WICHITA

Einer jener kleinen Western aus der B-Riege, die wie nebenbei die ganz großen Themen verhandeln

Wyatt Earp (Joel McCrea) trifft auf seinem Weg in die aufstrebende Stadt Wichita auf einen Viehtrieb. Der Rancher Wallace (Walter Sande) will in der Stadt seine Herde verkaufen, die Cowboys wollen endlich wieder feiern und ihr Geld unter die Leute bringen. Earp verbringt die Nacht am wärmenden Lagerfeuer der Männer.

Nachts versuchen zwei Cowboys, Earps Geld zu stehlen. Earp kann dies verhindern. Es kommt aber zu einer Schlägerei zwischen ihm und Gyp (Lloyd Bridges), die Earp für sich entscheidet.

In Wichita angekommen, lernt Earp schnell Bat Masterson (Keith Larsen) kennen, der für die lokale Zeitung arbeitet. Masterson entpuppt sich während eines Banküberfalls als mutiger junger Mann, der es Earp ermöglicht, die Banditen zu stellen und unschädlich zu machen. Der Bürgermeister Mr. Hope (Carl Benton Reid) und der Geschäftsmann Sam McCoy (Walter Coy) bitten Earp, den Posten des Marshals zu übernehmen. Der lehnt aber ab, er möchte sich als Geschäftsmann in der Stadt niederlassen.

Als die Cowboys schließlich in die Stadt kommen, geschieht, was der Chefredakteur der Zeitung, Arthur Whiteside (Wallace Ford), bereits befürchtet hatte: Es kommt zu Ausschreitungen durch die betrunkenen Männer, bei denen versehentlich ein Kind getötet wird. Earp schreitet ein und verhaftet die Männer. Nun hat er den ungeliebten Posten.

Am folgenden Morgen versucht Wallace, seine Leute zu befreien, woraufhin Earp auch ihn einsperrt. Nach der Gerichtsverhandlung, die lediglich Geldstrafen für die Randalierer bringt, verweist Earp die ganze Horde der Stadt. Er erlässt ein Waffenverbot und ernennt Bat Masterson zu seinem Hilfsmarshal.

Die Honoratioren der Stadt – namentlich der Bürgermeister, McCoy und der Saloonbesitzer Doc Black – setzen sich zusammen, weil sie befürchten, daß Earps Maßnahmen ihnen die gerade gefundene Kundschaft wieder vergrault. Earp lässt sich aber auf keinen Handel ein, er bleibt bei seiner Haltung.

Earp hat McCoys Tochter Laurie (Vera Miles) kennen gelernt und schnell merken beide, daß sie sich mögen. Bei einem Picknick kommen sie sich näher, doch mittlerweile ist McCoy derart aufgebracht gegen Earp, daß er seiner Tochter weiteren Umgang mit dem Marshal verbieten will.

Doc Black hat über Wallace zwei Scharfschützen angeheuert, die Earp niederschießen sollen. Die beiden machen  sich im Saloon breit, ohne ihre Waffen abzugeben. Als Earp auftaucht, um sie zu stellen, entpuppen sie sich als seine Brüder Morgan (Peter Graves) und Jim (John Smith). Earp hatte sie zu seiner Unterstützung angefordert. Gemeinsam verweisen sie Black der Stadt.

Black reitet zu Wallace und will sich mit Gyp und einigen anderen zusammentun, die es auf Earp abgesehen haben, da der sie erneut aus der Stadt geschmissen hat, nachdem sie sein Waffenverbot ignoriert hatten. Gemeinsam reiten Black, der Cowboy Al (Jack Elam) und ein weiterer Mann nach Wichita.

Währendessen findet bei McCoy ein ernuetes Treffen statt, bei dem Earp sich wiederum den Anweisungen, die McCoy meint, ihm geben zu dürfen,  widersetzt. Er lässt McCoy wissen, daß der auch nur einer unter Gleichen vor dem Gesetz ist und nichts zu befehlen habe, nur weil er vermögend sei. Auch der Bürgermeister schlägt sich auf Earps Seite und erinnert seinen Freund McCoy daran, daß eine zivilisierte Stadt nur im Einklang mit Recht und Gesetz existieren könne.

Als Earp McCoys Haus verlassen will, wird auf ihn geschossen. Die Kugeln durchschlagen auch die Eingangstür und töten Mrs. McCoy (Mae Clarke).

Earp, seine Brüder und Bat Masterson nehmen die Verfolgung auf. Es kommt zu einer Schießerei in der Steppe, die nur Doc Black überlebt. Der reitet zurück zu Wallace und dessen Männern und behauptet, Earp und seine Leute hätten sie einfach über den Haufen geschossen, als sie sich hätten ergeben wollen.

