BRUTALE STADT/CITTÀ VIOLENTA

Sergio Sollimas Beitrag zu den anfangs der 70er Jahre so beliebten Euro-Thrillern

Während eines Aufenthalts auf den Virgin Islands mit seiner Geliebten Vanessa Shelton (Jill Ireland), wird der Auftragskiller Jeff Heston (Charles Bronson) selbst Opfer eines Attentats auf sein Leben. Es gelingt ihm zwar, sich des Komplotts zu erwehren, doch muß er begreifen, daß Vanessa offenbar in die Pläne eingeweiht war. Zudem erkennt Jeff, daß sein eigener Boss, sein bisheriger Auftraggeber, hinter dem Mordanschlag steckt.

Jeff wird bald danach verhaftet und für einen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat.

Nachdem er aus dem Gefängnis kommt, will er sich ganz seiner Rache widmen. Selbst einem Auftraggeber, der ihm einen hohen Betrag für einen Auftrag bietet, sagt er ab. Doch er selbst beginnt, Vanessa zu folgen und stellt fest, daß sein ehemaliger Boss nun als Rennfahrer seinen Lebensunterhalt bestreitet. An einem Wochenende soll er in der Nähe von New Orleans starten.

Jeff trifft einige Kontaktmänner, die er in den USA kennt, besorgt sich so Waffen und letzte Informationen und macht sich dann auf, seinen ehemaligen Arbeitgeber zu töten. Auch andere, die er der Mittäterschaft verdächtigt, schaltet er aus. Nur Vanessa wird von ihm verschont.

Er nähert sich ihr wieder an und sie signalisiert ihm, daß sie eigentlich immer nur ihn geliebt habe. Allerdings ist sie mittlerweile mit dem Unterweltboss Al Weber (Telly Savalas) liiert. Der wiederum setzt seine Leute auf Jeff an – um ihn für seine eigene Organisation zu gewinnen. Um seiner Forderung nach Zusammenarbeit Nachdruck zu verleihen, lässt er Jeff Fotos zukommen, die ihn bei der Durchführung seines Anschlags auf seinen Ex-Chef zeigen. Al scheint Jeff in der Hand zu haben.

Vanessa, die eine geheime Affäre mit Als Anwalt Steve Killain (Michael Constantine) unterhält, bietet Jeff an, ihm gegen Al zu helfen. So wird auch der Gangster-Boss eines von Jeffs Opfern.

Doch schnell wird Jeff klar, daß Vanessa und Steve auf eigene Rechnung arbeiten.

So beschattet Jeff sowohl Vanessa, als auch Steve, um gegen sie vorgehen zu können. Schließlich hat er die passende Gelegenheit und tötet erst Steve, dann Vanessa, die er immer noch liebt. Er sitzt auf dem Dach eines Hochhauses und wartet auf die Polizei. Als ein Officer auf das Dach stürmt, deutet Jeff an, auf ihn zu schießen, woraufhin der Polizist ihn mit mehreren Schüssen niederstreckt und tötet.

Sergio Sollima gilt vor allem dem Liebhaber des Italowestern als einer der großen italienischen Genre-Regisseure, ist er doch der Vater der Cuchillo-Trilogie[1], die den Hauptdarsteller Tomás Milián in der Rolle des rebellischen Cuchillo zu einem Star machte. Es waren für den Regisseur die kommerziell erfolgreichsten Filme seiner Karriere, qualitativ konnte er aber auch später noch hervorragende Werke vorlegen.

1970 drehte er in einer italienisch-französischen Co-Produktion einen jener für die späten 60er und die 70er Jahre so typischen Euro-Thriller, die international produziert wurden, oftmals Hollywood-Stars beschäftigten und inhaltlich deutlich an amerikanischen Vorbildern orientiert waren, oftmals auch in den USA gedreht wurden. Und obwohl viele von ihnen diese Orientierung nicht leugneten und somit weniger an einem wirklich eigenen europäischen Stil auch im Genre-Kino – wie es bspw. Jean-Pierre Melville getan hat – mitwirkten, sind sie doch immer auch von einer eigenen Handschrift geprägt. Und sei es nur, daß sie einen damals noch staunenden Blick auf dieses fremde, überwältigende Amerika warfen. So ist es in Duccio Tessaris I BASTARDI (DER BASTARD/1968), so ist es in Antonio Isasi-Isasmendis LAS VEGAS, 500 MILLIONES (AN EINEM FREITAG IN LAS VEGAS/1968), so ist es auch in Jacques Derays UN HOMME EST MORT (BRUTALE SCHATTEN/1972).

