DAS TREIBHAUS

Der Mittelteil der "Trilogie des Scheiterns": Wolfgang Koeppen führt den Leser in den frühen Bonner Politbetrieb und zu wegweisenden Entscheidungen

Eine der ersten großen Debatten der jungen Bundesrepublik Deutschland war jene um die Wiederbewaffnung und die damit einhergehende Westbindung. Im Umfeld einer der ersten Entscheidungen in diesem Prozeß – des Eintritts der Bundesrepublik in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) – siedelt Wolfgang Koeppen DAS TREIBHAUS (erschienen 1953) an, den zweiten seiner drei großen Nachkriegsromane, die in der sogenannten „Trilogie des Scheiterns“ zusammengefasst wurden.

Der Abgeordnete Keetenheuve, der wohl für die SPD im Parlament sitzt – genannt wird die Partei im Buch nie, aber die Geschichte des Protagonisten deutet an, daß es eigentlich nur diese Partei sein kann – kehrt aus seinem süddeutschen Wohnort heim. Eben erst hat er seine zwanzig Jahre jüngere Frau Elke beerdigt, die sich in einem langen Verlauf per Alkoholmißbrauch das Leben genommen hat. Es steht eine der entscheidenden Abstimmungen im Bundestag an und Keetenheuve, der Flucht und Vertreibung kennt, der die Jahre des Naziterrors im Ausland verbracht hat und als pazifistischer Idealist zurückkehrte nach Deutschland, will seinem Gewissen folgen und gegen jede Entwicklung stimmen, die einer Widerbewaffnung und – in seinen Augen – einem neuen Waffengang Vorschub leisten könnte. Der Krieg in Korea dräut und deutet an, daß die Supermächte bald aufeinander los gehen könnten. Während Keetenheuve einen Tag  und eine Nacht durch die Bundeshauptstadt Bonn streift, sich mit verschiedenen Vertretern aus Parteien und Lobbyverbänden trifft, die alle unterschiedliche Anforderungen an ihn und sein Wahlverhalten stellen, essen geht, in Bars sitzt und einer Miss-Wahl in einer nächtlichen Kneipe beiwohnt, muß er sich darüber klar werden, wie er sich verhalten soll. Soll er seinem Gewissen folgen? Oder soll er den diversen politischen Strategien und Taktiken folgen, die an ihn herangetragen werden und sich dementsprechend der politischen, der Räson der Parteien, die als Staatsräson ausgegeben wird, beugen?

Im titelgebenden „Treibhaus Bonn“ – konkret spielt Koeppens Roman, womit er eine deutliche zeitliche Zuordnung seiner Geschichte erschwert, an einem heißen Sommertag und einer nicht sonderlich kühleren Sommernacht, was die klimatischen Bedingungen in der in einem Kessel im Rheintal gelegene Stadt feucht und drückend werden lässt – ist das politische Klima längst schon wieder auf Betriebstemperatur, haben sich die politischen Entwicklungen längst wieder in einem Handlungsalltag erneut so eingespielt, daß die Volksvertreter weniger dem Willen derer folgen, die sie gewählt haben, als vielmehr dem Spiel der Kompromisse, der Absprachen und Hinterzimmerdeals erlegen sind, welches sie untereinander spielen, gefangen in einer Blase, in einem „Treibhaus“, das die Politikerköpfe erhitzt und die Parteien miteinander mauscheln lässt. In einer Schlüsselszene bietet der „Minister ohne Amstbereich“ Frost-Forestier, als dessen reales Vorbild gern der Chef des neu entstandenen BND und ehemalige Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen angesehen wird, Keetenheuve den Job als Chefdiplomat in Guatemala an, wo der seinen Lebensabend unter Palmen bei einem Pina Colada verbringen soll. Natürlich soll ein Mann wie Keetenheuve mit einem solchen Angebot aber auch aus dem parlamentarischen Betrieb entfernt werden, weil hier Männer (und Frauen) des Gewissens letztlich nur stören. Einen Betrieb stören, der sich wieder eingejazzt hat, nach gängigen Mustern verläuft und auch jene integriert hat, die eben noch als moralisch verkommen betrachtet wurden. Keine Stunde Null, nirgends. Fast surreal mutet jene Miss-Wahl in einer nächtlichen Bar an, in der sich die ganze Verachtung für das Gewesene als Feier einer Gegenwart zeigt, die von eben jenen geprägt wird, die eben noch mitmachten. Patriarchal, sexistisch und schon menschenverachtend, alkoholisiert und in Feierlaune wird weggetrunken, schöngetrunken, was nicht in das Selbstbild passt. Keetenheuve wendet sich angewidert ab. Doche s ist immer mehr, das Keetenheuve anwidert, was ihn an seiner Berufung und seinem Idealismus zweifeln lässt, der so nicht gewollt ist.

