KINDER DES ZORNS/CHILDREN OF THE CORN

Eine in der Rückschau erstaunlich gelungene Stephen-King-Verflimung

Im Örtchen Gatlin beginnt ein klassischer Sonntag: Die Menschen gehen in die Kirche und anschließend Mittagessen im örtlichen Diner. Der junge Job (Robby Kiger) ist mit seinem Vater unterwegs, während die Mutter mit der fiebernden Schwester Sarah (Anne Marie McEvoy) zuhause geblieben ist. Sarah beginnt in ihrem Fieberwahn fürchterliche Bilder von Zerstückelungen zu zeichnen. In der Stadt kommt es plötzlich zu Angriffen auf die Erwachsenen durch die Kinder des Ortes. Alle Mitbürger über 19 werden vergiftet, erschlagen oder anderweitig gemeuchelt. Job hält sich zurück, schaut dem Treiben aber fasziniert zu. Anführer der Kinder ist der Kind-Prediger Isaac (John Franklin), der seinerseits nur  Befehle erteilt, selbst aber nicht handgreiflich wird.

Burt (Peter Horton) und Vicky (Linda Hamilton) Stanton sind auf den Highways der Great Plains, irgendwo in Nebraska, umgeben von endlosen Maisfeldern, unterwegs gen Westen, wo der gerade als Arzt approbierte Burt seine erste Stellung antreten soll. Plötzlich steht ein Junge auf der Fahrbahn, den Burt überfährt. Er untersucht die Leiche des Kindes und stellt fest, daß ihm schon zuvor die Kehle durchgeschnitten wurde. Burt und Vicky suchen die nächstgelegene Stadt, um den Unfall dem Sheriff zu melden. An einer Tankstelle bemüht sich der Tankwart, sie unbedingt von Gatlin, der nächsten Stadt, fern zu halten. Doch wann immer das Paar auf Wegweiser stößt, führen diese sie nur an ihren Ausgangsort zurück.

Währenddessen wird der Tankwart von einigen Kindern, die sich in seiner Werkstatt versteckt hielten, getötet. Wie zuvor der auf die Fahrbahn geratene Junge, der dem Wahnisnn in Gatlin hatte entfliehen wollen, weil er mit Isaacs Ideen nichts anfangen konnte, drohte auch der sonst mit den Kindern kooperierende Tankstellenbesitzer zu einer Gefahr für den Kult und seinen Anführer zu werden.

Schließlich fährt das Pärchen entnervt doch nach Gatlin. Die Stadt erweist sich als Geisterstadt, nirgends sind Anzeichen von Leben zu finden, nur aus dem endlosen Mais scheint beständig ein Gemurmel aufzusteigen. Während Burt und Vicky sich durch die Stadt vorarbeiten, ohne auf irgendwelche Erwachsenen zu stoßen, finden sie schließlich, angelockt durch Musik, Job und Sarah in deren Elternhaus. Da Sarah das zweite Gesicht besitzt und Isaac somit nützlich ist, läßt dieser sie und ihren Bruder in Ruhe, obwohl die beiden gegen Isaacs Einflüsterungen immun zu sein scheinen. Job erklärt den verblüfften Erwachsenen, daß Isaac und sein Adlatus Malachai (Courtney Gains) als Anführer eines seltsamen Kultes eine Schreckensherrschaft in Gatlin errichtet haben. Sie frönen dem „der hinter den Reihen wandelt“ – möglicherweise ein Dämon, der in den Maisfeldern lebt und den schon der örtliche Polizist, von den Kindern nur „der blaue Mann“ genannt, einst hatte per Feuer vernichten wollen. Jeder in Gatlin, der das 19. Lebensjahr vollendet hat, wird diesem Dämon geopfert.

Malachai greift Burt und Vicky an und entführt schließlich Vicky in die Maisfelder zur Opferungsstätte, wo der „blaue Mann“ halb verwest an einem Kreuz aus Mais hängt. Zwischen Isaac und Malachai, dem zusehends die Widersprüchlichkeiten in Isaacs Angaben und Befehlen auffallen, kommt es zu Zwistigkeiten, die damit enden, daß Malachai Isaac ebenfalls an ein Maiskreuz binden lässt. Nun sollen Vicky, Isaac und der ursprünglich als Opfer vorgesehene Amos (John Philbin) alle dem Dämon zugeführt werden. Burt, von Job instruiert, befreit Vicky, kann Malachai verletzen und – während der Dämon in Isaac fährt und sich offenbar darauf vorbereitet, die Stadt auszulöschen – mit einigen Kindern in eine Scheune fliehen. Von hier aus gelingt es ihm, mit Jobs Hilfe, das Feld mit Kerosin zu tränken und anzuzünden. In einem gewaltigen Feuerball fährt der Dämon gen Himmel.

Burt und Vicky wollen ihre Fahrt fortsetzen und Job und Sarah mitnehmen. Zuvor müssen sie sich jedoch eines letzten Angriffs durch Malachai und einige andere, weiterhin dem Kult verfallener, Kinder erwehren.

