ALLES GELD DER WELT/ALL THE MONEY IN THE WORLD

Ridley bietet ein Sittengemälde der Schönen und Reichen anhand der Entführung eines 16jährigen

Als im Jahr 1973 der Milliardärsenkel John Paul Getty III. (Charlie Plummer), damals 16 Jahre alt, entführt wird, ist dies bald ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Erst recht, da sein Großvater, der Öl-Magnat J. Paul Getty (Christopher Plummer) sich weigert, das Lösegeld zu zahlen.

Die Familie Getty ist längst zerrissen. Der Vater des Entführten, John Paul Getty II. (Andrew Buchan), einst in leitender Funktion der väterlichen Firma, ist in den Marihuana-Schwaden der späten 60er verloren gegangen. Sein Sohn war einige Zeit bei ihm, doch zuletzt lebte er bei seiner Mutter Gail (Michelle Williams) in Rom. Dort wurde er entführt.

Da Gail bei ihrer Scheidung im Jahr 1964 auf alle Unterhaltszahlungen für ihre Kinder verzichtet hat, im Gegenzug aber verlangte, daß der Patriarch der Familie keinen Einfluß auf deren Erziehung bekomme, verfügt sie entgegen der allgemeinen Annahme über keine Mittel, die geforderten 17 Millionen Dollar aufzubringen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als nach England zu reisen und Getty dort auf seinem Anwesen aufzusuchen.

Vor Ort lässt man sie allerdings nicht zu ihrem Ex-Schwiegervater vor. Der weigert sich weiterhin, das Lösegeld zu zahlen, da dies nur zu Präzedenzfällen führen würde. Stattdessen beauftragt er den ehemaligen CIA-Agenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg), sich des Falles anzunehmen. Chase ist für die Drecksarbeit im Getty-Imperium zuständig. Er soll Gail nach Italien begleiten, die Entführer ausfindig machen und Gettys Enkel befreien.

Die italienische Polizei zeigt sich hilflos. Man habe keine Kenntnis von dem Aufenthaltsort ihres Sohnes, wird Gail mitgeteilt. Mehrfach tritt ein Mann namens Cinquanta (Romain Duris) mit Gail in Verbindung. Er fordert das Geld und gibt der verängstigten Mutter Infos zum Befinden ihres Sohnes.

Paul wird in einer Berghütte festgehalten. Seine Häscher haben sich das Unternehmen viel einfacher vorgestellt. Sie hatten angenommen, daß ein Mann wie Getty das Lösegeld mal eben so zahlen würde. Nun wissen sie nicht, wie sie sich verhalten sollen. Zudem kommt es auch innerhalb der Gruppe zu Spannungen, erst recht, als der Junge die Gesichter von Cinquanta und einem weiteren Mann zu sehen bekommt. Bei einer solchen Gelegenheit tötet Cinquanta seinen Kameraden, als dieser den Jungen töten will, da dieser sie doch alle verraten könne.

Die anderen Entführer verbrennen die Leiche. Als sie gefunden wird, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, hält die Polizei den Toten für Paul. Gail soll ihn identifizieren. Chase ist sofort klar, daß dies nicht die Leiche des Jungen ist. Allerdings kann er anhand einiger Indizien den ungefähren Aufenthaltsort lokalisieren.

Paul wurde derweil an eine süditalienische Mafiaorganisation verkauft. Den Entführern wurde das Unternehmen zu heiß, zumal der Winter vor der Tür steht und sie nicht wissen, wie sie ihn in den Bergen überstehen sollen. Cinquanta begleitet Paul zu seinem neuen Versteck, während die anderen die Hütte räumen. Noch während sie ihre Abreise vorbereiten, greift ein Kommando der italienischen Polizei zu und macht kurzen Prozeß: Alle Entführer vor Ort werden getötet.

