HOTEL

In bedrückender Atmosphäre geschieht nahezu nichts...

Irene (Franziska Weisz) tritt eine neue Stelle in einem Hotel an, das irgendwo im Wald Österreichs liegt.

Vor ihrer ersten Schicht zeigt der Geschäftsführer ihr das Hotel, den Keller, die Lagerräume, den Pool. Die Außentür am Ende des labyrinthischen Kellers, offenbar der Liferanteneingang,  dürfe nie unverschlossen bleiben. Denn, so die Ansage, der Teufel schlafe nicht.

Durch ihre Kollegin Petra (Birgit Minichmayr), mit der sie sich anfangs etwas anfreundet, erfährt Irene, daß ihre Vorgängerin verschwunden sei. In ihrem Zimmer im Dienstbotentrakt findet Irene einige Utensilien, die wohl der jungen Frau, die Eva hieß, gehört haben.

Irene entdeckt auf einem Foto im Büro der Chefin des Hotels Frau Maschek (Marlene Streeruwitz), die Verschwundene im Zentrum der Gruppe der Angestellten. Dort nämlich trug Eva die Brille, die Irene u.a. im Zimmer gefunden hatte.

Frau Maschek gibt Irene die Erlaubnis außerhalb der Nutzzeiten im Pool des Hotels schwimmen gehen zu dürfen. Dies nutzt Irene gern und ausgiebig. Allein in den Räumen im Untergeschoss des Hotels hört sie immer wieder wispernde Laute, die an Geflüster erinnern, auch fühlt sie sich immer wieder von einem Treppenaufgang angezogen, an dessen Fuß die Wohnung des Hausmeisterehepaars Liebig liegt.

Frau Liebig (Rosa Wassnix) gibt sich, wie nahezu alle anderen Angestellten des Hotels, eher abweisend gegenüber Irene.

Eines Abends gehen Irene und Petra, die einen gemeinsamen freien Tag hatten, durch den Wald ins Dorf. Unterwegs erklärt Petra, sie kenne eine Abkürzung. Dafür müssen die beiden Frauen den Weg verlassen und sich durchs stockfinstere Unterholz schlagen.

Im Dorfwirtshaus, wo an diesem Abend eine Art Disco stattfindet, lernt Irene Erik (Christopher Scharf) kennen. Die beiden freunden sich an. Gemeinsam unternehmen sie Ausflüge in die Umgebung. Unter anderem besuchen sie eine Grotte, die bekannt ist, soll in der Nähe doch die Waldfrau gelebt haben, die im Mittelalter als Hexe verbrannt wurde. In den frühen Sechziger Jahren soll eine Gruppe von Wanderern hier vor einem Unwetter Schutz gesucht haben und verschwunden sein. Als Erik und Irene die Höhle betreten, küssen sie sich erstmals.

Seltsame Begebenheiten häufen sich. Bei einem Spaziergang sieht Irene, wie die Polizei einen Teich mit Stangen absucht. Immer wieder schließt sich die Tür des Lieferanteneingangs, vor der Irene während ihrer Nachtschichten raucht. Nach einem ihrer Poolgänge ist ihre Brille zerbrochen, zudem fehlt ihre Kette. Um diese hatte Petra Irene einige Tage zuvor gebeten. Sie wollte sie sich ausleihen, was Irene ablehnte, da die Kette ein Glücksbringer, ein Geschenk ihrer Eltern, sei. Mit den Eltern telefoniert Irene einige Male und versichert ihnen, daß es ihr gut geht und sie sich freue sich, sie bald wiederzusehen.

Eines Nachts kann Irene nicht schlafen. Ihre Kollegen – Petra und die Jungs aus der Küche nebst anderen – feiern in einem der Zimmer eine kleine Party. Irene bittet um Ruhe, sieht aber ein, daß sie bei den andern kein Gehör findet.

Irene meldet den Diebstahl der Brille, woraufhin Frau Maschek die gesamte Belegschaft antreten lässt, verwarnt und unumwunden mit Entlassung droht. Petra vermutet, daß Irene sie verdächtigt und hat damit nicht vollends unrecht. Die Abneigung ihrer Kollegen bekommt Irene nun noch viel deutlicher zu spüren.

