FRONTIER(S)

Terror? Horror? Satire? Xavier Gens wagt ungeheuerliches

Sami, dessen Schwester Yasmine (Karina Testa), ihr Exfreund Alex (Aurélien Wilk) und deren Freunde Tom (David Saracino) und Farid (Chems Dahmani) nutzen Ausschreitungen in den Pariser Vorstädten und rauben die für sie gewaltige Geldsumme von über 100.000 Euro. Allerdings wird Sami schwer verletzt und obwohl Yasmine und Alex ihn noch ins Krankenhaus schaffen, verstirbt er. Derweil haben sich Tom und Farid bereits abgesetzt und kehren auf dem flachen nordfranzösischen Land in einem Gasthof ein. Die Gastgeber, eine recht degeneriert wirkende Familie, lädt sie zum Abendessen ein. Doch sowohl das wenig appetitliche Essen als auch die Art, wie eine ältere Dame, wohl die Mutter der Kompanie, behandelt wird, lassen die beiden schnell auf ihre Zimmer gehen. Dort werden sie nachts fast von einem der Söhne des Hauses ausgeraubt. Sie hauen ab, werden jedoch verfolgt und ihr Wagen wird von der Straße abgedrängt. Die Verfolger, weitere Familienmitglieder, halten die beiden für tot und kehren zum Gasthof zurück, wo mittlerweile Yasmine und Alex eingetroffen sind. Die beiden werden ebenfalls freundlich aufgenommen und verköstigt. Derweil haben sich Farid und Tom aus dem Autowrack befreien können und suchen Schutz in einer alten Mine, durch die sie irren. Sie versuchen durch einen Schacht wieder ans Tageslicht zu klettern, wo sie allerdings der nächste Schrecken erwartet: Von einem wenig vertrauenerweckenden Kerl wird Tom aus dem Schacht gezogen, in den Farid sich zurückfallen lassen kann. Tom wird an den Fersen an Fleischerhaken aufgehängt zur späteren Verwendung. Allerdings entdeckt Alex ihn bei einem Erkundungsgang durch das Haus. Alex warnt ihn noch, er und Yasmine sollten abhauen, ihm sei eh nicht mehr zu helfen. Doch als Alex Yasmine warnen will, fliegend ie beiden auf und werden im Keller eines alten Bergwerks im Schweinestall angekettet. Während Tom von dem Sohn der Familie gekonnt tranchiert und zum Ausbluten abgehangen wird, kann Alex die Kette, mit der Yasmine an die Wand gefesselt ist, zerreißen. Die seinige allerdings erweist sich als zu fest. Yasmine entkommt durch einen beherzten Tauchgang durch die Jauchegrube des Stalls. Allerdings wird sie von einem weiteren Sohn der Familie, Goetz (Samuel Le Bihan) eingefangen und zurück ins Haus gebracht. Nun tritt erstmals der Patriarch der Familie, Carl von Geisler (Jean-Pierre Jorris) in Erscheinung. Er durchtrennt Alex die Achillessehnen in Memoriam der Diamantbergwerke des ehemaligen Apartheidstaates Südafrika, wo diese Behandlung jenen Minenarbeitern zuteil wurde, die versuchten, zu fliehen. So könne der Delinquent zumindest weiterarbeiten. Allerdings ist dies in diesem Falle gar nicht mehr vorgesehen, da Alex, sobald Yasmine in den Keller gebracht wurde vor deren Augen exekutiert wird. Farid hat es derweil zurück zum Gasthof geschafft, versucht, die Söhne der Familie auszuschalten, wird allerdings in einem Hochleistungsofen gebacken. Nun offenbart von Geisler seinen ganzen Wahnsinn: Als überzeugter Anhänger der Rassenlehre des 3. Reichs, will er eine reine Rasse züchten, für die allerdings „neues Blut“ gebraucht wird. Dazu soll Yasmine mit Karl, einem weiteren Sohn der Familie vermählt werden. Während des Abendessens, welches aus Toms besseren Teilen besteht, soll die Ehe vollzogen werden. Doch Yasmine wehrt sich, sie tötet den Alten und einend er Söhne, flieht und muß sich nach und nach der restlichen Familie erwehren, die sie alle umbringt, schließlich sogar mit Hilfe von Eva (Maud Forget), einem früheren Opfer der Familie, deren zurückgebliebener Nachwuchs in den Minen haust. Yasmine flieht und gerät am frühen Morgen in eine Polizeikontrolle, da das ganze Land nach den Ausschreitungen in Paris im Chaos zu versinken droht…

Der Regisseur Xavier Gens legt mit FRONTIER(S) einen weiteren Film aus der schier endlosen Reihe moderner französischer Horrorfilme vor. Anders jedoch als MARTYRS (2008), INSIDE oder HIGH TENSION geht er die Sache etwas verspielter, sehr viel weniger ernsthaft an. Der Zuschauer hat es hier zwar ebenfalls mit einem ultrabrutalen Slasherfilm zu tun, doch ist dies im Grunde eine Farce, die sich eines Humors bedient, wie ihn Paul Morrissey in seinen Filmen für Andy Warhol (ANDY WARHOLS DRACULA und ANDY WARHOLS FRANKENSTEIN) nutzte. So wird die Gewalt erträglicher, das ganze Setting entrückter und der Plot, sowieso schon extrem comichaft, entpuppt sich als karikaturesker Wahnwitz.

