AUDITION/オーディション/ŌDISHON

Takashi Miike führt sein Publikum in die Untiefen eines Männeralbtraums

Shigeharu Aoyama (Ryō Ishibashi) hat vor sieben Jahren seine Frau verloren. Seither erzieht er seinen Sohn Shigehiko (Tetsu Sawaki) allein. Nun, da der Junge langsam auf das Erwachsenenalter zugeht, erlaubt Aoyama es sich, darüber nachzudenken, ob er sich erneut binden, vielleicht wieder heiraten soll. Shigehiko unterstützt und ermuntert ihn.

Aoyama weiß nicht, wie er eine Frau kennenlernen soll, an die herkömmlichen Partnervermittlungen mag er sich nicht wenden. Sein Freund Yasuhisa Yoshikawa (Jun Kunimura), ein Fernsehproduzent, schlägt ihm ein fiktives Casting vor. Sie geben vor, die Hauptdarstellerin für eine Serie zu suchen, was viele junge und hübsche Frauen anlocken würde, aus denen Aoyama dann eine Auswahl treffen könne.

So lernt Aoyama die junge Asami Yamazaki (Eihi Shiina) kennen. Die junge Frau berührt ihn sofort. Nach anfänglichem Zögern ruft Aoyama sie schließlich an und verabredet sich mit ihr. Asami ist ausgesprochen schüchtern, kaum wagt sie es, Aoyama anzublicken. Er stellt ihr Fragen nach ihrem Leben und ihren Träumen und Plänen, doch bleibt sie ihm ein Rätsel. Erst nach und nach gibt sie einiges über sich preis.

Dabei erfährt Aoyama dann, daß Asami Opfer fürchterlicher Mißhandlungen durch ihre Tante wurde, bei der sie aufwuchs. Sie sollte eine Balletttänzerin werden, geriet aber auch hier offenbar an einen sadistischen Lehrer, der sie zu sexuellen Handlungen zwang und dabei mit glühenden Stäben verletzte.

Immer offener sprechen Aoyama und Asami über ihre Gefühle, bis er sie schließlich fragt, ob sie ihn heiraten wolle. Sie bittet um Bedenkzeit, doch vor allem will sie, daß er sie und nur sie liebe, nichts und niemanden sonst. Aoyama verspricht es.

Nach der ersten Nacht, die die beiden miteinander verbringen, verschwindet Asami spurlos. Aoyama macht sich anhand der wenigen Informationen, die er über Asami hat, auf die Suche nach ihr. Doch dabei stößt er auf immer größere Widersprüchlichkeiten in ihren Angaben. Die Adresse, die sie ihm gegeben hat, kann nicht stimmen, die Bar, in der sie angeblich drei Mal die Woche arbeitet, ist seit Jahren geschlossen. Der Tanzlehrer entpuppt sich als querschnittsgelähmter alter Mann.

Mehr noch als die Hinweise, daß Asamis Geschichte(n) nicht stimmen kann, verstören Aoyama jedoch Visionen, von denen er immer wieder heimgesucht wird: Bekannte, die ihn zufällig mit Asami gemeinsam getroffen zu haben scheinen, warnen ihn, auch andere, unter anderem Yasuhisa Yoshikawa, fordern ihn auf, sich nicht auf „diese Frau“ einzulassen.

Aoyama kann immer weniger unterscheiden, ob er wacht oder träumt. Als er eines Abends nachhause kommt, ist Shigehiko ausgegangen. Aoyama will den Abend mit einem Drink ausklingen lassen, zumal er mittlerweile vollkommen ratlos ist, was die Suche nach Asami betrifft. Bald nachdem er von seinem Whisky getrunken hat, befällt ihn eine Lähmung. Zunächst wird er in einen Wirbel aus Erinnerungsschnipseln und Assoziationen gezogen, die seine Geschichte mit Asami ebenfalls in Frage zu stellen scheinen.

Als Aoyama wieder zu sich kommt, kann er sich kaum mehr bewegen. Asami hat sich Zutritt zu seiner Wohnung verschafft und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie für seinen Zustand verantwortlich ist. Dann beginnt sie damit, ihn zu foltern, wobei sie ihn mit Akupunkturnadeln quält und mit lieblicher Stimme abwechselnd summt und ihm erklärt, was sie zu tun gedenkt, weshalb er trotz seiner Lähmung diese entsetzlichen Schmerzen spüre und daß es nicht anständig sei, junge Mädchen mit falschen Versprechungen zu locken.

