DER ISLAMISCHE FASCHISMUS

Wenn auch methodisch ungenau, die Entwicklungen der vergangenen Monate zwingen uns, erneut und noch genauer hinzuschauen

Während in Syrien und im Nordirak – wir schreiben den Herbst 2014 – der IS (Islamischer Staat) große Gebiete erobert und unter seinen Einfluß bringt, die Türkei sich zu einem modernen Sultanat zu wandeln und der Islam – ob als Religion oder als Ideologie, das sei einmal dahingestellt – auf Viele, gerade junge Männer, in Westeuropa mit klaren Regeln und (scheinbar) einfachen Antworten eine große Anziehung auszuüben scheint, herrscht im Westen Ratlosigkeit darüber, wie man – liberal, aufgeklärt, säkularen, demokratischen und rechtsstaatlichen Ideen verpflichtet – mit einem Gegenüber umzugehen hat, das die Demokratie und deren Werte schlicht zu einer Staatsform für „Schwächlinge“ erklärt. Nie, außer vielleicht im Mittelalter, standen sich die „Söhne Abrahams“ – Juden, das Christentum und der Islam – so unversöhnlich gegenüber, reden vor allem die beiden jüngeren monotheistischen Religionen derart viel und häufig über- statt miteinander. Und jede Glaubensrichtung meint der anderen vorschreiben zu können, was die zu leisten hätte, damit es besser würde. Das trifft im Westen vor allem auf all jene zu, die dem Islam nun aber endlich mal eine „Aufklärung“ nach europäischem Vorbild verpassen wollen, ohne allzu angegriffen zu sein von Kenntnissen des Gegenübers. Und meist auch ohne all zu viel Hochachtung vor den Errungenschaften eben jener Aufklärung (z.B. Meinungsvielfalt und -freiheit), die sie anderen empfehlen.

Umso besser, wenn diesen Kennern und Könnern dann Schützenhilfe aus den Reihen des Gegenübers gewährt wird und man sich auf einen „Na siehste“-Standpunkt zurückziehen kann. So geschehen mit diesem schmalen Band von Hamad Abdel-Samad, einem Ägypter, der in Deutschland lebt, hier sein Studium und große Teile seiner politischen Sozialisation er- und durchlebt hat. Monatelang stand DER ISLAMISCHE FASCHISMUS auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wurde millionenfach verkauft, gelesen und besprochen und dient seit geraumer Zeit jenen, die meinen, in diesem Land „endlich doch mal sagen zu dürfen…“ als Referenztext, daß sogar die Moslems selbst sich abwenden von ihrer Religion. Was Abdel-Samad gar nicht tut, aber das ist das Problem mit den vermeintlich differenzierten und ausgewogenen Standpunkten: Man wird vereinnahmt, ob man will oder nicht.

Der vorliegende Band trägt den Untertitel „Eine Analyse“. Es wäre dem Buch wahrscheinlich besser bekommen, wenn es einfach als Essay hätte durchgehen dürfen, so kommt es in den Geruch wissenschaftlicher Arbeit und da kann es nicht bestehen. Denn eine Analyse setzt Begriffsgenauigkeit, zumindest Begriffsdefinition voraus. So aber wird mit dem Begriff „Faschismus“ etwas irgendwie Ideologisches, irgendwie Totalitäres und auf jeden Fall sehr, sehr Menschenfeindliches umschrieben, ohne daß dem geneigten Leser je die genaue Verwendung des Faschismus-Begriffs erläutert würde. Und der Begriff bereitet schon Fachleuten Schwierigkeiten. Die einen behaupten es sei ein Begriff aus dem Fundus der Ideologie; FALSCH! ruft es von der anderen Seite, es ist ein Begriff, der lediglich ein Herrschaftsprinzip bezeichnet! Hinzu kommt die Unschärfe in der Abgrenzung: Ist der Faschismus ein totalitäres Prinzip? Oder eben ein absolutistisches, dem es gereicht, wenn alle folgen und die, die nicht folgen wollen, sich einfach ruhig verhalten? Ohne den italienischen Faschismus – der sein gerüttelt Maß an Terror über das italienische Volk (und andere) gebracht hat – auch nur ein Gran schönreden zu wollen – den eliminatorischen Charakter der Totalitarismen eines Hitlerismus oder Stalinismus hatte Mussolinis Ansatz nicht (und zunächst auch keinen explizit antisemitischen, wohl aber einen rassistischen). Hinzu kommt die – ebenfalls nicht beantwortete und seit Jahrzehnten zu Diskussionen führende – Frage, ob man Ideologien/Herrschaftsansätze und Religionen auf der funktionalen Ebene vergleichen kann? Da gibt es mit Karl Löwith und anderen die Auffassung, der Kommunismus sei eine Form des säkularisierten Christentums, die aber ähnliche Heilsversprechungen mit sich bringe (Das Gottesreich nach dem Jüngsten Gericht im neutestamentarischen Christentum vs. die Diktatur des Proletariats in einem verwirklichten Kommunismus nach der Revolution; hinzu kommt, daß man beides – Christentum wie den Kommunismus – als linear verlaufene Heilsgeschichten lesen kann). Andererseits stellt sich dann eben die Frage, warum man versuchen sollte, das eine in die Korsetts des anderen zu zwingen um Vergleiche herzustellen, die vielleicht nicht angebracht seien? Eine Haltung, die ebenfalls einleuchtet, hat man es in dem einen Fall nun mal mit Religion (also einem Glaubenssystem), im anderen Fall mit einem sich wissenschaftlich gebenden Projekt der Spätaufklärung, des deutschen Idealismus und der Anwandlung wissenschaftlicher Linkshegelianer zu tun.

