ZEITHAIN

Michael Roes´ großartige "Preußenphantasie" über Katte und den jungen Freidrich II.

Als Vorsatz zum ersten Kapitel dieses großartigen Werkes setzt Autor Michael Roes einen Auszug aus Fontanes WANDERUNGEN DURCH DIE MARK BRANDENBURG, in dem dieser darauf hinweist, daß die Hinrichtung Hans Hermann von Kattes, angeordnet durch den Preußischen König Friedrich Wilhelm als Vergeltung für die von Katte  begleitete Flucht des jungen Kronprinzen Friedrich, zumeist unter dem Aspekt gesehen wurde, was dies für den späteren Friedrich II. bedeutet haben könne, daß aber der eigentliche, der tragische Held dieser Geschichte Katte sei, der gern vergessen würde bei der Betrachtung der Ereignisse. Michael Roes unternimmt also den Versuch, diese Lücke zu schließen und setzt dem viel zu jung Gestorbenen ein literarisches Denkmal.

Von frühester Jugend an im Winkel Wust bis zu den letzten Momenten im Gefängnis in Küstrin, wo der Stahl des Henkersschwertes unter den Augen des entsetzten Friedrich den  Kopf vom Rumpfe trennen sollte, verfolgt Roes das Leben des unglücklichen Armeeleutnants. Dabei spielen die Ereignisse, die ihn für immer der deutschen Geschichte eingeschrieben haben, eine eher untergeordnete Rolle, viel mehr bietet Roes ein breites Panorama des frühen 18. Jahrhunderts, der frühen Aufklärung, und das brillante Psychogramm eines jungen Mannes, der die eigenen Neigungen langsam zu begreifen beginnt und wider die eigenen Interesse handelnd sich in große Gefahr begibt, indem er seine Freundschaft zum Kronprinzen schließlich über seinen Eid auf den „Soldatenkönig“, dem er mit „Leib und Leben“ gehört, stellt. Erweitert wird dies um zwei, im Grunde drei vergleichende Studien von Vater-Sohn-Beziehungen, die exemplarisch die Spezifika dieser Konstellationen herausarbeitet. Beginnend mit einem Ich-Erzähler, der ein entfernter Nachkomme sowohl des englischen Königs als auch mit den Kattes verwandt ist, wird dem Leser die Geschichte weniger als verbürgte Biographie präsentiert, sondern vielmehr, so sagt es der Erzähler Philip Stanhope selbst früh im Roman, als „Preußenphantasie“, als Annäherung an ein vergangenes Jahrhundert, eine andere Zeit, die so oder auch anders stattgefunden haben könnte. Es gelingt Stanhope/Roes eine allerdings eindringliche Schilderung jener Jahre, die die Aufklärung bereits deutlich verinnerlicht hatten und doch auch noch in den alten herrschaftlichen Banden und Korsetten verstrickt war.

Kattes Kinder- und Jugendjahre im väterlichen Gut in Wust, die Bindung an den Großvater in Berlin, da der eigene Vater – der spätere Feldmarschall Hans-Heinrich Graf von Katte – meist bei seinem Regiment in Königsburg weilte, die schulische Ausbildung in Glaucha am Institut des pietistischen Pädagogen und Theologen August Hermann Francke, der Militärdienst in Königsberg unter des Vaters harter Hand und schließlich die Kavaliersreise des jungen Mannes – Roes findet eine gleitende, fesselnde Sprache, einen passenden Ton für eine Erzählung, die es dem Leser ermöglicht, tief einzutauchen in diese Welt der früheren Neuzeit, die sich noch einrichtet zwischen neuen, teils bedrückenden Bildern Gottes (Pietismus und Deismus förderten ein fast puritanisches Gottesbild, das den einzelnen durchaus fordern konnte) und den ersten Zeichen aufgeklärten Denkens, das eine Distanzierung gegenüber Glaubensfragen überhaupt erstmals zulässt. Im ebenso brisanten wie packenden Doppelportrait der Vater-Sohn-Beziehungen wird viel darüber erzählt, wie ältere Männer ihre Kämpfe gegen jüngere Männer führen, wie weit sie dabei zu gehen bereit sind und daß in diesen Beziehungen – zumindest bis in die Moderne hinein – sehr viel Politik steckte. Neben Kattes eigenem distanzierten Vater, der den Sohn anhält, ein guter Sohn und vor allem ein noch besserer Soldat im Dienste seines Herrn, des Königs von Preußen, zu sein, ist es das Verhältnis des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm zum Kronprinzen, den er als „effeminiert“, verweichlicht und verwöhnt verachtet. Selber ein eher unmännlicher Mann, der sich von seiner Gattin und der Tochter in maximaler Distanz hielt und wirklich zufrieden nur in Gegenwart seiner „langen Kerls“ oder der „Gens d´armes“ war, jenes Kürassierregiments, dem auch Hans Hermann von Katte angehörte, konnte der König nur wenig mit den eher musischen und poetischen Anlagen seines Sohnes anfangen. Aus dieser Konstellation entwickelt Roes sehr vorsichtig und ohne zu sehr ins Psychologisieren zu geraten seine Analyse einer still aufkeimenden und sich im Stillen entfaltenden Freundschaft und darüber hinaus auch die Liebe eines jungen Mannes zu einem unwesentlich älteren Mann, zu dem er aufschauen, den er aber aufgrund seiner Stellung auch beherrschen kann. Nie wird das Thema „Homosexualität“ im Roman explizit thematisiert und erhält im Kontext der Erzählung also eine eher natürliche Aura, eine Selbstverständlichkeit unter Männern, die wenig Kontakt zu Frauen hatten, diese spärlichen Kontakte zudem unter strenger Etikette erleben und die als Soldaten zudem in reinen Männerbünden und -gesellschaften leben. So lässt uns Roes nie an Intimitäten teilhaben, bleibt zurückhaltend bis vage und hält den Spalt zwischen Freundschaft und Liebe weit offen.

