DR. JEKYLL UND MR. HYDE/DR. JEKYLL AND MR. HYDE (1931)

Rouben Mamoulians immer noch gültige Verfilmung von Robert Louis Stevensons klassischer Schauergeschichte

Dr, Jekyll (Fredric March) ist ein junger, durchaus forsch auftretender Arzt, der allgemeine das Ansehen der besseren Londoner Gesellschaft genießt. Er sucht beständig nach Lösungen, um in dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, für bessere Bedingungen zu sorgen, er ist bereit, Arme auch umsonst zu operieren und hilft Menschen, wo immer er kann. Dafür nimmt er auch in Kauf, seine Verlobte, Muriel Carew (Rose Hobart), mehr noch aber ihr Vater, General Sir Danvers Carew (Halliwell Hobbes), gelegentlich zu verärgern, wenn er aufgrund seines Einsatzes zu spät zu einer Einladung in Sir Carews Haus erscheint.

Eines Abends, wieder einmal zu spät zu einem Diner, bittet Dr. Jekyll den Geenral um die Hand seiner Tochter. Carew möchte dem Ansinnen gern nachgeben, bittet aber um eine angemessene Bedenkzeit, da er die Unzuverlässigkeit des jungen Mannes nicht goutiert.

Dr. Jekyll und sein Freund Dr. Lanyon (Holmes Herbert) werden eines Nachts auf dem gemeinsamen Nachhauseweg Zeuge, wie die Prostituierte Ivy Pearson (Miriam Hopkins) in einer Gasse niedergeschlagen wird. Sie eilen ihr zur Hilfe und Jekyll bringt sie auf ihr Zimmer in einer billigen Absteige im Stadtteil Soho. Ivy will sich ihm sofort dankbar erweisen und bietet sich ihm an, was Jekyll zwar durchaus gefällt, doch weiß er das Angebot doch zurück zu weisen. Dennoch sieht Lanyon ihn, wie er die Dirne küsst.

Dr. Jekyll arbeitet in seinem Privatlaboratorium schon lange an einem Serum. Er ist von der Idee besessen, das Gute im Menschen von seiner bösen Seite trennen zu können. Er weiß, daß seine Versuche in einem Stadium sind, in dem es gelingen könnte, seine Thesen zu bestätigen.

Eines Abends, nachdem er von einer weiteren Einladung bei General Carew zurück gekehrt ist, auf der die Familie Carew ihm eröffnet hat, daß sie für  einige Zeit zu verreisen beabsichtige, nimmt der frustrierte Dr. Jekyll das Serum ein. Eine schreckliche Verwandlung setzt ein und er wird zu einem Wesen, das, behaart, mit einer Fratze als Gesicht und Klauen als Fingern, jeder ästhetischen Beschreibung spottet. Dieses Wesen nennt Dr. Jekyll fortan Mr. Hyde.

In Gestalt Hydes lässt Jekyll all seinen niederen Trieben Lauf. Er geht in vornehme Clubs und ins Theater, benimmt sich schlecht, setzt sich rücksichtslos über die Bedürfnisse anderer hinweg und schreckt notfalls auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Vor allem gelüstet ihm nach Ivy Pearson, die er eines Nachts in einem Club antrifft, wo sie singt.

Immer häufiger sucht er sie auf, verspricht ihr Reichtum und bedrängt sie mehr und mehr,, sich ihm hinzugeben. Ivy, die eigentlich gehofft hatte, daß Dr. Jekyll eines Tages käme und sie aus ihrem Elend erretten könne, lässt sich Hydes Aufmerksamkeiten durchaus gefallen. So kommt sie zu einer besseren Wohnung, besserer Ausstattung und hübschen Kleidern.

Doch Hyde mißhandelt Ivy schließlich und fällt dann über sie her. Er zwingt sie, für ihn Klavier zu spielen und zu singen. Schließlich vergewaltigt er sie.

Die verängstigte junge Frau sucht Dr. Jekyll auf, der mittlerweile begriffen hat, daß Hyde Dinge tut, die er, Jekyll, mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Ivy berichtet ihm von Hydes Mißhandlungen und ihrer Angst vor dem Mann. Jekyll verspricht ihr, sie zu schützen und dafür zu sorgen, daß Hyde sich ihr nie wieder nähere. Zudem gibt er ihr Geld, damit sie zunächst ein eigenes Auskommen hat.