Doch sollte man in Betrachtung des vorliegenden Bändchens vielleicht nicht mit dieser Wucht kompletter wissenschaftlicher Befragung  vorgehen? Vielleicht sollte man Abdel-Samads Werk nur aus sich selbst heraus und in Bezug auf sein Anliegen betrachten? Nein, das sollte man nicht, denn dann würde man ihm die Ernsthaftigkeit absprechen. Es führt den Begriff „Faschismus“ im Titel, es sollte sich dem dann auch stellen.  Der Autor gibt eine recht anschauliche Übersicht über die Entwicklung der islamischen Religion, darüber, wie es zum Streit zwischen den heutigen Sunniten und den Schiiten kam, darüber, welche Schulen des Islam zu welcher Zeit in der nicht so langen Geschichte dieser jüngsten der drei abrahamitischen Religionen eine bestimmte Rolle spielten. Darüber hinaus gibt der Band Aufschluß über gewisse historische Entwicklungen, vor allem auch der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens, Nordafrikas und der arabischen Welt. Dies alles sei unter dem Vorbehalt gesagt, daß der Laie sich auf den Autor wird verlassen müssen, gerade was die religionsgeschichtlichen Aspekte angeht. Doch auch in den eher deskriptiven Teilen seines Werkes baut Abdel-Samad schon stetige Angriffe und Vorwürfe gegen die Religion seiner Väter ein. Der „Faschismus“ sei bereits im Koran und allen urislamischen Lehren angelegt, es sei ein von allem Anfang an auf ein totalitäres System ausgelegter Glaube gewesen.

Nun macht Abdel-Samad an einer Stelle seines Textes dankenswerter Weise darauf aufmerksam, daß alle monotheistischen Religionen die Saat des Totalitären in sich tragen – auch und gerade das Christentum katholischer Prägung. Die katholische Kirche mit ihrer  durch und durch antidemokratischen Ausrichtung ist so etwas wie die Blaupause aller totalitären Herrschaftssysteme. Dennoch kämen nur die Verwegendsten unter den Religionskritikern auf die Idee, der katholischen Kirche generell faschistoide Tendenzen oder gar gleich „Faschismus“ als Grundmovens vorzuwerfen. Wobei ersteres – Religionen zumindest eine faschistoide Tendenz zu unterstellen – vielleicht noch angängig wäre, angängiger jedenfalls, als sie einem ideologischen Konstrukt oder einer staatlichen Herrschaftsform gleichzustellen.

Diese begrifflichen Unschärfen machen einen Text wie den vorliegenden schwierig. Schwierig, weil angreifbar. Zudem rennt der Autor in gewisser Weise offene Türen ein. Und das nicht nur bei den oben angeführten Paranoikern im Westen, die die gesamte Gesellschaft bereits islamistisch unterwandert sehen und sich bereits in einem Kalifat unter Anwendung der Scharia wähnen (diese, die Paranoiker, zu untersuchen in ihren ebenso persönlichen Abnutzungsgefühlen wie in jenem historisch-kulturellen Schuldbewußtsein, das zu verdrängen ihr eigentliches Bestreben zu sein scheint, auch und gerade jenen Weltregionen gegenüber, um die es hier geht, wäre wahrlich mal eine Untersuchung wert). Nein, auch bei den durch nun mittlerweile Jahre andauernde Angstberichterstattung zu allem „Islamischen“ verunsicherten Normalbürgern, die durchaus keine Ressentiments gegen Fremde oder Ausländer oder auch nur fremdländisch Wirkende hegen, rennt ein Text wie dieser offenen Türen ein. Er ist eloquent geschrieben, scheinbar aus einem sicheren Gefühl überlegenen Wissens heraus argumentierend und somit wohl „richtig“. Doch wozu soll das gut sein? Will der Autor uns Westlern ein „Wehret den Anfängen!“ zurufen? Nun gut, der Ruf ist angekommen, allerdings gibt es andere, die da lauter schreien und die besseren Parolen bieten. Dafür ist dieser Text dann eben wieder zu differenziert und vielschichtig.

