SONNENSCHEIN

Manchmal erklärt die Erzählung mehr als alle wissenschaftlichen Werke - Dasa Dndric ist eine solche gelungen

Wie wird es möglich sein, von jenen Schrecknissen des 20. Jahrhunderts zu berichten, wenn die, die es erleben mussten, nicht mehr leben werden? Wie soll man erzählen von Gräueltaten, die kaum erzählbar sind für jene, die Opfer waren? Wie will man gerecht werden, wenn man erzählt von dem, was man selbst nicht erlebt hat, nicht erdulden musste? Diese Fragen beziehen sich natürlich auf die Schrecken des Holocaust, auf jene Jahre, in denen Recht Unrecht, Mitleid ein Vergehen, Gnade ein Verbrechen waren. Die Zeitzeugen sterben aus und es müssen jene erzählen, die das Erzählte nur aus der Erinnerung der Alten kennen. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als schlicht vom Erinnern zu erzählen. Das Erinnern selbst – als Bewegung des Geistes, als Denkbewegung, als Geste oder als Qual – wird zum Gegenstand des Erzählens werden müssen. Die, die gesehen haben, wie das Licht in den Augen derer brach, die davon erzählten, was ihnen angetan wurde, müssen davon berichten: Wie die Schrecken der Lager, der „Einrichtungen“, der Märsche, der Polizeikeller, der Appellplätze auch Jahre und Jahrzehnte danach das Grauen in die Gesichter der Überlebenden getrieben haben. Es wird gefordert sein, Zeichen zu setzen wider jene Narrative, die meinen, die Historisierung erlaube es, auch aus Treblinka und Sobibor, Majdanek und Chelmo, aus Dachau und aus Auschwitz-Birkenau und all den Orten menschenverachtenden, ja: lebensverachtenden Schreckens Kulissen für Familiengeschichten, Abenteuer oder sentimentalen Kitsch zu basteln. Und noch wichtiger wird es sein, vom Erinnern zu erzählen, um auch weiterhin jenen Paroli zu bieten, die sich anmaßen die Wahrheit dessen, was in den Lagern geschah, in Abrede zu stellen.

Die wissenschaftliche Forschung gerade zum 3. Reich und der Shoah bringt Jahr für Jahr hervorragende Ergebnisse zusammen, immer besser und vielschichtiger wird unser Wissen darum, was geschah, wie es geschah und sogar warum es geschah. Historiker, Soziologen, Psychologen und Legionen anderer Wissenschaftler nehmen sich der Aufgabe an, sich wieder und wieder mit all dem zu beschäftigen und dabei den für die Wissenschaft so wesentlichen und erforderlichen klaren Blick zu behalten. Sie dürfen die Fakten nennen, sie können sich aber weder in Ausdruck noch Conclusio allzu emotionale Anwandlungen leisten, würde dies doch – gerade in einem positivistisch der Hermeneutik verfallenen Land wie dem unsrigen – sofort auf Ablehnung und wahrscheinlich fürchterlich abschätzige Abwertung stoßen[1]. So bleibt es schlicht der Prosa vorbehalten, den Leser eben nicht nur mit Fakten, sondern momentweise auch mit jener Brutalität zu konfrontieren, deren darstellerische Drastik eben schlicht notwendig ist, um zu begreifen, wie schrecklich diese Zeiten waren, wie ausweglos und verzweifelt die Lage der Opfer.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder vereinzelt Romane und romanartige Werke, die diese Aufgabe zu lösen wussten – mal intellektuell, wie der amerikanische Franzose Jonathan Littell mit DIE WOHLGESINNTEN, mal in kalter Frustration, wie bei der Französin Soazig Aaron in KLARAS NEIN, mal mit einem hintergründigen Witz, der dem Leser die Tränen – keine Lachtränen, das sei gewiß – in die Augen treibt, wie bei Lizzie Doron, z.B. in WARUM BIST DU NICHT VOR DEM KRIEG GEKOMMEN? oder Amir Gutfreunds UNSER HOLOCAUST. Und dann gab es jene unerträglichen Hybride, die sich nicht mehr um Form und Gattung scherten, die nur noch angetrieben von kalter Wut und tiefsitzender Verachtung für die Täter entstanden. Thomas Harlans HELDENFRIEDHOF – auf den noch zurückzukommen sein wird – fällt in diese Kategorie ebenso, wie Niklas Franks Werke DER VATER. EINE ABRECHNUNG und MEINE DEUTSCHE MUTTER. Es ist nicht von ungefähr, daß es Kinder von Tätern sind – Harlan ist der Sohn des JUD SÜSS-Regisseurs Veit Harlan, Frank der Sohn des Generalgoverneurs des besetzten Polen Hans Frank, der 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde – die mit diesem kalten Furor schreiben und dabei sowohl Wut wie Verletztheit offenbaren, die man sich kaum vorstellen kann, die auch nur schwer auszuhalten sind. Warum sollte sie auch einfach auszuhalten sein?

