STERN DES GESETZES/THE TIN STAR

Zum Gesellschaftsbild in den Western Anthony Manns

Der Kopfgeldjäger Morgan Hickman (Henry Fonda) bringt die Leiche eines von ihm getöteten Banditen in eine Kleinstadt. Obwohl der Tote berüchtigt war und das Umland terrorisierte, stehen Richter (James Bell) und Bürgermeister (Howard Petrie), aber auch der Sheriff Ben Owens (Anthony Perkins), Hickman reserviert gegenüber. Sie stellen ihn zur Rede, weshalb der Mann unbedingt getötet werden musste und Hickman erklärt recht kühl, wenn es „tot oder lebendig“ hieße, sei „tot“ einfacher zu handhaben. Richter und Bürgermeister fordern ihn auf, die Stadt schnell wieder zu verlassen. Doch Owens nimmt seinen Job genau und will die Identitätsprüfung des Toten abwarten, bevor er die Prämie auszahlt. Hickman willigt ein, sich für die Nacht ein Zimmer zu nehmen und zu warten. Doch gestaltet sich sein Vorhaben schwierig, denn niemand in der Stadt, weder Hotel noch Pension, will jemanden wie ihn bei sich wohnen haben.

Im Mietstall, wo er Unterschlupf zu finden hofft, trifft Hickman auf den Jungen Kip (Michel Ray), durch ihn lernt er bald die Witwe Nona Mayfield (Betsy Palmer), die Mutter des Jungen, kennen. Sie bietet ihm Kost und Logis für die Nacht. Beim Abendbrot erzählt Hickman, daß er selber auch verwitwet ist, Frau und Kind verloren habe. Nona berichtet, ihr Mann sei ein Indianer gewesen und sei den Anfeindungen der Stadtbevölkerung zum Opfer gefallen. Hickman zeigt sich überrascht, lässt auch durchblicken, daß er wenig Sympathie für die Ureinwohner des Landes übrig hat. Nona wird wütend du fordert ihn auf, am nächsten Tag das Haus zu verlassen.

Am folgenden Morgen muß Hickman feststellen, daß die Beglaubigungen auf sich warten lassen, und er sich auf einen längeren Aufenthalt im Ort einrichten muß. Schon am Vortag hat er beobachtet, daß Owens schnell mit den Colts ist, allerdings ist Hickman auch eine gewisse Furchtsamkeit des jungen, leicht nervösen Mannes nicht entgangen. Nun erfährt er, daß der das Amt des Sheriffs nur übergangsweise ausüben soll, bis ein geeigneter Kandidat gefunden ist. Millie Parker (Mary Webster), Owens Verlobte, versucht ihn zu zwingen, den Posten aufzugeben, starb ihr eigener Vater doch in Ausübung seines Sheriffamtes. Sie bietet Hickman scherzhaft an, den Job zu übernehmen, der lehnt jedoch höflich ab. Der alte Doc McCord (John McIntire), auf dessen jährliche Geburtstagsfeier sich die ganze Stadt freut, versucht sie zu beruhigen, seien die Zeiten doch längst ruhiger geworden.

Während dieser Begegnung im Sheriffbüro, kommt es im Saloon zu einer Auseinandersetzung, bei der der stadtbekannte Raufbold Bart Bogardus (Neville Brand) einen Indianer erschießt. Als Owens ihn entwaffnen und verhaften will, widersetzt er sich und behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben. Er verhöhnt Owens und versucht, auf ihn zu schießen. Dies verhindert Hickman, der die Szene aus dem Hintergrund beobachtet hat. Er schießt Bogardus die Waffe aus der Hand. Von Owens zur Rede gestellt, erzählt Hickman, er sei selber einmal Sheeriff in einer solchen Stadt gewesen, er wisse, wie er mit Kerlen wie Bogardus umzugehen habe.

