COP LAND

Sylvester Stallone überzeugt als Kleinstadtpolizist in einem tieftraurigen Film über Verlust und zerstörte Träume

Garrison, New Jersey – eine Kleinstadt, direkt gegenüber der Insel Manhattan gelegen. Hier leben ausschließlich Polizisten, die in Manhattan arbeiten. Ray Donlan (Harvey Keitel) hat vor Jahren begonnen, Bauland zu erwerben und mit billigen Krediten Häuser zu errichten. Ray ist Cop beim New Yorker Police Derpartment. Wie auch die meisten der hier Ansässigen.

Obwohl es kaum Kriminalität in der Stadt gibt, leistet man sich einen lokalen Sheriff. Diesen Job verrichtet Freddy Heflin (Sylvester Stallone). Freddy hat einst als Jugendlicher ein Mädchen aus dem Fluß gerettet, wobei sein Trommelfell platzte und er auf einem Ohr taub wurde. Diese Verletzung verhinderte, daß auch er im NYPD arbeiten kann. Stattdessen sorgt er mit seinen beiden Kollegen dafür, daß in Garrison zumindest Auswärtige die Geschwindigkeitsbeschränkungen einhalten, stellt auch mal die Ordnung wieder her, wenn einer seiner Kollegen aus der großen Stadt – die ihn allesamt nicht sonderlich ernst nehmen – die Ruhe stört und gibt sich ansonsten Mühe, die Jugendlichen davon abzuhalten, Schwächere zu mobben.

Nach einer Feier in einer Kneipe in New York wird der Jungspund Murray Babitch (Michael Rapaport) – Held des 37. Reviers, seit er aus einem brennenden Haus sechs schwarze Kinder retten konnte – auf der Rampe zur George-Washington-Brücke von einem ihn überholenden Wagen bedrängt. Murray ist sich sicher, daß aus dem Beifahrerfenster mit einer Waffe auf ihn gezielt wird. Er hält seinen Wagen an, springt heraus und feuert sein gesamtes Magazin auf das flüchtende Fahrzeug. Er trifft mehrfach, der Wagen kommt ins Schlingern, prallt gegen einen Brückenpfeiler. Beide Insassen sterben.

Bald sind Ray und seine Kollegen, darunter Jack Rucker (Robert Patrick), die rechte Hand Donlans, an der Unfallstelle. Doch sie können im Wagen keine Waffe finden. Ray versucht Murray, der sein Neffe ist, klar zu machen, daß ihm, dem „Superboy“, nichts passieren wird. Während Rucker eine Waffe im Wagen versteckt, wogegen ein Notfallarzt protestiert, da er weiß, daß es im Wagen keine Waffen gab, schreit Ray plötzlich auf: Murray sei von der Brücke gesprungen und habe sich das Leben genommen.

Am nächsten Tag hält Deputy Cindy Betts (Janeane Garofalo), die neu in Garrison ist, einen Wagen an, in dem Ray und Rucker sitzen. Die beiden machen sich über sie lustig und bemühen sich ihr klar zu machen, daß die „richtigen“ Cops, die in Garrison leben, sowieso machen können, was sie wollen. Freddy kommt hinzu und klärt die Sache mit Ray. Als dieser wegfährt, sieht Freddy im Fond des Wagens Murray unter einer Decke hervorlugen. Freddy, der von den Vorgängen auf der Brücke gehört hat, weiß nun, daß etwas faul ist, daß Murray lebt, hält aber seinen Mund.

Moe Tilden (Robert De Niro) arbeitet bei der Abteilung „Innere Ermittlungen“ des NYPD. Er war einst mit Ray in einer Klasse auf der Polizeischule, hat aber einen anderen Weg als dieser eingeschlagen. Schon lange verdächtigt er Ray und dessen engsten Kreis, korrupt zu sein. Er ahnt, daß die Kredite, mit denen die Häuser in Garrison gebaut wurden, über die Mafia gelaufen sind.

Nun kommt Tilden nach Garrison und ermittelt in dem Fall des vorgeblich toten Murray Babitch, hofft aber, zugleich Beweismaterial gegen Ray zu finden. Tilden spricht auch mit Freddy, der sich jedoch ahnungslos gibt.