An einem der folgenden Abende, die Carews sind mittlerweile nach London zurückgekehrt, soll die Verlobung von Muriel Carew und Dr. Jekyll bekannt gegeben werden. Doch Dr. Jekyll taucht nicht auf.

Stattdessen hat er sich – was nun immer häufiger vorkommt – ohne die Einnahme des Serums erneut in Mr. Hyde verwandelt. Er sucht Ivy auf, macht sich vor ihr über Jekyll lustig und erklärt, der sei Geschichte und werde ihr nie wieder helfen. Er bedrängt Ivy erneut, die versucht, sich zur Wehr zu setzen. Daraufhin erwürgt Hyde sie.

Es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd mit der von einer Nachbarin zur Hilfe gerufenen Polizei, bei der Hyde beweist, wie behände und wendig er ist.

General Carew verbietet seiner Tochter, weiterhin Umgang mir Dr. Jekyll, den er mittlerweile für einen Filou hält, zu pflegen.

Dr. Lanyon erhält einen Brief von Dr. Jekyll, in welchem dieser darum bittet, dessen Labor aufzusuchen und dort eine Philoe mit einem bestimmten Serum zu holen. Ein Fremder namens Hyde würde ihn, Lanyon, aufsuchen und um Herausgabe bitten.

Als Hyde bei Lanyon vorstellig wird, verlangt dieser, darüber informiert zu werden, wie es Jekyll, den er lange nicht gesehen hat und den er nicht erreichen kann, obwohl er mehrfach sein Haus aufgesucht und mit dessen Butler Poole (Edgar Norton) gesprochen hat, gesundheitlich gehe. Mit Hilfe der aus Jekylls Labor entnommenen Zutaten mixt Hyde das Serum und verwandelt sich vor Lanyons Augen zurück in Dr. Jekyll. Nun beichtet Jekyll, was er getan hat, versucht aber auch, seine Versuche zu verteidigen. Lanyon ist zutiefst erschüttert, teilt seinem Freund aber auch mit, daß er dessen Experimente zutiefst mißbillge.

Dr. Jekyll beschließt, von sich aus Muriel freizugeben. Er sieht ein, daß er mroalisch diskreditiert ist und zunächst den Fehler, den er mit der Einnahme des Serums begangen hat, gut machen muß. Er geht zum Haus der Carews und bittet Muriel um Verzeihung. Nachdem er das Haus wieder verlassen hat, setzt erneut die Verwandlung ein und Mr. Hyde dringt in das Haus ein und versucht, sich an Muriel zu vergehen. Ihr Vater, der General, kommt hinzu und versucht, seine Tochter zu schützen. Hyde erschlägt ihn und flieht.

Die Polizei verfolgt ihn und wird schließlich von Dr. Lanyon zu Jekylls Labor geführt. Dort treffen sie auf den zerrütteten Dr. Jekyll, der von Lanyon aber verraten wird. Erneut setzt die Verwandlung ein und es gelingt Hyde, sich zunächst der Gefangennahme zu entziehen, doch dann erschießt ihn ein Polizist. Der sterbende Mr. Hyde verwandelt sich ein letztes Mal  zurück in Dr. Jekyll.

Obwohl es bereits mehrere Stummfilm-Bearbeitungen des Stoffes gab, darunter einen Klassiker mit John Barrymore in der Titelrolle, gilt vielen auch heute noch Rouben Mamoulians Verfilmung von Robert Louis Stevensons Novelle STRANGE CASE OF DR. JEKYLL AND MR. HYDE unter dem Titel DR. JEKYLL AND MR. HYDE (1931) als die gültige und wegweisende.

Mamoulian drehte den Film für die Paramount und konnte beim Studio durchsetzen, etliche filmische Neuerungen und damals durchaus gewagte formale Spielereien zu verwenden. So gelangen ihm und seinen Spezialisten für die Maske in einem aufwendigen Verfahren aufsehenerregende Sequenzen, bei denen durch den geschickten Einsatz von Filtern das bereits auf dem Gesicht von Hauptdarsteller Fredric March aufgetragene Make-Up langsam sichtbar gemacht wurde und so der Eindruck entstand, daß er sich langsam in den affenähnlichen Mr. Hyde verwandle. Der Regisseur arbeitete unter anderem mit der subjektiven Kamera, die die Wandlung vom charmanten und schönen Dr. Jekyll zum sinistren Mr. Hyde in einem Spiegel aus der Sicht des Protagonisten selbst zeigt. Bis heute wirken aber auch und vor allem jene Szenen modern und nahezu experimentell, in denen mit geteilter Leinwand gearbeitet und somit die Gleichzeitigkeit der Handlung an verschiedenen Orten hergestellt wurde.