Abends kehrt Hickman zu Nona zurück und erklärt ihr, daß er, wie alle weißen Kinder, mit wenig freundlichen Bildern von Indianern aufgewachsen sei und man solche Vorurteile wohl unhinterfragt übernehme. Nona berichtet ihm vom Tod ihres Mannes und wie sie und Kip nun Zielscheiben des Hasses würden, der sich früher über der ganzen Familie entladen habe. Sie bietet Hickman schließlich an so lange zu bleiben, wie er in der Stadt zu tun habe. Da Hickman Vertrauen zu Nona gefasst und Kip bereits in sein Herz geschlossen hat, nimmt er an.

Morgens kommt Owens zu Nonas Haus und berichtet, der Richter habe Bogardus laufen lassen. Anders als am Vortag zeigt sich Owens Hickmans Hilfe gegenüber nun aufgeschlossener. Hickman willigt ein, ihn im Gebrauch der Waffe zu unterrichten, wichtiger sei allerdings, den Gegner „lesen“ zu können. So habe Owens am Vortag nicht gemerkt, daß Bogardus im Begriff gewesen sei, auf ihn zu schießen. Vor allem aber müsse Owens begreifen, daß es eine Sache sei, den Colt schnell zu ziehen, eine ganz andere aber, ihn auf einen Menschen zu richten und abzudrücken. Bei Schießübungen stellt Owens fest, daß sein neuer Bekannter ein hervorragender Schütze ist.

Eine Kutsche kommt in rasendem Tempo in die Stadt. Der Kutscher wurde erschossen. Owens stellt eine Posse zusammen, um die Verfolgung der Mörder aufzunehmen. Er bietet Hickman an, als Hilfssheriff mit zu reiten, doch der lehnt ab, habe er doch geschworen, nie mehr einen Stern zu tragen. Er lässt sich seine mittlerweile bewilligte Prämie auszahlen und kauft für Skip ein Pony. Owens und die Männer reiten los, müssen aber unverrichteter Dinge zurückkehren.

Nachts wird Doc McCord von den Brüdern Ed (Lee Van Cleef) und Zeke (Peter Baldwin) McGaffey, die für den Tod des Kutschers verantwortlich sind, auf dem Rückweg von einem Patienten angehalten. Zeke sei bei einem Jagdausflug verletzt worden, der Doc solle ihnen zu ihrem Haus folgen. Dort kann McCord die Kugel aus Zeke entfernen. Als er aufbrechen will, tötet Ed ihn, da er der Meinung ist, der Doc habe seiner Geschichte vom Jagdunfall nicht geglaubt.

Die Stadt hat sich für die Geburtstagsfeier herausgeputzt, als die Kutsche mit dem toten Arzt angefahren kommt. Die Bürger stehen unter Schock ob des Vrbrechens an dem allseits beliebten Arzt. Schnell kann ermittelt werden, wo McCord in der Nacht gewesen ist und Bogardus, der Owens unterstellt, die Stadt nicht schützen zu können, stellt nun einen Mob zusammen, um zur Ranch der McGaffeys zu reiten und die Brüder aufzuknüpfen. Sie reiten an dem Haus von Nona vorbei und Kip folgt dem Haufen. Nona fleht Hickman, der seinerseits den Männern folgen wollte, an, Kip zu suchen.

Bei den McGaffeys angelangt, zündet die Horde das Haus an, da sie der Brüder nicht habhaft werden kann. Nachdem sie abgezogen sind, erreicht Kip das brennende Haus und folgt von dort einem Hund in eine Schlucht, wo Ed und Zeke sich verbarrikadiert haben. Sie schießen auf den Jungen und locken damit Owens und Hickman an. Die können Kip retten und nachdem Owens klargestellt hat, daß er die Männer lebend will, räuchert Hickman die Höhle aus und zwingt die McGaffeys so zur Aufgabe.

In der Stadt trommelt Bogardus, der Owens nicht zugetraut hatte, die Banditen dingfest zu machen, erneut einen Mob zusammen und zieht zum Gefängnis, wo er die Herausgabe der Gefangenen erzwingen will. Owens stellt sich ihnen in den Weg und fordert Richter und Bürgermeister, die er unter den Zuschauern entdeckt, auf, für die Justiz einzutreten und ihm zu helfen, die McGaffeys zu schützen. Doch beide kneifen. Nun steht Owens wirklich allein gegen einen ganzen Haufen. Da tritt Hickman neben ihn, mit einem Stern am Revers. Die Meute verteilt sich, nur Bogardus bleibt stehen. Owens tritt auf ihn zu und ohrfeigt ihn für seine Feigheit. Bogardus versucht zu schießen, doch Owens ist schneller und tötet ihn.

