DER KADAVERRÄUMER/A DÖGELTAKARÍTÓ

Zoltán Danyi konfrontiert den Leser mit dem Zorn, dem Hass und dem Elend der jugoslawischen Bürgerkriege der 90er Jahre

Vielleicht muß man es auch einfach mal so angehen: Nicht jedes Buch, das man nicht versteht, das sich einem beim Lesen zu verweigern scheint, ist ein schlechtes Buch. Und vielleicht sollte man bedenken, daß es Westeuropäern angeblich immer schon schwergefallen ist, den Balkan zu verstehen. Wenn man dann ein schwer verständliches Buch über den Balkan liest – wenn auch von einer ausgewiesenen Fachfrau ins Deutsche übertragen – bleibt man eben mit vielen Fragen zurück. Mit Fragezeichen.

Zoltán Danyi, Angehöriger der ungarischen Minderheit in Serbien, hat mit DER KADAVERRÄUMER (2018; Original erschienen 2015) ein solches Buch geschrieben. Der Autor hat sein Werk auf Ungarisch verfasst, Terézia Mora hat es übersetzt. In sieben langen Kapiteln begegnet dem Leser ein namenloser Erzähler, der aufgrund seiner Erlebnisse während und nach den jugoslawischen Bürgerkriegen der 90er Jahre Halt und Selbstachtung verloren hat. In einem manchmal nur noch schwer nachvollziehbaren Mahlstrom aus Erinnerungsfetzen, oft ohne klare räumliche und zeitliche Zuordnung, aus Assoziationen und oft extrem kleinteiligen Detailbeobachtungen, die immer wieder Auslöser für neue Assoziationsketten sind, erleben wir einen Charakter im Zerfall.

Beginnend in einem kalten Berlin, wo er nach einer wilden Autostopp-Tour von Split aus gestrandet ist, eigentlich in der Hoffnung, nach Amerika weiterreisen zu können, in das er etwa die Hoffnung setzt, die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert viele Osteuropäer, Juden, Deutsche, Iren in eine Emigration in das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gesetzt haben mögen, bricht er schließlich vor Hunger und innerer Unruhe zusammen. Zunächst landet er in einem Krankenhaus, das er schnell auf eigene Faust wieder verlässt und ruht sich auf einer Parkbank neben einem schlafenden Obdachlosen aus, dem er die erste Ladung seines stream of consciousness zuraunt. Und raunend geht es bis auf wenige Kapitel zur Mitte des Buches weiter. Nicht immer ist klar, wer der Adressat ist, eingeschobene „…sagte er…“ suggerieren jedoch Adressaten. Wir erfahren, daß der Erzähler bei einem Kadaverräumkommando gearbeitet hat, später für eine Schmugglerbande, die den Krieg nutzte, um sich mit kleinem Grenzverkehr gesund zu stoßen. In seiner Funktion als Kadaverräumer hatte er allerdings – es wird nie, an keiner Stelle des Romans, explizit ausgeführt, allerdings immer wieder angedeutet und spielt eine wesentliche Rolle im geistigen Kosmos dieses Mannes – auch ganz andere Aufgaben. So mussten er und seine Kollegen auch Leichenberge von ermordeten Bosniern und kroatischen Zivilisten verscharren, wofür es nur kurze Zeitfenster gab, damit die amerikanischen Aufklärungssatelliten und die AWACS-Flugzeuge die jeweiligen Massengräber nicht finden konnten.

So verstrickt sich der Erzähler immer tiefer in ein Konglomerat aus persönlicher Geschichte – seine Liebe zu Cecilia, die aber mit P. liiert war – , der Geschichte Jugoslawiens, Momentaufnahmen gelegentlich äußerst ordinärer Details und innerer Reflektion, die ihn als Täter ausweist, wobei er aber auch Opfer war, zumindest Opfer der historischen Umstände. Es seien „ausbeinende“ Jahre gewesen – und allein diese Wortwahl lässt es dem Leser eiskalt den Rücken hinunterlaufen, zumal dann, wenn er sich selbst noch an die Bilder jener Bürgerkriege erinnern kann. Da wurden Gesellschaften ausgebeint, einzelne Menschen, aber auch ein Europa, das allzu lange wegschaute. Zumindest wurde sein moralischer Kompass „ausgebeint“, dem Körper einer letztlich rein ökonomischen Union entrissen.