Die Interieurs, Dekors und Kulissen des Films sind erlesen, man sieht, daß die Paramount mit DR. JEKYLL AND MR. HYDE punkten wollte. Dies war keine billige Produktion, der Film war ein Prestige-Projekt. Das hebt ihn von den meisten damaligen Werken des Horror-Genres ab, die oftmals eher im B-Sektor angesiedelt waren und vor allem den Universal Studios große Gewinne bei vergleichsweise niedrigen Produktionskosten bescherten. DR. JEKYLL AND MR. HYDE dürfte unter den frühen Horrorfilmen Hollywoods mit über einer halben Million Dollar Budget eine der teuersten und bestausgestatteten Produktionen überhaupt gewesen sein. Zum Vergleich: Für Universals FRANKENSTEIN (1931), im gleichen Jahr entstanden, stand Regisseur James Whale gerade einmal die Hälfte des Budgets zur Verfügung. Und so gingen Mamoulian und sein Team ihren Film auch grundlegend anders an als ihre Kollegen und behandelten ihn als Top-Produktion. Die bereits erwähnten Effekte benötigten durchaus hohe Kosten, doch der ganze Look des Films weist auf den Budget-Standard hin. Erlesen und in seiner Detailtreue aufregend ist Jekylls Labor, wo er seine Experimente durchführt, wo er schließlich das verhängnisvolle Mittel einnimmt und erstmals jene atemberaubende Verwandlung durchläuft, die ihn zu Mr. Hyde werden lässt. Und wo er schließlich sein Ende findet. Ausladend und hochherrschaftlich sind dagegen die Häuser, in die Dr. Jekyll eingeladen wird. Wenn die Kamera indes Mr. Hyde in dessen Quartier in Soho folgt, fühlt man sich an die Werke des deutschen Expressionismus erinnert. Auch sie sind oft der Phantastik zuzurechnen und ein Film wie DAS CABINET DES DOKTOR CALIGARI (1920) setzte Maßstäbe, auch und gerade wegen der Bauten und Kulissen. Der künstlerische Leiter bei Mamoulians Film, Hans Dreier, hat sich offensichtlich daran orientiert. So kann man auch hier von einem echten Willen zum künstlerischen Experiment sprechen. Der Kostüm-Designer Travis Benton hingegen ließ die Figuren in ebenfalls erlesenen Kleidern des spätviktorianischen London auftreten, auch hier wurden keine Kosten gescheut, um jede Figur angemessen wirken zu lassen. So bietet DR. JEKYLL AND MR. HYDE auch einen gewagten Mix aus Realistik und bewußt übertriebener Stilisierung.

Rouben Mamoulian konnte aus diesen Ausgangsbedingungen schließlich – auch aufgrund einer hervorragenden Besetzung – einen Film generieren, der auch nahezu neunzig Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch überzeugt, gelegentlich schockt, und dem man ansieht, wie formal zukunftsweisend er einst war. Der damals junge, am Broadway bereits zu einem gewissen Ruhm gelangte Fredric March konnte mit seiner Darstellung nicht nur einen Oscar gewinnen, sondern auch seinen endgültigen Durchbruch in Hollywood feiern. Die Darstellung des Dr. Jekyll fällt gelegentlich etwas schwülstig aus, hier sieht man March den Theater- und Stummfilmschauspieler an, allerdings musste er auch eine deutliche Distanz zu der Darbietung des Mr. Hyde schaffen. Und es dürfte genau diese gewesen sein, die ihm schließlich die Trophäe bei der Oscar-Verleihung einbrachte. Man muß das wirklich selber sehen, wie er dieses Wesen affenartig an Regalen hochklettern, über Treppengeländer hüpfen und an Kronleuchtern schwingen lässt, mit welcher Wendigkeit er Mr. Hyde ausstattet und dadurch das Animalische der Figur betont.