Millie entschließt sich, Owens auch zu heiraten, wenn er den Job behalten sollte. Owens bittet Hickman, zu bleiben und mit ihm gemeinsam für Ordnung in der Stadt zu sorgen. Das lehnt Hickman jedoch erneut ab. Owens habe alles, was es brauche, um einen guten Sheriff abzugeben. Er aber habe andere Pläne.

Dann verlässt Hickman die Stadt, gemeinsam mit Nona und Kip.

Die Helden der Western von Anthony Mann stehen fast immer außerhalb der Gesellschaft. Mal sind es Männer, die sich ihr Außenseiterdasein selbst erwählt haben, wie Jeff Webster in THE FAR COUNTRY (1955), mal stehen sie der Gesellschaft grundlegend skeptisch bis feindlich gegenüber wie Howard Kemp in THE NAKED SPUR (1953) – beide von Manns Lieblingsmimen James Stewart brillant gespielt – , mal wollen sie nach einem Outlaw-Leben außerhalb der Gesellschaft in eine Bürgerlichkeit, die zumindest ein friedliches Alter verspricht, wie es bei dem von einem deutlich alternden Gary Cooper gegebenen Link Jones in MAN OF THE WEST (1958) der Fall ist. Die Gesellschaft, der sich diese Männer entziehen oder aber eben hingeben wollen, zeichnet Mann dabei bestenfalls neutral, oft wirkt sie bereits verkommen und von eben jenen Verfallserscheinungen infiziert, die eigentlich Manns Zeitgenossen nach den Weltkriegen und den Zivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts konstatierten. In seinem paradigmatischen Western WINCHESTER ´73 (1950), der auch die Kollaboration mit James Stewart begründete, lässt Mann die Siedlergesellschaft einmal einem Panorama gleich am Zuschauer vorbeidriften und schildert daran allerhand menschliche Schwächen von Korruption bis Feigheit, während der Held einem Gewehr hinterherjagt, welches er bei einem Wettbewerb gewonnen hat und das ihm dann entwendet wurde. Daß sich hinter dieser zunächst profanen Geschichte, die dennoch subtil den amerikanischen Mythos der Waffe – und dem inhärent den der Gewalt – evoziert, eine fast biblische Rachegeschichte unter Brüdern verbirgt, beschwört die amerikanische Gesellschaft in gewissem Sinne auch als eine alttestamentarische, die sich geradezu in einem Urzustand, im Entstehen, befindet.

Anhand von WINCHESTER ´73 kann man auch Manns zunächst neutrale Haltung gegenüber einer auch von ihm als demokratisch akzeptierten Gesellschaft erkennen, deren aber eben tief im Mythos der Gewalt wurzelnde Basis er genau begreift und der er auf Grund dessen  zutiefst mißtraut. Wie stark er diesem Mißtrauen Ausdruck zu verleihen imstande war, kann man besser an seinen frühen Beiträgen zum Film Noir wie T-MEN (1947) oder SIDE STREET (1950) beobachten, doch in THE TIN STAR (1957) zeigt Mann selten wie nie eine Gesellschaft in einem fortgeschrittenen Zustand von Korruption und hinter der Maske der Zivilisation stark verroht. Geradezu lustvoll kehrt Mann Rollenmuster um: Der in THE NAKED SPUR deutlich als gebrochene Persönlichkeit gekennzeichnete Howard Kemp ist ein Besessener, der die Leichen der von ihm getöteten Männer wie Säcke hinter sich herschleift, den Wert eines Lebens nur noch in Prämien berechnend, die auf sie ausgesetzt sind. Der Kopfgeldjäger als Gezeichneter im Kampf gegen sich selbst. Ein Vernichtungskrieg gegen das Ich, aus dem letztlich nur die Liebe und die durch die Liebe freigesetzte Katharsis noch erretten können. Eine Dostojeswski´sche Dimension, wenn man so will. Von dieser quasi-religiösen Phantasie, die sich im Gnadenakt einer Beerdigung der Toten symbolisiert und den Protagonisten damit aus der Knechtschaft der Profanität, die das Töten für Geld bedeutet, erlöst, ist in THE TIN STAR nichts zu spüren. Erlösung ist hier allenfalls das Ergebnis ruhiger und genauer Überlegung.