Einige Tage später taucht die Kette wieder auf, laut Frau Maschek wurde sie im Wald gefunden. Damit scheint für sie der Fall erledigt. Zu diesem Zeitpunkt trägt Irene bereits – in Ermangelung eines eigenen Ersatzes – Evas Brille. Später erhält sie im Dorf eine neue Brille beim Optiker.

Erik verbringt die Nacht mit Irene in deren Zimmer. Nachts will er sich anziehen und drückt dabei aus Versehen den Alarmknopf, der in die Wohnung der Liebigs führt und dadurch Frau Liebig auf den Plan ruft. Anderntags entschuldigt sich Irene für die nächtliche Störung und spricht Frau Liebig auf das Gruppenfoto an. Die alte Frau betrachtet sie und raunt ihr dann zu, sie solle fortgehen. Dann stößt sie ein Gebet aus.

Irene geht nachts durch den Trakt mit dem Pool und trifft auf einen Gang, den sie zuvor mehrfach gesehen hat. Sie geht hinein und verschwindet im Dunkeln am Ende des Ganges, als sie aufschaut, steht sie im Wald. Etwas scheint sich ihr von hinten zu nähern, als sie sich umdreht und sieht, was da ist, stößt sie einen stillen Schrei aus.

Irene erwacht in der Nacht erneut durch den Lärm ihrer Kollegen. Erneut geht sie zu diesen in das Zimmer, wo gefeiert wird, nur bleibt sie diesmal und will an den Feierlichkeiten teilnehmen. Die anderen ignorieren sie weitestgehend, dennoch bleibt Irene. Am Morgen erwacht sie in einem Sessel, in ihrer Hand hält sie den Kopf der Waldfrau-Puppe, die im Foyer des Hotels ausgestellt ist. Sie wirft sie von sich und flieht das Zimmer.

Die Polizei wartet im Foyer des Hotels auf die Liebigs. Als diese erscheinen, nehmen die beiden Beamten das Ehepaar mit. Petra erklärt, man habe „sie“ nun wohl gefunden. Irenes Frage, wer oder was gefunden worden sei, beantwortet Petra nur mit einem Achselzucken. Abends fehlen die Liebigs beim gemeinsamen Essen der Angestellten.

Irene bittet Petra, die Schichten des Wochenendes mit ihr zu tauschen, damit sie ihre Eltern besuchen könne. Sie entschuldigt sich bei Petra, solle sie in letzter Zeit schroff zu ihr gewesen sein. Außerdem würde sie alles – alles – für Petra tun, damit die ihr helfe. Petra erklärt sich einverstanden.

Als Irene zurück ist, bittet Petra sie erneut um die Kette. Nun kann Irene nicht mehr ablehnen und leiht sie ihrer Kollegin.

Nachts ist Irene während ihrer Schicht allein im Hotel unterwegs. Sie sieht den Gang, der sie – in ihren Träumen? Während einer Schlafwandlerei? – in den Wald geführt hat. Doch als sie ihm folgt, endet er an einer Wand.

Später will Irene vor dem Lieferanteneingang eine Zigarette rauchen. Diesmal ist die Tür fest verschlossen, als Irene wieder hineinwill. Sie kommt nicht zurück ins Haus.

Sie geht in den Wald und verschwindet zwischen den dunklen Bäumen. Nach einer Weile hören wir einen Schrei.

 

In der Kinofassung des Films sieht man, wie eine Frau, die eine ähnliche Brille wie Irene trägt, sich im Hotel vorstellt. Sie soll offenbar die Nachfolgerin der verschwundenen Irene werden.

Es gibt diese Filme – gefühlt verstärkt im europäischen Raum – die man betrachtet, die einen vielleicht irgendwie faszinieren, meist aber seltsam kalt lassen, die aber zugleich den Eindruck erwecken, die Macher hätten etwas gewollt, von dem sie selbst vielleicht nicht so genau wussten, was es ist, um dann etwas zu produzieren, das eher raunt, als darstellt, eher um Ecken daherkommt, als eine direkte Geschichte zu erzählen. Das kann man dann als „Kunst“ verkaufen, manchmal bleibt allerdings einfach der Eindruck, es habe die wirklich zündende Idee gefehlt und so hat man stattdessen darauf zurückgegriffen, „das Genre“ zu „dekonstruieren“.