Eines der vielen Hobbies von Fans des modernen Horrorfilms – neben dem Studium von Schnittberichten und deren Nachbesserung; sich gegenseitig Tipps zuzuraunen, wo man welche Filme in Uncut-Fassungen erhalten kann; dem Ranking der kultigsten Mörder und Monster der vergangenen Dekaden – ist das Bashing von Verfilmungen der Romane des Erfolgsautors von Grusel- und Horrorgeschichten Stephen King. Der Meister des Horrors hat uns Klassiker wie THE SHINING, ES, THE STAND, FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE beschert, doch nur selten wurde ihnen filmische Gerechtigkeit zuteil. Manchmal sind es aber eher abseitige Werke, die sich als besser erwiesen, als es ihr ursprünglicher Ruf vermuten ließ. CHILDREN OF THE CORN (1984), die Verfilmung einer Kurzgeschichte, die erstmals 1977 im amerikanischen Erotikmagazin Penthouse erschien, darf als exemplarisch dazugerechnet werden.

Wer sich mit Kings Schreiben beschäftigt hat, in Werken wie DANSE MACABRE (1981) oder ON WRITING: A MEMOIR OF THE CRAFT (2000) legte er darüber unterhaltsam Rechenschaft ab, der weiß, welche Obsessionen ihn umtreiben. Persönlich waren es der Druck, als junger Lehrer eine Familie unterhalten zu müssen, der erste Erfolg und der frühe Alkohol- und Kokainmißbrauch, der zeitlich in eins fiel mit jener Phase seines Lebens, als die eigenen Kinder klein waren und er sich zusehends überfordert sah, seinen verschiedenen Rollen gerecht zu werden. Doch auch eine Reihe äußerer Ereignisse, die nicht unmittelbar mit seinem Leben zu tun hatten, trieben ihn um, darunter jenes fürchterliche Massaker, das sich – als kollektiver Selbstmord getarnt – 1978 in Jonestown, einer Sektensiedlung des Predigers Jim Jones in Guyana, ereignete und die Welt erschütterte. Damit verbunden war es die  Verführbarkeit des Menschen in Glaubenssystemen, die ihm vermeintliche Heilsversprechen geben, vor allem aber die Verführbarkeit von Kindern und Jugendlichen, die immer wieder ausgenutzt werden von denen, die eigene Macht erringen und ausbauen wollen. Diese Aspekte des amerikanischen Lebens, das eine starke, manchmal geradezu fundamentale Religiosität aufweist,  trieben King um und fanden in unterschiedlicher Form Ausdruck in vielen seiner Werke. Das Grauen, vielleicht auch „das Böse“, in Gestalt verschiedener Monster, aber auch Menschen, die sich als monströs entpuppen, und aller möglichen über- und widernatürlichen Erscheinungsformen, war ein weiterer ihn immer beschäftigender Punkt, der gerade sein frühes Schreiben markierte und definierte.

In CHILDREN OF THE CORN kommen viele dieser Obsessionen zusammen: Ein selbst noch kindlicher Prediger, Jugendliche, die für Erwachsene zur Bedrohung werden, eine übernatürliche Bedrohung, die Story und Film klugerweise nie wirklich erklären und unter dem Namen „der, der hinter den Reihen wandelt“, womit die Reihen des reifen Mais´ gemeint sind, die den kleinen Ort Gatlin, verloren in der Weite Nebraskas, umgeben, subsumiert, und last but not least die amerikanische Provinz, die bei King immer beides ist – Hort der Heimeligkeit, wo Amerika zu sich selber kommt und Hort des Grauens, schlummert der Schrecken bei ihm doch fast immer hinter genau der heimeligen Fassade, die uns Schutz und Hoffnung versprechen.

Autor George Goldsmith und Regisseur Fritz Kiersch verstehen es, mit vergleichsweise einfachen, gelegentlich blutigen, Mitteln, eine enorme Wirkung zu erzielen. Nach einem zugegeben rüden Auftakt, bei dem der Zuschauer Zeuge wird, wie Kinder die erwachsene Bevölkerung des Örtchens Gatlin massakrieren – teils durch Gift, teils durch extreme Gewalteinwirkung, weshalb die Analogie zum Jonestown-Massaker automatisch evoziert wird – setzen Buch und Regie zunächst für weite Teile der Handlung auf eher atmosphärische Effekte, wenn aus subjektiver Perspektive etwas aus dem Mais hervorlugt und bspw. eine Tankstelle am Highway beobachtet. Knarrende Türen, eine verlassene Stadt, Bewegungen in den Feldern und erst vergleichsweise spät einsetzende Schocks machen aus CHILDREN OF THE CORN einen aus heutiger Sicht nahezu klassischen Horrorfilm, dessen Blut- bzw. Splattergrad eher gering ist. Angesiedelt an einem einzigen Tag und der darauffolgenden Nacht, wird das Publikum Zeuge eines wahrlich schreckenerregenden Kults um den Kinder-Prediger Isaac, den John Franklin, obwohl zum Zeitpunkt des Drehs bereits 25 Jahre alt, überzeugend und vor allem überzeugend bedrohlich gibt. Wenn er gleich zu Beginn den elternmordenden Kindern zusieht und deren Taten mit einem fast süffisanten Lächeln gutheißt, hat das mehr Schreckenspotential, als jeder explizit durchgeschnittene Hals – derer es gerade in dieser Anfangsszene allerdings ebenfalls genügend gibt.

