EIN GUTES HERZ/VSV

Debattenbeitrag und Schlüsselroman, Unterhaltungswerk und auch Rechtfertigung - Leon de Winter hat eineni großartigen Roman geschrieben

Seit nunmehr nahezu dreißig Jahren liefert Leon de Winter gleichbleibend gute Unterhaltung auf stilistisch hohem Niveau und schafft es dabei, immer wieder Themen und Sujets aufzugreifen, die Brisanz versprechen. Er ist ein politischer Autor, der sich nicht scheut, als Jude durchaus in Europa eher unpopuläre Positionen zu Nahostfragen, zum Verhalten des Staates Israel oder dem der Palästinenser und auch zu solchen von Krieg und Frieden in der Region einzunehmen. Dies merkt man weniger in seinen Büchern (obschon da auch), als in den Essays, die hierzulande regelmäßig z.B. vom SPIEGEL abgedruckt werden. Diese Essays haben de Winter unter Liberalen den Ruf eines schwerst Konservativen, unter Linken den eines üblen Rechtsauslegers eingebracht. Da de Winter in seiner Familiengeschichte nicht nur auf die Rettung seiner Eltern durch katholische Priester, sondern leider auch auf Angehörige verweisen kann, die in den Todeslagern der Nazis umgekommen sind, sollte man vielleicht als Deutscher grundsätzlich vorsichtig mit der Beurteilung sein, wie ein Jude das Verhalten Israels beurteilt. Vielleicht sollte man auch vorsichtig sein, Israels Verhalten generell zu beurteilen, doch ist das eine andere Geschichte.

Das Jüdische spielte bei de Winter immer eine Rolle, doch nur in einigen seiner Romane wurde es politisch explizit. Dennoch brachte es ihm den Vorwurf ein, er nutze sein Jüdisch-Sein aus; mehr noch, er „schlachte“ es aus – warf ihm z.B. der niederländische Künstler, Publizist und Filmemacher Theo van Gogh vor. Dieser Theo van Gogh wurde in Deutschland einem breiteren Publikum erst 2004 ein Begriff, nachdem er von dem Islamisten Mohammed Bouyeri an einem diesigen Novembermorgen auf offener Straße regelrecht abgeschlachtet worden war. Van Gogh hatte gemeinsam mit der Menschen- und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali den Film SUBMISSION (2004) gedreht, der massiv das islamische Patriarchat und somit die Religion grundsätzlich angriff. Doch war van Gogh auch ein grundsätzlicher Provokateur, ein Satiriker, vor dessen strengen Urteilen niemand sicher war; andere sagen auch, er sei ein Kotzbrocken gewesen, unsympathisch und menschenfeindlich. Wahr und belegt ist jedenfalls, daß er und de Winter seit den frühen 80er Jahren herzlichst miteinander verfeindet waren, obwohl man meinen sollte, diese beiden zögen am selben Ende eines Stranges.

Nun begegnet uns Theo van Gogh auf den ersten Seiten des neuen Buchs von Leon de Winter, EIN GUTES HERZ. Er sitzt seit seiner Ermordung in einer Art Pugatorium und weigert sich, „weiterzugehen“. Ihm wird eine Art „Leiter“ zur Seite gestellt, der ihm helfen soll, im Himmel (oder der Hölle) zumindest wieder Vollständigkeit zu erlangen, denn momentan hat man es lediglich mit seinem Kopf zu tun, der sich aber mit all dem amüsiert, was er auch auf Erden schon gern tat: Saufen, Rauchen und unflätige Beleidigungen ausstoßen. Dieser van Gogh nun soll, um endlich mal voran zu kommen in seinem neuen und endgültigen Heim, als Schutzengel fungieren für einen gewissen Max Kohn. Dieser Max Kohn wiederum war lange Zeit einer der führenden Drogenbarone der Niederlande, wenn auch „nur“ spezialisiert auf „weiche“ Drogen. Doch hat er vor 10 Jahren mit all dem aufgehört, als er und seine damalige Freundin – seine große Liebe – Sonja von einem Sonderkommando aus dem Bett geholt wurden wegen der Ermordung zweier Jugoslawen. Die allerdings waren – ohne dessen Wissen – von Kohns rechter Hand Kichi, einem marokkanischen Berber, beseitigt worden. Kohn ging daraufhin in die USA, sein Kompagnon in den Knast und Sonja verschwand irgendwo…nun ist sie die Freundin eines holländischen Schriftstellers namens Leon de Winter, der von seiner Frau Jessica Durlacher verlassen wurde und sich dieses neuen Glücks erfreut. Hätte Sonja bloß nicht solche Angst vor Kohn, den sie für das Böse schlechthin hält. Kohn seinerseits hat in Amerika ein neues Herz bekommen – und zwar ausgerechnet jenes von van Goghs „Leiter“ im Himmel – Jimmy. Dieser – ein ehemaliger katholischer Priester, der eine enorme Schwäche für schöne Frauen und mit einer davon auch 2 Kinder hatte – hatte nur ein paar Tage mit Sonja verbracht, doch war sie in diesen Tagen auch zu seiner großen Liebe geworden. Und dieser Jimmy, dessen „gutes Herz“ nun in Max Kohns Brust schlägt, hatte diesen „Zufall“ genau so geplant und arrangiert, wollte er doch, daß seine große Liebe zurückfindet zu IHRER großen Liebe – die eben Max Kohn hieß. Als sei das alles nicht genug, beschließt der Sohn von Kichi, der mittlerweile zu einem hervorragenden Fußballer und einem strenggläubigen Islamisten herangewachsen ist, nicht nur das Opernhaus in Amsterdam in die Luft zu jagen, sondern auch ein Flugzeug zu entführen und zudem eine Schule zu besetzen. Eben jene Schule, in die Sonjas Sohn Nathan geht…alles kulminiert an diesem Tag, an dem all diese in sich verworrenen Lebenslinien aufeinander zulaufen und sich endgültig ineinander verknoten…

