DIE ABENTEUER DES AUGIE MARCH/THE ADVENTURES OF AUGIE MARCH

Saul Bellows Durchbruch von 1953 bleibt eines der großen Leserlebnisse der amerikanischen Literatur

THE ADVENTURES OF AUGIE MARCH erschien 1954 und wurde einst von Philip Roth als das „bedeutendste amerikanische Werk, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde“ bezeichnet, ja, es sei der „amerikanische ULYSSES“. Man mag solchen Urteilen zweifelnd gegenüberstehen, da ein Werk vielleicht besser für sich selbst steht, als in solchen Vergleichen immer den Kürzeren ziehen zu müssen, war die Referenz doch immer schon zuvor da, doch spürt der Leser nach einigen Dutzend Seiten, daß er es hier mit einem jener Werke zu tun hat, die ihn begleiten werden. Zunächst über Tage und Wochen während der Lektüre, so, wie er, der Leser, diesen Augie March begleitet, aber doch auch weit darüber hinaus.

Vielleicht ist es die häufige Nutzung der griechischen Mythologie als Referenz, die Roth zu seinem Diktum verleitete, doch nutzt Bellow sie in vollkommen anderen Zusammenhängen und verfolgt auch einen anderen Zweck, als sein irischer Kollege. Natürlich belegen die Verweise – die allerdings auch die europäische Geschichte, amerikanische Mythen und literarische sowie philosophische Analogien einschließen – die Gelehrtheit des Autors, doch vor allem sind sie der sichtbare Ausdruck einer überaus gewagten und letztlich sehr kunstvollen Konstruktion eines Werkes, das sich oberflächlich betrachtet dem Verdikt „Kunst“ zu entziehen scheint.

Bellows dritter Roman, allerdings der erste, der wirklich überregionale Aufmerksamkeit errang und den Ruhm des Autors begründen sollte, kommt als Episodenroman daher. Scheinbar ohne inneren Zusammenhang oder Spannungsbogen lässt Augie March, der Ich-Erzähler, sein Leben Revue passieren. Manchmal assoziativ, gelegentlich sprunghaft, oft anekdotenreich und überquellend von Phantasie, Figuren und Begebenheiten, schildert er ausführlich seine frühen Jahre und sein Erwachsenwerden. Er wird an der Chicagoer West Side geboren und wächst als Jugendlicher in einer vor allem von jüdischem Leben geprägten, dennoch weitgehend säkularen Umgebung während der Prohibition und der Wirtschaftskrise der 1920er und 30er Jahre auf. Seine zusehends erblindende Mutter versucht, ihn und seine Brüder Simon und den geistig behinderten George durchzubringen. Eine ältere Dame ist Hausgast der Marchs, sie führt in der Wohnung ein harsches Regiment und müht sich, den „Jungs“ ein wenig Lebensart und Manieren beizubringen. Augie wird immer wieder von diversen einflußreichen Männern oder gar Familien protegiert, während sein Bruder Simon als Unternehmer zu reüssieren versucht. Augie driftet durch ein Leben, dem er eine Menge abgewinnen kann, ohne daß er bereit wäre, sich – wie nahezu jeder um ihn herum, ob Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitgeber – für einen klaren Weg zu entscheiden und diesen zu gehen. Er studiert, arbeitet, gleitet gelegentlich in kriminelle Gefilde ab, versucht sich mal als Boxpromoter, mal als Schmuggler, studiert erneut. Sein Verhältnis zu Menschen und die Frage, wie man ein erfolgreiches Leben führt, wie man die großen Fragen nach Sinn, Entwicklung, danach, wie man sich zur Welt verhält, interessieren ihn weitaus mehr, als beruflicher Erfolg. Vor allem sein Bruder Simon nimmt ihm das übel. Augie verliebt sich immer mal wieder, bis er seine große Liebe trifft und dieser nach Mexiko folgt. Die Beziehung scheitert jedoch – auch, weil Augie in seinem Reifeprozeß nicht weit genug ist, der erfahrenen und vor allem mit allen Wassern gewaschenen Thea nicht gerecht werden kann. Er versteht ihre Motive und vor allem ihren unbändigen Freiheitsdrang nicht. Nachdem sie ihn verlassen hat, verfällt er in Mexiko einer Depression und dem Suff, bis er alten Freunden aus Chicago begegnet, die ihn in politische Händel um Leo Trotzki und dessen Schutz vor Verfolgung zu verwickeln suchen. Schließlich zurückgekehrt in die USA, zieht Augie in den Krieg, nicht jedoch, bevor er Stella, eine Dame, die er bereits in Mexiko kennengelernt hatte, geheiratet zu haben. Nach dem Krieg – der ihm einen Schiffsuntergang beschert und dadurch eine weitere Begegnung mit einem Mann, der ihn für seine Zwecke einsetzen will – wird er ruhiger. Er geht mit Stella nach Europa, wo er für einen Bekannten mehr oder weniger im Schwarzhandel tätig ist, während seine Frau in der aufblühenden Filmproduktion des Nachkriegsfrankreichs arbeitet. Hier verlieren wir Augie March schließlich aus den Augen.