Viele der eingangs erwähnten Aspekte des King´schen Grusels finden sich hier wieder. Allein die Tatsache, einer Horde Kinder gegenüber zu stehen, die vollkommen unzugänglich scheinen und schiere Tötungslust verströmen, ist verstörend und erinnert an den – ebenfalls im grellen Sonnenlicht eines heißen Tages angesiedelten – spanischen Horrorfilm ¿QUIÉN PUEDE MATAR A UN NIÑO? (1976), der hier (möglicherweise auch schon für Kings Vorlage) in einigem Pate gestanden haben dürfte. King und kongenial Drehbuch und Regie verstehen es, mit kleinen Hinweisen den Schrecken ganz ins amerikanische Herzland zu holen. Die alttestamentarischen Namen wie Isaac, Rachel oder Malachai, verweisen auf etliche evangelikale Sekten, die, oft in den Weiten der mittleren Westens besonders stark angesiedelt, geradezu fundamental-christliche Werte vertreten. Daß der dem Ganzen zugrunde liegende Kult, aber auch Isaacs Herkunft und wahre Beschaffenheit, nie erklärt, ja, in ihren Bezügen nicht einmal ansatzweise ausgeleuchtet werden, unterstützt die Bedrohlichkeit der Situation. Kinder sind anfällig und leicht manipulierbar, so scheint die Formel hier zu lauten. Doch so, wie sich Kings Geschichte nicht mir Erklärungen aufhält, gibt sich Kierschs Film ebenfalls keine Mühe, soziale, psychologische oder historische Erklärungen anzubieten. Im Gegenteil: Es ist ein Horrorfilm und Teil des Horrors ist es, daß Burt und Vicky Stanton vollkommen unvermittelt in eine Situation hineinstolpern, die ihnen fremd ist, sie extrem fordert und die sich nur rudimentär erklären lässt. Klassischer Grund klassischer Gruselgeschichten: Was sich andeutet, ist oft weitaus schrecklicher, als was bis ins letzte Detail ausgeleuchtet und erklärt wird.

Doch wie so vielen Horrorfilmen – und bei weitem nicht nur Stephen-King-Verfilmungen – gelingt es auch CHILDREN OF THE CORN nicht, Spannung und Potential über die gesamte Strecke aufrecht zu erhalten und einem würdigen Ende zuzuführen. So sehr der Film sich anfangs Mühe gibt, seine Hauptprotagonisten einzuführen – und mit Linda Hamilton und Peter Horton immerhin zwei vergleichsweise gute Schauspieler aus Hollywoods B-Riege aufzuweisen hat, die damals gerade am Beginn ihrer jeweiligen Karrieren standen – und die Spannung zu steigern, indem sich langsam aber stetig die Hinweise häufen, daß wir es in Gatlin mit einem wahrhaft seltsamen Städtchen zu tun haben, so sehr überstürzt er sich schließlich und holpert durch einige Logiklöcher einem Finale entgegen, das einerseits unter auch für seine Zeit dreist schlechten Effekten leidet, zudem aber vom Timing her schlicht nicht passt und somit wenig überzeugen kann. Gemessen an all dem Schrecken, dessen wir Gewahr wurden in den vorausgegangenen ca. 80 Minuten, stellt sich die Lösung des Problems – vor allem im Angesicht eines scheinbar dem Mais entstiegenen Dämons – doch arg einfach dar. Vielleicht musste eben nur mal ein vernünftiger Erwachsener auftauchen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Das aber nimmt viel von dem Grauen, das der Film zunächst überzeugend verbreiten konnte. Und es wirkt schlicht reaktionär.

1984 erschienen, war CHILDREN OF THE CORN eine von unzähligen King-Verfilmungen jener Jahre und ging daher ein wenig unter, zumal es eben „nur“ eine Short Story war, die dem Film zugrunde lag, während Werke wie CHRISTINE (1983), CUJO (1983) oder FIRESTARTER (1984) bekannte und teils äußerst beliebte Romane als Vorlage aufwiesen. Sieht man den Film, der mittlerweile neu verfilmt wurde und selbst eine Reihe von Sequels nach sich zog, heutzutage, erkennt man natürlich die Schwächen schnell und ist doch erstaunt, einen vergleichsweise  spannenden und teils auch packenden Horrorfilm der 80er Jahre vor sich zu haben, der über weite Strecken durchaus zu überzeugen versteht. Wird es einst zu einer Neubewertung all der Verfilmungen des postmodernen Meisters der unheimlichen Geschichte kommen, wird CHILDREN OF THE CORN weitaus besser abschneiden, als man angenommen hätte.

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