Erneut kommt es zu telefonischen Verhandlungen. CInquanta, der den Jungen mittlerweile gernhat, versucht Chase klar zu machen, wie gefährlich diese Leute sind, die Paul nun in ihrer Gewalt hätten. Deren Geduld sei weitaus weniger strapazierfähig als die seiner ursprünglichen Entführer. Immerhin haben die die Forderung auf 4 Millionen Dollar gesenkt. Doch auch die will der Alte nicht zahlen. Eine Million ist das Äußerste, was er zu zahlen bereit ist – der Betrag wäre in dieser Höhe steuerlich absetzbar.

Derweil frönt J. Paul Getty seiner Leidenschaft. Er erwirbt ein Bild, das er schon lange sucht und welches einen Jungen auf dem Arm seiner Mutter zeigt. Wie ein Baby hält er es schließlich im Arm und flüstert immer wieder „Du armes Kind.“ Als Chase ihn auf den Widerspruch zwischen seinen Emotionen hinsichtlich seiner Kunstsammlung und dem fehlenden Mitgefühl gegenüber seinem eigenen Enkel hinweist, erklärt Getty ihm, er möge Gegenstände, weil diese immer sie selbst seien, sich nicht änderten.

Da Getty zumindest die eine Million zu zahlen bereit ist, erklärt Gail sich widerwillig einverstanden, seine Forderungen zu erfüllen: Sie soll auf jegliches Zugangsrecht zu Paul und ihren anderen Kindern, alle aus der Ehe mit John Paul Getty II., verzichten.

Doch die Entführer lehnen die eine Million ab. Stattdessen machen sie ernst und schneiden Paul ein Ohr ab. Die Wunde behandeln sie mit Penicillin, worauf Paul allergisch reagiert. Cinquanta ist alarmiert und versucht Chase und Gail am Telefon die Lage zu verdeutlichen. Als nächstes, so droht er, verlöre Paul einen Fuß, dann eine Hand usw.

Die Zeitung, an welche das Ohr geschickt wurde, bedrängt Gail nun ebenfalls, da die Redaktion die ganze Sache als Exklusiv-Story betrachtet und natürlich berichten will. Sie bieten ihr eine geringe Entschädigungszahlung.

Chase ist außer sich und reist erneut nach England und stellt Getty zur Rede. Chase stellt klar, selbst die ursprünglichen 17 Millionen seien nicht einmal eine Tageseinnahme für Getty. Wie viel Geld der denn noch wolle? Getty antwortet: Mehr. Doch gibt er nun angesichts der Entwicklungen und der Brutalität der Entführer nach und erklärt sich bereit, die vollen vier Millionen zu bezahlen und zudem auf seine Forderungen gegenüber Gail zu verzichten.

Chase und Gail reisen mit dem gesamten Betrag nach Italien. Cinquanta gibt ihnen genaue Anweisungen, wie und wo das Geld zu hinterlegen sei und wo Paul dann auf sie warten werde. Nachdem sie das Geld deponiert haben und Paul abholen wollen, finden sie diesen aber nicht an der vereinbarten Stelle.  Paul, vollkommen entkräftet und verängstigt, ist geflohen. Er rennt querfeldein durch die italienischen Wälder, bis er in eine kleine Stadt kommt.

Die Entführer merken bald, daß Chase sie hintergangen und ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt hat. Sie beschließen, Paul dafür zu töten. Sie gelangen ebenso in die Stadt, wie Chase und Gail. Es entbrennt eine hektische Suche nach dem Jungen. Schließlich trifft einer der Entführer auf Paul und will ihn umbringen, als Cinquanta hinzukommt und den Mann tötet. Dann fordert er Paul auf, endlich zu fliehen. Der rennt seiner Mutter und Chase in die Arme. Zu dritt fliehen sie aus der Stadt und dann aus dem Land.