Dann amputiert sie ihm mit einem Knochendraht einen Fuß. Zuvor war Aoyama in eienr seiner Visionen Zeuge davon geworden, wie sie diese Technik bereits fachmännisch an ihrem ehemaligen Tanzlehrer praktiziert hatte, der dabei allerdings seinen Kopf, nicht den Fuß, verlor.

Gerade als Asami dazu übergehen will, Aoyama weiter in Stücke zu schneiden, taucht Shigehiko auf, der verfrüht von seiner Verabredung zurückgekommen ist. Asami geht auf ihn los, doch es gelingt dem Jungen, sie die Treppe in der Wohnung hinab zu stoßen, wobei sie sich offenbar den Hals bricht.

Während Shigehiko panisch die Polizei und einen Krankenwagen ruft, um seinen Vater zu retten, betrachtet der – wohl sterbend – die ebenfalls tot scheinende Asami, die dann aber beginnt, mit ihm zu sprechen. Sie macht ihm Vorwürfe, sie nicht mit der Unbedingtheit geliebt zu haben, die sie eingefordert habe. Und sie spricht von ihrem verletzten Herzen.

Erneut setzen bei Aoyama die Assoziationsketten ein, wobei er auch Asami sieht, die ihm nun die Frage, ob sie ihm heiraten wolle, mit Ja beantwortet. Es bleibt unklar, ob die Erlebnisse mit Asami ein Traumgespinst, eine Vision waren oder vielleicht doch der Wirklichkeit entsprachen…

Wie blickt man auf Kunst, die Gesellschaften entstammt, über die man vielleicht einiges Angelesenes weiß, die man aber nicht kennt und dementsprechend nicht versteht? Zu fremd ist sie in ihren eigenen Regeln, in ihren Konventionen, den Tabus, die sie hervorgebracht hat. Und wie schaut man speziell auf ein Kino, dessen Konventionen, Regeln und auch scheinbare Tabulosigkeit dem durch den amerikanischen, sprich: Den Hollywood-Film, geprägten Betrachter ebenso fremd und ungewohnt sind? Gern wird solch fremdes Kino dem Genrekino einverleibt, um mit einem Ordnungs-System arbeiten zu können, ohne dem fremden Kino, dem fremden Blick, damit gerecht zu werden.

Der japanische Regisseur Takeshi Miike wird in Europa und auch in den USA gern als Vertreter des harten, dem Splatterfilm verwandten Horrorfilms betrachtet. Weltweit erregte er Aufsehen, als sein Film AUDITION (オーディション/ŌDISHON, 1999) zur Jahrtausendwende auf verschiedenen europäischen Festivals gezeigt wurde und sehr schnell Kultcharakter zugesprochen bekam. Offiziell wird Miikes Werk gern als Horrorfilm tituliert, was ihm aber möglicherweise nicht gerecht wird und seine Rezeption erschwert. Denn ganz offensichtlich ist dies nur bedingt ein Horrorfilm. Vielmehr hat man es mit einem Drama zu tun, das – durchaus in europäischer Tradition, bspw. der eines Luis Buñuel – surrealistische Züge trägt und dem Betrachter weiten Interpretationsspielraum lässt.

Die Geschichte um einen Mann, der sieben Jahre, nachdem er seine Frau durch Krankheit verloren hat, erneut heiraten will, nicht weiß, wie er eine Frau kennenlernen soll und mit der Hilfe eines Freundes, ein Fernsehproduzent, eine Art Casting für einen fiktiven Film veranstaltet, um diverse Frauen kennenzulernen, läuft sehr langsam an und man kann Miike vorwerfen, daß der Film nie wirklich Tempo aufnimmt. Dem Regisseur ist es sichtlich weder um Schocks zu tun, noch baut er eine für einen Horrorfilm typische Spannung auf. Vielmehr führt er den Betrachter in ein verschachteltes Labyrinth aus Andeutungen, Traumsequenzen und Vermutungen, die meist nicht bestätigt werden, sondern für weitere Verunsicherung sorgen, bis der Film zu seinem Ende hin zwar einen Ausbruch von Gewalt zeigt, diesen aber mit derselben Ästhetik behandelt, wie zuvor seine Blicke auf Menschen, auf die Stadt und die Zeichen, die Mensch und Umgebung mal aneinander binden, mal voneinander abstoßen und Verwirrung stiften.