Und genau so ist es in Sollimas CITTÀ VIOLENTA (1970), der auch inhaltlich gewisse Parallelen zu Derays Film aufweist. Es ist ein, momentweise sehr brutaler, Thriller, der sein thematisches Grundgerüst eindeutig dem amerikanischen ‚Film Noir‘ der klassischen Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit entlehnt. Ein Mann wird in eine Falle gelockt und er kann sich nicht sicher sein, ob die Frau, die er liebt, nicht an dem Komplott beteiligt ist. Und je mehr er über sie und die Hintergründe erfährt, je deutlicher wird, daß sie nicht nur einmal, sondern jederzeit bereit wäre, ihn zu verraten – und desto verzweifelter liebt und begehrt er sie. Und ist schließlich bereit, ihren wiederholten Verrat in Kauf zu nehmen, bis ihm kein anderer Ausweg mehr bleibt, als Tabula rasa zu machen – auch auf Kosten des eigenen Lebens.

Das Drehbuch, an dem neben zwei weiteren Autoren auch Sollima selbst und die italienische Regisseurin Lina Wertmüller beteiligt waren, entschlackt den Plot von nahezu allem, was nicht der direkten Story dient. Sie bieten eine klare Rachegeschichte, wie sie so sonst nur im klassischen amerikanischen Western zu finden ist. Wir erfahren nichts über die Protagonisten, sie sind im besten Sinne existenzialistische Gestalten, scheinen in eine Welt geworfen, der sie ausgeliefert sind, deren Fügung sie nicht entkommen können. Was wir über sie und von ihnen wissen müssen, erfahren wir im Laufe der Handlung; viel ist es nicht. In seinen 110 Minuten Laufzeit zeigt CITTÀ VIOLENTA diesen verratenen Mann in Bewegung. Er verfolgt die Fährte der Frau, folgt ihr nach New Orleans, das Sollima aber nie als die pittoreske Mardi-Gras-Metropole zeigt, die man aus den einschlägigen Prospekten gewohnt ist, sondern als ein Geflecht aus heruntergekommenen Backstreets, Gassen, Industriebrachen, Highways und Freeways, ein urbaner Moloch, der wenig bis keine Orientierung bietet (und in der der Mann sich dennoch erstaunlich gut auszukennen scheint). Kameramann Aldo Tonti lässt sich sehr viel Zeit, um die Bewegungen, die der Mann vollzieht, zu verfolgen. Wir beobachten nicht nur lange Fahrten durch die Stadt, sondern auch immer wieder Details – ein Gewehr wird zusammengesetzt, Formulare ausgefüllt, ein Telefon bedient. Und wir sehen die Action, wenn dieser Racheengel sein Werk vollführt.

Tonti und Sollima schaffen eine manchmal fast entrückte Atmosphäre, wenn sie in langen Sequenzen auf jeglichen Dialog verzichten – schon die ersten zehn Minuten des Films finden völlig ohne Dialog statt – oder auf das allernötigste reduzieren. So erhält die Suche dieses Mannes auch etwas Meditatives. Nie wirkt er gehetzt, auch in Momenten, in denen er unter Anspannung steht, reagiert er überlegt und beherrscht. Er hat seine Kontaktleute, die er nach und nach abklappert und zu denen er zurückkehren wird, als er gewahr wird, daß auch sie Verräter sind. Die Welt von CITTÀ VIOLENTA ist eine kalte, in welcher jeder jederzeit von jedem verraten werden kann. Eine paranoide Welt, würde man meinen. Doch so inszeniert Sollima sie eben nicht. Eher scheint es eine Welt, die wenig Interesse für den Einzelnen aufbringt, eine Welt, der die Geschehnisse, die sich in ihr abspielen, vollkommen gleichgültig sind. Wodurch ein Mann wie dieser noch verlorener wirkt. Auch dies eine deutliche Anleihe beim klassischen ‚Film Noir‘. So oder so verzichtet Sollima darauf, allzu viel zu erklären, der Zuschauer muß sich die Zusammenhänge denken, er muß aufpassen, folgen und interpretieren.