In einem Nachtrag sieht man, wie Gail nach Gettys Tod im Jahr 1976 in Ermangelung anderer Erben und der völligen Unfähigkeit ihres Ex-Mannes als Verwalterin des Getty-Vermögens eingesetzt wird, bis ihre Kinder alle das entsprechende Alter erreicht haben, um ihr Erbe anzutreten. So erfährt sie, daß Getty zwar unermesslich reich gewesen ist, sein Vermögen jedoch als Stiftung angelegt und deshalb zwar steuerfrei, jedoch nicht ausgabefähig war. Deshalb legte er es in Kunst an, die der Stiftung gehörte. Gail beginnt, große Teile der Sammlung zu verkaufen.

Bei manchen Filmen fragt man sich, was die genaue Intention hinter der Produktion gewesen sein mag. Ein wenig geht es einem so bei Ridley Scotts ALL THE MONEY IN THE WORLD (2017). Was will der Künstler uns mit seiner akribisch und detailverliebt rekonstruierten Geschichte aus den frühen 70er Jahren mitteilen, die von der seinerzeit vielbeachteten und sich über Monate hinziehenden Entführung des Milliardärsenkels John Paul Getty III. erzählt? Daß Geld den Charakter verdirbt? Wie stark die Dialektik ist zwischen einem Ölbaron und seiner Weltsicht und einem Verbrechen, das das schiere Leben zur Handelsware macht? Wie verkommen die Reichen in ihrer Dekadenz sind und wie heftig diese Dekadenz auch auf andere abfärbt? Die Kurzantwort auf diese Fragen lautet einfach: Ja. Genau davon berichtet Ridley Scott in seinem auf einem Drehbuch von David Scarpa beruhenden Film.

Scarpas Script beruht seinerseits auf einem Sachbuch, welches u.a. die Entführung von Gettys Enkel ebenfalls akribisch nachzeichnete[1]. Scott, berühmt-berüchtigt für die präzise und genaue Vorbereitung seiner Filme und die ebenso konzentrierte und schnelle Arbeit am Set, gelang es, ein Sittenbild der frühen 70er zu malen, irgendwo zwischen den Superreichen und der Pop-Kultur, zu der sich auch Gettys Sohn und vor allem sein Enkel hingezogen fühlten. So wird aus dem Stoff ein packendes Drama aus der Welt der Reichen und Schönen, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben und dennoch immer wieder mit einem gewissen bärbeißigen Witz und unterschwelliger Ironie von den Unbilden einer Familie zu erzählen, die unter der brutalen Herrschaft eines egozentrischen Stammhalters und klassischen Patriarchen leidet.

Getty hatte sein Vermögen mit Öl gemacht, er gilt aber bis heute auch und vor allem als einflußreicher Kunstsammler und Mäzen. Doch die Liebe zur Kunst hat ihm keine Liebe zu den Menschen gegeben. Als sein Enkel entführt wurde, weigerte er sich schlichtweg, das Lösegeld zu bezahlen. Vielmehr zeigte er sich – auch öffentlich – halsstarrig und uneinsichtig. Erst, als die Entführer seinem Enkel ein Ohr abschnitten und drohten, ihn Stück für Stück „nachhause“ zu schicken, zudem eine Penicillin-Allergie auftrat, die den damals 16jährigen zu töten drohte, gab er nach und zahlte schließlich um die 4 Mio. Dollar. Später verlangte er von seinem Sohn, ihm einen Teil des Geldes mit Zinsen zurück zu zahlen.