AUDITION bietet viele Ebenen der Interpretation, was in der Folge seiner Veröffentlichung zu ganz unterschiedlichen, manchmal widersprüchlichen Bewertungen führte. Dies sei ein zutiefst frauenfeindlicher Film, so die eine Auslegung; dies sei ein zutiefst feministischer Film, so die Gegenposition. Wahr ist, daß Miike mit seinen männlichen Protagonisten Figuren vorführt, deren Blick auf Frauen durchaus verachtend ist. Mag dies bei Shigeharu Aoyama, jenem Herrn, der eine „neue“ Frau sucht, noch eine eher dem Unbewußten entsprungene Haltung sein, da er in seiner Verzweiflung nicht weiß, wie er die „richtige“ Frau finden soll, so muß man bei seinem Kumpel Yasuhisa Yoshikawa, dem TV-Produzenten, ganz klar von Misogynie und Verachtung sprechen. Auch, da der Mann sich eindeutig dahingehend äußert. Daß die beiden mit den Träumen und Hoffnungen von jungen Frauen spielen, ficht ihn nicht sonderlich an. Zynisch verspricht er Aoyama, mit einer Audition, einem Vorsprechen, genügend Frauen heranschaffen zu können, damit der sich eine auswählen könne.

Lange Zeit verfolgen wir also das Drama eines einsamen Mannes, der sich Jahre für seinen Sohn aufgeopfert hat und nun nicht zuletzt von diesem aufgefordert wird, erneut zu heiraten. Nachdem die Vorstellung gelaufen ist, verliebt er sich in die junge Asami Yamazaki, eine sehr schüchterne Frau, die sich im Laufe der Handlung zudem als äußerst geheimnisvoll entpuppt. Denn nach nur einer gemeinsam verbrachten Nacht verschwindet sie. Aoyama sucht sie in der großen Stadt, findet Hinweise und Spuren, muß aber gegenwärtigen, daß diese meist nirgendwohin führen, sich widersprechen und für immer größere Verwirrung sorgen. Die Suche nach Asami beansprucht den größten Teil des Films und sie dient Miike dazu, Tokyo als einen fremden Ort zu definieren, als einen Moloch, voller Hintertreppen, schmaler Gassen, dunkler Ecken, aber auch gesichtsloser Cafés und Restaurants und verwunschener Räume. Wir folgen Aoyama in düstere Bars, die es nicht mehr gibt, in Tanzstudios, deren Betreiber sadistische Rollstuhlfahrer sind, wir finden uns immer wieder in ebenso sauberen und fast sterilen Räumen wieder, wie wir auch den Dreck und den Siff zu sehen bekommen, die hinter den Einheitsfassaden und geleckten Oberflächen einer postmodernen Stadt lauern.

Ein Spiegel dessen, wie es in Aoyamas Kopf aussieht? Oder ist eine solche Betrachtung schon zu westlich, zu stark von herkömmlichen Produkten Hollywoods oder des europäischen Autorenfilms geprägt? Miike ist sicherlich selbst als eine Art Autorenfilmer zu betrachten, ein Filmemacher, der, wie er in Interviews unumwunden zugibt, stark geprägt ist von Hollywood-Filmen und dem europäischen Film der 50er, 60er und 70er Jahre; Jahre, in denen der Autorenfilm, das Kunstkino, zur vollen Entfaltung fand. So changiert sein Film lange zwischen einem echten Drama und einer Art Farce, in der er seine (männlichen) Protagonisten durchaus ein wenig lächerlich macht. Ihr Blick auf Frauen, ihre männliche Selbstgewißheit, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Positionen nutzen, ihre Macht ausnutzen, um sich Frauen gefügig zu machen – all das stellt Miike in seinem Film recht gnadenlos aus. Vor allem der arme Aoyama, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, der aber in seinen Reaktionen auf das, was Asami ihm erzählt – die Mißhandlungen, die ihr als Kind widerfuhren, die Schläge und Kälte der Mutter und der Verwandten – doch auch eine gewisse Sensibilität und ein Gespür für andere beweist, wird so zum Spielball entweder fremder Kräfte – wenn alles, was Miike uns vor der Kamera zeigt denn wirklich wahr ist – oder seines Gewissens. Denn daß sein und Yoshikawas Vorgehen nicht gerade astrein ist, wird ihm durchaus bewußt. So sind seine Annäherungen an Asami immer auch von einer Scham, einer Schuld geprägt, die er nicht versteht, die er aber auf sich zu nehmen bereit erscheint. Fast unterwürfig nähert er sich ihr und drängt sie, die ihrerseits immer sehr defensiv und verschämt wirkt, in eine immer machtvollere Position, ohne das Miike dem Zuschauer nachvollziehbare Motive liefert. Es sei denn, man wolle ihm unterstellen, mit Aoyamas Verhalten einfach nur einen Mann charakterisieren zu wollen, der alle Übung im Umgang mit dem andern Geschlecht verlernt hat in seinen Jahren der Trauer. Das allerdings wäre für ein Werk, das so stark mit Symbolik arbeitet doch etwas zu banal.

