ZEIDEN, IM JANUAR

Ein schmerzhafter Blick zurück

Die Siebenbürger Sachsen siedelten ab dem 12. Jahrhundert im heutigen Rumänien, wo sie einen bis heute gültigen Dialekt sprechen, der dem Mittelhochdeutschen zumindest noch recht nah verwandt ist. Ohne je Anschluß an Reichsdeutsches Gebiet gehabt zu haben, blieben sie eine relativ homogene Gruppe, die wenig Vermischung mit der rumänischen oder auch ungarischen Bevölkerung (während der Habsburgermonarchie war das Siedlungsgebiet der Sachsen, die ursprünglich größtenteils aus dem Raum Köln/Bonn/Trier stammte, der K.u.K-Monarchie angegliedert) erfuhr. Für Sprachwissenschaftler vor allem wegen des erwähnen Dialekts interessant, bilden die Siebenbürger Sachsen doch eine Sprachinsel, die uns einen direkten Blick auf die deutsche Sprache des Hoch- und Spätmittelalters bietet, kam dieses Völkchen hier erst mit Herta Müllers Nobelpreisgewinn im Jahre 2009 wieder einer breiteren Masse ins Bewußtsein, obwohl die Schriftstellerin selbst nicht aus Siebenbürgen, sondern dem Banat stammt.

 

Wenn man selber private, familiäre oder freundschaftliche Verbindungen zu Abkommen der Sachsen hat, weiß man um die inneren Kämpfe – die sich oft sogar durch Familien ziehen – um die Deutungshoheit der eigenen Geschichte. Ursprünglich wohl nach Siebenbürgen geholt, um nahezu menschenleere Landstriche zu bevölkern, auch um sie nicht wehrlos den herandrängenden Osmanen zu überlassen, aber auch, weil die Sachsen ausschließlich Handwerker und Bauern waren, also auch ein gewisses Können und fachliche, modernere Methoden mitbrachten, changierte die innere Haltung lange zwischen dem Gefühl, einer feindlichen Umgebung ausgesetzt zu sein, die einem nicht wohlgesonnen war, und der inneren Überzeugung, den Einheimischen überlegen zu sein. Kompliziert wird dieses Gemisch natürlich in dem Moment, in dem man sich plötzlich einer „Herrenrasse“ zugehörig fühlt, was spätestens mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges der Fall war. Wie sich verhalten, wie sich stellen zu einem Regime, das einerseits die absolute Überlegenheit des Deutschen an sich propagiert, zugleich aber – gegen die Juden vor allem – eine Ausschluß- und schließlich Vernichtungspolitik betreibt, derer man sich selbst, in einer „Diaspora“ lebend, ausgesetzt imaginiert?

 

Das Verhalten vieler Rumäniendeutscher während des Krieges ist und bleibt ein schwieriges Kapitel. Wahr ist, daß die Sowjets die Sachsen nach dem Krieg bitter für deutsche Vergehen büßen ließen. Wahr ist aber eben leider auch, daß viele die Wehrmacht und das Dritte Reich nahezu überschwänglich begrüßten. So schwierig es ist, mit denen, die das alles erleben mussten, als junge Erwachsene oder als Kinder, über die komplizierten, auch moralisch komplizierten Verhältnisse zu reden, umso erfreulicher ist es, wenn eine jüngere Generation sich nun daran begibt, dieses auch dunkle Kapitel aufzuarbeiten und zu beleuchten.

 

