DIE PLÜNDERER/THE PLUNDERERS

Ein wenig beachtetes und weit unterschätztes Meisterwerk

Vier sehr junge Männer – Jeb Tyler (Ray Stricklyn), Rondo (John Saxon), MuleThompson (Roger Torrey) und Davy (Dee Pollock) – kommen in ein verschlafenes, staubiges Nest geritten. Sie gehen in den Saloon, trinken Whiskey und fordern den Barkeeper Mike Baron (James Westerfield) auf, direkt den Sheriff zu holen, da sie nicht zu bezahlen gedächten.

Sheriff McCaulay (Jay C. Flippen) fordert die Vier auf, eine Nacht im Gefängnis zu verbringen und am kommenden Morgen die Stadt zu verlassen. Sie folgen ihm scheinbar bereitwillig. Billiger, so Mule zu Jeb, könne man nicht an ein Bett für die Nacht gelangen.

Am nächsten Morgen gibt McCaulay ihnen die Waffen zurück. Anstatt jedoch auf die Pferde zu steigen und davon zu reiten, gehen die Männer in den Kaufmannsladen, den Jess Walters (Vaughn Taylor) gemeinsam mit seiner Tochter Ellie (Dolores Hart) führt. Die Männer decken sich mit Hemden, Hosen und Hüten ein und zahlen erneut nicht. Stattdessen gehen sie in Kate Milllers (Marsha Hunt) Hotel, nehmen ein Zimmer, angeblich um zu baden und sich umzuziehen.

Der Sheriff verteidigt sich gegen die Anforderungen der Bürrger. Er könne nichts tun, er sei ein alter Mann und zudem allein. Kate Miller wendet sich an Sam Christy (Jeff Chandler), der die Vorgänge beobachtet hat und auch am Vorabend im Saloon bereits anwesend war und eine eigene erste Begegnung mit den Kerlen hatte. Christy, der durch eine Verletzung aus dem Bürgerkrieg seinen rechten Arm nicht mehr bewegen kann, lehnt es gegenüber Kate Miller ab, gegen die Männer vorzugehen, die Vorgänge in der Stadt gingen ihn nichts an. Er fährt mit seinem Wagen auf seine Ranch.

In der Stadt lassen sich die vier Kerle erneut im Saloon nieder. Sie bestellen Whiskey und Steaks. Mike Baron fordert sie energisch auf, seinen Saloon zu verlassen und legt sich handgreiflich mit Mule an, der ein riesiger und kräftiger Mann ist. Mule schlägt Baron brutal zusammen und Jeb lässt verlauten, er und seine Männer hätten es satt, schlecht behandelt zu werden, sie erwarteten Respekt. Als einige Gäste Baron hinaustragen, wendet sich Abilene (Joseph Hamilton), der im Saloon eine Art Faktotum darstellt, den Männern zu und beginnt, sich bei ihnen einzuschmeicheln.

Kate fährt zu Christys Farm, um ihn zu überreden, der Stadt zu helfen. Erneut kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Sie waren sich einnmal näher, doch Christy erklärt, sie hätten nur aufgrund ihrer jeweiligen Verluste, die er nicht näher benennt, aneinander gehangen. Kate erklärt ihm, daß er ein Feigling sei, ein Mann, der sich in Selbstmitleid ergehe, anstatt zu tun, was getan werden müsste. Sie fährt zurück in die Stadt. Christy trinkt und schämt sich.

Sheriff McCaulay beschließt, sich den Männern nun, nachdem Mike Baron so schlimm zugerichtet wurde, entgegen zu stellen. Doch Jeb erschießt den alten Mann kaltblütig. Die vier Männer fangen an, sich gegenseitig zu beobachten: Davy will gern weiterreiten, trotz all seiner Angeberei, wie schnell er mit den Colts ist, geht ihm das, was er und seine Freunde treiben, deutlich zu weit. Rondo gibt ihm Tipps, wie er eine solche Situation zu nehmen habe. Mule bedrängt Jeb, er will wissen, wie das sei, einen Menschen zu erschießen. Jeb antwortet, er fühle nichts. Er lässt Rondo und Davy alle Waffen in der Stadt einsammeln. Von nun an, so seine Ansage, übernehmen er und seine Männer das Regiment.