Morgan Hickman – Henry Fonda, aus der Rücksicht betrachtet, befindet sich hier deutlich auf dem Weg von jenen aufrechten amerikanischen Demokraten wie dem Geschworenen Nummer 8, den er im gleichen Jahr in 12 ANGRY MEN (1957) gab, und der exemplarisch seinem klassischen Rollenmuster entsprach, hin zu jenen Finsterlingen, die er in Spätwestern wie FIRECREEK (1967) und nahezu perfekt in C`ERA UNA VOLTA IL WEST (1968) verkörperte – ist weit entfernt von der Transzendenz, die Howard Kemp widerfährt. Doch benötigt er sie auch nicht, er sucht auch keine Erlösung. Wohl wird auch er seine Haltung im Laufe des Films ändern, doch durchläuft er keine Katharsis wie Stewarts Figur. Hickman handelt als  ein Mann, der sich eine Situation betrachtet, sie analysiert und schließlich eine Entscheidung trifft. In Fondas Interpretation ist er ein durch und durch pragmatischer, in sich ruhender Mensch, der um seine inneren Narben weiß, auch damit umzugehen versteht, und seinen Frieden ganz in dieser Welt zu finden hofft – und der das Eintreiben von Kopfgeldprämien als ein dafür durchaus probates Mittel zum Zweck betrachtet.

Fonda versteht es in einer schauspielerischen Bravourleistung, eine Balance zu halten, die Hickman gerade undurchsichtig genug hält, um den Zuschauer bei aller Sympathie und allem Vertrauen in seine Fähigkeiten und moralische Integrität – für die auch Henry Fonda in personam bürgt – auf Distanz zu halten. Alles, was er tut, entspricht immer seinem Ziel, sein Geld ausgehändigt zu bekommen. Er beschützt Sheriff Ben Owens, weil dieser die Beglaubigung der Identität des Toten in die Wege leiten muß. Er muß in der Stadt bleiben, weil die Bestätigung einige Tage dauert und Owens die Prämie nicht freigeben kann. Er unterstützt den Sheriff, weil er ein weiteres Geschäft wittert. Fonda spielt dies fast genüsslich aus und scheint uns mitteilen zu wollen, daß man sein Geld zwar auf zwielichtige Weise verdienen, dennoch aber ein guter Mann sein kann. Daß auch Hickman schließlich seine Meinung ändert, entspricht dem Wesen des Charakters, den er bei aller Kühle und auch Brutalität von Beginn an offenbart. Und doch liegt auch hier eine Abwägung zu Grunde, wir ahnen, daß Hickman in den wenigen Tagen, die das Geschehen umfasst, seine Meinung zwar ändert, diese Entscheidung aber eine bewusste ist, keine der reinen Emotion entsprungene. Hickman mag Kip, er mag erst recht dessen Mutter, doch ist er nicht der Mann, der sich blindlings in ein Abenteuer stürzt. Seine Sorge um Kip entspringt dann auch eher seiner Sorge um Nona und deren Angst um ihr Kind. Am ehesten noch können wir von einer Läuterung sprechen, was Hickmans Haltung gegenüber den Indianern betrifft. Aber auch hier ist er in der Lage, der Situation die Schärfe zu nehmen, weil er kühl reflektiert, sein Handeln erklärt und zugleich signalisiert, daß er es zu überdenken versteht. Doch ist es eben Fondas Darstellung zu verdanken, daß wir lange nicht sicher sind bei dem, was wir hinsichtlich dieses Charakters erahnen, und so im Ungewissen bleiben.