Doch ist es nicht nur diese sehr physische Leistung allein, die die Darstellung so beeindruckend macht. Hyde ist böse, das gibt das Buch vor. Und diese Bösartigkeit spürt man in nahezu jeder Minute, die er auf der Leinwand erscheint. Wie er seine Mitmenschen bedroht und drangsaliert, ohne dabei ausgesprochen explizit zu werden, ist eine Meisterleistung der Schauspielkunst. Oft genügt ein Blick unter seinen wulstigen Brauen hervor, eine angedeutete Geste mit den behaarten, klauenartigen Fingern, um für Angst und Schrecken zu sorgen. March lässt ihn immer wieder mit dem Mund zucken, eine Mischung aus nervösem Tick und gerade noch zurückgehaltenem Lachen. Und auch jenem abartig großen Gebiss geschuldet, das diesen Mund ziert und zu einem Dauergrinsen verzieht. Hyde verachtet alles und jeden, er nimmt sich, was er will und setzt diesen Willen schließlich auch mit den äußersten Mitteln der Gewalt durch. So schreckt er auch vor Mord  nicht zurück. Doch zugleich lässt March ihm – eine Besonderheit des Drehbuchs, auf die in anderem Zusammenhang noch zurückzukommen sein wird – etwas Würde, indem er ihm eine tragische Note verleiht. Hyde begreift zwar nicht wirklich, wie hässlich und abstoßend er ist, bzw. wenn er es begreift, ist es ihm egal, weil er dennoch bekommt, wonach ihn verlangt, doch er will die Zuneigung, wenn nicht gar Liebe, der Dirne Ivy Pearson. Immer wieder lässt March Hyde das Mädchen anstieren, sich an ihrer Schönheit ergötzen und zugleich zurückhaltend reagieren, als könne er sich in diesem Fall einmal nicht einfach nehmen, was er begehrt. Allerdings gibt Hyde diese Zurückhaltung schließlich auf, sobald er sie in einem kostspieligen Zimmer untergebracht hat und als seinen Besitz betrachtet.

Dr. Jekyll ist vom Drehbuch als das extreme Gegenteil zu Hyde konzipiert. Er ist durch und durch gut und riskiert bei seinem Einsatz für die Armen und Kranken durchaus auch das Wohlwollen seines künftigen Schwiegervaters und das seiner Verlobten. Er versetzt sie, taucht regelmäßig zu spät zu Einladungen auf und arbeitet unablässig an der Verbesserung der Bedingungen in der Klinik, in der er arbeitet. Zudem ist es sein Forschungsinteresse, das Gute und das Böse im Menschen voneinander zu trennen, weshalb er an jenem verhängnisvollen Serum arbeitet, das schließlich Mr. Hyde hervorbringen wird. Er und sein Freund Dr. Lanyon helfen auf ihrem Heimweg auch der Prostituierten Ivy, was ebenfalls den Edelmut Jekylls betont, könnte es für ihn doch eine potentiell kompromittierende Situation sein, bei der Dirne gesehen zu werden. Sie bietet sich ihm auch umgehend an, wodurch Lanyon Zeuge wird, wie Jekyll das Mädchen küsst. In Dr. Jekyll ist nichts Böses, kein Arg, er ist ein durch und durch guter Mensch. Umso tragischer ist deshalb die Entwicklung, die sein Experiment an sich selbst nimmt. Zunächst bleibt er Herr des Verfahrens, doch nach und nach kann er weder die Dauer der Zeit, die er als Hyde verbringt, kontrollieren, noch, wann die Verwandlung einsetzt. Immer häufiger nimmt er Hydes Gestalt auch ohne das Serum an. Das Böse in Gestalt Mr. Hydes droht, die Persönlichkeit Dr. Jekylls gleichsam zu verschlingen. Erst recht, nachdem Jekyll in einem Testament verfügt hat, daß Hyde sein Vermögen ausgezahlt werden soll, sollte ihm, Jekyll, etwas zustoßen.

Das Drehbuch nahm an der Vorlage von Stevenson maximale Änderungen vor. Dazu gehört ganz sicher die Tragik, die Hyde zumindest ansatzweise umweht, doch geht das Script viel weiter. Stevenson hat die Figur des Jekyll völlig anders angelegt. Keineswegs geht es dem Doktor um die schlichte Trennung von Gut und Böse, viel mehr versucht er, das Böse zu isolieren, es freizusetzen, es von den Schranken der Moral  zu befreien. Der Dr. Jekyll des Buchs ist somit ein anderer, als der des Films. Zwar gilt er auch im Buch als großherzig und beliebt, doch ist er auch ein Lebemann, der die Anlage, die sich dann in Mr. Hyde voll entfaltet, bereits in sich trägt. Auch lässt Stevenson Hyde in seiner Erzählung nicht häufig auftreten, stattdessen entsteht der Schrecken der Geschichte auch und gerade dadurch, daß über ihn und seine Gräueltaten gesprochen wird. Worin diese Gräueltaten bestehen, überlässt Stevenson weitgehend der Phantasie des Lesers. Man kann sich denken, daß Mißbrauch und Vergewaltigung dazu gehören, wirklich explizit erwähnt wird hingegen nur der Mord, der auch im Film vorkommt.