Sam, der in die Stadt gekommen ist, um seine Scham zu überwinden und die Bürger in einer Scheune versammelt vorgefunden hat, bietet an, seinen Revolver von der Farm zu holen. Abilene belauscht die Versammlung und so trifft Chrisry daheim auf Jeb und Mule, die von Abilene informiert wurden und die Waffe bereits gefunden haben. Es kommt zu einer Schlägerei zwischen Mule und Christy, bei der letzterer fürchterliche Prügel bezieht.

In der Stadt macht derweil Rondo Miss Ellie seine Aufwartung und wird zusehends aufdringlicher. Sie kann sich seiner Avancen so gerade noch erwehren. Sie reißt aus und fährt zu Christys Farm, wo sie den verwundeten Mann findet. Sie hilft ihm und gesteht ihm ihre Liebe und auch er gesteht ihr, daß er mehr für sie empfindet.

Abilene hat die Männer über Christy aufgeklärt. Daß er ein Bürgerkriegsveteran sei, ein Mann, der mit eigenem Kommando geritten sei, ein Mann, dem etwas Dämonisches anhafte. Rondo, der sich erfahren gibt, sagt, den hätte man direkt ausschalten müssen, solche Männer kenne er.

Christy reitet mit Ellie zurück in die Stadt. Während sie bei Kate Miller bleiben soll, organisiert Sam mit den Männern eine Bürgerwehr und sie legen sich den Plan zurecht, die Männer einzeln abzugreifen und auszuschalten. Als erstes geht ihnen Davy in die Falle, den sie entwaffnen. Die Männer sind aufgebracht, doch spürt Christy die Angst des Jungen und daß dieser nicht der Mörder des Sheriffs ist. Er hält die Männer zurück.

Miss Ellie ist derweil in den Laden ihres Vaters gegangen, um sich etwas für die Nacht zu holen. Hier trifft sie erneut auf Rondo, der nun offen zudringlich wird und sie zu zwingen versucht, ihn zu küssen. Sie kann durch die Hintertür fliehen und als er ihr folgt, wird er von Sam Christy in Empfang genommen. Rondo wird entwaffnet und zu Davy in den Stall gebracht. Die Männer sind nun noch aufgebrachter und werden von Rondo damit konfrontiert, kein bisschen anders zu sein, als er und seine Kumpane – nun hätten eben sie die Macht und hängten ihn auf, so, wie es weiße Männer mit seinem Vater und seinen Brüdern einst getan hätten. Christy versucht erneut, die Männer zurückzuhalten und Davy und Rondo einem ordentlichen Gericht zu überantworten. Während er auf die Bürger einredet, zückt Rondo ein Messer und will auf Christy losgehen, wird aber von Ellie, die seine Waffe noch bei sich trägt, von hinten erschossen.

Jeb und Mule, die immer noch im Saloon hocken und mittlerweile Abilene mißhandelt haben, weil der sich anmaßte, sich mit ihnen auf eine Stufe zu stellen, haben den Schuß gehört und verschanzen sich. Die Männer der Bürgerwehr ziehen vor dem Saloon auf. Zwischen Mule und Christy kommt es zu einem Wortgefecht, das damit endet, daß Mule auf die Straße tritt und sich Christy in einem Messerkampf stellt. Obwohl er größer und kräftiger ist als sein Gegner, ist er Christy an Kampferfahrung und Gerissenheit jedoch unterlegen. Mit einem Trick gelingt es dem Einarmigen, seinen Widersacher zu töten.