In einem manchmal schon barocken Sprachstil, adjektiv- und attributgesättigt, manchmal ein wenig selbstverliebt, in Schachtelsätzen schwelgend, bringt Bellow uns diesen Menschen Augie March näher. Ein Mann, dessen Voraussetzungen und Dispositionen eigentlich kaum auf einen Lebensweg wie den geschilderten schließen lassen. Durch seinen Charme und sein gutes Aussehen findet er immer wieder die Aufmerksamkeit verschiedener Männer und Frauen, die ihn zu ihrem Protegé machen, denen er sich jedoch immer nach einiger Zeit entzieht. Bellow portraitiert diese Beschützer und Förderer mit einer Lust, die auf den Leser überspringt. Lebensecht und plastisch entstehen Skizzen amerikanischen Lebens zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Da die Erzählung keinem roten Faden zu folgen scheint, werden Augies Betrachtungen des Lebens im Allgemeinen und seines eigenen im Besonderen zur eigentlichen inhaltlichen Klammer. Diese Betrachtungen zeugen von Bellows Belesenheit und davon, mit welcher Bildung dieser Roman (wie Bellows Romane immer) geschrieben wurde. Doch weiß Bellow sie einzusetzen, ohne seine Leser zu verprellen. Denn Augies Analogien und Metaphern nutzt der Autor immer auch, um Witz zu erzeugen, wenn er unvermittelt von den Höhen der Mythologie in die profane Wirklichkeit des amerikanischen Alltags zu wechseln pflegt, oft innerhalb ein und desselben Satzes. Indem Bellow uns wissen lässt, daß der junge Augie March aber keineswegs über diese Bildung verfügt haben kann, ebenso, wie er die Orte, die er oft zu Vergleichen heranzieht, nicht kennen konnte, wird das Ganze früh als Lebensbeichte, als Erinnerungsprojekt eines Älteren markiert, wird die ausgestellte Bildung zum Pfeiler einer Konstruktion des Vorgriffs, die die Klugheit dessen erkennen lässt, der das Leben bereits gelebt und seine Schlüsse daraus gezogen hat. In diesem Wechselspiel aus fast juvenilem Überschwang, lebensklugem Sinnieren und einem Bericht voller Lebenslust, kann der Leser sich verlieren, wie Augie March sich in seinem Leben verloren haben mag.