Die größte Änderung besteht allerdings darin, daß das Drehbuch die Frauenfiguren einführt. Weder Ivy Pearson, noch Muriel Carew kommen im Buch vor. Genau genommen  kommt überhaupt keine Frau im Buch vor. Die menschliche Ebene bildet die Freundschaft des Anwalts Mr. Utterson, aus dessen Perspektive der Großteil der Geschichte erzählt wird. Diese Figur fällt im Film komplett weg. Seine und Dr. Lanyons Sorge um Dr. Jekyll ist ein tragendes Element der Novelle. Der Dr. Lanyon des Films hingegen  mißbilligt Jekylls Experimente grundlegend und wird schließlich Mr. Hydes Nemesis, wenn er die Polizei in Jekylls Labor führt, wo es zur finalen Auseinandersetzung mit dem Doppelwesen Jekyll/Hyde kommt, die damit endet, daß Mr. Hyde erschossen wird. Der tote Hyde verwandelt sich ein letztes Mal in Dr. Jekyll, womit einem Mindestmaß an moralischer Genugtuung im Sinne der Sittenwächter Genüge getan wurde. Letztlich siegt das Gute über das Böse, zumindest deutet diese letzte Umwandlung es an. Vielleicht ein Zugeständnis an den damaligen gesellschaftlichen Kodex, vielleicht auch ein wirkliches Anliegen des Drehbuchs.

Sicherlich besteht ein Problem der filmischen Bearbeitung des Stoffes darin, daß es in Stevensons Vorlage im Grunde keine Handlung gibt. Es geht darum, nach und nach herauszufinden, was es mit Dr. Jekyll und seinem Verhältnis zu Mr. Hyde auf sich hat. Das Experiment des Doktors hat längst stattgefunden, wenn die Geschichte einsetzt, und bevor uns Jekyll im Buch begegnet, wird zunächst von einer scheußlichen Missetat Mr. Hydes berichtet. Vieles von dem, was das Buch voraussetzt, entwickelt sich im Film erst. Andererseits braucht der Film mehr Handlung, um das dramatische Potential der Story herauszustellen. Daß es eine romantische zwischenmenschliche Beziehung geben muß, entsprach den damaligen Gepflogenheiten Hollywoods. Ein Film, der mit einem derart hohen Budget ausgestattet war, konnte schlechterdings nicht auf eine Romanze verzichten, wollte er nicht von vornherein auf das weibliche Publikum verzichten. Interessant ist denn auch weniger die Figur der Muriel Carew, die schließlich von Mr. Hyde bedroht wird, sondern vielmehr jene der von Miriam Hopkins gespielten Ivy Pearson. Sie hofft auf Dr. Jekyll, der sie rettet und dem sie sich – in einer wirklich freizügigen Szene – sogleich anbietet und auf dessen Gunst sie hofft, damit er sie aus ihrem Elend erretten möge. Sie bekommt aber Mr. Hyde, der sie zwar anfangs hofiert und umschwärmt, sie dann aber, sobald er sich ihrer sicher ist, nicht nur mißhandelt, sondern in einer weiteren freizügigen und sehr eindeutigen Szene auch vergewaltigt.

So baut das Drehbuch eine Ebene ein, die Stevenson vollkommen außer Acht gelassen hatte: Neben der – im Film stärker auf die Dualität von Gut und Böse rekurrierenden – Ambiguität der menschlichen Persönlichkeit, gibt es hier also auch die gesellschaftliche (die Stevenson zumindest andeutet) und romantische Ebene des „guten“ und des „bösen“ Mädchens und der jeweiligen gesellschaftlichen Schicht, der sie entstammen und in der sie sich bewegen. Muriel ist durch und durch Dame der Gesellschaft, Ivy eine Prostituierte. Muriel wird von Hyde angegriffen, bei ihrer Verteidigung verliert ihr Vater schließlich sein Leben. Ivy ist praktisch Hydes Gefangene und wird von ihm umgebracht, als sie sich ihm ernsthaft widersetzt. Die besondere Ironie besteht natürlich darin, daß hinter Hyde Dr. Jekyll steckt, der Ivy seinerseits einst gerettet hatte. Doch, so deutet das Drehbuch an, wird einem Mädchen wie Ivy solche Errettung nicht alltäglich zuteil. Sie ist – anders als Muriel – dem Angriff Hydes hilflos ausgeliefert. Es ist eine schöne dialektische Wendung des Drehbuchs, aus dem edlen Retter zugleich den Mörder zu machen. Ohne Jekylls Zufallsbekanntschaft mit Ivy, wäre Hyde nie auf sie aufmerksam geworden.