Das klingt nach Kolportage und es wäre auch so, wenn Leon de Winter hier nicht einmal mehr stilistisch und sprachlich zu einer Hochform aufliefe und nicht durch das sich-selbst-in-den-Roman-Einschreiben einen Kniff angewendet hätte, wie er entweder nur vollkommen scheitern oder aber nur brillant gelingen kann. De Winter ist er brillant gelungen. Das ganze Buch ist ein Wagnis und man merkt es ihm an. In einem Nachwort berichtet de Winter, daß er unbedingt habe über van Gogh schreiben wollen, doch mit zunehmender Beschäftigung mit dem Mann und dem , was ihm zugestoßen ist, habe er erkannt, daß er z.B. sich selbst nicht aus dem Kontext auslassen könne usw. Schließlich habe dieses Buch, diese Geschichte ihn gefunden und so sei sie entstanden, wie sie nun ist.

De Winter nimmt mit diesem Buch zu manchem Stellung, was ihm in den letzten Jahrzehnten vorgeworfen wurde. Er macht ein äußest schwieriges Kapitel auf. Er will keinesfalls als Rechter gelten, und er will auch nicht, daß van Gogh so wahrgenommen wird. Doch will er ganz offensichtlich – und das eben nicht als Jude und Opfer, sondern als Europäer, der sich einer Geschichte und gewisser Werte, die dieses Europa in den letzten 250 Jahren v.a. (seit der französischen Revolution) hervorgebracht hat, bewußt ist – nicht klein beigeben vor einer Bedrohung, die unserem Weltbild radikal entgegensteht, da sie auf den Glauben setzt, wo Europa sich entschlossen hat, den Glauben säkular zurückzudrängen und auf das vermeintliche Wissen und die vermeintliche Vernunft zu setzen. Dabei wird gerade in diesem Text deutlich, wie schwer es ist, differenzierte Standpunkte abseits vom Mainstream zu vertreten, wenn die Gemüter erhitzt sind und eigentlich nur noch populistisch einfache Meinungen zugelassen werden. Es gibt Punkte, an denen de Winter ganz offensichtlich kompromißlos ist: Wenn er einen seiner Protagonisten aus dem Koran zitieren läßt und dabei eben Suren auswählt, bei denen kaum mehr Zweifel angebracht sind an ihrer eindeutigen Aufforderung, den Islam auch mit Gewalt zu verbreiten, dann kann man in diesen Passagen schon den streitbaren und Widerspruch herausfordernden Autor jener Essays im SPIEGEL erkennen, von dem oben die Sprache war. Aus dem Zusammenhang gerissen würde auch manche Stelle der Bibel dem Zuhörer solcher Zitate wahrscheinlich kalte Schauer den Rücken runterschicken.

Doch da es de Winter gelingt, diese Aspekte in einen Zusammenhang zu stellen – va.a mit der ängstlichen Sonja (die im Buch die meiste Zeit vor einem Juden Angst hat), deren Kind in eine potentiell tödliche Situation gerät – , in dem all diese theoretischen religiösen Fragen schlicht hinter dem Schrecken einer realen, konkreten Bedrohungssituation verblassen, kann man auch schön sehen, daß all diese Problematiken v.a. Männerproblematiken sind. Ob Kohn oder van Gogh, ob Kichi oder dessen fanatisierter Sohn – all diese sich so wichtig nehmenden Menschen sind Männer, die meinen, das Recht zu haben, über das Leben anderer verfügen zu dürfen (in gewisser Weise gilt das auch für Jimmy, der die ganzen Verstrickungen ja erst auslöst). Sonja und ihr Sohn Nathan, 10 Jahre alt und erstmals verliebt, stehen dem gegenüber für eine Menschlichkeit, die sich nicht aus Abstrakta speist, sondern aus ganz einfachen und doch so realen Bedürfnissen: Eine Party besuchen, jemandem ein Geschenk machen, ein ruhiges Leben leben ohne Angst haben zu müssen.

Der Roman nimmt also bei aller Doppeldeutigkeit, bei aller Ambivalenz, derer er sich bemächtigt, um den Leser eben auch zu verunsichern, klar an einer gesellschaftlichen Debatte, einem Diskurs, teil und stellt in diesem Diskurs gewisse Thesen und Meinungen aus, um sie zu diskutieren und diskutieren zu lassen. Daß de Winter weder sich selbst noch die meisten der anderen (realen) Figuren sonderlich gut weg kommen läßt, sondern durchaus selbstkritisch die eigenen Vorurteile und möglichen denkerischen Einschränkungen ausstellt, macht die Sache natürlich ernst- und glaubhaft. Doch bleibt auch einfach dies festzuhalten: EIN GUTES HERZ ist nicht nur Debattenbeitrag und Darlegung verschiedener Sichtweisen auf das Europa auf mittelfristige Sicht bestimmende Thema, es ist nicht nur ein intellektuelles Spiel mit Positionen und Figuren, es ist auch nicht unbedingt ein Schlüsselroman – aber was es ist, ist gute, manchmal wirklich witzige Unterhaltung, die den Leser dennoch zwingt, sich der beschriebenen Problematik zu stellen und zu verstehen, daß es wahrscheinlich keine „einfachen“ Lösungen gibt. Wahrscheinlich nicht mal „einfache“ Standpunkte oder Standorte, auf denen man sich sicher fühlen und auf die man sich zurückziehen könnte. Das macht die Wucht dieses Buches und seine Klasse aus.

Ein kontroverses Buch, das zu unterhalten weiß – selten und absolut empfehlenswert!

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