In der örtlichen Kneipe, wo die Cops sich abends treffen, kommt es derweil zu Spannungen zwischen Ray, Rucker und ihrem Kreis und Gary Figgis (Ray Liotta), der ebenfalls zu Rays Leuten gehört, von diesen aber als nicht mehr vertrauenswürdig betrachtet wird. Figgis ist der Sohn einer lokalen Polizeiberühmtheit. Zudem hat er Ray zwei Jahre zuvor aus der Patsche geholfen, als ein anderer Cop aus dem Kreis ebenfalls auszupacken drohte und Ray ihn töten ließ. Figgis droht Ray, der das scheinbar ruhig zur Kenntnis nimmt.

Freddy hält es für Verrat, gegen Ray und die andern zu ermitteln. Er weiß zwar, daß nicht alles sauber ist, was in Garrison läuft, und es macht ihm auch zu schaffen, daß Murray lebt und von Ray versteckt gehalten wird, doch auch er verdankt Ray seinen Job.

Gelegentlich wird Freddy zu Liz (Annabella Sciorra) gerufen, jenem Mädchen, das er einst rettete und in die er seit langem verliebt ist. Sie wird immer wieder Opfer häuslicher Gewalt, weil ihr Mann, Joey Randone (Peter Berg) sie verprügelt. Auch Joey ist Ray verbunden, allerdings ist er auch der heimliche Liebhaber von Rays Frau Rose (Cathy Moriarty).

Während einer Party in Rays Haus beschließen er und sein engster Kreis, daß Murray für sie zu einer Gefahr wird. Sie wollen ihn töten. Dazu sollen Rucker und zwei andere Männer Murray in Rays Pool ertränken. Die Sache geht schief, Murray kann entkommen. Doch Joey kommt hinzu und begreift, was Ray abzieht. Bei einem späteren Treffen in der Kneipe macht Joey klar, daß bei Mord eine Grenze erreicht ist.

Während eines nächtlichen Einsatzes in Manhattan gerät Joey in eine prekäre Lage, als ihn ein Drogendealer über die Brüstung eines Daches stößt. Joey hält sich mit letzter Kraft an einer langsam abbrechenden Antenne fest. Ray sieht das und sorgt dafür, daß er und seine Kollegen nicht rechtzeitig zur Rettung kommen. Als sie das Dach erreichen, ist Joey abgestürzt und liegt tot im Innenhof des Hauses. Ray ist eine potentielle Gefahrenquelle los.

Tilden taucht erneut in der Stadt auf und bittet Freddy um Hilfe, weil er selber keine Befugnis hat, in Jersey zu ermitteln. Doch Freddy weigert sich. Frustriert fährt der Ermittler zurück nach New York. Zuvor begegnet er Ray aber in einem Diner. Ray lässt seine Kontakte spielen, woraufhin die Ermittlungen im Fall „Babitch“ eingestellt werden. So gibt es auch keinen Fall „Garrison“ oder „Ray Donlan“ mehr. Tilden ist zutiefst enttäuscht.

Figgis´ Haus ist abgebrannt, wobei seine Lebensgefährtin, eine Asiatin, ums Leben gekommen ist. Der Polizist ist untröstlich – obwohl dieser, wie Freddy entgegen seiner Annahme, Ray sei dafür verantwortlich, bald herausfindet, selbst das Feuer gelegt hatte, um die Versicherungssumme abzukassieren. Daß seine Freundin im Haus war, wusste Figgis nicht. Nun ist er bei Freddy untergekrochen. Figgis ist ein Zyniker, der den Glauben an Gerechtigkeit und den Sinn der Arbeit der Polizisten längst verloren hat. Er erklärt Freddy immer wieder, daß der froh sein solle, nie in den Dienst des NYPD eingetreten zu sein, da er wenigstens eine Chance habe, halbwegs sauber zu bleiben.

Figgis wird aber auch Zeuge, wie Murray nachts bei Freddy vor der Tür steht. In seiner Angst weiß der Junge sich nicht mehr anders zu helfen. Als er Figgis sieht, haut er jedoch ab, da er diesen immer noch für einen Handlanger von Ray hält und von der Verwicklung in den früheren Mord weiß.