Es ist eine geschickte Drehbuchwendung, daß Hyde Interesse an dem „leichten Mädchen“ findet, von dem er nur durch Dr. Jekyll weiß. Oberflächlich betrachtet wird damit Hydes Zugehörigkeit zu einer niederen Schicht oder Klasse definiert, was als bösartiges Klischee gedeutet werden könnte. Doch auch Jekyll zeigt sich gegenüber Ivys Reizen nicht vollkommen verschlossen. Es ist die einzige Andeutung, daß Jekyll eben nicht nur der gute, selbstlose Arzt ist, sondern eben auch ein Mann, der durchaus auch „niederen“ Trieben folgt. So kommt die moralische Doppeldeutigkeit der Vorlage zumindest ansatzweise zum Tragen und auch eine gewisse gesellschaftliche Doppelmoral zum Ausdruck. Ivy zieht alle Arten von Männern an und hofft natürlich auf den Arzt, der sie aus ihrem Elend erlösen könnte. Hyde wiederum mag in ihr ein ähnlich triebgesteuertes Wesen erkennen, wie er selbst es ist, will ihr aber zugleich – mit Jekylls finaziellen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen – ein Zuhause schaffen, das einer Dame angemessen ist. So gelingt den Autoren des Films eine hübsche Volte, die die Eindeutigkeit, die zunächst in dem Verhältnis Dr. Jekylls zu Muriel Carew angedeutet wird, unterläuft. Es ist nicht mehr so genau zu unterscheiden, was gut, was böse ist.

Es wurde bereits erwähnt, daß der Film in einigen Szenen ausgesprochen freizügig ist. DR. JEKYLL AND MR. HYDE ist deutlich ein Film aus Hollywoods Pre-Code-Ära. Wie die Gangsterfilme jener Tage, deren gelegentlich überdeutliche Darstellung von Gewalt schließlich dazu führte, daß sich die Traumfabrik mit dem Hays Code einer Art freiwilligen Selbstzensur unterwarf, geht auch Mamoulian in der Darstellung von Sexualität und Gewalt sehr weit. Sowohl der Versuch Ivys, Jekyll zu verführen, als auch die Vergewaltigung durch Hyde lassen kaum Spielraum für Interpretation. Auch der Mord an Ivy ist fürchterlich, wenn auch im Bild nicht zu sehen. Aber Hydes Auftreten auch in weniger expliziten Momenten – Beispiel sei der Besuch im Club, wo er die Kellner schlecht behandelt – lassen nichts zu wünschen übrig. Und jene Szene, in der Hyde Ivy zwingt, für ihn privat zu singen und Klavier zu spielen, ist in ihrer Eindringlichkeit der von Hopkins überzeugend gespielten Angst, die das Mädchen geradezu lähmt, an Schrecken kaum zu überbieten und fast noch fürchterlicher als die Vergewaltigung selbst. Mamoulian wollte sein Publikum also offensichtlich schockieren und das gelingt ihm auch. Er nutzt die ganze Bandbreite an Möglichkeiten, die einem Filmemacher vor 1934, als der Hays Code endgültig in Kraft trat, zur Verfügung stand.

Weitaus weniger als an Gewalt und offensiver Sexualität, scheinen sich Publikum und Zensur allerdings an Rassismus und Antisemitismus gestört zu haben. Von beidem hat der Film ein gerüttelt´ Maß. Hydes Erscheinung – die vorgewölbten Augenbögen, der breite Mund und die breite Stirn, die Nase und auch seine körperliche Haltung – weist deutlich affenartige Züge auf, die Maske weiß es jedoch geschickt so anzulegen, daß darin auch Züge eines Schwarzen zum Ausdruck kommen. March stattet Hyde zudem mit einer Gestik aus, die gelegentlich an antisemitische, bzw. orientale Klischees erinnert. Er reibt sich die Hände, er blickt gern von unten auf seine Opfer, was ihn verschlagen wirken lässt und an antijüdische Karikaturen aus dem Stürmer erinnert. Diese Haltung, das Fremde mit rassistischen Merkmalen auszustatten, teilt DR. JEKYLL AND MR. HYDE allerdings mit einigen Horrorfilmen seiner Zeit.