In einer der entscheidenden und vielschichtigsten Szenen des Films zeigt Scott, wie Getty seinem Angestellten Fletcher Chase – einem ehemaligen CIA-Agenten, der für ihn Verhandlungen führt, manchmal auch die Drecksarbeit erledigt – erklärt, er liebe die Kunst so, weil die „Dinge“, also die Gegenstände seiner Begierde, sich nie veränderten. Sie sind beherrschbar, da sie statisch immer sie selbst bleiben. Eine Betrachtungsweise, die an sich schon zu hinterfragen wäre, doch sagt sie im Film nahezu alles aus, was man über diesen Mann wissen muß. In einer weiteren Szene, in der Chase seinen Auftraggeber mit dessen eigener Geldsucht und seinem Geiz konfrontiert und darauf hinweist, daß das ursprünglich verlangte Lösegeld von 17 Mio. Dollar für ihn nicht einmal eine Tageseinnahme darstelle und wie viel er eigentlich noch wolle, antwortet der Alte: Mehr. Ein einsamer alter Mann, der Geld braucht, wie andere Menschen die Luft zum Atmen, der sich in seinen Häusern verschanzt und hinter seinen Millionen und am Ende doch nur eines hat: Angst. Angst vor einer unkontrollierbaren Welt, in der Menschen existieren, die eigene Wege gehen, Fehler machen und nicht zu beherrschen sind.

Sein eigener Sohn, John Paul Getty II., hatte sich nach Jahren als Leiter im väterlichen Konzern den Ausschweifungen der späten 60er hingegeben. Er zog mit der Jet-Set-Elite des neuen Adels – Rockstars wie Mick Jagger, Top-Models oder Playboys wie Gunter Sachs – um den Globus, gab ausschweifende Partys und verfiel selbst einer veritablen Drogensucht. Ein Leben, daß der alte Getty nicht nur nicht verstand, sondern verachtete. Es mag aufgrund dieses Unverständnisses gewesen sein, daß der Alte zunächst annahm, die ganze Entführung sei ein Fake, inszeniert, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch auch als klar wurde, daß die Entführung kein Fake, daß sein Enkel in wirklicher Gefahr schwebt, gab er nicht nach. Prinzipienreiterei (man verhandelt nicht mit Entführern und Terroristen)? Verachtung anderer und deren Schicksals? Oder eben einfach nur Geiz?

Ridley Scott gelingt es, die unterschiedlichen Arten von Dekadenz perfekt darzustellen und gegeneinander auszuspielen. In teils erlesenen Dekors und an ausgewählten Locations in England, Italien und Marokko gedreht, kann man in ALL THE MONEY IN THE WORLD das Leben des Alten in Herrenhäusern und Villen ebenso bestaunen, wie das seines Sohnes in Drogenhöhlen und marokkanischen Palästen, wo im Hintergrund die Stones gerade die Ballade Wild Horses spielen. Während sein Enkel in einer Berghütte darbt, ersteht der Milliardär ein Gemälde, hinter dem er schon lange her ist, das offenbar gestohlen wurde, da er es, so die Warnung des Händlers, nicht öffentlich ausstellen solle. Hier sehen wir den alten Mann einmal Gefühle zeigen. Er nimmt das Bild, das eine Mutter mit ihrem Kind zeigt, und flüstert wieder und wieder „das arme Kind, das arme Kind“ – eine Gefühlsregung, die er weder für seinen Enkel, nicht für den eigenen Sohn und schon gar nicht für seine ehemalige Schwiegertochter, die Mutter des Entführten, erübrigt.

Dieser Mangel an Mitgefühl spiegelt sich im Film in der Haltung der Entführer. Die bleiben eher blass, so aber auch durchgehend bedrohlich. Nur Cinquanta, zu dem Paul Vertrauen fasst und der die ganze Zeit bei ihm bleibt und versucht, die Leiden des Jungen zu mildern, wird im Film zu einer wirklichen Figur eigenen Rechts. Aber auch er ist infiziert von der Geldgier. Und er ist brutalisiert – als einer seiner Kameraden dem Jungen sein Gesicht zeigt, erschießt Cinquanta nicht den Jungen, sondern seinen Mitentführer recht emotionslos. Die frühen 70er waren gerade in Italien eine wilde Zeit. Neben dem Leben der High Society in Rom gab es krasse Auseinandersetzungen zwischen der Rechten und der Linken, beide politischen Richtungen radikalisierten sich, Terrororganisationen wurden gebildet, zudem waren die Mafia und andere mafiaähnliche Organisationen sehr stark. Ein aufgeheiztes Klima, in dem nicht lange gefackelt wurde. Obwohl die politischen Implikationen im Film keine große Rolle spielen, kann man die grundlegende Nervosität spüren: Bei der Erstürmung der Hütte, die Chase ausfindig machen konnte, wird mit den dort Angetroffenen kurzer Prozeß gemacht. Aber auch, daß niemandem – nicht der Polizei, nicht der Politik und letztlich auch allen andern Beteiligten – die Entführung eines reichen Enkels sonderlich wichtig war, verdeutlicht der Film. Die Entführung und die Zahlung des Lösegeldes werden als ein immanenter Kreislauf begriffen. Der alte Patriarch hat das Geld, soll er es doch zahlen, so scheint der grundlegende Tenor zu sein.

