DIE NICHT STERBEN

Dana Grigorcea holt den Fürsten der Finsternis in einem ironischen Schauerroman heim nach Transsilvanien

Der Rezensent Thomas Bucheli merkte in seiner Rezension zu Dana Grigorceas jüngstem Roman DIE NICHT STERBEN (2021) in der NZZ an, daß die Autorin gleich ein neues Genre oder Subgenre entwickelt habe: Den „politischen Schauerroman“. Vielleicht muß man nicht gleich ganz soweit gehen. Allerdings kann man zweierlei festhalten: Dana Grigorcea hat einen waschechten Schauerroman geschrieben, wenn auch höchst ironisch, und zudem eine hinter all der Ironie und der teils bewußt geschwollenen Sprache letztlich düstere politische Parabel auf das Land, in dem sie einst geboren wurde – Rumänien.

Anders als die ehemalige DDR, stürzten Rumänien und Bulgarien nach der Wende in den Jahren 1989/90 nahezu ins Bodenlose. Als der Ostblock, der Warschauer Pakt, zusammenbrach und die damals noch existente Sowjetunion sich als Schutzmacht aus den osteuropäischen Ländern zurückzog, blieb gerade auf dem Balkan kaum etwas zurück als Armut, Not und Elend. Und daraus entwickelte sich eine Schattenwirtschaft, die bis heute diese Länder in einem eisernen Griff aus Betrug, Subventionserschleichung und vor allem Korruption hält. Und womit, denkt man als ignoranter Westler, womit wollte ein Land wie Rumänien denn auch punkten? Außer eben mit dem einzigen Exportschlager, den es je hervorgebracht hat, dem Grafen Dracula.

Der wiederum verdankt seine heutige Bedeutung und seinen Ruhm sowie seine Gestalt dem irischen Schriftsteller Bram Stoker, der 1897 seinen Briefroman über den seltsamen Grafen aus Transsilvanien veröffentlichte. Dabei scherte sich Stoker wenig um historische Genauigkeit, im Grunde sparte er das historische Vorbild für Dracula im Roman komplett aus. Der originale Dracula, Vlad III. Drăculea – der Titel Drăculea („Sohn des Drachen“) lässt sich wahrscheinlich auf die Mitgliedschaft seines Vaters im Drachenorden Kaiser Sigismunds zurückführen und ging später auf seinen Sohn über – gilt der Sage nach als eiserner Gegner der Osmanen, die er in der Walachai und anderen Gebieten seines Einflußbereichs zurückdrängte auf ihrem Weg gen Europa. Er gilt aber auch, der Beiname Țepeș steht für „Pfähler“, als besonders grausamer und autoritärer Führer, der seine Gegner auf Holzpfähle spießen und daran hängend langsam verrecken ließ. Gelegentlich soll er in einem Wald sterbender Gepfählter sein Frühstück eingenommen haben. Solch Grausamkeit ist natürlich immer ebenso abstoßend wie faszinierend. Und besonders geeignet, um ein Monster in Menschengestalt zu erschaffen.

Solch ein Monster wurde dann Dracula, also in der literarischen Inkarnation bei Stoker. Denn dieser, ein Vampir, unsterblich und immer blutgierig, erscheint den Menschen in ebendieser menschlichen Gestalt, er kann aber auch als Spinne, Ratte, Wolf oder Fledermaus in Erscheinung treten. Die Ikonographie dieser Figur ist heute vor allem durch etliche Film- und Fernsehauftritte geprägt. Der Umhang mit dem hochgestellten Kragen, die spitzen Zähne, der kreidebleiche Teint usw.  Nachdem nun nahezu die gesamte globale Unterhaltungsindustrie an der Figur Dracula verdient hat, ist es nur verständlich, daß auch die Rumänen selbst von ihrem Ahnherrn ein wenig profitieren wollten. Deshalb machte um die Jahrtausendwende das Gerücht die Runde, es solle ein Themenpark nach dem Vorbild der Universal Studios oder Disneylands zum vampirischen Fürsten der Dunkelheit in Rumänien entstehen. Stilgerecht natürlich in jenem Gebiet, das gemeinhin als Transsilvanien anerkannt wird. Die Pläne zerschlugen sich.

Die rumänische Autorin Dana Grigorcea, die meist auf Deutsch schreibt, greift all die oben erwähnten Zutaten auf, um ihren Roman zu unterfüttern. Eine junge Malerin kommt nach Jahren, die sie in Paris verbracht hat, in ihre rumänische Heimat zurück. Es sind die späten 90er Jahre, sie will einen Hauch ihrer Kindheit erhaschen, indem sie in die Villa ihrer Tante Margot einkehrt, um hier einige Wochen Urlaub zu verbringen. Doch diese Zeit entpuppt sich als eine für die junge Dame wegweisende: Eine Miturlauberin stürzt zu Tode, als man sie in der familieneigenen Gruft bestatten will, findet man dort die Leiche eines Mannes, der vor Jahren aus dem Ort verschwunden ist. Er wurde schrecklich zugerichtet, offenbar gepfählt und die Augen wurden ihm herausgerissen. Eine Behandlung, wie sie gemeinhin jenen widerfährt, die die lokale Gemeinschaft für einen Untoten, einen Vampir hält. Doch was noch aufregender ist, ist der eher zufällige Fund des Originalgrabs des Vlad Drăculea. Offenbar steht die Familie von Margot und der Erzählerin des Romans in direkter Verbindung mit dem berühmten Ahnherrn.