Jeb setzt ein Klagen an. Allein und ohne Freunde, befällt ihn das kalte Grauen. Er nimmt zwei Pistolen an sich und rennnt, wahllos um sich schießend, auf die Straße. Sam Chrsity erwartet ihn, zielt und streckt Jeb mit einem einzigen Schuß nieder.

Als Davy auf die Straße kommt und darum bittet, seine Freunde begraben zu dürfen, sagt Christy ihm, er solle fortreiten und sich das, was er in dieser Stadt erlebt habe, eine Lehre sein lassen. Christy glaubt, daß der junge Kerl ein für allemal von Großmachts- und Gewaltphantasien geheilt sei. Davy nennt Christy die Namen, damit die Grabsteine beschriftet werden können. Dabei fällt ihm auf, daß er von Rondo nicht einmal dessen vollständigen Namen kennt.

Während Davy langsam aus der Stadt reitet, erklärt Christy dem Publikum, daß sie alle Schuld gewesen seien an dem, was passiert ist. Denn sie, die Bürger der Stadt, seien zunächst nicht bereit gewesen, selber für ihre Stadt einzustehen und sie zu verteidigen. Wer sich feige ducke und keinen Lebensmut zeige, werde Opfer solcher Umstände…

Die 1950er Jahre brachten einen ganz neuen Typus ins zeitgenössische Kino: Den jugendlichen Delinquenten. Mal als Bösewicht, mal als sozial schwer einzuordnendes Wesen. Marlon Brando reüssierte und begründete seinen Weltruhm u.a. als juveniler Rocker in László Benedeks THE WILD ONE (1953), Richard Brooks BLACKBOARD JUNGLE (1955) zeigte gleich eine ganze Reihe verwahrloster Jugendlicher, die eine Schule terrorisieren. Daß die Jugend außer Rand und Band geriet und so richtig auf den Putz haute, führte man u.a. auf den verderblichen Einfluß solcher Musikrichtungen wie den Rock´n´Roll und dessen führenden Vertreter Elvis Presley mit seinem ganze Generationen verderbenden Hüftschwung zurück. Teddy Boys, Greasers, Beatniks – scheinbar hatte die jüngere Generation der älteren den Krieg erklärt.

Joseph Pevney transferierte diesen Typus in den Western. THE PLUNDERERS (1960) schildert, wie vier noch sehr junge Cowboys in ein verschlafenes Nest kommen und anfangen, die Bürger dort zu terrorisieren. Da sie schnell merken, daß sich niemand traut, ihnen Einhalt zu gebieten, der Sheriff ein alter Mann ist, der keine Unterstützung hat, sich der eine oder andere auch bei den Rowdys anbiedert, gelingt es ihnen, für einige Tage ein Schreckensregime in der kleinen Stadt zu errichten, bis sich ihnen ein Mann entgegenstellt, der in ihren Augen nur ein Krüppel ist, da er den rechten Arm nicht mehr nutzen kann. Eine Verletzung aus dem Bürgerkrieg, wie wir bald erfahren. Pevney etabliert in wenigen Einstellungen die Ausgangslage und skizziert die Konfliktlinien. Hier die jungen Hunde, die sich nichts und niemandem verpflichtet fühlen und mit Überschwang und der Arroganz der Jugend auftreten, weil sie glauben, ihnen gehöre die Welt; dort die braven Bürger, die alte Generation, die sich belästigt fühlt, an Werte appelliert und schließlich bereit ist, den Jungen zu zeigen, wo Bartel den Most holt.