Nun taucht Freddy bei Tilden auf und bietet doch seine Hilfe an, da er die Angst von Murray erlebt hat und nun glaubt, Ray müsse das Handwerk gelegt werden. Doch Tilden macht sich über ihn lustig, erklärt ihm, daß er ein Versager sei, der in dem einen Moment, in dem er wirklich ein Polizist hätte sein können, nicht gehandelt habe. Freddy zieht unverrichteter Dinge wieder ab. Tilden hofft, daß Freddy Staub aufwirble, damit er und seine Kollegen „wieder einen Fall hätten“.

In Garrison geht Freddy zu Rose, in der Hoffnung, die würde ihm das Versteck des Jungen verraten. Zunächst sträubt sie sich, dann aber gibt sie zu, zu wissen, wo Murray ist. Freddy holt ihn zu sich auf das Revier. Dann geht er in die Kneipe, um Ray mitzuteilen, daß er vorhabe, Murray am kommenden Morgen an Tilden zu überstellen. Er bittet Ray mehrmals, mitzukommen und sich ebenfalls zu stellen. Fredy glaubt noch immer, daß in Ray ein Polizist steckt, dem es um Recht und Gesetz gehe.

Freddy bittet Figgis, ihm zu helfen, doch der lehnt das ab. Er erklärt Freddy für verrückt, sich für Murray einzusetzen, der selber Teil des „Systems Garrison“ und seiner ganzen Verkommenheit sei. Er, Figgis, der mittlerweile seine Abfindung für das Haus erhalten hat, haue ab und fange ein neues Leben an. Dann ist er weg. Auch Freddys Deputys wollen ihm nicht helfen.

Am nächsten Morgen handelt Freddy wie er es sich vorgenommen hat. Doch sobald er mit Murray das Revier verlässt, wird er von Rucker und weiteren Kumpanen von Ray überfallen. Sie feuern eine Waffe neben seinem unversehrten Ohr ab, packen Murray in einen Wagen und verschwinden. Freddy folgt ihnen und kann sie vor Rays Haus stellen. Er erschießt Rucker und einen weiteren Mann. Ray kommt aus der Tür und legt auf Freddy an, der dies nicht wahrnimmt, weil er nichts hört. Doch Ray wird seinerseits hinterrücks erschossen: Figgis ist umgekehrt und eilt Freddy zur Hilfe. Dann bringen er und Freddy Murray nach New York und übergeben ihn an Tilden.

Als der Film COP LAND (1997) angekündigt wurde, war die eigentliche Meldung, daß man Sylvester Stallone, jenen musklebepackten Actionhelden der 1980er Jahre, in einer dramatischen, ernstzunehmenden Rolle sehen würde. Er habe sich etliche Kilos angefuttert, um dem Kleinstadtsheriff Freddy Heflin das angemessen gemütlich-tapsige Aussehen zu verpassen. Diese Nachricht erinnerte natürlich an Robert De Niro, der sich einst für Martin Scorseses RAGING BULL (1980) etliche Pfunde angefressen hatte, um den alternden Jake LaMotta spielen zu können. Der Cineast im Kinogänger lächelte natürlich über den Vergleich, würde der Tumb Stallone doch im Leben nicht mithalten können mit einem Großmeister der Schauspielkunst, wie De Niro einer war. Dann las man, daß Stallone sich gleich in Gesellschaft dieses Großmeisters begab, denn De Niro sollte im Film eine Nebenrolle spielen, während andere Helden des gehobenen Leinwandvergnügens aus Amerika das Ensemble verstärkten: Harvey Keitel, den man in den 90ern gefühlt in jedem zweiten amerikanischen Film sah, Ray Liotta, der spätestens seit Scorseses GOODFELLAS (1990) eine Sonderposition in der US-Schauspielerriege einnahm, auch wenn er nie wieder an eine Rolle wie die des abtrünnigen Mafiosi Henry Hill kam, dazu Charakterdarsteller und Darstellerinnen wie Frank Vincent, Arthur Nascarella und Annabella Sciorra.

So wartete man also gespannt, aber doch auch skeptisch auf James Mangolds Polizei-Thriller. Und wurde sehr angenehm überrascht: Nicht nur bot der Film gute Unterhaltung, sondern auch genügend dramatisches, ja, tragisches Potential, um im Gedächtnis zu bleiben. Und er bot einen Sylvester Stallone, der seine Sache wirklich gut machte. Stallone konnte in der Rolle des Freddy wider Erwarten voll überzeugen.

