EVENT HORIZON – AM RANDE DES UNIVERSUMS/EVENT HORIZON

Paul W.S. Anderson schickt uns an den Rand des Universums - und unserer Vorstellungskraft

Im Jahr 2047 taucht in der Nähe des Neptun das sieben Jahre lang verschollene Raumschiff Event Horizon wieder auf. Das Rettungsschiff Lewis & Clark wird unter dem Kommando von Captain Miller (Laurence Fishburne) losgeschickt, das so lange vermisste Schiff zu untersuchen und gegebenenfalls Überlebende der Crew zu bergen.

An Bord der Lewis & Clark befindet sich neben der Besatzung auch der Wissenschaftler Dr. Weir (Sam Neill). Dieser hat die Event Horizon einst gebaut und erläutert Miller und dessen Leuten erst am Ankunftssort, was es mit dem Schiff auf sich hat. Es ist – entgegen der herkömmlichen Annahme – in der Lage, enorme Entfernungen zurückzulegen, da es schneller als mit Lichtgeschwindigkeit reist. Dies ist durch den  geheimgehaltenen Antrieb möglich, der künstlich sogenannte Schwarze Löcher herstellen kann und damit eine Art „Raumfaltung“ erzeugt, die es dem Schiff erlaubt, Dimensionssprünge durchzuführen.

Nun scheint die Event Horizon nach Jahren einen solchen Sprung vollzogen zu haben. Da ihr Auftrag gewesen sei, an die äußersten Grenzen des Sonnensystems vorzustoßen, berge sie möglicherweise unschätzbare wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die Besatzung der Lewis & Clark, die keinesfalls begeistert ist von dem Auftrag, kommt sie doch gerade erst von einem anderen Rettungseinsatz zurück und wollte ihren wohlverdienten Urlaub antreten, beginnt damit, die Daten auszuwerten, die man von der Event Horizon bisher besitzt. So gibt es einen Funkspruch, der stark verzerrt ist. Doch gelingt es dem Techniker D.J. (Jason Isaacs), das Band zu entzerren. Man hört den Captain der Event Horizon die Menschheit warnen, sie solle sich vor der Hölle in Sicherheit bringen.

Die Crew der Lewis & Clark geht schließlich an Bord des anderen Schiffs. Hier finden sie die Mitglieder des Teams sämtlich tot auf. Bald schon stellen sich äußerst seltsame Phänomene ein: Die Medizinerin Peters (Kathleen Quinlan) wird mit extrem realen Halluzinationen ihres Sohnes, dem gegenüber sie ein schlechtes Gewissen plagt, konfrontiert, Miller wiederum trifft in den Gängen der Event Horizon mehrfach einen ihm einst Untergebenen, den er nicht retten konnte. Und selbst Dr. Weir wird mehrfach Opfer von Erscheinungen seiner toten Frau, die sich selbst umgebracht hat.

Peters gelingt es, das Videologbuch der Event Horizon zu entschlüsseln und was die Crew darauf findet, ist höchst besorgniserregend: Neben der Vorbereitung zum Start des Schiffs sieht man vor allem, wie die Besatzungsmitglieder schließlich sich selbst und ihre Kollegen zerfleischen.

Miller beschließt, sich und seine Crew in Sicherheit zu bringen. Da die Lewis & Clark beschädigt wurde, arbeiten einige der Crewmitglieder unter Hochdruck daran, deren Außenhaut wieder zu schließen.

Dr. Weir hat derweil begriffen, daß die Event Horizon während ihres Dimensionssprungs möglicherweise das Universum verlassen hat und in einem anderen, vollkommen unbekannten Universum war. Wie sie zurückgekehrt ist, kann er sich nicht erklären, doch versteht er nach und nach, daß das Schiff offenbar transformiert wurde und nun einen eigenständigen, offenbar bösartigen Organismus darstellt, dessen Hirn der Gravitationsantrieb ist, mit dem es die Schwarzen Löcher herstellen kann.

Unter anderem gelingt es dem Schiff, in die Psyche der Menschen einzudringen, die sich in ihm aufhalten. Das würde die fürchterlichen Reaktionen erklären, die auf dem Videologbuch zu sehen sind. Und auch den versuchten Selbstmord des Crewmitgleids der Lewis & Clark, Justin (Jack Noseworthy). Weir merkt allerdings nicht, daß das Schiff langsam von ihm Besitz ergreift und ihn zu seinem Instrument macht.

Als Miller beschließt, die Event Horizon zu zerstören und mit der Lewis & Clark zu fliehen, zerstört Weir das Rettungsschiff. Der Pilot Smith (Sean Pertwee), der Weir von Beginn der Mission an skeptisch gegenüberstand, wird dabei getötet. Der Techniker Cooper (Richard T. Jones), der sich auf der Außenseite des Schiffes befindet, kann sich mit letzter Not retten und kehrt zurück an Bord der Event Horizon.