Als westeuropäischer Leser, wenig vertraut mit den genauen Grenzen, den Verschiebungen und den ethnischen, religiösen und historischen Zuordnungen im ehemaligen Jugoslawien, aber auch darüber hinaus in Ungarn, Rumänien, Bulgarien etc., verliert man sich schnell im Dickicht dieser Zugehörigkeiten. Und vielleicht ist dies auch im Sinne des Textes, verdeutlicht diese Verlorenheit doch einen Teil der Konfusion, die das Dilemma, die Tragödie des Balkans in einer Zeit darstellte, da der Rest der Welt ernsthaft glauben wollte, das „Ende der Geschichte“ erreicht zu haben und die aufbrechenden Nationalismen in Jugoslawien für ein historisches Mißgeschick, eine Ungleichzeitigkeit, eine widernatürliche Volte hielt. Letztlich eine Fußnote, weshalb (West)Europa eben so lange wegschaute, sich mit sich selbst beschäftigte und sich den Nimbus gab, den einen Mann wie den Erzähler aus DER KADAVERRÄUMER dazu veranlasst haben mag, nach Berlin zu trampen – die Stadt begreifend als ein Tor zu einer Welt, einem Leben, jenseits der völkischen, mafiösen und religiösen Enge auf dem Balkan.

In einem Kapitel, das die Überschrift „Europa“ trägt, wird uns von einem nahezu surrealen Stau in den Straßen Budapests berichtet, den wir, gerade vor dem Hintergrund obiger Überlegungen, wohl getrost als allegorisch auffassen dürfen. Nichts geht hier mehr, nichts kommt voran, nichts kehrt um. Alle stecken mitten in diesem Stau, bei dem niemand weiß oder versteht, wodurch er entstanden ist. Es ist lustig, wie Danyi das beschreibt – so wie der Text immer auch einen belustigten Unterton hat, etwas Ironisches, das für den westeuropäischen Leser häufig verstörend ist in Anbetracht dessen, was und wovon da erzählt wird. Es ist eine gelungene Metapher für einen Kontinent, eine Union zumindest, die sich so viel vorgenommen hatte, wirtschaftlich, moralisch, infrastrukturell, und sich dabei in unnützen Reglements komplett verheddert und sich damit in eine Situation kompletter Unbeweglichkeit manövriert hat. Wie soll ein Land wie Serbien – oder wie sollen die Länder des Balkans, die einst so große Hoffnungen in die EU gesetzt hatten – hier noch Hoffnung erblicken?

Der Roman endet am Meer – auch so einem Mythos, wie es Europa einmal gewesen sein mag. Das Meer bietet das Offene, die Freiheit. Und doch ist es auch ein Ende, da es hier ohne Hilfsmittel nicht mehr weitergeht. Einmal mehr wird der Erzähler uns seine Beobachtungen mitteilen, aber es wird hier nicht enden. Es wäre gut gewesen, wenn es so geendet hätte… – so beginnen die drei letzten Sätze des Romans, die aber keine Sätze sind, sondern unendliche Wortgebinde. Es kann, es wird nicht enden und der Erzähler wird weiterhin sein ausgebeintes Leben leben, gefangen in Erinnerungen und Assoziationen, in Fragen und Annahmen. Hilflos. Ratlos.

Es gibt in einigen Abschnitten des Romans überhaupt keine Sätze mehr, sondern nur einen einzigen, lang dahin mäandernden Satz. Wortgebinde, Wortgirlanden. Das erinnert an Mathias Énards ZONE-Roman (2008; Deutsch 2010), der ebenfalls fast lyrisch dem Rattern eines Zuges folgend, der quer durch Europa fährt, in einem interpunktionslosen Sprechen dahingleitet. Und der ebenfalls vom Balkan erzählt – unter anderem vom Balkan erzählt – und von einem Europa, in dem die Kriege nie beendet waren, nur auf andere Weise fortgeführt wurden. Und mit denen immer sehr gute Geschäfte gemacht wurden, was auch Danyi klar anspricht, wenn er seinen Erzähler darüber räsonieren lässt, wer eigentlich aus dem ganzen völkisch-nationalistischen Gewirr als Profiteur hervorgegangen ist. In der Konsequenz, auch im Ton, der eben oft belustigt ist, dem aber auch immer etwas Resignatives, wenn nicht gar Verzweifeltes unterliegt, erinnert dies auch an die Romane eines Aleksandar Tišma, der, serbischer Herkunft, ebenfalls wieder und wieder die Verwüstungen auf dem Balkan durch die europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts beschrieben hat.

Vielleicht sollte man also so enden: Nicht jedes Buch, daß man nicht versteht, ist ein gutes, aber man sollte immer ein Sensorium dafür haben, wo die Grenze zwischen eigenem Verständnis und dem Text liegt. Zoltán Danyi hat vom Herzen des Balkan aus geschrieben und er zielt auf Europa und auch darauf, Zeugnis abzulegen und sich zu rechtfertigen. Vielleicht muß man sich also dieser Verantwortung stellen, auch wenn das Lesen darüber fremd, nahezu unergründlich bleibt. Vielleicht muß man einen solchen Text aber auch schlicht wieder und wieder lesen, um nach und nach alle Schichten freizulegen, die darin verborgen sein mögen. Das ist anstrengend, es ist fordernd. Aber ganz sicher ist es auch bereichernd. Und notwendig.

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