Wolfgang Koeppen gelingt es brillant, all diese Entwicklungen in der Figur Keetenheuven zu spiegeln und kulminieren zu lassen. Denn neben den politischen Überlegungen, die dem gebrochenen und zusehends resignierten Mann mehr und mehr in moralische und allgemein historische Betrachtungen zur eigenen  Geschichte wie der des Landes gerinnen, wird er zugleich von Schuldgefühlen, Gewissensbissen und Zweifeln an der eigene Integrität gequält. Ist seine Mission, die er, der ehemalige Journalist, sich auferlegt hat, als er in die Politik gegangen ist, nicht schon deshalb gescheitert, indem er im Privaten, bei seiner Frau, versagt hat? Er hat sie allein gelassen, ihren inneren Dämonen, ihren Ängsten und letztlich dem Alkohol überlassen. Wie soll ein Mensch, so seine Überlegung, der es nicht einmal schafft, seine eigene kleine Welt zu retten und zusammen zu halten, ein Land, einen Kontinent, die ganze Welt retten können? In der Vermischung, der Verschiebung vom Politischen ins Private und zurück, der Deckungsdichte, die dabei angelegentlich entsteht, wird die moralische Problematik jener frühen Jahre der Bundesrepublik überdeutlich. Keetenheuve sucht schließlich, was dann keine Überraschung mehr ist, den letzten ihm möglichen Ausweg, indem er sich final den Ansprüchen aller anderen entzieht.

Eine gewisse Larmoyanz ist Koeppen, wie schon im stilistisch anspruchsvolleren Vorgänger TAUBEN IM GRAS, auch hier nicht abzusprechen. Es verwundert den Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wie enorm schon in diesen frühen Jahren Verdrossenheit an Politik und Politikern, wie groß die Resignation, daran zu scheitern, etwas Neues, Besseres aufbauen zu können, gewesen sind. Nun war Koeppen natürlich Künstler, kein Politiker. Daß er, wie manch anderer, die Schwachstellen der jungen Republik überdeutlich wahrnahm und in Literatur verarbeitete, sie hierin überführte und gnadenlos aufdeckte und anprangerte, ist sein gutes Recht gewesen, sein Anspruch, und war vielleicht gerade bitter nötig. Dem Leser jüngeren Datums mutet das alles dennoch seltsam bekannt an, erinnert er sich noch an jene späten Jahre des vergangene Jahrtausends, als genau dieser Begriff – Politikverdrossenheit – Hochkonjunktur hatte und die sich darin ausdrückende Haltung als gefährlich für Demokratie und Rechtsstaat betrachtet wurde. Keetenheuve ist einen weiten Weg gegangen, durch einen Tag  und eine Nacht und ein ganzes Leben, das sich  ihm als vergeudet, als miß-gelebt darstellt. Er kann nichts ausrichten gegen Kräfte, die unverdrossen da weitermachen, wo sie eben erst aufgehört haben, die bereit sind, sich auf neue Abenteuer einzulassen, die geradezu danach gieren, wieder im Spile der „Großen“ mittun zu dürfen. Wie soll der einzelne sich dem entgegenstemmen?

Vielleicht ist DAS TREIBHAUS unter den drei Romanen der „Trilogie des Scheiterns“ von heute aus gesehen der schwächste. Vielleicht ist sein Sujet auch schlicht zu zeitgebunden, zu deutlich auf die tagespolitische Aktualität hin geschrieben, auch wenn Koeppen diese Lesart nicht zulassen wollte. Sein Roman entfalte seine eigene Wirklichkeit, so der Autor. Dennoch sind die Bezüge zu realen Personen (u.a. der Fraktionsvorsitzende Knurrewahn, hinter dem unschwer Kurt Schumacher zu erkennen ist) und Ereignissen zu deutlich, zu naheliegend, als daß der Roman schlicht für sich stehen könnte. Er greift ein, er belehrt, er klagt an. Koeppens Anschluß an die Moderne ist wohl auch hier festzustellen, sind seine Vorbilder – Joyce, Dos Passos, Faulkner – stilistisch gegenwärtig, changiert der Text zwischen Beschreibung, innerem Monolog, stream of consciousness, gibt es divergierende, manchmal kaum nachspürbare Übergänge, doch wirkt das alles weitaus weniger angemessen, als noch im Vorläufer. Weniger dringlich, weniger wirkmächtig scheint dieser Text. Klarheit aber scheint der Inhalt zu fordern. Stattdessen bietet Koeppen Zerrissenheit. Die Zerrissenheit eines Mannes, der zwischen persönlichem Versagen und politischem Verfehlen zerrieben zu werden droht. Ein zwar privates Drama, doch gelegentlich scheint sich die politisch und gesellschaftlich motivierte Wut, die der Autor hier schon empfunden haben muß, genau hinter den stilistischen Elementen zu verbergen, die das innere Drama schon eindringlich vermitteln.

Koeppens Romane werden gemeinhin als wesentlicher Beitrag zur Literaturgeschichte gerade der frühen Bundesrepublik angesehen und gelten darüber hinaus als wichtige Zeitzeugnisse der Entwicklungen in Westdeutschland. Wo TAUBEN IM GRAS und auch DER TOD IN ROM, welcher den Abschluß der Trilogie bedeutete und in seinem Ingrimm von überzeitlicher Immoralität zeugt, jedoch die Zeiten gut überstanden haben, wirkt DAS TREIBHAUS heute doch eher historisch interessant, weniger als literarisches Ereignis. Aber eben doch interessant – das allemal.

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