Genau dieser Eindruck entsteht, während man Jessica Hausners HOTEL (2004) anschaut. Liest man die damals aktuellen Kritiken zum Film, fallen die massiven Vergleiche auf, die angestellt wurden. Kubricks SHINING (1980) wird nahezu immer erwähnt, auch zu den Filmen David Lynchs wird Hausners Film gern in Bezug gesetzt, dem Liebhaber von Genrefilmen fallen auch Ähnlichkeiten und Verweise auf das mittlere Werk Dario Argentos, wie bspw. SUSPIRIA (1977), auf usw. Hausner, die auch das Drehbuch zu ihrem Film geschrieben hat, weist definitiv nach, daß sie sich im Genre und den ihm benachbarten, wie dem Psychothriller, gut auskennt. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht, sie versteht es, eine Atmosphäre zu schaffen – und zwar eine ausgesprochen bedrückende, wenn nicht gar beklemmende – , ebenso, Bilder zu kreieren, denen das Geheimnis innewohnt, die immer von etwas zu berichten scheinen, was wir nicht sehen oder erfassen können. Inhaltlich kommt sie – als Drehbuchautorin – jedoch nicht über diesen Ansatz hinaus. Irgendwas mit Hexen und alten Legenden und Sagen, irgendwas mit Geistern, irgendwas mit undurchschaubaren Kollegen und Vorgesetzten. Doch beginnen die Probleme – und dies ist mal eine Korrelation mit SHINING, die nicht unbedingt positiv ist – schon mit der Hauptfigur, der von Franziska Weisz gespielten Irene.

Diese junge Dame tritt eine neue Stelle in einem Hotel irgendwo mitten im Wald an, ihr Chef zeigt ihr die Kellerräume und Ausgänge, die Lager und Privatzimmer der Angestellten und schon während dieses Rundgangs ahnt der Zuschauer, daß dieses Haus nichts Gutes birgt. Allerdings bleibt uns Irene selbst mindestens so fremd, wie das Haus, dessen Angestellte und bedrückende Ruhe. Letztere wird immer wieder ausgespielt, wenn Irene, auch später auf ihren Nachtschichten oder Rundgängen, innehält, um der Stille zu lauschen. Was diese Frau antreibt, ihre Geschichte – sie telefoniert gelegentlich mit ihren Eltern, mehr erfahren wir nicht über ihren Background – , ihre Motive oder innere Bewegung, bleiben uns verwehrt. So bleibt uns aber, und das erinnert an die gesamte Familie Torrance in Kubricks Film, jegliche Identifikationsmöglichkeit ebenfalls verwehrt. Wir fiebern nicht mit dieser Frau, die in sich schon inkohärent wirkt. Irgendwie ein bisschen spießig (geht sie doch ihre Kollegen an, weil diese nachts feiern), dann wieder eine gut anzusehende Tänzerin, wenn sie sich ins Dorf begibt, um an ihrem freien Abend ein wenig Spaß zu haben. Streng frisiert und im Auftreten eher leicht devot, dennoch offenbar unerschrocken, wenn sie durch das nächtliche Hotel streift oder allein im Pool schwimmt. Wie Jack Torrance in SHINING, bleibt sie erratisch, undurchschaubar, fremd. Wir folgen ihr, da nur sie uns angeboten wird, doch das Wechselspiel zwischen ihr und dem Haus verstehen wir zu keinem Zeitpunkt. Wir bleiben draußen, uns wird eine reine, fast emotionslose, Beobachterrolle eines Experiments, einer Versuchsanordnung, zugeschrieben.

Was Hausner wirklich gelingt, ist eben die Atmosphäre. Die immer wieder verharrende Kamera, von Martin Gschlacht geführt, zeigt uns in oft symmetrischen Arrangements Gänge, die im Dunkel verschwinden, Treppen, deren Ende wir nie sehen, den Pool und die Lichtreflexionen des Wassers als geheimnisvolles Spiel, den Wald als stummen Beobachter, bei dessen Betrachtung das Wort „verwunschen“ natürlich immer nahe liegt. Unterstützt werden diese Bilder von einer ausgeklügelten Geräuschkulisse. Immer wieder hören wir das Glucksen des Wassers im Pool, raunendes Geflüster, dessen Ursprung unklar bleibt, das Knistern der im Keller anspringenden Neonleuchten. Und dann wieder die Stille, die das Hotel umgibt, die in ihm zu brüten scheint, die der Wald, undurchdringlich, verbreitet.