So halten wir uns an Sheriff Ben Owens in Gestalt von Anthony Perkins, der uns mit seinem jungenhaften Charme, seiner linkischen Art und seinem jugendlichen Stolz, seine Sache gut machen zu wollen – eine Sache, von der er ahnt, daß sie mindestens eine Nummer zu groß für ihn ist – für sich einzunehmen versteht. Allerdings begreifen auch wir sofort, als wir seiner ansichtig werden, daß dieser junge Kerl seiner Aufgabe kaum gewachsen sein dürfte, denn mag er auch schnell mit den Colts sein, so ist er doch auch voller Furcht. Umso erfreulicher, daß er einen Kerl wie Hickman an seiner Seite hat. Owens handelt aus Idealismus, er ist der Meinung, die Dinge müssten ihre Richtigkeit haben und verlangt so auch von einem scheinbaren Raubein wie Hickman, die Regeln einzuhalten, was dieser erstaunlich bereitwillig tut. Daß auf Hickmans Seite schon in diesem Moment vielleicht ein alternder Ex-Sheriff sich selbst in einem waghalsigen aber naiven Jungspund erkennt, können wir nicht wissen, doch mögen wir es erahnen. Aus dem feurigen Gebaren des jungen und den kühlen Repliken des älteren Mannes gewinnt THE TIN STAR einen Großteil seiner Spannung.

Einen weiteren maßgeblichen Anteil an der Bedeutung des Films hat die Art und Weise, wie in der Figur Hickman auf doppelte Weise die Gesellschaft gespiegelt wird. Schon seine Ankunft in der Stadt erregt Aufmerksamkeit und es rotten sich einige im Aussehen gut situierte Herren zusammen, die Hickman schnell wieder los werden wollen. Der Kopfgeldjäger ist nicht wohlgelitten – zu zwielichtig sein Geschäft, auf das man einerseits (noch) angewiesen ist, das andererseits jedoch eine stete Mahnung an den immer noch dünnen Firnis der Zivilisation bedeutet; oder, wenn man Manns Filme auch allegorisch verstehen will, immer noch ist. Mann konterkariert diese Rollenverteilung aber von Beginn an. Hickmans ruhiger, souveräner Art stellt er sowohl Owens Aufgeregtheit entgegen, als auch die arrogant-selbstgefällige Art, die ihm von den Wortführern der Stadtvertreter entgegenschlägt. Keinen Moment lässt Mann sein Publikum an seinen Sympathien zweifeln. So identifizieren wir uns schnell mit dem zweifelhaften Charakter Hickman, während wir die Bürger der Stadt als eher feindlich gesinnt wahrnehmen.

Wie bereits beschrieben, war Manns Verhältnis zur Gesellschaft nie unkritisch, auch wenn er sein Hauptaugenmerk nicht auf soziale oder historische Schwerpunkte legt, sondern eher die Psychologie seiner einzelgängerischen und meist gebrochenen Helden in den Fokus nimmt. Meist ist ihr Antrieb Rache, also ein persönlicher. Doch in BEND OF THE RIVER muß sich Glyn McLyntock direkt mit den gesellschaftlichen Auswüchsen auseinandersetzen, ökonomisch wie legalistisch, als sich durch den einsetzenden Goldrausch die Rahmenbedingungen für die Siedler radikal ändern. Jeff Webster in THE FAR COUNTRY ist mit dem „Richter“ Gannon – ein ferner Verwandter des authentischen „Judge“ Roy Bean – mit einer Ordnungsmacht konfrontiert, die hier, in Alaska, der äußersten „frontier“, allein deshalb ihre Autorität aufrecht erhält, weil es keine wirkliche Staatsmacht gibt, die Gannon und seinen Banditen Einhalt gebieten könnte. Webster wird also gleichsam gezwungen, sich in die gesellschaftlichen Belange der Siedler einzumischen, bleibt aber bis zum Schluß des Films autonom und nur sich selbst und den eigenen Belangen verpflichtet. Für Link Jones in MAN OF THE WEST ist die Gesellschaft in der vom Film beschriebenen Situation ein Abstraktum, für das er – vielleicht erstmals – als Bürger einzutreten hat. Wie diese Gesellschaft gestaltet ist, wie es sich in ihr leben lässt, diese Fragen bleiben vollkommen außen vor, wodurch Links Kampf umso heroischer wirkt, da wir der Zivilisation, für die er eintritt, nie ansichtig werden.