Die ganze Geschichte, die Xavier Gens hier auftischt, ist reine Kolportage, man kann zunächst einfach sagen, daß der Film nicht ernst zu nehmen sei. Doch hinter der vollkommen unseriösen Fassade versteckt sich nicht nur eine Hommage an klassisches Slasherkino wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), als dessen ungenanntes Remake FRONTIER(S) schon bezeichnet wurde, sondern auch eine bitterböse Satire auf ein Europa, in dem die alten Übel nie wirklich verschwunden waren und eine neue Rechte bereitsteht, sie wieder aufleben zu lassen. Die Ausschreitungen zu Beginn des Films – dem Zuschauer teils als TV-Bilder vermittelt, was eine klare Würdigung der ersten Szenen von George A. Romeros DAWN OF THE DEAD (1978) darstellt – entspringen dem Wahlergebnis zwischen einem konservativen und einem rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten. Damit nimmt der Film deutlich Bezug auf jene Abstimmung, bei der die Franzosen vor nunmehr bald 20 Jahren die Wahl zwischen Pest und Cholera – sprich Chirac und dem Rechtsaußen Le Pen – hatten.

Horrorfilme, ähnlich wie der Science-Fiction-Film, sind immer feine Seismographen für gesellschaftliche Stimmungen und Strömungen, was Gens natürlich auch weiß. So macht er das, was andere Horrorfilme in Latenz erfassen, gleich zu einem klar ersichtlichen Subtext seines Schockers. ‚What lies beneath‘ könnte man als Untertitel dieses Films anführen. Als Splatterfilm funktioniert das alles prächtig, denn wer harte Gore- und Gewaltstreifen mag, kommt hier streckenweise wahrlich auf seine Kosten, wird doch weder an Ekligem, noch an Blut und auch nicht an diversen expliziten Tötungen gespart. Doch als ernstzunehmender, also auch angsteinflößender Horrorfilm funktioniert das nicht und soll es wohl auch gar nicht. Die Mitglieder dieser komplett degenerierten Familie, die natürlich nicht umsonst an jene in Texas erinnert (Gens zitiert den Klassiker einige Male bis in den Aufbau seiner Bilder hinein), sind schlicht weniger furchteinflößende Monster (was die Vorbilder trotz aller Komik, die Leatherface oder der Tramp schon ausstrahlen, durchaus waren) als vielmehr Karikaturen. Spätestens der Auftritt des Patriarchen, der sich eine nordfranzösische Arierrasse erträumt, die er ausgerechnet mit der dunkelhaarigen und nicht umsonst semitisch aussehenden Yasmine aufpeppen will, macht klar, daß wir es hier mit Satire zu tun haben. Der Plot folgt fast sklavisch der Unzahl von Horrorfilmen der 70er, 80er und 90er Jahre, die uns gelehrt haben, daß die Protagonisten zwar immer wissen, daß hinter der nächsten Tür das Unheil lauert, sie diese aber dennoch öffnen und durchschreiten. Man sollte denken, das funktioniere einfach nicht mehr und wundert sich dann, wie gut es dann eben doch funktioniert und wie bereitwillig man sich darauf einläßt, wenn es gut dargereicht wird. Und das wird FRONTIER(S). Der Film hat bei aller Klischeehaftigkeit durchaus eine eigene Atmosphäre und vor allem hat er ein hohes Tempo und ein enorm gutes Timing. vom ersten Moment an werden wir in die Action hineingezogen und diese läßt die kommenden gut 104 Minuten [hier sei deutlich darauf verweisen, daß die uncut-Version besprochen wird, welche in Deutschland lediglich in einer limitierten Blu-Ray-Fassung zu erhalten ist] nicht mehr nach. Der ganze Film nimmt sich nicht ernst, was ihn zu einem herrlichen Joyride macht. Anders als Ajas HIGH TENSION, der wie eine Fingerübung, zusammengestellt aus sämtlichen Terrorfilmen der vergangene 30 Jahre, wirkt und sich darin eben viel zu ernst nimmt, bekommt FRONTIER(S) das Unernsthafte gut. Einerseits macht er die Gewalt erträglicher, zugleich gelingt es aber gerade dadurch, den politischen Unterton mitzugeben, ohne daß dieser den Film erstickt.

Da hocken in dunklen Kammern und Minen Wesen, die nur darauf warten, wieder ans Licht gelangen zu können, eine Brut, die sich über Europa ausbreitet, die uns unterwandert und die längst auch eine seriös-offizielle Version kennt, nämlich eben jene sich artig gebende Rechte, die in Le Pen und anderen Figuren oder Parteien wie der österreichischen FPÖ Ausdruck findet. Der Film macht auf seine comichafte Art und Weise schon deutlich, daß sich hinter der politisch scheinbar gemäßigten Fassade der Reaktion eben genau die Art von Terror verbirgt, die nicht nur zu jeder Gewalttat bereit ist, sondern – und nur so sollte man den ansonsten im Film unwesentlichen Aspekt der kannibalistischen Anwandlungen dieser Truppe verstehen – auch dazu führen wird, daß sich Europa erneut selbst zerfleischen und (im übertragenen Sinne) gegenseitig auffressen wird.

Xavier Gens ist da ein feines Kunststück gelungen: Ein Splatter/Terror/Horrorfilm, der trotz aller Klischees und abgeschauten Wendungen zu unterhalten weiß, den man unter diesen Aspekten schauen kann, der einige gekonnte Lacher bietet und sich und seine Zuschauer nicht allzu ernst nimmt, der zugleich aber ein höchst ernsthaftes und politisches Anliegen an den Mann zu bringen versteht, ohne didaktisch allzu aufdringlich zu werden.

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