Es ist die Frage der Schuld und die Frage danach, wie weit Schuld trägt, wie sie nicht nur die Leben der eindeutig mit Schuld Beladenen, sondern auch die der ihnen Nahestehenden besudelt, beeinflusst und bestimmt. Diese Fragen werden auch und gerade in den Werken dieser Autoren behandelt. Das erinnert an die Romane eines Aleksandar Tišma, wie zum Beispiel DER GEBRAUCH DES MENSCHEN oder, unerträglicher, KAPO, in denen die Schuldfrage nicht mehr eindeutig einzuordnen ist, der mit eiskalter Präzision nachzeichnet, wie das Sein das Bewußtsein bestimmt, wie die Gelegenheit aus Nachbarn des anderen Mörder werden läßt. Und in eben diese schmerzhafte Wunde legt Daša Drndić mit ihrem Roman SONNNENSCHEIN den Finger. Sie erzählt von der Erinnerung an Schuld, von unschuldiger Schuld, davon, wie man mit Schuld leben muß und den Konsequenzen von Schuld, ohne dabei den Glauben zu verlieren – nur um festzustellen, daß auch der Glaube keine Wunden heilen kann, die ein ganzes Leben schwären und eitern und Schicksale beeinflussen.

Drndić erzählt von Haya Tedeschi, deren Familie, gebürtig aus Gorizia/Görz, das nördlich von Triest liegt, großteils in den Lagern der Nazis umkam. Sie sitzt – es ist das Jahr 2006 – in ihrem Zimmer in Gorizia und durchforstet als alte Frau einen Korb, in dem wahllos die Erinnerungen eines – ihres – Lebens durcheinander gewürfelt liegen: Fotos und Briefe, Tagebuchseiten und Eintrittskarten, Programme von Theaterbesuchen oder Kinokarten. Und all das bezieht sich auf jene Jahre, die sie auf der Flucht vor den Nazis durch Italien verbrachte und auf ihre Liebelei mit einem deutschen Offizier, auf das Kind, das sie gebar und welches ihr 1944 auf der Straße entwendet und entführt wurde. Und auf dessen Rückkehr sie wartet. Und in der Erinnerung erinnert sie sich ebenfalls an ihre Nachforschungen, daran, wie sie nach und nach herausfinden musste, wer der schmucke Deutsche in der schwarzen Uniform wirklich gewesen ist. Und wie sich diese Frau, die von der Welt nicht viel weiß, die selbst eine Geworfene war in den Unbilden des Krieges und der Nachkriegszeit, die wenig Zeit hatte, sich mit den Schrecknissen ihrer Zeit auseinanderzusetzen, damit abfinden muß, einem Ungeheuer, denn nichts anderes war dieser Kurt Franz, der sie so zu verehren schien, ein Kind geboren zu haben. Franz war in Gorizia stationiert, nachdem er zuvor in den Todeslagern Belzec und vor allem Treblinka gedient, letzterem sogar als Kommandant vorgestanden hatte. Doch Hayas Erinnerung funktioniert weder in Konzentration auf einen bestimmten Fokus, noch chronologisch, linear oder geradlinig. Sie franst aus, sie mäandert und so erfahren wir von der verschlungenen Geschichte der Region, des Grenzlandes zwischen Italien, Jugoslawien, dem vormaligen Österreich-Ungarn, erfahren von den Wegen der Familien Baar und Tedeschi und wie diese schließlich zueinander gefunden haben. Und eben auch von den Verstrickungen einzelner Familienmitglieder, die mit Parteibuch der Faschisten ausgestattet in Salò gelebt haben bis ins hohe Alter. Und schließlich von Hayas eigener Verstrickung, von ihrer Affäre mit dem deutschen Offizier.