Die Produzenten des Films konnten für die Hauptrolle des verratenen Rächers Jeff Heston Charles Bronson gewinnen, dessen Karriere während der 60er Jahre einen steten Aufstieg erlebt hatte und der spätestens seit seinem Auftritt als „Mundharmonika“ in Sergio Leones C´ERA UNA VOLTA IL WEST (SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD/1968) zumindest in Europa ein Star war. Sein Durchbruch auch in den USA als skrupelloser Selbstjustizler in Michael Winners DEATH WISH (1974) lag noch einige Jahre in der Zukunft. Es sind jedoch Filme wie dieser von Sergio Sollima, die am besten zeigen, daß Bronson, der später unter seinem Brutalo-Image verloren ging, ein guter Schauspieler war, wenn er entsprechend gefordert wurde. Er verleiht diesem Mann Glaubwürdigkeit und vor allem eine stille, in sich ruhende Würde. Jeff ist ein Killer – spätestens seit Alain Delons Darstellung in Melvilles LE SAMOURAĪ (1967) Sinnbild des verlorenen urbanen Existenzialisten – der verraten wurde und nun Rache üben will, weshalb er, nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hat, auch jegliche professionellen Aufträge ablehnt. Und der schließlich feststellen muß, daß alle Wege immer wieder zu den gleichen Figuren zurückführen. Sein ehemaliger Boss ist zugleich der Auftraggeber hinter dem Mordkomplott, seine Geliebte immer schon ein Köder gewesen, wie es scheint. Die, denen er vertraut hat, erweisen sich nahezu alle als Verräter, doch scheint es auch kein Entkommen aus diesem Reigen zu geben. Langsam zieht Jeff die Schlinge, die er seinen Feinden auslegt, zu, während sich um ihn ebenso Schlingen zusammenziehen, kann er doch weder seinem Wesen, noch seinen Verstrickungen entkommen. Sein Schicksal scheint früh besiegelt und er geht sehenden Auges darauf zu und nimmt es an.

Bronsons Figur erinnert zwangsläufig an jenen „Mundharmonika“ in Leones Jahrhundertfilm. Auch dort war er ein Killer, der im Grunde keine Vergangenheit hatte, die einzige Erinnerung, Vergangenheit, Geschichte, die wir geboten bekommen, sind jene fürchterlichen Momente, wenn er seinen Bruder auf den Schultern tragen muß, bis ihm die Beine wegknicken und durch seinen Fall der andere an einem strick baumelt. Alles in Leones hyperstilisierten Meta-Western ist auf den Moment der Rache angelegt und dieser steht in direkter Verbindung zu „Mundharmonikas“ Erinnerung an den früheren Vorfall. Seine ganze Geschichte, seine Persönlichkeit, alles, was er ist, zieht sich auf den Moment zusammen, in dem Leone eine Träne in seinem Auge zeigt – die einzige Gefühlsregung, die der Mann im ganzen Film zeigt – und er dann Henry Fonda in der Rolle des Frank erschießt. CITTÀ VIOLENTA ist nicht so episch angelegt, seine Geschichte wirkt weitaus profaner, doch sind die Anspielungen auf C´ERA UNA VOLTA IL WEST zu deutlich, als daß man den Zusammenhang nicht erfassen würde.

Sei es die lange dialogfreie Eingangssequenz – bei Leone extrem verlangsamt, bis es zum Shoot-Out kommt, bei Sollima extrem beschleunigt, als das wortlose Liebespaar plötzlich auf einer Küstenstraße, irgendwo auf den Virgin Islands, verfolgt und angegriffen wird – sei es eine Vergewaltigungsszene, die ähnlich unmotiviert wirkt, wie jene zwischen Bronson und Claudia Cardinale bei Leone, und auch im Aufbau erinnert CITTÀ VIOLENTA an den älteren Film und ganz sicher ist es Ennio Morricones Musik, die sich offensichtlich – oder offenhörbar – an seinem Soundtrack für Leones Film orientiert. Hier wie dort nutzt der Komponist schneidende E-Gitarren, hier wie dort wirken sie kontrapunktisch in den Momenten, in denen sie zum Einsatz kommen, hier wie dort tragen sie massiv zur Verstörung des Publikums bei. Taktweise meint man sogar direkte Bezüge auf den Score jenes epischen letzten Duells zwischen „Mundharmonika“ und Frank herauszuhören, wenn beide umeinander schleichen und wissen, daß einer von ihnen gleich sein Leben beenden wird. Selbst eine relativ frühe Schießerei im Film, bei der sich Jeff zweier Killer erwehren muß, wird einem Western-Shoot-Out vergleichbar inszeniert und erinnert wiederum an die Eingangssequenz von Leones Film, bei der „Mundharmonika“ sich ebenfalls auf den Boden wirft, um seine Gegner zu erledigen.