Diese Ausgangssituation nutzt Grigorcea, um eine teils hanebüchene, manchmal arg konstruiert wirkende Geschichte um die Entwicklung im postkommunistischen Rumänien zu spinnen. Der korrupte Bürgermeister, schon seit den Zeiten des Diktators Nicolae Ceaușescu im Amt, will einen Themenpark wie oben beschrieben in dem kleinen Ort B., in dem sich dies alles zuträgt, errichten, dafür natürlich EU-Gelder einheimsen und internationale Geldgeber in die abgelegene Gegend holen. Die Weltpresse läuft in B. auf, niemand kann sich entscheiden, was nun eigentlich die größere Sensation ist: Der grausliche Leichenfund auf dem Grab, oder die Entdeckung des Grabes selber. Langsam kommen all die alten Geschichten des Dorfes ans Tageslicht, alte Feindschaften und Seilschaften werden offengelegt, die allgegenwärtige Korruption kommt einmal mehr ans Tageslicht, Verbindungen und Freundschaften aus der Jugend werden für die Erzählerin neuerlich wichtig.

Doch vor allem stellt sie fest, daß sie etwas berührt hat. Was zunächst wie eine Traumerfahrung anmutet, scheint ihr in realitas widerfahren zu sein: Sie verwandelt sich nach und nach in einen Vampir. Zunächst meint sie, ihre Sinne extrem geschärft vorzufinden, sie hört, sieht und riecht Dinge, die weit außerhalb ihrer direkten Umgebung liegen. Dann stellt sie fest, daß die Probleme damit bekommt, ungeschützt das sonnige Wetter zu genießen, schließlich verfügt sie sogar über die Fähigkeit, zu fliegen. Offenbar waren ihre erotischen Träume einer Vereinigung mit einem fremdartigen, düsteren Wesen, viel mehr als das – es scheinen reale Erlebnisse gewesen zu sein. So wird die Erzählerin, die ihren Bericht mehrfach unterbricht, um sich direkt an ihr lesendes Publikum zu wenden und ihre eigene Erzählung durchaus in Frage stellt, mehr und mehr zu einer Art Rächerin jener wahren Geschichte hinter dem Mythos, hinter der Legende, und bemüht sich, ihre (Wahl)Heimat vor den Einflüssen internationaler Geschäftsmänner, die in Gestalt einer österreichischen Firma, die illegal Holz in den Wäldern um B. schlägt und längst auch bei den Plänen für den Freizeitpark mitmischt, zu bewahren. Schließlich, nachdem sie Zeugin eines furchtbaren Anschlags auf das Leben des Sohnes des Bürgermeisters geworden ist, der selbst bereits in die Organisation der Macht seines Vaters eingebunden ist, vergeht der Vampirismus, der sie vorübergehend befallen hatte, wie eine vorübergehende Krankheit wieder.

Grigorcea nutzt eine Sprache, die sich bewußt an jene der romantischen Schauergeschichten des 19. Jahrhunderts anlehnt, gelegentlich streift sie dafür auch den reinen Kitsch, immer wieder hebt sie ab zu Formulierungen, die man wirklich nur als „geschwollen“ bezeichnen kann. Wir sollen – und können – diese ganze Geschichte um Vampire und Vampirismus nicht allzu ernst nehmen, das wird schnell klar. Vielmehr sollen wir durch die Nebelschwaden des Mythischen und Mystischen wahrnehmen, wie es reell um ein Land wie Rumänien heue bestellt ist. Und wie nebenher gelingt es der Autorin, eine recht eindrucksvolle Analyse dieser postkommunistischen Gesellschaften vorzulegen, die nicht mehr diktatorisch geführt werden, aber längst noch nicht in der Demokratie, in pluralistischen und offenen Gesellschaften, wie der Westen sie kennt, angekommen sind. Eher herrscht eine stille Sehnsucht nach einer harten Hand, einem Führer, der das Land durch Strenge und Augenmaß zusammenhält und ihm Respekt in der Welt verschafft und Selbstbewußtsein gibt. Ein Phänomen, das in verschiedenen der früheren Ostblock-Staaten zu beobachten ist und westliche Vertreter ratlos zurücklässt.