So wird das letzte Viertel des Films, wenn Asami scheinbar zum Gegenschlag ausholt, in Aoyamas Wohnung eindringt und diesen zuerst mit einem Gift lähmt und dann langsam verstümmelt und zu Tode foltert, zu einem Fanal, bei dem wir nicht verstehen können – schlicht weil Buch und Regie dies nicht wollen und uns durch Schnitt und vor allem die Montage kunstvoll jegliche Eindeutigkeit verwehren – ob dies die Realität oder lediglich eine extreme Reaktion in Aoyamas Kopf ist, ein Albtraum vielleicht, oder ein Traumata, eine Psychose, ausgelöst durch seine Gewissensbisse, durch das Wissen, mit seiner Aktion einer Frau wie Asami niemals gerecht werden zu können und seine Scham darüber, jemals geglaubt zu haben, daß eine Idee wie der des Vorsprechens zielführend sein könnte. Nur hat er diese Erkenntnis nie kommuniziert, auch Asami nicht. Mißkommunikation und Sprachlosigkeit, die zu Mißverständnissen führt, so weit das Auge reicht in diesem Film.

Asami verlangt von Aoyama, daß dieser sie bedingungslos liebe. Und zwar nur und ausschließlich sie. So wird ihr das Auftauchen von Aoyamas Sohn Shigehiko mitten in Asamis Prozedur und die Reaktion des Vaters zu einem weiteren Zeichen für dessen Verlogenheit, und sie stellt fest, daß er ja doch jemand anders liebe und offenbar eben auch nur einer dieser ewig lügenden Männer sei. Denn offenbar hat sie ihre Bitte, nur und nur sie zu lieben, sehr, sehr wörtlich gemeint. Noch mehr Mißverständnisse, unausgesprochene Erwartungen und Anforderungen. Man kann also durchaus mit jenen Kritikern übereinstimmen, die in Miikes Film eine Abhandlung, wenn nicht gar eine Meditation über männliche Ängste vor weiblichen Gefühlen, vor weiblicher Sexualität und Frauen generell sehen wollen. Andererseits streut Miike eine Menge Zeichen und Hinweise in seinen Film ein, die Asami als einen Geist ausweisen könnten. Ihre Geschichte stimmt nicht, ihre Angaben sind falsch, die zeitlichen Abläufe passen nicht. Könnte sie so etwas wie eine Furie sein? Ein Racheengel aller Frauen, die unter männlicher Unterdrückung gelitten haben? Möglich ist es und genau diesen Interpretationsspielraum lässt Miike dem Zuschauer sehr bewusst.

So drastisch diese Minuten am Ende des Films auch ausfallen – auch sie entsprechen keinesfalls herkömmlichem Horror- oder Splatterkino. Ästhetisch zu ausgefeilt, dramaturgisch zu langsam und auch ohne die notwendige Distanzlosigkeit gegenüber dem Geschehen, die nötig wäre, um den Zuschauer wirklich zu schockieren, ist dieses Finale wie eine kühle Studie inszeniert. Wir betrachten eher eine klinische Operation, die zwar zu furchtbaren Schmerzen bei Aoyama führt, begleitet von Asamis Erklärungen hinsichtlich dessen Nichtbeachtung weiblicher Bedürfnisse – so fragt sie ihn, rein rhetorisch natürlich, ob er immer jungen Frauen Dinge verspräche, bspw. den Auftritt in einer Fernsehproduktion, um sie dann lediglich zu „ficken“? – die uns zwar ekelt, der wir aber dennoch mit erstaunlichem Abstand gegenüberstehen. Und Miike sorgt für größtmögliche Verwirrung, indem er durch den Schnitt, die Anordnung seiner Bilder und mit Bildern, die dem bisherigen Verlauf der Handlung widersprechen, bzw. diesen ad absurdum führen, immer wieder andeutet, daß wir es hier lediglich mit einem Traum oder einer Vision zu tun haben. Oder – die Geistertheorie – etwas Metaphysischem.