Mangold, der seinen Film auch selbst geschrieben hatte, bietet vordergründig einen eher leidlich spannenden Thriller um korrupte Cops, die sich in einer Kleinstadt namens Garrison, New Jersey, ein Refugium gebaut haben, in dem nahezu nur Polizisten leben. Ein friedlicher Rückzugsort, wo sie unter sich sind, wochenends ihre Grillfeste feiern können, keine Kriminalität zu befürchten haben und mit billigen Krediten schöne und geräumige Häuser bauen konnten. Der Knackpunkt ist, daß der Verantwortliche, der von Keitel gespielte Ray Donlan, die Finanzierung mit seinen Mafia-Kontakten auf die Beine gestellt hat. Garrison gehört praktisch der Mafia. Und da Donlan und seine Kumpel alle beim selben Revier in Manhattan angestellt sind, können sie ihren Geldgebern den einen oder anderen Gefallen tun – Geld waschen, bspw. Das ganze schöne Konstrukt gerät in Gefahr, als der Jungspund Murray, gefeierter Held des Reviers, weil er sechs schwarze Kinder aus einem brennenden Haus gerettet hat, nach einer Party zwei ebenfalls schwarze Jungs in einer Sportkarre erschießt, weil er denkt, diese hätten auf ihn geschossen. Nun beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Donlan und seinen Mitwissern und dem Vertreter der Internal Affairs, der Inneren Ermittlungen, gespielt von De Niro, der das seltsame Gebaren der Polizisten aus Garrison schon lange auf dem Kieker hat und nun glaubt, einen Fuß in die fest verschlossenen Türen der Stadt zu bekommen.

Um den Spalt, der sich da auftut, zu vergrößern, macht sich dieser Moe Tilden, den De Niro relativ routiniert gibt, an den Sheriff von Garrison heran – Stallones Freddy Heflin. Mit Heflin kommt ein tragisches Moment in die Handlung, denn der hat als Teenager eine Ertrinkende aus dem Fluß gerettet, wobei ihm ein Trommelfell geplatzt ist, was später seine Aufnahme ins NYPD, die Polizeibehörde von New York City, verhinderte. Freddy fristet sein Dasein nun als Provinzsheriff, wenig ernst genommen von den Bürgern seiner Stadt, die sich benehmen wie sie wollen. Da es in Garrison eben kaum Verbrechen gibt, beschränkt sich seine Aufgabe eher darauf, bei Geschwindigkeitsübertretungen einzugreifen und Fremde von der Stadt fernzuhalten. Stallone spielt diesen leicht übergewichtigen Mann mit Herz als resignierten Kleinstadt-Cop, der seine Träume längst begraben hat, jenem einst von ihm geretteten Teenager-Mädchen hinterhertrauert, die natürlich einen schnieken Großstadtpolizisten heiratete, und der abends zu den traurigsten Songs von Bruce Springsteen auf seinem Sofa wegdämmert.

Dramatisch wird die Story dann, wenn Freddy begreift, wer und was wirklich hinter dem Kleinstadtidyll steckt, das er da beschützt. Und als Donlan, der seine Felle schwimmen sieht, zu immer brutaleren Mitteln greift, um seine Konstruktion zu schützen, beschließt Freddy schließlich tätig zu werden und Murray Babitch, jenen Supercop, der langsam zur Bedrohung wird, zu retten und an Tilden zu überstellen – wohl wissend, daß er damit Donlan und dessen Kumpel gegen sich aufbringt. In einem an HIGH NOON (1952) erinnernden Shoot-Out, bei dem Freddy nur Hilfe von einem desillusionierten Cop bekommt, der eigentlich schon auf dem Weg raus aus der Stadt ist, gelingt es ihm, seine Widersacher auszuschalten und Babitch in Sicherheit zu bringen. Aus der Perspektive der Polizisten in Garrison und ihrer Familien, hinterlässt Freddy natürlich nur verbrannte Erde.

