir doch nie gesehen haben. All unser Wissen – Michel Foucault konnte es uns in der ORDNUNG DER DINGE (erschienen 1966) in seiner ARCHÄOLOGIE DER HUMANWISSENSCHAFTEN (so der Untertitel) so unvergleichlich verständlich machen – ist unseren eigenen Weltanschauungen, unseren aktuell gültigen Perspektiven, den gerade gültigen Diskursregeln geschuldet. Wirklichkeit und Wahrheit – Instanzen, die wir so oft und gern beschwören – sind nichts weiter als Konstrukte.

Judith Schalansky konstruiert Wirklichkeiten, Möglichkeiten und vermeintliche Wahrheiten, die sie ununterbrochen unterläuft, in Frage stellt und – ja – dekonstruiert. Und dies erledigt sie mit und in der Sprache. In bester Tradition französischen Denkens der 60er, 70er und 80er Jahre. Und sie tut es mit viel, viel poetischem Sinn und dem Glauben an die Macht und die Brüchigkeit sprachlicher Zeichen und Aussagen. Das ist anstrengend, klug, sprachgewaltig, bildungsbeflissen, angeberisch, verhalten, demütig – und eben sehr, sehr anregend zu lesen.

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