AUF DER KUGEL STAND KEIN NAME/NO NAME ON THE BULLET

Ein Kleinod des B-Westerns

Ein Mann (Audie Murphy) kommt nach Lordsburg geritten; sobald man seinen Namen – John Gant – weiß, wird die halbe Stadt unruhig, ist der Mann doch ein berühmter Auftragsmörder, der seine Opfer solange zu provozieren pflegt, bis die zuerst ziehen, woraufhin er sie töten „darf“.

Einige der Honoratioren der Stadt meinen, sie könnten das Ziel eines Anschlags sein, wodurch zusehends Mißtrauen, Verdacht und Panik entstehen und einige Bürger sogar anfangen, sich gegenseitig zu bekriegen. Lediglich der Arzt der Stadt, Luke Canfield (Charles Drake), begegnet dem Fremden vorurteilsfrei. Doch der Selbstmord des Bankdirektors läßt auch ihn und seinen ihn unterstützenden Vater zu der Überzeugung kommen, daß Gants Anwesenheit den Frieden der Stadt zerstört.

Nachdem der sogar den Ansturm eines Mobs bewältigt hat, wendet er sich nach reiflicher Überlegung seinem Opfer zu. Es ist der Richter Benson (Edgar Stehli), Vater von Lukes Verlobter Anne (Joan Evans). Der ist bereit, sich zu opfern, da die Tuberkulose ihn eh dem Ende entgegentreibt, will sich aber eben nicht provozieren lassen und Gant somit zu einem Mord zwingen. So muß Gant zu den schlimmsten Mitteln greifen, damit sein Opfer doch zum Angreifer wird. Schließlich stellen Luke und sein Vater den Mörder und Luke gelingt es, den so schwer am Schußarm zu verletzen, daß dessen Profession ernsthaft in Gefahr ist. Gant reitet davon.

„Trotz Audie Murphy ziemlich spannend“ bemerkt Joe Hembus‘ WESTERNLEXIKON zu diesem kleinen B-Western von 1958. Damit bringt er – etwas despektierlich gegenüber einem Film, der zumindest psychologisch mehr zu bieten hat, als reine Spannung – auf den Punkt, was man über Audie Murphy als Schauspieler sagen kann. Der hochdekorierteste amerikanische Soldat des Zweiten Weltkriegs hatte – zwangsläufig? – den Weg ins Showbusiness gesucht und war in Hollywood gelandet, wo er Western, Abenteuer- und Kriegsfilmen drehte, die meist der B-Liga entstammten. Dennoch sprangen dabei eine ganze Reihe echter Kleinode diverser Genres heraus, was sicherlich eher der Kunst seiner Regisseure zu verdanken war, denn Murphys deutlich reduziertem darstellerischen Vermögen. Einer dieser Regisseure war Jack Arnold, der gemeinhin für seine Science-Fiction- und Horrorfilme der 50er wie TARANTULA (1955) berühmt wurde, der aber auch für eine ganze Reihe billiger Westernproduktionen bei Universal Pictures verantwortlich zeichnete.

NO NAME ON THE BULLET  erzählt auf erfrischende Weise eine im Grunde klitzekleine Geschichte. Es bündelt sich alles in dem Satz „Viele träumen davon, John Gant zu erschießen, es bedurfte eines Arztes, daß es ihnen auch gelingt!“. So lauten die letzten, bitteren Worte des Films, die Gant dem Mann entgegen schleudert, der vielleicht, unter anderen Umständen, sein Freund hätte werden können. Früher im Film sagt er, ruhig, daß es enden müsse, alles. Auch dieses Leben als Tötungsmaschine. John Gant ist eine faszinierende Erscheinung in einem Western. Er hat wenige Zeilen und wenn er spricht, tut er dies langsam, bedächtig, meist mit einem Lächeln auf den Lippen. Was er sagt ist immer wahr, zeugt aber in Ton und Stil von einem tiefen Zynismus, fast schon einer Verachtung für das Leben selbst. Darin entspricht er eher den eiskalten, brutalen und zynischen Killern des Film Noir, als den meist heißblütigen Raubeinen aus dem Westen. Doch spricht er eben selten. Einem Buddha gleich thront er im Saloon oder auf dessen Veranda und betrachtet das Treiben der Stadt: Wie der eine sich selber erschießt, weil er Gant für sein Schicksal hält, die anderen anfangen, sich gegenseitig zu verdächtigen und zu bekämpfen, weil sie der Meinung sind, mit seinem Auftauchen endlich reinen Tisch untereinander machen zu können, oder machen zu müssen. Einige Herren in Lordsburg fühlen sich offenbar ertappt, scheinen sie doch genügend dunkle Flecken auf ihren Westen zu haben. Es ist Gants reine Anwesenheit, die ausreicht, um einen Prozess in Gang zu setzen, an dessen Ende sich die übelsten gesellschaftlichen Auswüchse dieses Grenzkaffs von selbst erledigt haben. Gant ist Medium und Projektionsfläche in einem. Er holt in einigen Menschen die tief verborgenen Erinnerungen an ihre schlimmsten Seiten hervor. Und einem Todesengel gleich, ganz in schwarz gekleidet, entrückt lächelnd, führt er die Auserwählten in sein Reich.