Wallace und seine Leute reiten in die Stadt, um Earp zu stellen. McCoy lässt Wallace wissen, daß seine Frau von Black und den andern getötet wurde, woraufhin die Meute abzieht. Nur Gyp will seinen Bruder rächen, der bei dem Überfall auf McCoys Haus bei Black war. Earp sagt Gyp, daß es ihm  leid täte, ihn töten zu müssen. Dann tötet er ihn beim anschließenden Duell. Black versucht, aus einem Fesnter auf Earp zu schießen, McCoy erwischt seinen alten Freund aber. Auch dieser stirbt. McCoy bittet Earp darum, die Streitereien zu vergessen, was dieser sofort annimmt.

Wyatt Earp und Laurie heiraten und ziehen dann nach Dodge City, wo Earp einen neuen Posten als Marshal angenommen hat.

WICHITA (1955) ist – der Name sagt es schon – ein typischer Stadtwestern. Das Land ist erobert, besiegt, unterworfen und mit ihm die Ureinwohner. Der Western wendet sich anderen Themen zu: Recht und Gesetz müssen durchgesetzt werden, mit anderen Worten: Die Zivilisation hält Einzug. Die Städte sind zu befrieden, die Outlaws und die wilden Jungs müssen eingehegt werden. Der klassische Western der mittleren Periode widmet sich der Demokratisierung und lässt leise Kapitalismuskritik anklingen. Mal mehr, mal weniger. Jacques Tourneur tut es etwas mehr in seinem Film.

Folgt man Joe Hembus´ WESTERN-LEXIKON, gab Tourneur an, es gebe zwei Kategorien von Western: Die großen, edlen, die sich Zeit ließen, Figuren und Situationen entwickelten, und die billigen, kleinen Filme, schnell heruntergedreht, die mit „Marionetten“ und Versatzstücken arbeiteten. WICHITA, so sein Resümee, sei ein Zwischending, vergleichsweise schnell gedreht, aber dennoch in der Lage, Figuren und Situationen zu bieten, die tieferen Sinn ergeben. Es sind allerdings oft die sogenannten kleinen Western gewesen, die innovativ Themen und Komplexe abhandelten, die in den großen Starproduktionen eher gediegen behandelt werden mussten. Vielleicht gelingt es WICHITA deshalb so außerordentlich gut, mit Stereotypen zu arbeiten und gerade dadurch seine Anliegen greifbar zu machen und zu veranschaulichen.

Joel McCrea, während der Dreharbeiten in seinem 50. Lebensjahr und sichtlich nicht mehr der schöne Mann, der er einst war, sondern mittlerweile doch vom Leben (und etlichen Whiskeys) gezeichnet, gibt überzeugend einen edlen Kerl, der Ungerechtigkeit und Verbrechen verabscheut und sich beidem unerschrocken entgegenstellt, wenn sie ihm begegnen. Und das tun sie nach seiner Aussage im Film andauernd. Er ist Wyatt Earp, bevor der in Dodge City und schließlich in Tombstone zu einer Berühmtheit und einer Legende des Westens wurde. Doch spielt das im Grunde für den Film keine Rolle. Der Name Wyatt Earp ist hier eher ein Synonym für einen unbestechlichen, ehrlichen Mann, zu dem Hollywood, vor allem John Ford in MY DARLING CLEMENTINE (1946) ihn gemacht hatten. Diesen Unerschrockenen braucht es, um das Wichita, das der Film vorstellt, zu befrieden. Denn hier hat es der Marshall nicht nur mit einer Horde Cowboys zu tun, die sich nicht benehmen, sondern auch mit den Honoratioren der Stadt, die ihn erst unbedingt als Gesetzeshüter haben wollen, um ihn dann nicht schnell genug wieder loswerden zu können, als sie merken, daß seine Maßnahmen ihre Geschäfte stören.

Vieles an WICHITA ist unüblich und mutet dennoch klassisch an. Der Film verzichtet fast vollständig auf echte Outlaws, also Verbrechertypen, sondern stellt – wahrscheinlich gar nicht so unrealistisch – dar, was geschah, wenn eine Horde Männer, die monatelang Vieh getrieben haben, in eine Stadt einfällt und sich dort benehmen wie die Vandalen. Es wird gesoffen, es wird gehurt, was der Film seiner Zeit geschuldet natürlich nur andeutet, wobei eine Kutsche, die Earp auf dem Weg in die Stadt, vollgestopft ist mit deutlich als „leichte Mädchen“ auszumachenden Damen, die ein Schild mit sich führen, das verheißt: Everything goes in Wichita, es wird sich geschlagen und schließlich wild um sich geschossen, was einen kleinen Jungen das Leben kostet, als ein Querschläger ihn trifft. Der Umgang mit diesem Tod ist ebenfalls unüblich, denn nachdem er einmal erwähnt wurde, scheint man in der Stadt allgemein der Meinung zu sein, daß Kollateralschäden wohl in Kauf zu nehmen seien. Earp erlässt ein Waffenverbot innerhalb der Stadtgrenzen, womit der ganze Spaß natürlich verdorben ist und die hohen Herren – gemeinhin diejenigen, die das Vieh kaufen, die Saloons betreiben und die Bahnlinie besitzen, also die Vertreter des Kapitals – befürchten, daß sich die Cowboys nun andere Gegenden suchen, wo sie ihre Triebe frei ausleben können. Tödlich für eine sich gerade im wirtschaftlichen Aufschwung befindliche Ansiedlung.