Allen voran KING KONG (1933), aber auch Jacques Tourneurs Filme wie I WALKED WITH A ZOMBIE (1943) und auch Tod Brownings DRACULA (1931) haben einen überdeutlichen rassistischen Subtext. Allerdings arbeiten sie alle mit Metaphern und  allegorischen Bildern. Sie lagern die im Horrorfilm immer mit verhandelten unterdrückten Ängste und Sorgen des meist weißen, mittelständischen Publikums aus und nutzen Halbwesen, Mythen und Legenden, um sie zu versinnbildlichen. So kommt im Riesenaffen King Kong durchaus jene Angst des weißen Mannes vor dem angeblich superpotenten schwarzen Mann zum Ausdruck, der ein rassistischer Topos ist; der fremde, bedrohlich anmutende Graf Dracula verkörpert auch den Latin Lover, den heißblütigen Südländer, der die protestantische weiße Frau begehrt, umschmeichelt und schließlich erobert, wodurch sie für die Männer ihres sozialen Umfelds „verloren“ ist. Tourneur wiederum bringt in CAT PEOPLE (1942) eine tiefsitzende Angst vor der selbstständigen, emanzipierten Frau zum Ausdruck, die mit einem xenophoben Blick auf aus amerikanischer Sicht fremde, schwer begreifliche Länder – in diesem Falle Osteuropas – kombiniert wird. I WALKED WITH A ZOMBIE wiederum zeigt Schwarze als fremde Wesen, die seltsamen Bräuchen (Voodoo) anhängen und grundlegend eher triebhaft und sexuell gesteuert sind. So schwingt in all diesen rassistischen Ansichten immer auch sexuelle Versagensangst des weißen, protestantischen Mannes mit.

JEKYLL AND MR. HYDE fällt allerdings auf eine interessante Weise aus diesen Schemata heraus, was auch eine andere Perspektive auf die Figur des Mr. Hyde wirft. Denn er ist eben kein mythisches Wesen, kein Fremder aus fernen Ländern, der mit Superpotenz oder übernatürlichen Kräften ausgestattet ist, wie bspw. der Werwolf, in dem sich immer auch die Angst vor dem Mann als triebhaften Wesen generell manifestierte. Mr. Hyde ist, auch in Mamoulians Film, ein Produkt Dr. Jekylls, er bricht gleichsam aus ihm hervor und markiert damit jenen Teil des Menschen, der immer schon da ist und nur notdürftig durch kulturelle, moralische und konventionelle Schranken und Grenzen im Zaum gehalten wurde. Gemeinhin wird Alfred Hitchcocks PSYCHO (1960) attestiert, eine Wegscheide des Horrorfilms zu sein, da er erstmals den scheinbar normalen Menschen, den netten Nachbarn, als Schrecken, als ein Monster präsentierte. Norman Bates, jener Motelbesitzer, der junge Frauen in der Dusche mordet und anschließend im Sumpf versenkt, gilt als Prototyp des Psychopathen, des Serienmörders auf der Leinwand. Nun ist Mr. Hyde sicher kein Serienkiller, da ihm das Handwerk gelegt wird, bevor er weiter morden kann. Doch ein Psychopath ist er sicherlich und das Drehbuch schreibt ihm auch deutlich psychopathologische Züge zu. Nimmt man also den Aspekt der Persönlichkeitsspaltung, der Schizophrenie, die vor allem dem Film immer zugeschrieben wurde, kann man schon davon sprechen, daß man es bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde durchaus mit einer Bedrohung zu tun hat, die aus der Mitte der Gesellschaft entstammt, dort sozialisiert wurde und sich dort auch bewegen kann. Das Monster schläft in uns und keineswegs in den (mythischen) Schatten, wo es vielleicht als reine Ausgeburt unserer Phantasie zu identifizieren wäre.