Dort eskalieren die Ereignisse. Das Schiff lockt Peters mit einer Halluzination ihres Sohnes durch die Gänge, wo sie schließlich abstürzt und den Tod findet. Die erste Offizierin der Lewis & Clark, Lieutenant Starck (Joely Richardson), arbeitet mit Hochdruck daran, die Rettungskapsel der Event Horizon zu aktivieren, damit man das Schiff verlassen und es zerstören kann. Miller aktiviert derweil die Sprengkapseln, die an Bord installiert wurden. Doch Weir kommt ihm in die Quere.

Die Männer kämpfen im Raum, der den Gravitations-Generator umgibt und Miller begreift, daß Weir vollkommen in der Gewalt de Schiffes ist. Er hat den Mechanismus in Gang gesetzt, der ein Schwarzes Loch generieren soll. Sich aufopfernd, fällt der Captain der Lewis & Clark seinem Widersacher in den Arm, kann aber nicht mehr verhindern, daß die Kettenreaktion in Gang gesetzt wird.

Starck, Cooper und dem verletzten Justin gelingt es in letzter Sekunde, die Rettungskapsel vom Mutterschiff zu lösen. Sie fliegen ins All davon, beobachten aber, wie die Event Horizon in einem sich öffnenden Schwarzen Loch verschwindet.

Nach 72 Tagen werden sie von einer Rettungscrew geborgen, doch als diese die Schlafkapseln öffnet, offenbart sich Starck zunächst Dr. Weir in seiner transformierten Gestalt. Dann erst begreift Starck, daß sie gerettet wurden. Sie liegt in Coopers Armen und hört ihn immer wieder sagen: „Sie sind in Sicherheit…“

Wenn der Horrorfilm mit den Ambivalenzen der individuellen menschlichen Psyche, ihren Widersprüchen und Abgründen spielt, behandelt die Science-Fiction meist die Frage nach gesellschaftlicher Entwicklung unter technischen und oft auch unter sozialen Prämissen. Dort, wo beide Genres zusammenkommen, wird es dann meist philosophisch. Wie verhält sich der einzelne in seiner Widersprüchlichkeit in einem Umfeld, das er nicht mehr versteht, das sich seiner Intelligenz widersetzt oder sie gar übersteigt? Und wie verhält er sich, wenn er – in den Weiten des Alls – Lebensformen begegnet, die nach vollkommen anderen Regeln, Mustern und Schemata existieren?

In einer manchmal unheimlichen, immer spannenden und seltener extrem brutalen Melange aus Ideen der besten Science-Fiction- und Horrorfilme der vergangenen Dekaden, bastelt Paul W.S. Anderson in EVENT HORIZON (1997) einen manchmal durchaus schon metaphysische Gefilde streifenden Zukunfts- und Weltraumthriller der besseren Sorte, der fein vorführt, wie die Verschmelzung der Genres genau die oben benannten Phänomene thematisiert.

Anderson, der später vor allem durch die Verfilmungen von Videospielen wie RESIDENT EVIL (2002) oder ALIEN VS. PREDATOR (2004) zu Ruhm und Ehre gelangen sollte, nimmt die Grundidee von Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY (1968) – ein Raumschiff verschwindet in den Weiten des Alls vom Radar und taucht dann unter nebulösen Umständen wieder auf – und mixt sie mit Elementen aus Ridley Scotts ALIEN (1979), diversen Zombie-Filmen, Clive Barkers HELLRAISER (1987) und Andrej Tarkowskijs Stanislav-Lem-Verfilmung SOLARIS (1972). Und es gelingt Anderson, doch etwas Eigenes zu schaffen, da er durchaus spannende, nahezu philosophische Fragen aufwirft. Wobei er die Unterhaltung, die durch gelegentlich nervenstrapazierende Spannung entsteht, nie aufrecht zu erhalten vergisst.

Die Event Horizon, jenes lange Zeit verschwundene Schiff, war in der Lage, selber sogenannte „Schwarze Löcher“ zu generieren, damit eine Raumfaltung zu erwirken, die ihr dann Dimensionssprünge über enorme Entfernungen erlaubte. Allerdings scheint sie irgendwann auf ihrer Reise in eine Dimension vorgestoßen zu sein, die dem Menschen bisher vollkommen verborgen geblieben ist, und in der – so definiert es der Wissenschaftler Dr. Weir, der das Schiff einst gebaut hatte – das Chaos das herrschende Prinzip ist. In dem von der Crew des Rettungsschiffes, das sich auf den Weg zur Event Horizon macht, entschlüsselten Funkspruch, wird die Menschheit allerdings gewarnt und jener Ort, von dem die Event Horizon und ihre Besatzung zurückkehrten, als Hölle bezeichnet. Das Logbuch, das die Retter finden, bestätigt zumindest die Vorstellungen, die der Mensch von der Hölle hat – die Videoaufzeichnungen ähneln den Bildern eines Hieronymus Bosch – oder eben jenen Sequenzen, die Clive Barker einem ebenso staunenden wie entsetzten Publikum seinerzeit  in HELLRAISER präsentierte. Qual, Folter, Schmerz als Selbstzweck, als (symbolischer?) Ausdruck des gänzlich aus den Fugen geratenen Ordnungssystems des Menschen.

