WIE DIE WILDEN TIERE/VENGEANCES

Auch ein Lieblingsautor kann sich mal verhauen: Philippe Djian schmiert ab...

Es gibt diese Handvoll Autoren, die einen seit Jahrzehnten begleiten, denen man die Treue hält, egal, was sie versuchen und ausprobieren. Man bemüht sich, auch Schwächephasen zu erklären, verbiegt sich, um Minderwertigem doch noch intellektuellen Status zu verleihen und drückt die Augen so fest zu, daß von Lesen eigentlich keine Rede mehr sein kann. Es schmerzt dann umso mehr, wenn einer dieser Autoren dann wirklich abschmiert und sein Niveau vollends zu verlieren scheint. Das ist bei diesem Werk geschehen. Und es tut wahrlich weh, das hier hinschreiben zu müssen.

Daß Djian wenig bis keine stringente Geschichte erzählt, ihm alles Form und Stil ist, ist ja hinlänglich bekannt, ebenso, daß seine Protagonisten gnadenlose Egoisten sind, denen meist alles etwas zu überlebensgroß gerät – ihre Emotionen, die daraus folgenden Handlungen und auch ihre Sätze, häufig genug; daß man es bei diesem Autoren mit einem Romantiker par excellence zu tun hat, der bereit ist, inhaltlich den ganzen Weg zu gehen, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne auf sich oder seine Leser sonderlich Rücksicht zu nehmen – das macht einen beträchtlichen Teil seines „Sound“ aus. Es definiert eben den Djian-Stil.

Daß das nicht immer klappen kann, ist auch klar. Ein, zwei Mal in der Vergangenheit haute es bereits nicht so wirklich hin und versank in Klischees – MATADOR wäre ein Beispiel dafür. Daß das Ganze aber wirklich mal an einen Punkt kommt, wo den Leser das Gefühl beschleicht, es mit einem strukturellen Problem zu tun zu haben, hätte man eher nicht gedacht, trotz aller Kritikwürdigkeit des Werkes.

Hier haben wir es einmal nicht – wie sonst immer in den letzten 20 Jahren – mit einem Schriftsteller in der Schaffenskrise oder einer Midlife Crisis zu tun, sondern mit einem bildenden Künstler – Marc – der Zeuge werden musste, wie sein 16jähriger Sohn Alex Selbstmord beging. Seitdem schwerst aus der Spur, verliert er sich in Alkohol- und Drogenräuschen, seine Frau Elisabeth hat ihn bereits verlassen, seine besten Freunde Michel und Anne – Marcs frühere Geliebte – geben sich alle Mühe, ihn über Wasser zu halten. Eines Morgens, auf dem Rückweg von einer Party, greift er die junge Gloria auf, die vollkommen betrunken und bewußtlos in der Metro liegt. Er nimmt sie mit zu sich nach hause. In seiner Abwesenheit am kommenden Tag verwüstet sie sein Heim und verschwindet, er findet sie jedoch wieder und bietet ihr an, wirklich bei ihm einzuziehen. Gloria war Alex‘ Freundin. Langsam breitet sie die Wahrheit über Alex und dessen Leben vor Marc aus, der erkennen muß, daß er seinen Sohn keineswegs kannte. Und mit zunehmender Dauer, die Gloria in Marcs Haus verbringt, nehmen nicht nur entferntere Bekannte, sondern auch Anne und Michel Anstoß an dem Verhältnis. Zudem entsteht bei beiden zunehmend der Verdacht, daß Gloria es auf Marc abgesehen hat – allerdings in keinem guten Sinne des Wortes…