Daß Sollima also nach Amerika geht, mit einem amerikanischen Schauspieler, der, ähnlich wie einst Clint Eastwood, in Europa zum Star wurde, einen ‚Film Noir‘ alter Schule dreht, wenn auch in der gleißenden Sonne, der tropischen Hitze Louisianas, und zugleich einen Kommentar abgibt auf das Meisterwerk eines Landmannes, ihm eine eigene Interpretation von Amerika entgegensetzt, hebt CITTÀ VIOLENTA nicht nur aus der Masse durchaus auch billiger Thriller jener Jahre heraus, sondern es macht Sollimas Film im Grunde zu einem Werk der Postmoderne. Buch und Regie spielen eben nicht nur mit Versatzstücken älterer Filme, wie es noch die frühen Filmemacher der Nouvelle Vague bspw. getan hatten, es geht nicht nur darum, mit Inhalten und stilistischen Elementen zu jonglieren, sondern durch die recht direkten Verweise auf Leone und seinen Film unter Einbeziehung des Images des Hauptdarstellers, dessen Rolle in diesem Film durch die Anlage der Rolle im andern Film definiert wird, führt Sollima einen intermedialen Diskurs. Und wo Leone den fiebrigen Traum von einem Amerika schuf, das in dem Kopf eines italienischen Jungen vor allem durch den Genuß von Wildwestfilmen entstanden ist, an deren Mythen dieser junge unbedingt, geradezu verzweifelt glauben wollte, offenbart Sollima eine sehr viel distanziertere und wohl auch zurückhaltende Sicht auf dieses Land namens „Amerika“.

Er beweist, daß man die Mythen des Western vordergründig bruchlos in die Gegenwart übertragen und auch in einer zeitgenössischen Geschichte überzeugend verwerten kann; er beweist aber auch, daß die Haltung, die ein Werk dann zum Dargestellten einnimmt, umso wesentlicher ist. Man kann nicht mehr auf dieses Amerika schauen, wie Leone auf Amerika schaute – es sei denn, man nutzt eben genau dessen doppelt gebrochenen Blick, der sich immer vollends bewußt ist, weit von jedweder Wahrheit entfernt, dafür aber umso tiefer in mythische Strukturen verwoben zu sein. Und der ununterbrochen auch auf sich selbst gerichtet ist, um die genaue Bruchstelle zu finden, die fast unsichtbare Naht, wo eine historische Wirklichkeit und die Verarbeitung in Legende und Mythos vielleicht doch zur Deckung kommen. Es scheint, Leone sehnt sich geradezu nach diesem Moment. Sobald man aber auf das gegenwärtige Amerika blickt, erhascht man einen Blick auf die eigene Zukunft – eine gängige Haltung zu Beginn der 70er Jahre, in denen auch gern vom amerikanischen Kulturimperialismus die Rede war und zugleich jeder in Jeans rumlief. Der Blick in diese Zukunft verheißt wenig Gutes, erst recht für einen Künstler europäischer Prägung. So bringt ein Film wie CITTÀ VIOLENTA einen zu seiner Zeit recht tiefsitzenden Kulturpessimismus zum Ausdruck.

Man hat es hier also mit einem Western zu tun, der in den Strukturen eines ‚Film Noir‘ erzählt wird, da diese Form einem gegenwärtigen Blick auf die USA gerechter wird, man hat es mit einem einfachen Film, mit einer einfachen Geschichte, klar strukturierten und auf ihre Funktion reduzierten Figuren zu tun. Es ist ein spannender Film, dessen Spannung sich aber weniger aus der Action ableitet, die es natürlich auch gibt, sondern vielmehr aus der Frage, wie weit das Komplott, dem Jeff auf der Spur ist und in dessen Mittelpunkt oder Fokus er selbst steht, entwickelt. Es ist ein Gangsterfilm, dem ein tief empfundenes existenzialistisches Weltbild zugrunde liegt. Und es ist ein hervorragendes Beispiel für jene Euro-Thriller der 70er Jahre, die heute oft vergessen sind und unbedingt wieder entdeckt werden sollten, da sie nicht nur gut unterhalten, sondern auch Einblicke in eine andere Zeit bieten – eine scheinbar lange vergangene Zeit und ihr ästhetisches Programm.

 

[1] LA RESA DEI CONTI (DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE/1966); FACCIA A FACCIA (VON ANGESICHT ZU ANGESICHT/1967); CORRI UOMO CORRI (LAUF UM DEIN LEBEN/1968).

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