Dr. Weir – der Name erinnert nicht umsonst an den englischen Begriff „weird“, den man durchaus mit „irre“, mindestens aber mit „seltsam“ übersetzen kann – meint allerdings begriffen zu haben, daß das Schiff an einem durchaus rational erfassbaren Ort gewesen sei. Er begreift früher als die anderen, daß das Schiff selber als Organismus von seinem Sprung durch Zeit und Raum zurückgekehrt ist. Wie in Tarkowskijs metaphysischen Drama SOLARIS, beginnt es, den Crewmitgliedern deren persönlichen Alpträume zu spiegeln: Verletzungen der eigenen Kinder, Momente, in denen man nicht funktioniert hat, wie man sollte, die eigenen Unzulänglichkeiten usw. Und von Dr. Weir – der sich nahtlos in die Riege jener verrückten, durchgedrehten und in ihrer Hybris höchst gefährlichen Wissenschaftler einreiht, die seit Doktor Frankenstein die einschlägige Literatur und die einschlägigen Filmgenres bevölkern – ist lange, bevor es die anderen Teammitglieder bemerken, ein Teil seiner Schöpfung geworden.

Anderson spielt geschickt und ohne allzu dick aufzutragen mit der Frage menschlicher Wahrnehmung. Der immer rational argumentierende Dr. Weir steht dem ebenso rational argumentierenden Captain Miller gegenüber, dessen Ratio sich schließlich aber als die humanere herausstellt. Er will seine Crew retten, dafür nötigenfalls eben auch die Event Horizon – vollkommen gleichgültig gegenüber den möglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die sie bergen mag – opfern und zerstören. Dr. Weir, dessen rationale Ebene vergleichsweise nahtlos in eine eben metaphysische und von dort in eine dem Glauben verwandte übergeht, stellt wissenschaftliche Erkenntnis weit über das menschliche Leben. Er ist bereit, sowohl die Crew, als auch sich selbst zu opfern, um den Kern dessen zu erkunden, was auf dem Schiff geschehen ist. Anderson verschwiegt uns den Moment, in dem aus Dr. Weir ein Instrument des Schiffes, ein Teil der Event Horizon wird, wodurch der Wissenschaftler noch bedrohlicher wirkt, als es seine inhumane Haltung ohnehin schon ist.

Was Weir eine Dimension nennt, nennen die als einfache, bodenständige, aber praktisch veranlagte Menschen gezeichneten Crewmitglieder „Hölle“. Wann und wo beginnt der Mensch also, ihm faktisch Begegnendes, das er rational zu erfassen aber nicht in der Lage ist, weil ihm die Begrifflichkeit oder aber das Vorstellungsvermögen fehlen, in eine symbolische Ebene zu überführen? Und ist das, was wir als symbolische Ebene – oder eben symbolisch –  interpretieren – die Hölle bspw. – nicht vielleicht doch durch Faktisches zu belegen? Durch einen Quantensprung zum Beispiel? Es sind Fragen wie diese, die EVENT HORIZON in einem manchmal vulgären und unernst wirkenden Setting aufwirft. Man kann auch daran, daß der Film nach über 20 Jahren seit seiner Veröffentlichung auf dieser Ebene immer noch funktioniert, ermessen, daß und wie gut er gealtert ist.

Dazu tragen allerdings auch die Effekte bei, die auch heute, nach mindestens vier Revolutionen im Bereich der CGI-Technik, noch immer überzeugen. Inhaltlich ist es die kompromißlose Härte, die der Film gegenüber den Figuren  zeigt, die immer noch Spannung erzeugt, da der Zuschauer nie weiß, wer dieses Abenteuer schlußendlich überleben wird. Oder ob überhaupt jemand die Ereignisse wird überleben können. So nimmt EVENT HORIZON unter den besseren Science-Fiction-Filmen der 90er Jahre eine Sonderstellung ein. Viele beschäftigten sich auf eher philosophische Art und Weise mit Fragen nach der Zukunft des Menschen oder damit, wie wir Kontakt zu Außerirdischen aufnehmen. Dabei nutzten nur wenige den Actionfilm als Vehikel. Indem EVENT HORIZON den Cross-Over zum Horrorfilm wagt – eher eine Spezialität der 1980er Jahre – erzeugt er anders als bspw. ein Film wie CONTACT (1997), eine unheimliche Atmosphäre, bleibt dabei aber weitestgehend realistisch in seinem Setting, was ihn sowohl von einem Film wie 12 MONKEYS (1995) unterscheidet, als auch von der comichaft-überdrehten Atmosphäre eines Films wie MATRIX (1999) absetzt. Regisseur Anderson ist mit EVENT HORIZON als Mix aus Action, brutaler Härte und hintersinnigen Fragen und Andeutungen sicher der beste Film seines bisherigen Oeuvres gelungen.

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