Mangold schließt mit seiner Story geschickt an all jene Thriller und Dramen über die korrupte New Yorker Polizei an, die man durch Sidney Lumet und andere East-Coast-Regisseure kennt, nicht zuletzt Martin Scorsese. So muß Mangold nicht viel erklären, um seine Figuren zu etablieren. Man kennt diese Typen aus Filmen wie SERPICO (1973), PRINCE OF THE CITY (1981) oder CITY HALL (1996), der nur ein Jahr vor COP LAND erschien. So kann sich der Autor Mangold auf ein dem Zuschauer dieser einschlägigen Filme längst bekanntes Muster verlassen, dem er seine spezifischen Details und Zusätze beimischt. Die Idee einer Stadt für Polizisten ist dabei nicht einmal aus der Luft gegriffen, es gab Projekte wie dieses, die allerdings weniger mit der Mafia zu tun hatten, sondern vielmehr Winkelzüge der Beamten erforderten, die in den 60er und 70er Jahren, wenn sie in New York arbeiteten, auch innerhalb des Staates leben mussten. Mangold vermischt solche der Realität entnommenen Details mit seiner Finanzierungsgeschichte durch die Mafia, die im Film nach und nach und eher wie nebenbei von Tilden an Freddy weitergegeben wird.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist schließlich dieser Freddy Heflin. Er muß nicht nur erkennen, daß seine Helden miese Gauner sind, sondern er muß seine eigenen inneren Widerstände überwinden, er muß sich gegen seine ganze Stadt stellen und riskieren, zum Paria zu werden, um das Richtige zu tun. Er muß im wahrsten Sinne des Wortes aufwachen, sich aus seiner Kleinstadtperspektive befreien, und, wie Tilden es ihm einmal an den Kopf wirft, wirklich wie ein Polizist handeln, der er doch so gern sein möchte. Freddy muß aus der Rolle des zwar belächelten, aber beliebten Narren ausbrechen und in die weitaus weniger angenehme Rolle des Außenseiters, gar Verräters, wechseln. Das hat dramatisches und tragisches Potential. Und Stallone gelingt es, diesen Prozeß, der für Freddy, für einen Mann, der das Richtige tun will, der aber auch seinen Frieden mit seiner Rolle gemacht zu haben scheint, sehr schmerzhaft ist und, das kann man sich denken, sein ganzes Leben auf den Kopf stellen wird, überzeugend darzustellen. Er chargiert nicht, er übertreibt nicht, im Gegenteil, das, was man ihm sonst gern vorwirft – die Ausdruckslosigkeit seines Gesichts, seine scheinbare Passivität gegenüber dem, was sein Körper tut, nämlich meistens töten – gereicht ihm hier zum Vorteil. Freddy beobachtet. Hinter der Fassade des scheinbar Unbeteiligten gärt es, werden die letzten Träume und Hoffnungen zersetzt.

Der von Liotta gespielte Zyniker Figgis, der Freddy schließlich zur Hilfe kommt, sagt es ihm immer deutlicher ins Gesicht: Freddy solle aufwachen und sich darüber klar werden, daß die Stadt, die er beschützt, eine Gangsterstadt ist, gebaut mit Mafia-Geld und geschützt durch Mord und Totschlag. Donlan hat bereits getötet, um Garrison zu schützen, er versucht, Babitch zu töten und lässt einen anderen Kollegen, der mehr weiß, als Donlan ihm zugestehen will, eiskalt während eines Einsatzes in Manhattan sterben. Figgis, der selber einen fürchterlichen Fehler begeht, als er sein Haus abfackelt, um die Versicherungssumme einzustreichen und sich damit abzusetzen, dabei aber aus Versehen, in Unkenntnis ihrer Anwesenheit, seine große Liebe verbrennen lässt, schlägt Freddy immer wieder vor, einfach abzuhauen. Es habe keinen Sinn, sich Donlan und dessen Leuten entgegen zu stellen, viel zu mächtig sei der. Doch Freddy wählt schließlich, ermutigt durch Tilden, die entgegengesetzte Richtung und stellt sich Donlan in den Weg. Und tötet ihn.