Sprachlich auf einem enorm hohen Niveau, dem man, wollte man Kritisches finden, gelegentlich eine gewisse Geschwätzigkeit unterstellen könnte, die der bereits erwähnten Selbstverliebtheit geschuldet sein dürfte, entwickelt Bellows Text einen ungeheuren Sog. Ein Buch, in das man eintauchen und das man nicht mehr verlassen will. Ein Buch, das wie nebenher ein Panorama amerikanischer Entwicklungsgeschichte des 20. Jahrhunderts ausbreitet. Ein Buch, das voller Humor, feiner Ironie und dennoch großer Tragik (und Weisheit) steckt, weil es um die Unbilden des Lebens weiß, ebenso, wie es weiß, daß diese Unbilden uns alle treffen und deshalb das einzelne Schicksal in den wenigsten Fällen einzigartig ist. So ungerade Augies Leben verläuft, es ist doch exemplarisch, wenn man bedenkt, aus welch krummen Holz ein jedes Leben geschnitzt ist. Seine Abenteuer sind einzigartig und genau darin exemplarisch für jeden von uns – und sei es nur, um zu begreifen, daß auch das eigene Leben vollkommen einzigartig ist. Dazu trägt eben Bellows Stil bei, der den großen Tragödien wenig Dramatisches einschreibt, die kleinen Dramen dafür umso tragischer gestaltet. Wenn eine Freundin von Augie ihr Kind abtreibt, findet Bellow für diese grausigen Stunden der Ungewißheit und des Schmerzes eine Sprache, die den Leser kaum unberührt lässt, wenn Augie und seine fast blinde Mutter George in ein Heim, weit fort von der kühlen Heimat am Michigansee, bringen und der zurückgebliebene Junge kaum versteht, was mit ihm geschieht, sind dies Szenen von tiefer Intensität. Und voller Trauer. Wenn der liebeswunde Augie in Mexiko fast an dem Ende seiner Beziehung zu Thea zugrunde geht, zeigt Bellow uns zwar das durchaus Tragische einer zerbrechenden Beziehung, zugleich aber auch die Farce, die immer darin steckt, wenn erwachsene Menschen sich ihrer Emotionalität hingeben. Und er zeigt auch, wie hinlänglich bekannt, wie alltäglich gerade diese Dramen sind.

Nicht nur dieser Augie March wird uns als Lesern in diesem Buch also als vielschichtiges menschliches Wesen vorgeführt, sondern es gibt eine ganze Reihe extrem gut getroffener und skizzierter Figuren. Einhorn, jener reiche Immobilien- und Versicherungshai, der Augie unter seine Fittiche nimmt; Simon, der verzweifelt versucht, dem amerikanischen Traum ein paar Tropfen für sich selbst abzupressen und dabei immer beleibter, introvertierter und verlorener wird; Thea, die eine emanzipierte, sich ihre Freiheit erkämpfende Frau ist und doch an den Konventionen einer Schicht zu scheitern droht, die ihr vielleicht zu tief eingepflanzt wurden, als daß ein Leben reichen würde, sie unbeschadet zu überwinden; Stella, die lügt und sich in ihren Lebenslügen so eingerichtet hat, daß ihre daraus resultierende Oberflächlichkeit nicht nur eine Wahrheit generiert, sondern für Augie schließlich das Maß an Beziehungsdichte bietet, das er ertragen kann oder zu ertragen bereit ist. Auf den nahezu 850 Seiten des Romans wimmelt es von etlichen weiteren Figuren – Freunde, Kollegen, Gelegenheitsbekanntschaften, Gegner, Neider, Nutznießer – , die alle ein Leben haben und deshalb so immensen Anteil am Gelingen dieses gewaltigen Werks.

Vielleicht ist Bellows späteres Werk tiefsinniger, weil es von längerem Nachdenken zeugt, vielleicht sind andere Bücher humorvoller, vielleicht ist eine Figur wie Herzog aus dem gleichnamigen Roman von 1964 noch plastischer, schärfer und genauer beobachtet. Doch alle Ansätze, alle Anlagen sind hier schon deutlich ausgeprägt. DIE ABENTEUER DES AUGIE MARCH gehören zu jenen Werken, die, hat man sich ihnen einmal hingegeben, den Rest des Lebens begleiten werden und sicher noch einige Male zur Lektüre herangezogen werden. Ein Buch, das sich sicherlich mit jedem Neu-Lesen verändert und doch im Kern der alte Freund bleibt, den man einmal kennengelernt und in sein Herz geschlossen hat.

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