Mehrfach wird diese Haltung in Dialogpassagen aufgegriffen und auch von Figuren wie Tante Margot so geäußert. Tante Margot, das versteht Grigorcea literarisch perfekt auszuspielen, indem sie andeutet, Angedeutetes aber auch offen lässt, scheint ihrerseits sehr wohl um die familiären Bezüge zum historischen Vlad Țepeș zu wissen. Sie blickt mit einer gewissen Verachtung auf die Landbevölkerung. Das kann man als profane Arroganz der Städter – Margot kommt aus Bukarest und bezieht die Villa immer nur für einige Monate im Sommer – gegenüber den Hinterwäldlern auffassen, man kann darin aber auch die verachtende Haltung des Adels gegenüber einer hinterwäldlerischen Gesellschaft sehen, die den Anschluß an die Moderne verpasst hat, die lediglich als Reservoir zur Befriedigung eigener Bedürfnisse betrachtet wird.

Dana Grigorcea gelingt es immer wieder, ihre Geschichte mit dieser Art Doppeldeutigkeit, Doppelbödigkeit, aufzuladen. Doch zugleich gelingt es ihr eben auch durch den Rückgriff auf einen bestimmten Sprachduktus, eine wirkliche Schauergeschichte über eine junge Frau zu erzählen, die sich mit den Mächten des Bösen, den Mächten der Finsternis, eingelassen hat. Denn die Andeutungen, wie oben beschrieben, beziehen sich auf einige der Dorfbewohner, der Hausangestellten und des lokalen Tratsches, der alteingesessenen Legenden und Sagen. So bleibt immer unklar, ob man es mit einer eindeutig definierten Situation zu tun hat, oder eben doch mit der Phantasmagorie einer Entfremdeten, die sich durch eine kulturelle Überidentifikation mit ihrer früheren Heimat in ein Traumerlebnis hineinsteigert. Auf der reellen Eben der reinen Beschreibung allerdings hat dies durchaus etwas untergründig Bedrohliches, Unheimliches, Schauerliches. Daß die Autorin ihre Leser dazu einlädt, durchaus herzhaft zu lachen und das alles nicht allzu ernst zu nehmen, unterstreicht ihre Bemühungen um einen Horror-Roman also eher, als daß sie dies unterliefe.

Ein wenig fehlt dem Leser die empathische Ebene dieser Erzählerin, scheint sie doch wenig berührt durch das, was ihr geschieht, was sie erlebt. Dies scheint Grigorcea durch die direkte Ansprache an das Publikum wettmachen zu wollen. In diesen – seltenen – Passagen reflektiert sie auch über die Gefühle, die ihr diese Geschichte einflöße: Angst, Unsicherheit und die Befürchtung, es werde ihr nicht geglaubt. Diese emotionale Ebene aber findet sich in ihrer Erzählung der Geschehnisse nicht wieder. Zudem ist zu konstatieren, daß die verschiedenen Ebenen des Romans nicht immer so mühelos zueinanderkommen, wie es zunächst den Anschein hat. Gelegentlich kommt sich Grigorcea ein wenig selbst ins Gehege, wenn sie dann doch mit allzu platten und allzu wohlfeilen Metaphern und allegorischen Bildern arbeitet, um die Wirklichkeit und den Mythos einander reflektieren zu lassen. Da muß dann einiges doch gebogen, gezurrt und gezerrt werden, damit die Vergleiche stimmig erscheinen. Auch dazu scheinen diese Momente der Ansprache an den Leser gedacht und geeignet zu sein.

Andererseits ist der Vampir – in mannigfacher Erscheinung, nicht nur als Graf Dracula, wie er bei Stoker erscheint – immer eine Figur gewesen, auf die sich allerlei Allegorisches projizieren lässt. Er taugt ebenso als erotische Metapher, wobei er auch immer für den fremdartigen Verführer steht, den Latin Lover, der dem braven weißen Mann die Frau stiehlt, weil er über ach so tiefgründige Fähigkeiten des Liebesspiels verfügt; aber auch als politische Figur taugt der Vampir, ein autoritärer Herrscher, der gnadenlos seine Macht ausübt; er kann aber auch eine biologistische Note haben, gibt er doch die Unsterblichkeit mit einem Biss weiter – wie eine Infektion.

Es ließen sich noch einige weitere Felder anführen, auf denen der Vampir metaphorisch funktioniert. Und so nimmt es nicht Wunder, mehr noch: es liegt nahe, daß auch eine rumänische Autorin irgendwann auf dieses weite literarische Feld zurückgreift und den Fürsten der Finsternis zurück in seine alte Heimat holt. Und das ist Dana Grigorcea allerdings beeindruckend gelungen. Denn mindestens im Titel deutet sich eben doch das neue Genre des „politischen Schauerromans“ an, steht doch die Frage im Raum, wer da eigentlich nicht stirbt? Der Vampir? Oder gar die alten Zeiten und die alten Seilschaften, jene Männer (und, in einem kommunistischen Land, auch die Frauen), die es immer verstanden haben, aus den gerade herrschenden Verhältnisse für sich das Beste zu machen? Die Autorin überlässt die Beantwortung dieser Frage geschickt ihrer Leserschaft.

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