Doch ist Drndić weder daran gelegen, eine „Story“ zu erzählen, noch, den Leser zu unterhalten. Im Gegenteil haben wir es hier mit einer enormen Irritation zu tun. Diese Irritation beginnt schon haptisch in dem Moment, in dem wir das Buch in die Hand nehmen, denn zwischen zwei harten Buchdeckeln ohne Einband, mit aufgedrucktem Titelbild, befinden sich gut 400 Seiten ungeschnittenes Papier. Jede Seite hat einen fransigen Außenrand, symbolisches Gegenstück zu einem Inhalt, der sich ebenfalls nicht „fassen“ lässt. Durch dieses Buch kann man nicht „durchblättern“, die einem Leser so vertrauten Handhabungen funktionieren nicht. Will man hier eine bestimmte Stelle finden, muß man suchen, denn es wird nicht gelingen, die Seiten über den Daumen gleiten zu lassen. Ein sperriges Buch, ein Buch wie sein Inhalt. Wie seine literarische Form. Denn Hayas Gedankenwelt wird zerrissen, wird geradezu aufgebrochen: Wir hören die Stimmen der Zeugen der Düsseldorfer NS-Prozesse zu Treblinka (in welchem Franz 1965 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden war) oder Majdanek ebenso, wie uns jene der Toten aus ihren Gräbern in der Luft entgegen raunen. Vom Schmerz, von den Qualen, dem Leid und der Not; uns werden Bilder gezeigt: Orte, Menschen, Täter, Opfer; wir lesen die Aussagen der Täter – durch die Zeit, schriftlich, Schriftlichkeit, Literalität als Zeugnis der Zivilisation – , lesen von den Taten, spüren die Kälte, die Grausamkeit, die Selbstgerechtigkeit. Drndić überläßt ihren längst zum Konvolut ausgearteten Text schließlich, ziemlich zur Mitte hin, langen, langen, 72 Seiten langen Listen aller „zwischen 1943 und 1945 aus Italien oder von Italien besetzten Ländern deportierter oder dort ermordeter Juden“. Gefolgt von den Kurzbiografien jener auf einer Liste (als Abbildung im Buch vorhanden) erfassten Angehörigen der Aktion T4 – das frühe Euthanasieprogramm der Nazis, Probe und Vorläufer späterer Massenvernichtungsprogramme – , die ab 1943 in die Gegend von Triest versetzt worden waren.

Liest man das? Setzt man sich da hin und liest diese 72 Seiten? GEht es darum? Wie damit umgehen? Es gelingt der Autorin, den Leser mit dem Buch, seiner Form, seinem Stil, vor eben die Fragen zu stellen, vor denen der Mensch in Anbetracht der Ungeheuerlichkeit der Geschichte, DIESER Geschichte, steht. Hier korrespondiert der Roman – der unbedingt als solcher zu betrachten ist! – mit Werken wie Roberto Bolaños 2666[11] oder, näherliegend, mit Thomas Harlans HELDENFRIEDHOF. Beide Werke lösen die herkömmliche Romanform auf und verweben Fiktion und Fakten in einer atemberaubenden Interpretation der Wirklichkeit. In beiden Werken dient die Fiktion jedoch lediglich als narratives Gerüst, einen Textkörper zusammen zu halten, der ansonsten die Form zu sprengen, jede Fassbarkeit zu verlieren drohte. Es sind Texte, so auch dieser, die weit über das hinausgehen, was ein Roman ansonsten zu leisten vermag. SONNENSCHEIN wird – eben wie Bolaños Roman in Gedenken an jene Hunderte Opfer in Ciudad Juarez, denen er über Hunderte Seiten hinweg ein Mahnmal setzt – zu einem Mahnmal, einem Gedenken an die Opfer, deren Namen hier stehen, eine Text aufbrechen in dessen Mitte und sich so seiner bemächtigen. Nein, wir lesen nicht Namen für Namen. Wir versuchen, durch diese Seiten zu blättern und können es nicht, wegen des ungenauen Schnitts an den Seitenkanten, es fällt schwer, diese Seiten umzuklappen, und so wird man der Namen gewahr, nimmt man diese Liste nicht einfach zur Kenntnis, sondern man wird sich ihrer bewußt, man begreift – im wahrsten Sinne des Wortes, eben im haptischen Sinne des Wortes – die Ungeheuerlichkeit von neuntausend Menschen, die, zusammengepresst auf 70 Seiten wahrscheinlich mehr Materie in Anspruch nehmen, als das, was von ihren Körper blieb, die durch die Schornsteige der Krematorien aufgestiegen sind. Diese Erkenntnis dringt dem Leser wie ein Schmerz ins Hirn.