Daß THE PLUNDERERS kein reaktionärer Western wird, kein einfaches Schema anbietet zwischen den „bösen“ Fremden (einer der vier Randalierer ist ausgerechnet ein Mexikaner) und den „ordentlichen“ Bürgern, liegt nicht zuletzt daran, daß Buch und Regie die Ausgangslage mit einem politischen Unterton versehen. Anders, als es bspw. Vincent McEveety später in FIRECREEK (1968) darstellt, sind die Rowdys in Pevneys Film Charaktere, die nicht nur unheimlich anmuten, weil sie über die Stadt kommen wie eine Plage, sondern sie äußern mehrfach, sie seien zuvor in Dodge City schlecht behandelt worden und ließen sich dies nun nicht mehr gefallen. Sie geben sich einen Opferstatus, eine Aura der Zukurzgekommenen, was für sie ein hinreichender Grund ist, selbstermächtigend zu nehmen, was sie haben wollen. Ein wenig erinnert der Film an das moderne Sub-Genre des sogenannten Home Invasion Terrorfilms, wobei dort meist das Haus einer bürgerlichen Familie überfallen wird und die Bewohner solange terrorisiert werden, bis sie beginnen, sich zu wehren, meist ausgesprochen blutig zu wehren. Auch der Western kannte bereits den Topos der Verbrecherbande, die eine ganze Stadt in Geiselhaft nimmt. Doch so, wie Pevney es zeigt, hatte es dies bis dato nicht gegeben. Denn die Art der Charakterisierung sowohl der einzelnen der vier jungen Männer als auch der Charakter ihrer Anmaßung mutet faschistoid an.

Vor allem wird die Psychologie der Figuren dabei sehr genau analysiert. Einen klaren Anführer gibt es nicht, doch scheint Jeb Tyler in seiner Unnahbarkeit zu einem solchen zu werden; Mule Thompson, ein Hüne, übernimmt die Funktion des ausführenden Organs, er verbreitet hinter seiner scheinbar ewigen guten Laune eine Atmosphäre latenter Gewalt, die er auch ausübt, sobald irgendwer nicht pariert; der junge Davy ist ein Großmaul und Mitläufer, der sofort eine ganz andere Seite seines Naturells offenbart, sobald er alleine ist und nicht im Schutz der Gruppe. Der Mexikaner Rondo stellt eine Ausnahme dar, denn er ist  der einzige, von dessen Geschichte wir ein wenig mehr erfahren – und was wir erfahren, deutet auf Unterdrückung und erlittenes Unrecht hin. Rondo ist der Typus, den seine Lebenserfahrung zu jemandem gemacht hat, der seinen Vorteil sucht, den aber auch eine unterschwellige Rachsucht gegen die bürgerliche – als Synonym für „bigotte“ – Gesellschaft umtreibt und anstachelt. Es ist die Chemie dieser Charakter gemischt mit jugendlicher Überheblichkeit und Arroganz, die eine gefährliche, wenn nicht tödliche Mixtur ergibt. Doch ist diese Gang keine homogene Truppe. Schnell begreift der Zuschauer, daß auch innerhalb der Gruppe Zwänge, Druck und Gewaltdrohung herrschen. Der junge Davy ist dabei das schwächste Glied, Rondo der Außenseiter, bei dem niemand sicher sein kann, ob er nicht bei erstbester Gelegenheit das Weite sucht oder sogar die Seite wechselt. Er ist aber auch derjenige, der gegenüber den Frauen am weitesten geht und sexuelle Gewalt zumindest androht, auch dies Teil seiner Strategie der Rache. Mule entspricht dem Soldaten, der in vorauseilendem Gehorsam die Wünsche seines Herrn und Gebieters, seines Führers, erfüllt. Jeb könnte dieser Führer sein, sein Charakter bleibt eher blass, was in gewisser Weise aber auch wieder in das Stereotyp passt, denn er bietet eine Projektionsfläche. Und wie die meisten Anführer offenbart er seine Schwäche – seinen wahren Charakter? –  in dem Moment, in dem er auf sich allein gestellt ist.