Die Gesellschaft ist in diesen Fällen die Bedingung, die Manns Helden vorfinden und auf die sie reagieren müssen, auch wenn sie sich bemühen, diese Reaktionen so minimal wie möglich ausfallen zu lassen. In den ersten beiden Fällen sind es Gesellschaften im Entstehen, wirkliche Pioniergemeinschaften, in denen das Recht des Stärkeren, bzw. das Recht des unbegrenzten Kapitalismus, unumwunden akzeptiert werden. Dafür steht Gannon als Herr über eine Stadt aus Matsch und schnell hingestellten Bretterbuden[1]. Link Jones hat die Gesellschaft in MAN OF THE WEST rundweg angenommen; dort, wohin er entkommen ist, nachdem er die Banditen einst verlassen hat, und wohin er verzweifelt zurück will, ist für ihn ein sicherer Ort. So wird trotz ihrer Abwesenheit – oder gerade dadurch? – die Gesellschaft als Referenzrahmen für den Helden in MAN OF THE WEST deutlich am positivsten dargestellt. Sie ist ein Ort der Gastlichkeit, der Freundschaft, ein Ort, der Heimat sein kann.

Es könnte der Ort sein, in den Morgan Hickman am Beginn von THE TIN STAR einreitet. Ein zivilisierter Ort, ein Ort, der offensichtlich die Vorzüge einer bürgerlichen Gesellschaft bereits besitzt: Funktionierende Staatsorgane, eine Ordnungsmacht, Schulen, eine Kirche – alle institutionellen Zeichen und Symbole einer funktionierenden Zivilgemeinschaft sind vorhanden. Aber diese Gesellschaft ist auch bereits in einem Stadium angelangt, in der Zivilisation mit Macht, finanzieller wie politischer, aber auch mit Reichtumn per se – ergo Kapitalismus – gleichgesetzt wird. Alles hier ist auf wirtschaftliche, ökonomische, berechenbare Einheiten bezogen, egal ob es den Kauf eines Pferdes oder die Prämie auf ein Menschenleben betrifft.

Die äußere Bedrohung dieser Gesellschaft ist noch vorhanden, dafür bürgen schon Hickmans Job und die Tatsache, daß es die Kerle, die ein Mann wie er für Geld fängt, überhaupt gibt. Und auch ist es eine Tatsache, daß die Staatsmacht trotz aller institutioneller Autorität noch nicht über die Macht und die Ressourcen verfügt, diese auch durchzusetzen. So deutet sich an, daß die historische Situation, in der wir uns in THE TIN STAR wiederfinden, eine prekäre ist: Noch sind die Dinge nicht letztgültig entschieden – was sie in einer Demokratie natürlich nie sind. Die äußere Bedrohung herrscht noch, wenn vielleicht auch nur außerhalb der Stadtgrenzen. Besiegt ist sie nicht, nicht einmal wirklich gebändigt. Doch passt sie in ihrer Archaik eigentlich schon auch nicht mehr in die Moderne, auf die hier bereits vieles hinzudeuten scheint.