In einer Welt, in der alles Ware ist, wird eben auch das Leben zur Ware und verhandelbar. Der alte Getty lässt sich von Fletcher Chase dazu überreden, einen Teil des Lösegeldes zu zahlen – exakt die eine Million Dollar, die steuerlich absetzbar ist. Die Medien verdammen zunächst Gail, die Mutter des entführten Jungen, da sie sich nicht mit deren Lebensverhältnissen beschäftigen und annehmen, auch sie sei reich und wolle das Geld nicht zahlen. Daß sie durch ihren Ehevertrag gar keinen Zugriff auf das Vermögen hat, lassen sie außer Acht. Das Leben eines entführten 16jährigen ist hier – außer für seine Mutter, die im Zentrum des Films steht und für die das Drehbuch als einzige wirkliche Sympathien zu hegen scheint – lediglich Spielball. Es bedeutet niemandem an sich etwas. Es garantiert Geld, in jedem Bezug. Auch für die Medien, deren Auflage steigt – und die selber Teil des Spiels werden, da die Entführer das abgeschnittene Ohr an eine Zeitungsredaktion schicken, woraufhin es zu Verhandlungen mit Gail kommt, da kein Redakteur bereit ist, aus Rücksicht auf eine Veröffentlichung zu verzichten.

Es entsteht ein dichtes Geflecht aus Fakten, Gerüchten, Halbwahrheiten, Angst und einem Geschäftsgebaren, in dem sich ein ganzes kapitalistisches System offenbart. Gerüchte heizen die Börsen an und können Preise in die Höhe treiben oder fallen lassen. Jeden Morgen steht Getty in seinem Landhaus im Morgenmantel vor dem Telex und kontrolliert die Kurse bei Öffnung der Börsen. Sein Enkel stellt derweil selbst einen Wert dar, besser: einen Gegenstand, dessen Wert ununterbrochen steigt und fällt. Seine Entführer, die glaubten, mit Getty einen großen und vor allem schnellen Fang gemacht zu haben, sehen sich nicht mehr in der Lage, dessen Gefangenschaft auch über den nahenden Winter verantworten zu können. Also verkaufen sie ihn weiter. Die mafiöse Organisation, die ihn erwirbt, senkt den Preis auf 4 Mio. Dollar Lösegeld – die Ware ist bereits beschädigt durch die monatelange Isolation. Aber sie wird von den neuen Herren über dieses Leben weiter beschädigt. Sie schneiden dem Jungen das Ohr ab – eine der grausigsten Szenen, die man bis dato seit Langem auf der Leinwand beobachten durfte – um den Druck zu erhöhen. Alles hier ist Verhandlungssache und es scheint nur darum zu gehen, wer der beste Verhandler ist. Der beste Unterhändler. Und der härteste. Mit der Verstümmelung scheint zugleich eine Professionalisierung der Entführung stattzufinden. Man muß halt Druck an den Märkten machen, wenn man Profit erzielen will. Und genau das machen die Entführer.