Irene bewegt sich manchmal geradezu schlafwandlerisch durch die nie zueinander in Beziehung gesetzten Teile des Hauses, von dem wir nur ein einziges Mal eine Außenansicht erhalten, die dann, aus extremer Froschperspektive gefilmt, nur eine verzerrte Ansicht bietet. Der entstehende Eindruck ist von Beginn an ein bedrohlicher. Man wundert sich schon gelegentlich, wenn man im Foyer des Hotels oder an der Rezeption, wo Irene hauptsächlich arbeitet, Gäste sitzen sieht. Wer, so denkt man, will in diesem Haus eigentlich Urlaub machen? Oder überhaupt länger verweilen als unbedingt nötig? Zugleich brechen die Anflüge von Normalität allerdings die Atmosphäre auf, wirken fast kontraproduktiv, da es uns immer wieder an eine Gewöhnlichkeit, einen Alltag erinnert, die Irenes Situation eher entschärfen.

Jessica Hausner scheint die oft entscheidenden Elemente einige ihrer Vorbilder zusammengenommen und in ihrem Konzept komplett auf den Faktor Atmosphäre gesetzt zu haben. Allerdings hat sie kein entsprechendes Konzept dessen, was sie mit diesen Elementen eigentlich erzählen oder generell anfangen will. Daß das alles an Horrorfilme erinnert und teils auch in genretypischen Konventionen – Hervorhebung von Details; Nahaufnahmen, in denen die Kamera Irene folgt und damit immer den Eindruck erweckt, daß gleich etwas an sie herantritt; subjektive Kameraeinstellungen, bei denen wir nicht verstehen, wer „blickt“ – inszeniert ist, verstärkt natürlich den Eindruck des Inkohärenten. Horrorfilme leben eben auch vom Konkreten, davon, das Unterbewußte, seine Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten fassbar zu machen, in Handlung oder Bilder zu übersetzen. Aber ähnlich einem Filmemacher wie Ari Aster, der mit HEREDITARY (2018) einen ebenfalls erratischen, „künstlerisch“ anmutenden Horrorfilm (oder Psychothriller) vorgelegt hat, der den Zuschauer auf ähnliche Weise unberührt lässt, scheint auch Hausner keinen Wert darauf zu legen, ihr Publikum wirklich zu erschrecken oder gar zu schockieren. Oder es überhaupt mitzunehmen.

So wirkt HOTEL eben wie eine Versuchsanordnung, ähnlich labyrinthisch, wie das Haus selbst, Voller Symbolik, oftmals sexueller Natur, Andeutungen und eben geraunten Hinweisen, kommt dies jedoch nie zu sich selbst. Wenn Irene schließlich im Wald verschwindet, weil ihr der Rückweg ins Hotel versperrt bleibt, wirkt das folgerichtig. Wie ihre Vorgängerin, die ebenfalls spurlos verschwunden ist und in irgendeinem Zusammenhang mit der Sage um die Waldfrau steht, die einst als Hexe verbrannt wurde, so muß wohl auch Irene schicksalsergeben ihren Weg gehen, wohin auch immer er führt. Wenn wir nach Sekunden, in denen wir einfach auf den stillen Wald gestarrt haben, ihren Schrei hören, soll uns der wohl durch Mark und Bein fahren – allein, es ist so erwartbar, daß der Film uns mit genau solch einem Ende konfrontieren wird, daß es uns weder überrascht, noch sonderlich schockiert.

Ohne Frage, Hausner bietet etliche gute Ansätze, sie bietet einen Meta-Text, der sich auf der Bildebene mit den Regeln und Konventionen eines Genres auseinandersetzt, sie bietet eine Menge aufregende Bilder und Bildelemente, sie weiß, wie man den Zuschauer zumindest filmisch in Bann schlägt. Leider vergisst sie über all diesen metatextuellen Ansätzen, bei aller Kunst, eine Geschichte zu erzählen, den Zuschauer mitzunehmen und so zu packen, daß er wirklich eingebunden und mitgerissen wird. So versanden die guten Ansätze schließlich oder bleiben stecken. Der Zuschauer bleibt mit einem unguten Gefühl zurück, das er aber eher mit einem Schulterzucken quittiert, als daß es ihn nachhaltig beschäftigen würde.

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