Philippe Djians ureigene stilistische Kunst bestand auch immer darin, uns das extremste Geschehen in einem Rahmen größter Alltäglichkeit zu präsentieren. Das war immer prägend bei ihm, wurde aber in den letzten Werken ausgearbeitet: Das Auslassen der Katastrophen, ein sprachliches Fade-out, um nach einer Schwarzblende wieder einzusteigen, meist Tage oder Wochen, nachdem das für die Handlung einschneidende Ereignis  geschehen ist. Und dann wird dieses eben in einem Nebensatz erwähnt. Hier ist das alles beherrschende Ereignis schon Monate vor Einsetzen der Handlung passiert und doch ist es zentral für den gesamten Roman: Der Freitod von Alex. Wie Marc lernen muß zu verstehen, daß sein Sohn ein anderer war, als er in ihm sah, das nimmt nach und nach die Form eines Passionsweges an. Und treibt die Überlebenden in immer extremere Situationen, immer extremere emotionale Zustände, die für alle immer gefährlicher werden.

Seit mindestens zehn Jahren drehen sich Djians Geschichten immer häufiger um Probleme zwischen der Elterngeneration – also seiner, mittlerweile – und deren Kindern. Wo er einer idealistischen Generation entstammt, die meinte, die Welt verändern, wenn nicht gar aus den Angeln heben zu können, sind deren Kinder Zyniker, bestenfalls Pragmatiker, denen schon in frühen Jahren sämtlicher Idealismus ausgetrieben wurde von einer Gesellschaft im Überfluß. Zugleich sind diese Kinder ihren Eltern – den einstigen „Kindern von Marx und Coca-Cola“ (Jean-Luc Godard) – ähnlicher als alle Beteiligten das wahrhaben wollen. Sie nehmen dieselben Drogen, sie haben ebensolchen rastlosen Sex und wechselnde Sexualpartner wie ihre Eltern und mit zunehmender Lektüre weiß man meist sowieso nicht mehr, wer Eltern, wer Kinder sind.

Und wenn man das so liest, und wenn man das dann so – wie hier – niederschreibt, fällt einem auf, daß man genau das auch über mindestens 6 andere Bücher von Djian hätte sagen können. Nur hätte man wahrscheinlich in 5 Fällen davon immer noch ein gewisses Extra, ein Etwas, das man hinzufügen könnte, das den Roman für sich stehen ließe. Hier hat man es nur mit einer Variante des irgendwie Immergleichen zu tun. Egal, ob man über das Personal, die Geschehnisse oder auch nur die Selbstbefragung des Hauptprotagonisten nachdenkt, dies alles hat es im Djiankosmos so irgendwie schon gegeben. Und dem Meister fällt diesmal nicht wirklich Neues dazu ein. Diesmal ist eins der Kinder dieser Egomanen durch die eigene Hand gestorben – und es mutet an, als wolle der Autor nur einen weiteren Blickwinkel in einem immer gleichbleibenden Drama einnehmen. Eine Variation eben.

Und weil er das wohl selber gemerkt hat, setzt er nun also einzelne Absätze voneinander ab und wechselt in einem nicht wirklich nachvollziehbaren Rhythmus von der Ichperspektive in die eines auktorialen/personalen Erzählers. Das gibt dem Autor Möglichkeiten, eine der Figuren genauer in ihrem Innenleben zu porträtieren und dennoch die Wahrnehmung seiner Umwelt „objektiv“ darzustellen. Klingt gut. Nur leider macht er es nicht. Er wechselt die Perspektive. Mehr eben auch nicht. Der Leser hat keinen Zugewinn, selten erweitert sich durch den Perspektivwechsel das Blickfeld auf die Geschichte. Die unzugängliche Gloria bleibt eben – unzugänglich. Man versteht diese Figur nicht wirklich, ihre Motivation. Ein Geheimnis. Aber das scheint sie auch für den Autor geblieben zu sein.

Diesmal geht das Ganze nicht auf, was schade ist, denn an und für sich wäre es spannend gewesen, einem Typen wie Marc in eine solche existenzielle Krise zu folgen – wenn dieser Marc ein echter Verwandter von Zorg, dem Anti-Helden aus BETTY BLUE, gewesen wäre. Er ist aber höchstens ein Abziehbild.

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