Roes bietet einen Historienroman, der uns tiefe Einblicke in eine ständische Gesellschaft bietet, die selber jedoch am Beginn eines Umbruchs steht, der kaum Einhundert Jahre später eine völlig andere Welt hervorgebracht haben wird. Zugleich haben wir es mit einer sehr genau recherchierten historischen Einzelbegebenheit zu tun, die modern in der Begründung eines Urteils – ein Mann soll aus erzieherischen Gründen eines anderen Mannes und wegen einer gewissen Unschicklichkeit, letztlich also aus politischen Gründen hingerichtet werden – , das in der Archaik seiner Ausführung aber barbarisch anmutet. Roes bietet ein hervorragendes Geflecht aus historischer – die Tristesse der damaligen Reisen durch kaltes und herbstliches Land ist ebenso zu spüren wie das Gefühl der Freiheit, das den jungen Katte die Monate seiner „Kavaliersreise“ so  genießen lässt, inklusive der Gefahren, die sich ihm und seinem Reisegenossen, für den sie tödlich enden, darbieten – , deskriptiver, also sprachlicher, und psychologischer Genauigkeit, die die Entwicklungen hin zum fürchterlichen Tod durch das Schwert in Küstrin wie eine natürliche, sich aus sich selbst erklärende, fast folgerichtige Dynamik wirken lässt. Daß er diese Erzählung, die sich wirklich auf Katte, nicht auf Friedrich, kapriziert, durch die Beschreibungen und Kommentare seines Alter Ego Philip Stanhope, der wiederum ganz eigene Probleme mit seinem hochadligen Vater, dessen Homosexualität und den eigenen Drogenexzessen zu gegenwärtigen hat, unterbrechen lässt, lockert einerseits den Bericht auf, ermöglicht ihm allerdings auch die Einordnung der Rezeption.

Wenn Fontane meint, hier in Küstrin habe die deutsche Geschichte als Geschichte einer Großmacht begonnen, hier sei psychologisch Friedrichs Härte begründet, die er bei all seinem Interesse an Aufklärung und Entwicklung moderner Gedanken und Philosophie in den von ihm geführten Kriegen an den Tag legte, so schafft Roes es, nicht nur eine radikal andere Perspektive einzunehmen, die die historischen Auswirkungen nahezu gänzlich außer Acht lässt, sondern die Entwicklungen dahin auch neu zu bewerten. Wenn selbst ein Autor wie Steffen Martus in seinem wunderbaren Grundlagenwerk AUFKLÄRUNG. DAS DEUTSCHE 18. JAHRHUNDERT – EIN EPOCHENBILD (Berlin; 2015) davon schreibt, man müsse sich unter Berücksichtigung der europäischen Politik seiner Zeit nicht über die Härte Friedrich Wilhelms wundern, immerhin habe Katte desertiert und sich mit der Fluchthilfe für den jungen Kronprinzen dem gültigen Regierungssystem entgegengestellt (S.479), kann man ermessen, wie wenig empathisch bisher mit Kattes Anteil am Drama umgegangen wurde. Damit räumt Roes nun gnadenlos auf.

Dennoch bleiben die Einschübe des Icherzählers seltsam losgelöst von Rest des Buches. Zwar ist es eine schöne Idee, dem Leser die Orte der Handlung auch aus heutiger Sicht nahezubringen und damit eine grundlegende Aussage über Historizität und Historiographie zu treffen, doch bleiben Teile dieser Einschübe nahezu unverständlich. Obwohl Stanhope sich selbst als Mystiker beschreibt und mehrfach auf den Charakter einer Phantasie in Bezug auf seinen Bericht hinweist, ist es doch unsere gegenwärtige Realität, in der sich das Phantastische dann realisiert. Daß Stanhope im winterlich leeren, nächtlichen Tiergarten Zeuge der Geburt eines Engels und seines offenbar wenig engelhaften Bruders wird, scheint eher einem gewissen Berlinbild zwischen Wenders und drogeninduzierter Halluzinationen postmoderner wie postwenderischer Natur geschuldet zu sein, dennoch verdeutlicht es dem Leser den grundlegend fiktionalen Charakter eines jeden Buches, egal, wie sehr es sich an die Recherchen hält oder an bekannte historische Erzählungen schmiegt. Es bleibt ein Roman und in einem Roman kann theoretisch alles passieren.

So  hat man es hier sowohl mit einer offensichtlich genau recherchierten Biographie und einem ebenso gut recherchierten Zeitgemälde zu tun, wie es auch eine postmoderne Versuchsanordnung ist. Allerdings, das sei einmal so gesagt, „postmodern“ im besten Sinne des Wortes. Michael Roes verfügt über die Sprache, den Stil und den Ton, auch die lange – immerhin nahezu 800 Seiten umfasst das Werk – Strecke zu füllen und einen Sog, eine Spannung zu entwickeln, die den Leser zu fesseln wissen, ihn weiter und weiter treiben im Text. Deutsche Geschichte, anschaulich gemacht und als Tragödie dargereicht.

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