Das wilde Element im Inneren der Gesellschaft, das sich noch in Figuren wie Bart Bogardus manifestiert, ist soweit domestiziert, daß man es ertragen kann, sich nötigenfalls seines brutalen, gewalttätigen Potentials aber auch bedient. Es sind jene Männer, die sich nicht auf die falsche Seite des Gesetzes schlagen und offen von Überfällen und Bankrauben leben, die es – geprägt durch ein raues Leben an der ‚frontier‘ – mit dem Gesetz aber auch nicht immer so genau nehmen; denen eine gewisse robuste Art zueigen ist, die mit den Rahmenbedingungen eines Rechtstaats nicht immer zu vereinbaren sind. Männer, die „Zivilisation“ auch erst lernen müssen. Männer, die eine prekäre Gesellschaft aber eben auch braucht, wenn es darum geht, sich wehrhaft zu zeigen. Bogardus ist also nicht nur in seinen und den Augen seiner Freunde der eigentlich rechtmäßige Anwärter auf den Sheriffposten, auch einige der Honoratioren der Stadt scheinen das so zu sehen. Gemessen an der Wildnis, die die Stadt umgibt, und Owens´ Ängstlichkeit, neigt man dazu, dem ebenfalls zuzustimmen.

Die Ironie liegt darin, daß der verfemte Kopfgeldjäger Hickman sich als genau der Mann entpuppt, der die Autorität besitzt, Ordnung herzustellen. Er, der selber einmal Sheriff war und dabei an eben den Bedingungen gescheitert zu sein scheint, die er auch in dieser kleinen Stadt erneut vorfindet. Doch anstatt beizugeben und sich gänzlich auf einen Posten am Rand des Geschehens zurückzuziehen, beschließt Hickman, zu helfen und der Stadt einen „anständigen“ Sheriff zu verschaffen. Indem er Owens ausbildet – und eben nicht nur an der Waffe und in der Beobachtung des Gegners, sondern auch, indem er dessen Anlagen, ein rechtschaffener Mann zu werden, fördert – macht er ihn zu einem Wegweiser in eine wirklich zivilisierte Gesellschaft, die auch Typen wie  Bart Bogardus hinter sich lassen wird.

Owens beobachtet und lernt. Er wird am Ende dieses Abenteuers in der Lage sein, den Posten, für den er sich sogar gegen seine Verlobte zu entscheiden gewillt ist, auszufüllen. Im Regelwerk des Western wird er ein Mann geworden sein, angeleitet von einem anderen Mann, den er als Mentor anerkannt hat. So bleibt der innere Konflikt der Geschichte natürlich erneut auf der persönlichen Ebene. THE TIN STAR weiß ebenso von der Gesellschaft, wie auch eine sehr intime Vater-Sohn-Geschichte zu erzählen. Doch ist durch Hickmans Job und Owens Posten als Sheriff die gesellschaftliche Bedingung der Figuren ein wesentlicher Movens, ohne den die Story so gar nicht erst geschehen könnte. So bezieht Mann so deutlich Stellung wie nie, indem er Bigotterie, Rassismus, Korruption und latente Gewaltbereitschaft als bedingende Begleiter der amerikanischen Demokratie benennt und bloßstellt.

 

[1] So pittoresk das alles im damals üblichen Technicolor anmuten mag  – Manns Inszenierung, die Darstellung dieser Frontiergesellschaft, aber auch das Set Design treffen den wirklichen Look, die Umgangsformen und soziale Robustheit, die an solchen Orten geherrscht haben mögen, wahrscheinlich recht gut.

2 thoughts on “STERN DES GESETZES/THE TIN STAR

  1. Steffi sagt:

    Unter dem Titel „Tin Star“ läuft gerade auf Sky eine Art moderner Western mit Tim Roth in der Hauptrolle. Wird dich nicht ansprechen, da es sich um eine Serie handelt, hat mir aber ganz gut gefallen. Der Sheriff, der aus England stammt, versucht in einer vermeintlich ruhigen kanadischen Kleinstadt mit seiner Familie einen Neuanfang – nach ehelichen Konflikten, Alkoholismus und heiklen Undercovereinsätzen, von denen wir erst sukzessive erfahren. Roth spielt einen Sheriff mit fast Jekyll&Hyde-artigen Zügen.

  2. Gavin Armour sagt:

    Danke für den Hinweis! Ich werde mich mal umschauen. Hörte dieser Tage auch von einer anderen Mini-Serie, die als Western daherkommt (Namen hab ich dummerweise wieder vergessen ;-)), da wollte ich auch mal reinschauen…

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