Der beste Unterhändler auf der anderen Seite ist Fletcher Chase. Allerdings – und Scott wird um die Ironie dessen gewusst haben – ist er auch einer der wenigen in dieser Gemengelage, der sich einen Funken Menschlichkeit bewahrt hat. Er ist immer an Gails Seite, auch wenn die sich zunächst dagegen wehrt. Er begleitet sie, als die italienische Polizei fälschlicherweise behauptet, Pauls entstellte und verbrannte Leiche gefunden zu haben, er findet die Hütte, Pauls erstes Versteck, und er ist es, der schließlich den alten Getty zur Rede stellt. An einer Stelle des Films erklärt er Gail, daß sie sich, wie alle, in ihrer Vorstellung eines CIA-Agenten täusche. Er töte nicht, er hecke keine Komplotte aus und zettele keine Staatsstreiche an, sondern es sei immer sein Job gewesen, zu verhandeln. Das sei, was er täte. So wird auch aus dem in der Hochzeit des Kalten Krieges ebenfalls so beliebten Agentenstoff, der vor allem in der James-Bond-Reihe verwurstet wurde, aber auch etliche seriösere Abhandlungen erfuhr, ein Teil des großen Kapitalgeschäfts. Man verhandelt. Alles ist ein Spiel, in dem man die Nerven behalten muß. Und das kann der Alte am allerbesten, schon deshalb, weil er gegenüber niemandem tiefere Gefühle hegt. Wie gewieft er ist, zeigen auch seine Winkelzüge im Aufbau seines Geld-Imperiums: Steuerfreibeträge, weil es als Stiftung angelegt ist, sorgen dafür, daß es immerzu wachsen kann, verhindern aber auch, daß das Geld frei verfügbar ist.

Natürlich lässt es sich ein Regisseur wie Ridley Scott nicht nehmen, dem Stoff auch jene Seiten abzugewinnen, die Thriller-Potential haben. Vor allem die Schlußszenen, nachdem Paul freigelassen wurde und versucht, in eine nahegelegene Stadt zu fliehen, verfolgt von seinen ehemaligen Häschern, seiner Mutter und Chase sowie der Polizei, inszeniert der Meisterregisseur gekonnt als Hetzjagd auf ein Kind. Doch auch zuvor schon treibt er die Spannung immer wieder voran, lässt das innere Gefüge, das zwischen den Figuren entsteht, mit dem äußeren Gefüge der Story korrespondieren, das eine im andern sich spiegeln und aufgehen. So ist ALL THE MONEY IN THE WORLD eben auch als Thriller konzipiert und kann auch als solcher überzeugen.

Wichtig, um diese Geschichte in ihrer ganzen pompösen Kälte zu erzählen, ist ein realistisches Szenario, eine genau recherchierte und präsentierte Mise en Scène. Das Art Departement des Films hat dafür wirklich hervorragende Arbeit geleistet.  Jene Jahre um 1970 ff. werden perfekt eingefangen. Die Kostüme, die Sets, die Autos, die Wohnungen, das gesamte Dekor, alles wirkt wie ein direkter Blick in die frühen 70er. Doch nicht nur auf dieser Ebene funktioniert der Film. Damals wurden viele Filme, gerade auch in Europa, auf dem Material von Panavision gedreht, dessen Charakter die Bilder grobkörnig, authentisch und die Farben nicht so grell und unnatürlich wie das Technicolor-Verfahren, sondern eher blass und ausgewaschen wirken ließ. Diesen Effekt stellte Scotts Team digital her, so daß man den Eindruck gewinnt, man schaue einen Film aus den frühen 70er Jahren. Die Szenen in der Berghütte, wo John Paul Getty III. zunächst festgehalten wird, könnten das Setting eines Italo-Western oder jener, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre so beliebten Euro-Thriller sein, die international produziert und oft mit abgehalfterten amerikanischen Stars besetzt, die Kinos fluteten und eine ganz eigene Ästhetik hervorbrachten. Diese Herangehensweise ist wichtig, da Scott so nicht nur einfach eine Geschichte erzählen konnte, sondern den Zuschauer in eine Zeit zu versetzen versteht, die lange vergangen scheint. Er wird Teil dieser Vergangenheit.