Gerade die Szene, in der Hyde den Club besucht, Ivy singen hört, sich mit Champagner eindeckt, den Kellner schlecht behandelt und sich generell aufführt, als könne er sich benehmen, wie er wolle, zeigt dies deutlich. Niemand stellt sich ihm entgegen, niemand weist ihn in die Schranken oder gebietet ihm Einhalt. Trotz seines diabolischen Aussehens, trotz seines auffälligen Benehmens, trotz der schlechten Manieren, lässt man ihn gewähren. Gut gekleidet und offenbar wohlhabend, wird sein Gebaren wohl als exzentrisch wahrgenommen, doch eben auch geduldet. Hyde, trotz seines ihn als „das Fremde“ markierenden Äußeren, ist eben ein Produkt der Gesellschaft, er ist das in uns Unterdrückte, das „Böse“, das wir alle in uns tragen und das uns und unsere Umwelt eben auch immer bedroht. Er ist das Fremde in uns selbst. So gesehen, ist er durchaus ein früher Vorläufer jener manchmal  so freundlich und nett daherkommenden Mörder und Killer, die den Horrorfilm der 70er und 80er Jahre bevölkerten, lediglich der Zeitgenossenschaft des Films geschuldet externalisiert und in eine vergangene Zeit versetzt. Bleibt natürlich die Frage, wieso das Fremde in uns an jüdische oder orientalische Klischees erinnert? Bleibt die Frage, weshalb das Äußere dieses Fremden negroide Züge trägt? Man kann das rassistisch lesen, man kann es natürlich auch dekonstruktiv lesen und darin die Andeutung sehen, daß die, die mit eben jenen Klischees arbeiten, sich selbst damit identifizieren. In DR. JEKYLL AND MR. HYDE kommt also auch ein gewisses Maß an Selbstzweifel, an Mißtrauen gegenüber einer Zivilisation zum Ausdruck, die nicht unr rassistische Klischees hervorbringt, sondern eben auch immer wieder etwas, das als „das Böse“ markiert werden kann.

Darf oder muß man die Filme der frühen 30er Jahre überhaupt an den Maßstäben des frühen 21. Jahrhunderts messen? Sie entstanden, bevor Rassismus und Hetze die Welt in Brand setzten. Dennoch sollte man natürlich auf die subtextuellen Ebenen hinweisen und diese in einer modernen Analyse auch herausarbeiten. Hollywood hatte immer auch eine rassistische und antisemitische Seite, auch und obwohl viele der großen Studios unter der Leitung jüdischer Tycoons standen. Federführend bei der Produktion von DR. JEKYLL AND MR. HYDE war Adolph Zukor, ein Immigrant jüdischen Glaubens, der maßgeblich zum Aufstieg der Paramount Studios beigetragen hat. Dennoch weist der Film eben jene oben besprochenen Merkmale auf, die er dann aber auch wieder zu unterlaufen versteht, gerade indem er das Böse als Teil des Menschen zeichnet.

Bemisst man den Film an seinen zeitgenössischen Maßstäben, betrachtet man ihn mit dem Hintergrundwissen wohlwollend als ein Beispiel des frühen Horrorfilms der Traumfabrik, dann muß man konstatieren, daß man es mit einem enorm modernen, experimentierfreudigen und spannenden Film zu tun hat, der es versteht, sein Thema glaubhaft und angemessen auf die Leinwand zu bringen. Voller Schocks und wahrlich grausiger Momente, steht DR. JEKYLL AND MR. HYDE eben auch für jenes Hollywood, das noch nicht in der moralischen Zwangsjacke des Hays Code steckte und sich durchaus etwas traute. Es ist immer noch ein furchteinflößender Film mit verschiedenen subtextuellen Ebenen, die alle der Betrachtung wert sind und ein (Wert-)Urteil nicht so einfach machen, wie es zunächst erscheint.

Die MGM kaufte Mamoulians Film später auf und ließ ihn nahezu zwanzig Jahre im Giftschrank, da sie keine Konkurrenz zu ihrer Neuverfilmung wollte. Ihre eigene Fassung, 1941 unter der Regie von Victor Fleming entstanden und mit Spencer Tracy, Ingrid Bergman und Lana Turner ausgesprochen populär besetzt, nahm Mamoulians Vorlage auf, folgte ihr in der Handlung und Typisierung der Figuren, legt jedoch mehr Gewicht auf eine psychoanalytische Betrachtung der Geschichte. Mit Mamoulians Film kann sie allerdings nur bedingt mithalten. Der Film von 1931 darf ruhig als weiterhin gültige, klassische Fassung von Stevensons literarischer Vorlage gelten.

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