Nie wird bei den Vieren ein Plan ersichtlich, außer der, eine gewisse Machtposition zu erringen und auszuüben. Vom ersten Auftritt an machen die vier Jungs klar, daß sie sich den geltenden Regeln nicht beugen werden. Sie zahlen nicht für ihre Getränke, sie verhöhnen den Sheriff, sie nehmen sich im Warenhaus, was sie brauchen und zahlen hier ebenfalls keinen Cent. All diese Handlungen sind nicht wirklich nötig, vor allem aber ist die Haltung, in der sie sie verüben, nicht nötig. Fein austariert wird dem Zuschauer vor Augen geführt, wie Macht und Machtverschiebung funktionieren. Sobald diese vier Kerle verstanden haben, daß nahezu jeder in der Stadt Angst vor ihnen hat, können sie sich erlauben, was sie wollen. Pevneys Regie erfasst brillant, wie das Wechselspiel aus Macht und Angst funktioniert, wie eine (Kleinstadt)Gesellschaft sich unterdrücken lässt, wenn man mit der richtigen Mischung aus gespielter Jovialität, Verachtung, vermeintlicher Überlegenheit, Häme und Gewalt auftritt.

Pevney geht aber noch weiter. Denn sobald die Rowdys den geringen Widerstand bspw. des Saloonbesitzers gebrochen haben, schließt sich ihnen dessen Gehilfe sofort an. Auch dies ein typisches Verhalten für die Errichtung eines autoritären Regimes: Mitläufer. Menschen, die bereit sind, Verrat und Denunziation zu verüben, um sich mit den neuen Machthabern gut zu stellen, on der Hoffnung Anerkennung zu finden, die sie in der bisherigen Gesellschaft möglicherweise nicht gefunden haben. Doch der Film zeigt schließlich auch, wie diese Haltung zu Demütigung und Erniedrigung führt. Der Rest der Stadtbevölkerung bleibt passiv und duckt sich weg, lediglich die Frauen sind bereit, sich zu wehren und zumindest Widerstand zu organisieren. Doch selbst der von der Hotelbetreiberin Kate Miller um Hilfe gebetene Sam Christy, ein Bürgerkriegsveteran, will sich lieber raushalten, als den Bürgern der Stadt zu helfen. Er versinkt in Selbstmitleid, empfindet sich als impotent, weil er seinen Arm nicht nutzen kann und somit unterlegen wirkt. Wenn wir am Ende des Films – wie auch zu Beginn bereits – eine Over-Voice hören, begreifen wir, daß es Christy ist, der spricht. Und er schlägt einen Teil der Schuld für die Geschehnisse den Bürgern der Stadt zu, da sie sich nicht gewehrt hätten, als es nötig gewesen wäre, weil sie bereit gewesen sind, sich aufzugeben, sich klein zu machen, eben sich weg zu ducken. So beschreibt der Film auch, welche Bedingungen faschistoides Verhalten, ja, eine regelrechte Machtergreifung, begünstigen.

Pevney nutzt die schwarz-weiße Fotografie des Films gekonnt, um von Anfang an eine möglichst bedrohliche und trostlose Atmosphäre zu kreieren. Der Staub tanzt und der Wind treibt Tumbleweed durch die  Straßen der Stadt, die leer und ausgestorben wirken. Der spärliche Soundtrack fördert ein Gefühl steter Bedrohung und die Schatten der Häuser bei Nacht sind dunkel und undurchsichtig. Etwas Böses, Dräuendes hängt über dieser Ansiedlung, die hauptsächlich von älteren Menschen bewohnt zu sein scheint. Außer Ellie, der Tochter des Kaufmanns, sieht man keine jungen Menschen. Die vier Rowdys bringen also auch etwas Vitales, Lebendiges mit sich. Und doch wohnt dieser Vitalität immer etwas Gewalttätiges inne, als sei das eine ohne das andere nicht zu haben. Wollte man THE PLUNDERERS doch eine reaktionäre Seite unterstellen, dann am ehesten, daß hier ein wahrer Krieg zwischen den Generationen entfacht wird, bei dem ein Mann wie Christy für jene Männer steht, die sich ein Recht auf Ruhe erworben haben, weil sie in einem Krieg einen Teil ihrer Jugend lassen mussten, und die nun von unbedarften, vielleicht auch dummen Jungs belästigt werden, die das „wirkliche“ Leben gar nicht kennen. So  gesehen, wird Christys Abwehr verständlicher, da er weiß, was geschieht, wenn die Gewalt losbricht. Christy mag die Jungs vom ersten Moment an nicht, woran Jeff Chandlers Spiel keinen Zweifel lässt, doch lässt er sie gewähren. Sie nehmen ihn nicht ernst, selbst, als er mit einer Waffe vor ihnen auftaucht, verlachen sie ihn. Erst als der Bargehilfe sie darauf hinweist, daß Christy im Bürgerkrieg mit einem eigenen Kommando auf eigene Faust geritten ist und daß von ihm gar „etwas Dämonisches“ ausgehe, tritt erstmals ein Wechselspiel in THE PLUNDERERS ein: Plötzlich geht die Bedrohung, die düstere Atmosphäre des Films, keineswegs mehr einseitig von den jungen Männern aus. Nun haben sie einen Widerpart, der sie an Gemeinheit, Brutalität und in seinen Abgründen möglicherweise weit hinter sich lässt. Ein Widersacher, der, wenn er entfesselt wird, möglicherweise aufs Ganze geht.