Das tragische Potential von Mangolds Story schlummert unter all den rasanten Teilen der Handlung, deren Tempo in knapp zwei Stunden Filmzeit hochgehalten wird, obwohl es auch immer wieder ruhige Passagen und Momente gibt. Momente von trauriger Schönheit. Mangold erzählt eine Geschichte von lauter gescheiterten Träumen. Am offensichtlichsten ist dies natürlich in der Figur des Freddy, aber auch Typen wie Figgis, dessen Zynismus und Gier ihm seine Liebe nimmt, jemand wie Babitch, der glaubt, als „Superboy“ eine steile und unaufhaltsame Karriere vor sich zu haben, nur um erkennen zu müssen, eine Figur auf dem Spielbrett seines Onkels Ray zu sein, die im entscheidenden Moment abgeräumt werden kann, und schließlich auch dieser Ray Donlan selbst, der einst wirklich respektable Absichten gehabt haben mag, unterwegs vom rechten Weg abgekommen ist und sich schließlich mit dem Teufel eingelassen hat, nur um im Kugelhagel auf der Treppe seines hübschen Hauses zu sterben – sie alle scheitern schließlich an den Bedingungen einer Wirklichkeit, die, mit Ecken und Kanten ausgestattet, nicht zu beherrschen ist. Von den Toten dieser Geschichte ganz zu schweigen.

Mangold hat aber auch einen Blick für etliche Nebenfiguren, meist weibliche, die ebenfalls in Leben gelandet sind, die sie so nicht wollten. Allen voran ist da Liz, Freddys unerfüllte Liebe, die Opfer häuslicher Gewalt wird und ihren einstigen Retter immer wieder aufsucht, ohne sich zu ihm zu bekennen; da ist Rose Donlan, die es mit Liz´ Ehemann treibt, dennoch bei ihrem Gatten Ray bleibt, der das alles zu wissen scheint und einfach nur froh ist, sich nicht um seine Frau kümmern zu müssen. Mit wenigen skizzenhaften Dialogen und Szenen gelingt es Mangold, diese vermeintlich heile Polizistenstadt auch auf gesellschaftlicher und intimer Ebene zu entlarven. Hier ist nichts richtig – nicht die zugrunde liegende Finanzierung, nicht die Ehen, nicht die Vertrauensverhältnisse zwischen den Menschen. Mehr und mehr bekommt der Zuschauer den Eindruck, daß Garrison eine Art goldener Käfig ist, der zwar relative Sicherheit gewährt, dafür aber von seinen Bewohnern – den Insassen – verlangt, sich zu verbiegen und gar zu brechen, um über all die Risse, Hubbel, das hässliche Antlitz, das sich hinter der Fassade aus Anständigkeit verbirgt, hinwegzusehen.

Am Ende des Films bleibt ein schaler Geschmack von Trauer und Resignation, den auch Freddys Rettungstat nicht wegwischen kann. Er hat einmal das Richtige getan, dafür wird er einen hohen Preis zahlen, denn in die Stadt, die Gemeinschaft, die auch ihm relative Sicherheit gegeben hat, wird er nicht so ohne Weiteres zurückkehren können. Aber seine Träume vom Großstadt-Cop wird er ebenfalls nicht mehr realisieren. Er ist nun ein Paria, ein Aussätziger, der mit den Falschen paktiert hat. In einer berührenden Szene erklärt er Figgis, der vorübergehend bei ihm wohnt, daß er in seinem Leben einmal das Richtige getan habe – das Mädchen zu retten – und dies nun bis an sein Lebensende bereuen müsse. Er würde es nicht noch einmal tun, beteuert er. Und Figgis – glaubt ihm nicht. Da schimmert glatt Dialektik durch in Mangolds Story. Um es mit einer anderen, traurigen Zeile von Bruce Springsteen zu sagen, die einem anderen, traurigen Film entstammt und ebenso ergreifend wie perfide ist, bedenkt man die Doppeldeutigkeit des entscheidenden Wortes: Between our dreams and actions lies this world

Vielleicht ist Mangolds Film nicht der subtilste, ist seine Handlung oft zu plakativ, sind die Figuren auch zu holzschnittartig. Doch es gelingt ihm das Sittengemälde seines Landes zur Mitte der 90er Jahre, das es in sich hat, vor allem aber eines, das überzeugt. Wie die besten Genrefilme, bietet COP LAND unter der oberflächlichen Unterhaltung eben auch Hinweise auf die Verfasstheit dieser Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die müde ist, die sich zurückziehen will, die keine Kraft mehr hat, das Richtige zu tun und das Falsche zu erkennen und die jene, die sich doch einmal aufraffen, ausschließt. Und er bot Sylvester Stallone eine Möglichkeit, sein wahres Potential zu zeigen – auch wenn der danach nie wieder Gebrauch davon machte und bald zu den einschlägigen Action-Feuerwerken zurückkehrte. Dieser Film wird seinem Oeuvre jedoch immer zur Zierde gereichen.

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