Man würde sich wünschen, Autoren wie Hamed Abdel-Samad würden sich innerhalb ihrer Kultur und ihrer Religion einem aufklärerischen Projekt widmen, wozu sie wahrscheinlich eine andere Sprache nutzen, einen anderen Ton anschlagen müssten. Die genutzte Sprache dieses Buches spielt die Saiten der Angst bei den Westlern perfekt, wird bei Gläubigen der islamischen Religion jedoch bestenfalls Kopfschütteln, schlimmstenfalls (wie wir wissen, wurde der Autor mehrfach mit dem Tode bedroht) blanken Hass hervorrufen.

Es mag ja jene geben – vielleicht alles echte Kenner der Materie, was der Rezensent von sich ganz sicher nicht behaupten kann – die uns erklären, der Islam sei eben nicht reformierbar und ergo auch jeglicher „Aufklärung“ für alle Zeiten abhold. Mag sein, das müssen die Religionswissenschaftler und letztlich die Angehörigen der Religion, die Gläubigen entscheiden, vorantreiben oder verhindern. Ganz sicher werden die islamisch geprägten Gesellschaften, die immerhin 1.3 Milliarden Muslime repräsentieren, sich Fragen nach Säkularisierung und danach stellen müssen, wie sie es in der zusehends moderneren Welt des 21. Jahrhunderts mit einer Religion halten wollen, die definitiv nicht kompatibel mit vielen Möglichkeiten dieser modernen Welt ist. Einfach ein unterdrückerisches Regime einzurichten, den Menschen wieder mittelalterlich unter einer Knute der Angst zu knechten, wird – das hat die Geschichte gezeigt – nicht gut gehen auf Dauer. Und auch eine Herrschaft der Angst einzurichten, wo denen, die sich den Repressionen nicht beugen wollen, schlicht der Kopf abgehackt wird, wird nur von begrenzter Dauer sein. Gewalt setzt sich immer nur eine Zeit lang durch. Gewalt ist das denkbar dümmste Herrschaftsmittel. Sie bietet scheinbar einfache Antworten auf hochkomplexe Fragen. Doch gehen Fragen ja nicht dadurch weg, daß man sie schlicht ignoriert.

Allerdings – und vielleicht ist das die für uns Westler eigentlich wesentliche Frage – sollte man sich auch sehr genau überlegen, ob die Gesellschaften, die sich so vehement gegen die Vereinnahmung durch den Islam zu wehren scheinen, die sich so unglaublich überlegen wähnen durch technischen, technologischen und „aufklärerischen“ Fortschritt, nicht einerseits selbst schon längst wieder auf dem Weg zu den einfachen und letztlich gewalttätigen Antworten sind und zweitens, ob all die Technologie und Technik, all das, was uns angeblich so fortschrittlich macht, nicht auch in gewisser Weise ein Fehlglaube ist, der uns längst von wichtigen, wesentlichen Bereichen in uns selbst entfremdet hat. Doch diesen Fragen wollen wir uns ähnlich ungern stellen, wie ein Imam in einer Koranschule sich der Frage stellen wollen wird, ob der Islam möglicherweise einer Reformation bedarf. Solange aber all diese Fragen nicht nur nicht beantwortet, sondern aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einmal bedacht werden sollen/dürfen, wird das Hauen und Stechen, werden die gegenseitigen Vorwürfe und die Unterstellungen weitergehen. Hoffen wir, daß sich letzten Endes in allen Lagern die Vernunft durchsetzt gegen jene, die die Religion mißbrauchen, um ihren tiefsitzenden Ängsten Ausdruck zu verleihen.

 

NACHTRAG: Liest man Wolfgang Wippermanns Text FASCHISMUS. EINE WELTGESCHICHTE VOM 19. JAHRHUNDERT BIS HEUTE, muß man zumindest konstatieren, daß der moderne Faschismusbegriff die Kombination/Vermischung mit dem religiösen Begriff zuläßt. Da sich der Faschismusbegriff heute eher auf Herrschaftstechniken denn auf eine feststehende Ideologie bezieht, muß man dem IS und weiteren radikal-islamischen Bewegungen zumindest faschistisches Potential unterstellen. Abdel-Samads Buch bleibt dennoch manchmal ein Ärgernis, weil er sich nicht der Mühe unterzieht, den Begriff genauer zu untersuchen und auszudifferenzieren.

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