Doch all dies ist nur die Kulisse, der Hintergrund für die exzellente Arbeit des Kameramanns Dariusz Wolski, der den Film in mal rasanten, mal epischen Bildern einfängt, mehr aber noch für die Arbeit der Schauspieler. Bevor ALL THE MONEY IN THE WORLD überhaupt erschien, machte der Film Schlagzeilen, weil Ridley Scott einen seiner Hauptdarsteller ersetzte und in 19 wahrscheinlich sehr nervenaufreibenden Tagen sämtliche Szenen nachdrehte, in denen er auftrat. Es handelte sich dabei um Kevin Spacey, der sich Vorwürfen sexueller Übergriffe gegenüber Untergebenen während seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter des Old Vic Theatre in London ausgesetzt sah. Spacey setzte sich zur Wehr, gestand aber auch ein, sich an gewisse Momente nicht mehr erinnern zu können. Wegen der Vorwürfe sexueller Belästigung entschieden sich Scott und die Produktionsfirma, die federführend war, Spacey komplett aus dem Film zu nehmen und durch Christopher Plummer zu ersetzen. Der damals bereits 87jährige Kanadier sagte zu und lieferte eine brillante Leistung ab. Man nimmt ihn diesen in sich verschlossenen Mann, der Gefühle für Gegenstände, aber nicht für Menschen hat, komplett ab. Scott sagte später, Plummer sei so oder so seine erste Wahl gewesen, die Produktionsfirma habe Spacey durchgesetzt, da der vor dem Skandal ein Star mit großem Kassenpotenzial gewesen sei. Wie dem auch sei, Plummer jedenfalls erledigt seine Aufgabe mit Bravour.

Aber auch Mark Wahlberg in der Rolle des Fletcher Chase kann hier einmal mehr beweisen, was für ein herausragender Schauspieler er ist, weit über dem Niveau all der Actionreißer, die er meist dreht. Michelle Williams ihrerseits zeigt großen Mut, sich teils ungeschminkt und äußerst verletzlich zu präsentieren. Man nimmt ihr die Rolle der Mutter, die mit allen Mitteln um das Leben ihres Kindes kämpft, ab. Diese Melange aus Hilflosigkeit, Wut, auch Verachtung gegenüber dem alten Getty und seinem Imperium und zugleich dem Wissen, daß sie zwingend auf ihn angewiesen ist, wirkt glaubwürdig und absolut nachvollziehbar. Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Charlie Plummer als Gettys Enkel, Romain Duris als Cinquanta und etliche andere füllen ihre Rollen hervorragend aus und erwecken die Figuren zum Leben.

Scott ist mit ALL THE MONEY IN THE WORLD ein feiner Film gelungen, der eine einfache, dramatische, manchmal tragische Geschichte spannend erzählt und anhand dieser Geschichte einen Kommentar auf eine Welt und ein System abgibt, die durch und durch kapitalisiert sind. Ein bissiger Kommentar. Umso ironischer, daß der Film selbst ein Beispiel für Kommerzialisierung wurde, indem ein in Ungnade gefallener Schauspieler herausgeschnitten und ersetzt wurde. Nicht zuletzt, weil es eben Kassengift gewesen wäre, Spacey im Film zu lassen. Vielleicht unterminiert dies die Wahrheit des Films. Vielleicht wird sie dadurch aber auch umso wahrer. Und vielleicht stützt sie Scotts Intention mehr, als man ahnt.

 

[1] Pearson, John: PAINFULLY RICH. THE OUTRAGEOUS FORTUNE AND MISFORTUNES OF THE HEIRS OF J. PAUL GETTY. New York, 1995.

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