Und wie es Harlan in seinem manchmal an literarischen Wahn grenzendem Roman HELDENFRIEDHOF hält, so tut es auch Drndić: Gnadenlos zerrt sie das Personal jener Triester SS-Stelle ins Licht und dieses Personal entpuppt sich als großteils deckungsgleich mit jenem, das Harlan vorführt. Und an dem Punkt sind beide Bücher weit jenseits aller Fiktion. Die ehemalige Reismühle San Sabba in Triest war deren Wirkungsort, ein Konzentrationslager, das zur Sammelstelle für die Transporte in die Lager wurde, wo aber eben auch ein Krematorium vorhanden war, wo – per Autoabgas – vergast wurde, wo Menschen zu Tode geprügelt, gefoltert, gequält wurden. Und ob es nun 5, 50, 500 oder 5000 Menschen waren, die hier aufs Fürchterlichste vom Leben zum Tode gebracht wurden, jeder einzelne hat es verdient, daß an ihn erinnert wird. Wie Harlan reißt Drndić am Leser und fordert ihn, ist nicht mehr bereit, nachzugeben zugunsten einer „erzählbaren“ Geschichte. Die Stimmen im Buch scheinen sich zu verselbstständigen und die „Handlung“ an sich zu reißen, sie lassen weder Haya NOCH die auktoriale Erzählerin Daša Drndić die Regie übernehmen. Erst im letzten Viertel des Buches darf plötzlich jemand aus der Ich-Perspektive berichten. Es ist der Sohn Hayas, der seinerseits nach fast sechzig Lebensjahren erfahren hat, nicht seiner Eltern Kind zu sein. Geraubt und in eines der berüchtigten Lebensborn-Heime, immerhin als Sohn eines führenden SS-Mannes, verbracht, wurde er an eine der Partei treuen Familie abgegeben. Und was er uns zu erzählen hat – hier auch ganz klar in direktem Bezug zu Niklas Frank und dessen Buch über „den Vater“ – läßt noch einmal das Elend auch derer aufscheinen, die gewollt oder ungewollt auf Täterseite stehen und aus den Täterschatten sich nicht befreien können, oft ein ganzes Leben lang.

Es erschüttert während der Lektüre, zu begreifen, daß die Autorin einem Täterkind (das für sich eine gewisse Opferhaltung in Anspruch nehmen könnte) eine subjektive Stimme leiht, die Icherzählung. Nicht aber den Opfern. Doch wahrscheinlich ist das so: Eine Stimme der Opfer anzunehmen, kann nur im Kitsch enden. Nein, es ist genau das die Zumutung an uns Nachgeborene: Zu begreifen, daß wir uns niemals mit diesen Opfern identifizieren können, daß es uns lediglich gegeben ist, in staunendem Erschrecken vor der schieren Zahl der Opfer zu stehen, verstummend. Die Täter können berichten. Die Opfer? Nein, deren Stimmen sind verstummt. Wir können uns nur gemein machen mit den Tätern. Eine fürchterliche Lektion, die die uns Geschichte lehrt.

Daša Drndić fügt dem Text nicht nur ein Nachwort und eine Bibliographie hinzu, sondern auch eine Liste jener Bücher, mit denen ihres in Bezug stehe. Es erstaunt, daß Harlans Text darin keine Erwähnung findet. Doch sei es wie es sei, unweigerlich drängen sich einem sachkundigen Leser Referenzen auf, die wahrscheinlich weit über die im Buch angeschnittenen Themen hinausreichen. Womit dieser Roman in ein Netz verwoben ist, das so bitter benötigt wird – jenes Netz jener Autoren, die sich um das Erinnern bemühen, sich der Erinnerungen auch anderer annehmen, die die Mühsal der Recherche auf sich nehmen, dann aber bereit sind, einen Pfad zu betreten, der ebenfalls bitter nötig begangen werden muß: den Pfad des narrativen Erinnerns, ohne die Erinnerung oder die Geschichte selbst preis zu geben an die reine, kühle Betrachtung des Historikers.

Nur, wenn am Gerüst historischer Tatsachen das Fleisch der Empathie heranwächst, wird es uns möglich sein, die Zahlen, die reinen Fakten aus den Archiven zu ziehen und fühlbar zu machen. Es werden Autoren gezwungen sein, die sicher nicht einfache Arbeit dieses Erinnerns zuzubereiten. Es ist dringend geboten, daß es Leser auf sich nehmen, die Ergebnisse zu lesen, zu erleben. Nur so wird die Geschichte wirklich weitergetragen. Im besseren Sinne. Der Mythenbildung ist unbedingt entgegen zu wirken. Unbedingt.

[1] Man erinnere sich nur an die 1990er Jahre, als Daniel Jonah Goldhagen mit seinen Thesen zu Hitlers „willigen Vollstreckern“ Furore machte und dann von seinen Gegnern ob der Drastik seiner Darstellung dessen, was auf den Märschen und in den Lagern geschah, angegriffen wurde. Als sei man sich als Wissenschaftler zu fein, SO genau hinzuschauen, war man doch viel zu beschäftigt mit all den Akten, den trockenen Blättern der Fakten, als sich mit dem Schmutz, dem Blut und den anderen Körpersäften, die bei Gewaltanwendung austreten, zu beschäftigen.

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