Mit wenigen Mitteln maximale Wirkung erzielen – das nennt man Effektivität. Und genau das beweist dieser Film in gerade einmal 74 Minuten Laufzeit sowohl inhaltlich als auch formal. Audie Murphy, der trotz einer beeindruckend langen Liste von Filmen nie wirklich mit der Kamera zurecht zu kommen schien, hat hier wenig zu tun. Zweimal nur muß er seinen Colt nutzen, beide Male, um Menschen, die ihm sympathisch sind, davon abzuhalten, ihn WIRKLICH herauszufordern. Niemand in diesem Film, auch sein Opfer nicht, kommt durch seine Hand zu Tode. Wahrscheinlich hatten nur wenige Hauptdarsteller in einem Western derart wenig Aktion, wie der dieses Films. Jack Arnold inszeniert das meisterhaft. Die Idee des Drehbuchs, den Mörder einfach zuschauen zu lassen, wie sein Ruf seine Arbeit erledigt, ist nahezu genial. Und weil also kaum etwas passiert, gibt es jede Menge Zeit, über das Für und Wider rechtmäßiger Prozesse zu debattieren, darüber zu streiten, was Menschen ehrlich macht und ob der Tod eines einzelnen in Kauf genommen werden darf, um die Gemeinschaft zu retten. Da verhandelt dieser kleine Film mal eben nonchalant die ganz großen Themen seines Genres. Denn darum geht es doch grundsätzlich im Western: Das Zurückdrängen der Wildnis durch die Zivilisation, die Domestizierung des Landes und jener Männer, die für die Freiheit ebenso stehen, wie sie für die Gewalt und das Recht des Stärkeren stehen. Und in Charles Drake/Dr. Luke Canfield hat die Zivilisation sicher nicht den schlechtesten ihrer Vertreter gefunden. Dafür allerdings einen ihrer langweiligeren.

So entspringt seiner Stärke auch die größte Schwäche dieses Films: Gemessen an Gants Schweigsamkeit, kommt Canfield geradezu geschwätzig daher. So klug, vernünftig und aufgeklärt erwachsen seine Ansichten auch sind, so sehr man es natürlich zu schätzen weiß, daß er, auch im besten christlichen Sinne, ein jedes Leben als unendlich wertvoll erachtet und immer wieder auf seinen Eid, als Arzt Leben zu erhalten, verweist, so langweilig und spießbürgerlich wirkt dieser Mann, der zwar weder Sheriff noch Bürgermeister des Örtchens ist, aber auftritt, als sei er der Patriarch. Arnold unterläuft diese zunächst beeindruckende, mit fortlaufender Handlung zunehmend ob ihrer dauernden moralischen Überlegenheit nervende Haltung des guten Doktors auch, indem er Gant nicht nur als offenbar klugen Menschen mit Hang zum Existenzialismus auftreten, sondern in seiner Beherrschtheit, seinen Prinzipien (‚Nie zuerst schießen‘) und Überzeugungen auch selbst wie eine Ordnungsmacht erscheinen lässt. Das wird dadurch unterstützt, daß wir schließlich erfahren, daß es sogar Inhaber höchster Staatsämter waren, die Gant beauftragt haben. Aus dieser Perspektive erhält der Film sogar etwas wirklich Verstörendes. Bei Lukes Intelligenz fällt zudem auf, daß ihm etwas wesentliches, das der Film (und also auch Gant) nicht ausspielt, eben NICHT auffällt: Nämlich, daß Gant überhaupt niemandem etwas tut. Dieser Mann wird im Gegenteil erst einmal grundlos angefeindet. Seine Anwesenheit reicht, um ihn der Stadt verweisen zu lassen. Dies wiederum stellt der von Luke so vehement verteidigten Zivilisation und ihrer Rechtsstaatlichkeit kein all zu gutes Zeugnis aus. Und auch der treibende Motor aller zivilisatorischen Prozesse im Western – der Kapitalismus – wird hier einmal mehr (wie allerdings im Western häufiger) angegriffen und als verwerflich, weil den Menschen in seiner Habgier ködernd, hingestellt. Durchaus ist hier also leises Unbehagen an der Zivilisation nach Lesart des Westerns herauszulesen.

NO NAME ON THE BULLET ist in Vielem ein geradezu antithetischer Western, der – seiner Zeit entsprechend – die Psychologie nicht nur nutzt, um seine Figuren zu erklären, sondern gleich auch, um die Handlung voranzutreiben. Er macht vieles anders, überraschend, der herkömmlichen Westernlogik geradezu entgegengesetzt und funktioniert dabei erstaunlich gut. Unter Jack Arnolds Western sicherlich einer der besseren, ist dies ein gutes Beispiel dafür, wie es oft die vermeintlich kleinen, übersehenen Produktionen sind, die die tieferen Wahrheiten eines Genres und seiner Möglichkeiten herausarbeiten und nutzen.

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