Da Pevney seine Delinquenten wie aus dem Nichts erscheinen, wie eine Heimsuchung wirken lässt, können wir nicht wissen, ob die Aussagen über ihre Arbeit und das, was ihnen zugestoßen ist, stimmen. Sind sie Cowboys, wie es ein, zwei Mal anklingt? Wurden sie in Dodge City wirklich schlecht behandelt? Und welche Rolle spielt das? Gibt es ihnen ein Recht, sich zu verhalten, wie sie es tun? Wenn sie Ausgestoßene sind, oder sich so empfinden, weil sie Rinder treiben, ein hartes Leben abseits der Gesellschaft führen (müssen), mit ihrem Verhalten möglicherweise schon häufiger angeeckt sind – gibt ihnen das irgendein Recht der Selbstermächtigung? Interessanterweise findet der Film darauf keine wirkliche Antwort und die, die er findet, ist keine einfache. Christy erklärt am Ende, ein Teil der Schuld läge bei den Bürgern – ist ihr passives Verhalten also eine Art Einladung für Typen, wie diese Kerle? Und darf sich eine Gesellschaft, die derart viel Kraft eingebüßt hat, wie diese Stadt offenbar, eben auch nicht wundern, wenn sie Opfer einer Kraft wird, die sich ob ihrer Stärke eben nimmt, was sie haben will? Ist der Generationenkonflikt also an sich sogar erwünscht, weil nur die Gewalt als Ausdruck von Lebenskraft Erneuerung bescheren kann?

Die Gewalt, die die vier Jungs ausstrahlen und ausüben, schlägt letztendlich jedoch auf sie zurück. Nur der junge Davy wird diese Tage überleben, die anderen drei werden mehr oder weniger brutal getötet. Die Bürger der Stadt rotten sich zu einem Mob zusammen, bewaffnet mit Sicheln, Hämmern und Messern, da die Waffen von ihren Peinigern eingesammelt wurden. Auch dies typisch für faschistoides Verhalten: Den Gegner erst einschüchtern, wehrlos machen und dann willkürlichem Verhalten aussetzen. Terror ausüben, damit niemand weiß, was als nächstes passiert und eine permanente Spannung aufrecht erhalten bleibt. Doch diese Art Terror erzeugt früher oder später Gegenterror. Es ist Rondo, der, als er gefangen wird, unvorsichtig geworden in seinem Bestreben die junge Ellie zu verführen oder eben zu vergewaltigen, die Dinge klar benennt: So anders seien sie gar nicht, die ehrenwerten Bürger der ehrenwerten Stadt. Christy muß seine ganze Autorität aufbringen, um einen elenden Lynchmord zu verhindern. Jetzt, da sich die Verhältnisse umgekehrt haben, drohen die Bürger sich ebenso zu verhalten, wie zuvor die vier Rowdys. Nun sind sie stark, fühlen sich überlegen – in der Gruppe. Und so stirbt Rondo schließlich auch einen dreckigen Tod, von hinten erschossen, gerichtet durch Ellie, als er ein Messer zückt. Gerichtet durch die Frau, die er auserkoren und umworben hatte, die er vergewaltigen wollte, als sie seinem Werben nicht nachgeben wollte.