Wahrscheinlich hat man es bei AUDITION eher mit einer Allegorie denn mit einem herkömmlichen Horrorfilm zu tun. Das asiatische Kino kennt Grausamkeit und Gewalt auch außerhalb des reinen Genrefilms. Der koreanische Regisseur Kim Ki-duk konfrontiert sein Publikum in Filmen wie SEOM – DIE INSEL (2000) ebenfalls mit Bildern äußerster Grausamkeit, doch niemand käme auf die Idee, seine Werke überhaupt einem Genre zuzuordnen, geschweige denn als Horrorfilme zu deklarieren. Miike bietet einen tiefen Einblick in verstörte Männerseelen, die keinen Raum lassen für den Blick auf andere, schon gar nicht auf Frauen und auch nur widerwillig auf sich selbst.

Asami wird von Aoyama schnell vergöttert, zu einer Ikone erhoben, wodurch er sich ihrer Geschichte nur eingeschränkt stellen muß. Da uns Miike kaum nachvollziehbare Motive für die plötzliche Gewalttätigkeit der jungen Frau liefert, bzw. die uns gegebenen Motive arg klischeehaft wirken, muß man wohl davon ausgehen, daß es ihm vor allem um die Darstellung dieser männlichen Unzulänglichkeiten ging. Wodurch er möglicherweise filmisch den Fehler wiederholt, den Aoyama auf der inhaltlichen Ebene des Films macht. Asami bleibt uns mindestens so fremd, wie sie es Aoyama ist. Die Frau als unlesbares Zeichen, als fernes Symbol, als Geheimnis, das zu entwirren Männern nicht gegeben ist. Das entspricht der Sichtweise auf Frauen, wie sie der ‚Film Noir‘ der Nachkriegszeit in der Betrachtung von Figuren, wie sie von Barbara Stanwyck oder Joan Crawford dargestellt wurden, hervorbrachte. Der Vamp, die Femme fatale, das fremde und immer gefährliche Wesen Frau. Eine solche Betrachtung wiederum unterfüttert die Argumentation jener, die AUDITION im Kern für ein frauenfeindliches Werk halten.

Aber vielleicht sind all diese Betrachtungen falsch, weil sie immer von einer westlichen Sicht auf Geschlechterverhältnisse und -konflikte geprägt sind und somit grundlegend falsch sind zur Beurteilung eines Films wie diesem. Man kann Miike sicherlich vorwerfen, daß seine Figurenzeichnung zu oberflächlich, sein Film zu lang ist für eine letztlich doch recht einfache Botschaft. Man kann ihm vorwerfen, daß dieses Ende unmotiviert sei und aufgesetzt wirke in Anbetracht des restlichen Films und in keinem Verhältnis stünde zum bis dahin Gezeigten. All das wären Vorwürfe, denen sich der Regisseur zu stellen hätte. Was man ihm allerdings nicht vorwerfen kann, ist mangelnde ästhetische und filmsprachliche Umsetzung seiner Geschichte – oder Nicht-Geschichte. Immer wieder findet Miike gemeinsam mit Kameramann Hideo Yamamoto Einstellungen, Bilder, Bildausschnitte und Kamerawinkel, die überraschen, verwirren, verunsichern. Kunstvoll führt er uns bildlich in gewisse Momente, setzt hier und da – mit zunehmender Spieldauer – kleine Schocks, die nie Selbstzweck sind, sondern immer zu Verstörung und Undurchsichtigkeit führen, wodurch wir erzähltechnisch immer bei Aoyama sind und seine Entfremdung und Ratlosigkeit teilen.

Nicht zuletzt durch den stilistischen Willen, den der Film zeigt, ist er ein recht typisches Beispiel eben jenes asiatischen Kinos, das sich dem westlichen Betrachter wohl nur langsam und mühsam erschließt. Sicher ist aber eines: Einen Film wie AUDITION einem europäischen oder amerikanischen Publikum, gewöhnt und geschult am postmodernen Body-Horror, als einen Horrorfilm zu verkaufen, wird weder dem Film noch dem Publikum gerecht. Es wird eine fatal falsche Erwartungshaltung geschürt, die durchaus blind machen kann für die eigentlichen Qualitäten des Films. Und die sind zweifelsohne vorhanden.

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