WICHITA entwickelt damit ein klassisches Dilemma. Anhand einfachster Situationen gelingt es ihm, den Aufbau einer Zivilgesellschaft zu dokumentieren und gleich deren Widersprüchlichkeit mit zu erklären. Earp bleibt seiner Linie treu, setzt seine Maßnahmen durch und obsiegt natürlich. Damit verleiht er Recht und Gesetz Geltung, doch braucht es den tragischen Tod einer einfachen aber gottesfürchtigen Hausfrau, zugleich Gattin des örtlichen Eisenbahnbetreibers und somit eines jener Herren, die den Marshall eigentlich gern wieder loswürden, um auch denn letzten zu überzeugen, daß eine zivilisierte Gesellschaft sich nur mit der Durchsetzung des Rechts etablieren kann. Ganz nebenbei – tatsächlich in zwei Nebensätzen, die an unterschiedlichen Stellen des Films fallen – verdeutlichen Tourneurs Regie und Daniel B. Ullmans Buch, das auf dessen eigener Romanvorlage beruhte, daß das Recht, wie Amerika es versteht, nur in einem demokratischen Rahmen zu haben ist. Sowohl Earp als auch der Bürgermeister weisen ihre Widersacher darauf hin, daß man nicht Herr der Stadt ist, weil man das meiste Kapital angehäuft hat, sondern Entscheidungen darüber, wer welches Amt auszuüben habe immer noch in Wahlen entschieden würden. Vor dem Gesetz, so Earps entschiedenes Credo, seien alle gleich. Das beweist er dann auch, als er den Saloonbesitzer Black der Stadt verweist, obwohl der einer der Geldsäcke dort ist. Dieser Dreh macht WICHITA umso interessanter in einem Umfeld, daß sich Mitte der 50er Jahre noch einmal einer Kommunistenhatz mit kryptofaschistischen Zügen ausgesetzt sah.

WICHITA ist ein gelungenes Beispiel für eben jene scheinbar eher kleinen Western, die eine einfache Geschichte erzählen, dafür das klassische Personal bemühen und dennoch, fast unter der Hand – mal mehr, mal weniger – erstaunliche Positionen beziehen. Es ist auch ein Beispiel dafür, daß der Western mitnichten das konservativ-reaktionäre Genre war, als das er gern betrachtet wird. Darüber hinaus ist es aber auch einfach ein wunderschöner Beitrag zum Genre, weil Tourneur, der zwar vor allem im Film Noir und natürlich dem Horrorfilmgenre reüssiert hat, aber auch für eine Handvoll Western verantwortlich zeichnet, genau versteht, was es braucht, um seine Figuren und die Story mit Leben zu erfüllen. Er und Kameramann  Harold Lipstein nutzen die wenigen Szenen, die im freien Land spielen, um klassisches Western-Feeling aufkommen zu lassen – sei es, wenn Earp und seine Angebetete unter einem Baum picknicken und damit das amerikanische Idyll par excellence heraufbeschworen wird, sei es, wenn Earp und seine Brüder in einem wilden Ritt ihre Widersacher verfolgen und schließlich in einer Schießerei stellen und ausschalten. Timing und Tempo des Films, der gerade einmal 81 Minuten Laufzeit aufweist, sind nahezu perfekt, Tourneur versteht es brillant, die Balance zwischen Action, die nicht zu kurz kommt, und ruhigeren, dialoglastigeren Passagen zu halten. Dabei bleibt die Spannung ununterbrochen hoch, da nahezu in jeder Szene etwas geschieht, das die Handlung vorantreibt und zu Wendungen führen kann, die den Helden bedrohen. So wird WICHITA auch zu einem Exempel ökonomischen Erzählens.

Unter jenen Western, die nicht in der A-Liga spielten, die mit geringem Budget und wenigen Drehtagen auskommen mussten (hier:25), ist WICHITA ein Kleinod, das es nahezu perfekt versteht, eine geradlinige Geschichte zu erzählen und dabei die ganz großen Themen von der Befriedung des Landes anzureißen. Und es ist ein Ausweis der Klasse seines Regisseurs, der unter den Filmemachern Hollywoods oft vergessen wird und dennoch exemplarisch dafür steht, daß es auch im Studio-System sehr wohl möglich war, eine eigene Handschrift, eine Signatur zu entwickeln.

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