Mule ist der einzige, der einen halbwegs ehrenhaften Tod sterben darf, bei einem – im Grunde ungleichen – Messerkampf, den er sich mit Christy liefert und bei dem er schließlich unterliegt, weil der ältere Mann erfahrener und gerissener ist. Jeb ist der letzte der vier Jungs, der noch im Besitz einer Waffe ist, doch als er merkt, daß er alleine ist, seine Gruppe nicht mehr existiert, verfällt er in Wehklagen, macht sich hinter der coolen und eben so unnahbaren Fassade die nackte Angst bemerkbar. Wild um sich schießend läuft er Christy vor den Revolver und wird mit einem einzigen Schuß von diesem niedergestreckt. So enden Faschisten: Einsam, verängstigt und panisch. Will man in THE PLUNDERERS eine Allegorie sehen, dann erkennt man in Christy einen jener Männer, die gerade einmal fünfzehn Jahre, bevor der Film gedreht wurde, aus dem Krieg gegen die Faschisten heimgekehrt waren. Versehrt und verzweifelt, sind sie nicht bereit, sich auf der Nase herumtanzen zu lassen. Dafür spricht auch Sam Christys Bewandtheit, wenn es zum Kampf kommt. Mule kann ihn trotz seiner Überlegenheit nicht bewzingen, Jeb wird von ihm mit einem gezielten Schuß niedergestreckt. Die kalte Professionalität seines Tuns ist offensichtlich. Dem hat der jugendliche Überschwang nichts Wirkliches entgegen zu setzen. Doch anders als bspw. in BLACKBOARD JUNGLE, der bei all seinem vordergründigem Verständnis für die Jugendlichen eben doch eine deutlich reaktionäre Haltung einnimmt, indem er den Störenfried letztlich denunziert und die herrschende Ordnung erneut etabliert, verlässt sich Pevney in seinem Film nicht auf die einfachen (Auf)Lösungen. Gerade weil die vier jungen Männer enigmatisch und auch erratisch bleiben, kann man ihnen nicht zwingend eine stereotype Rolle zuschreiben. THE PLUNDERERS analysiert die Bedingungen, unter denen sich ihr Verhalten entwickeln und ausbreiten kann. Genau das macht ihn zu einem außergewöhnlichen Western und einem außergewöhnlichem Film.

Für Jeff Chandler sollte es der letzte Western sein. Nur anderthalb Jahre nach Erscheinen von THE PLUNDERERS starb er an einer Blutvergiftung. Für einen so großartigen und auch vielschichtigen Schauspieler ein wahrlich fantastisches Epitaph in jenem Genre, das ihn groß, ja unsterblich werden ließ. Sein beherrschtes Spiel, die tief eingegrabenen Gesichtszüge, das weiße Haar und der stechende Blick verleihen Sam Christy genau jene Attribute, die ihn ebenso tragisch wie bedrohlich wirken lassen und helfen, diesen Film weit über das Mittelmaß dessen, was ein herkömmliches B-Movie zu leisten vermag, hinausragen zu lassen. Sein Spiel und Joseph Pevneys Regie sind verantwortlich für ein kleines, großes Meisterwerk, das perfekt zeigt, wozu der Western dann in der Lage ist, wenn er sich auf seine Kernkompetenzen verlässt und keinen Schnörkeln und falschen Verzierungen hingibt: er taugt dazu, die Bedingung menschlichen Daseins unter sozialen, kulturellen, ideologischen, ökonomischen und letztlich mythologischen Aspekten auszuleuchten. Nicht mehr, aber eben auch kein Deut weniger.

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