Ursula Ackrill ist mit dem vorliegenden Roman ZEIDEN, IM JANUAR eine solche Annäherung an die jüngere Geschichte ihrer Heimat (sie wurde 1974 in Kronstadt geboren) gelungen. Nicht nur greift sie ein historisch bedeutendes Datum auf, sie fängt in einem literarisch ebenso gewagten wie gelungenen Versuch auch multiperspektivisch Interpretationen einiger Sachsen ein, die zeithistorische Rollen gespielt haben. Dienstag, der 21. Januar 1941 spielt im Zeidener Kalender eine wesentliche Rolle. Es soll entschieden werden, ob die jungen Siebenbürger Männer, ja Jungs, der rumänischen Armee angegliedert werden – was sie zu Hilfstruppen von Hilfstruppen degradiert hätte – oder ob sie den reichdeutschen Waffen-SS-Einheiten beitreten dürfen. Der Leser begleitet, unterteilt in kurze Kapitel, versehen mit genauen Datums-, Zeit-  und Ortsangaben, die beiden Hauptfiguren Leontine Philippi und Franz Herfurth nicht nur durch den Tag, sondern auch durch ihre weitreichenden Erinnerungen an eine gemeinsame wie auch voneinander unabhängige Geschichte. Während sich der Tag auf die entscheidende abendliche Versammlung im Zeidener Rathaus zubewegt, nehmen uns die Protagonisten mit auf weite Erinnerungszüge durch die eigene und die Geschichte des Dorfes. So begreift der Leser nach und nach die Zusammenhänge, darin auch die Tragik, die in den Beziehungen dieser Menschen zueinander steckt. Die einstigen Freunde Leontine und Herfurth, die sich entzweien über Fragen der Zugehörigkeit ebenso, wie über das Persönliche, die Freundschaft Herfurths zu Fritz Klein, der später Lagerarzt in Belsen und Birkenau werden sollte, Leontines Freundschaft zu dem Fliegerass Albert Ziegler, der frühe Nationalsozialist Andreas Schmidt, der in sowjetischer Gefangenschaft starb – anhand dieses Personals gelingt es Ackrill hervorragend, die oben erwähnten Risse und Klüfte in der sachsendeutschen Bevölkerung nachzuzeichnen und aufzuzeigen[1].

 

Während Herfurth für ein liberales, vorsichtig tastendes Denken steht, ist Leontine hingegen weitaus radikaler zu denken bereit. In ihr laufen die geschichtsphilosophischen wie zeitgenössischen Überlegungen zusammen. Gerade den Dünkel und das eigene Überlegenheitsgefühl der Sachsendeutschen thematisiert sie und stellt es exemplarisch gegen das Leben und Schicksal der Juden, mit denen sie die Sachsen vergleicht, sie in historisch ähnlicher Lage wähnt, wie die Juden – im Grunde umgeben von Fremdem (Feindlichem?), ausgeliefert der Willkür fremder Herrscher und den Unbilden des Schicksals, ist Leontine diejenige, die das „Undenkbare“ – eine deutsche Niederlage – denkt und sich fragt, welche Folgen das zeitigen könnte? Und sie fragt sich, inwiefern die Sachsen nach Jahrhunderten in einem fremden Land überhaupt noch vergleichbar sind, mit den Reichsdeutschen, die eine vollkommen andere, weitaus modernere Entwicklung durchlaufen sind.

 

Ohne, daß die Autorin, deren Sympathien durchaus Leontine gehören mögen, urteilt, legt sie uns das ausgesprochen diffizile Geflecht dar aus Heimatstolz, Rassendünkel, Zweifeln, dem Gefühl, anders sein und helfen zu müssen und der immergültigen Dummheit jener, die meinen, als Gewinner aus Kriegen hervorgehen zu können. Geschrieben auf Deutsch, sich dabei eines modernen, ja, fast postmodern anmutenden Stils bedienend, der das Geflecht der Erinnerung in ihren oft assoziativen Verbindungen gut einfängt, dabei aber lesend zunächst schwer zu bewältigen ist, gelingt es Ackrill aber auch, die spezifischen Rede- und Wortwendungen des siebenbürgischen Dialekts noch durchscheinen zu lassen. So entsteht ein anspruchsvoller Text, der sich trotz seines mit knapp 250 Seiten eher schmalen Umfangs einer oberflächlichen, leichten Lektüre widersetzt und vom Leser ein hohes Maß an Konzentration fordert. Ein Stück Literatur, die den Leser fordert, ihn dafür aber mit dem Einblick in eine uns eher ferne Kultur und einem hohen Sprach- und erzählerischem Niveau belohnt. Selten.

 

[1]Angemerkt sei, daß Ackrill dem Leser eine kleine Legende an die Hand gibt, Auskunft und Übersicht über die wesentlichen Figuren der Geschichte. Alle – auch Herfurth, Klein, Ziegler und Schmidt erst recht – sind reale Personen der Zeitgeschichte gewesen. Leontine Philippi ist vielleicht realen Personen nachempfunden; es gab sie, diese hochgebildeten Damen, Frauen, die sich widersetzten, die nicht bereit waren, sich den Traditionen zu beugen und stattdessen studierten, die Welt bereisten, Ideen sammelten – und doch zurückkamen und blieben, als Lehrerinnen, manchmal Schriftstellerinnen, manchmal einfach als Gedächtnis einer Gemeinschaft…

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