PARIS TROUT

Pete Dexter legt eine gewaltige Gesellschaftsanalyse vor, die nichts an Aktualität verloren hat

PARIS TROUT (1988; Dt. 2008) ist ein trauriges Buch. Traurig und bitter. Es beginnt mit dem Biss eines Fuchses in den Knöchel eines schwarzen Mädchens und endet mit dem sinnlosen Töten dreier Menschen. Dazwischen wird der Leser Zeuge eines leisen Südstaatendramas, das sich aus alltäglichem Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Egomanie und Desinteresse, bzw. Ignoranz speist. Man bleibt zurück mit einem gewaltigen Kloß im Hals, der sich nur langsam wieder lockert.

In der Kleinstadt Cotton Point lebt Mitte der 50er Jahre die schwarze Gemeinde leidlich friedlich abseits der weißen. Es gibt wenig Berührungspunkte untereinander, die Schwarzen arbeiten für die Weißen, so scheint das immer schon gewesen zu sein. Die pubertierende Rosie Sayers wird von einem wohl tollwütigen Fuchs gebissen, will dies jedoch vor ihrer Mutter unbedingt geheim halten, da ihre Mutter sie nicht mag und Rosie Angst hat, fortgeschickt zu werden. Sie kommt blutend in den Laden von Paris Trout, einem örtlichen Gemischtwarenhändler, der darüber hinaus auch ein florierendes Geschäft mit Darlehen v.a. an mittellose Schwarze betreibt. Seine Frau Hanna sieht, daß die Kleine verletzt ist und bringt sie in ein Krankenhaus, in dem der diensttuende Arzt Rosie derart Angst vor einer Spritze macht, daß diese angibt, es sei doch kein Fuchs, sondern ein Hund gewesen. Damit setzt sich eine Soirale von Ereignissen in Gang, die schließlich in eine Katastrophe für nahezu alle Beteiligten führen.

Die Erzählung der äußeren Handlung des Buches kann nicht wiedergeben, wie gewaltig das Gesellschaftsportrait, das Dexter anlegt. Dieser Paris Trout ist eines der unglaublichsten (menschlichen) Monster der jüngeren Literaturgeschichte. Es ist weniger Rassismus, der ihn ausmacht, dazu ist er viel zu misantroph. Der Rassismus ist es, der die Gesellschaft durchzieht – u.a. gibt es einen Richter, der den Gerichtssaal morgens mit den Worten betritt: „Alle Neger mit Anwalt auf die eine Seite, die Neger ohne Anwalt auf die andere.“ – und schleichend vergiftet. Durch diesen alltäglichen, immer vorhandenen Rassismus werden Figuren wie Trout, aber auch so manch anderer, der uns in diesem Buch begegnet, überhaupt erst ermöglicht.

Im Laufe der Handlung wird Rosie Sayers von allen vergessen, sie wird zu einem Alb, der den einen oder anderen verfolgt, doch wünschen sich selbst diejenigen, die wir mögen wollen, bspw. die Anwälte Seagraves und Bonner, daß dies alles gar nicht passiert wäre und sie einfach weitermachen könnten, wie bisher. Nur Hanna, ehemalige Lehrerin und aus Gründen mit Paris Trout verheiratet, die sie mit der einsetzenden Handlung selbst längst nicht mehr versteht, hasst Trout für das, was er tut und getan hat. Trout selbst wankt durch die Handlung wie eine Art somnambuler Koloß. Er nimmt schlichtweg nicht wahr, was ihm nicht gefällt, sieht „gewisse Gesetze“ höher an als alle von Menschen gemachte. Darunter fällt für ihn, ohne daß es je explizit erwähnt würde, daß ein Mann sich – vor allem von Schwarzen – holen kann, was ihm seiner Meinung nach zusteht, also Geld; zudem scheinen Schwarze für ihn in einer natürlichen Ordnung unter den Weißen zu stehen, womit er in dieser Gesellschaft allerdings nicht allein ist. So verhält er sich jedem gegenüber, ob Polizist, Anwalt oder Richter: Er versteht schlichtweg nicht (oder will nicht verstehen), was er falsch gemacht haben sollte. Er wollte Geld von einer schwarzen Familie, weil sich deren Sohnemann dieses bei ihm geliehen hat. Das genügt aus seiner Sicht der Dinge auch, eine Familie auszulöschen.

Dexters Verdienst liegt darin, diese Figur – neben all den anderen – durch eine Lakonie in der Erzählsprache zu verdeutlichen und dadurch glaubwürdig zu machen, die es in sich hat und den Leser wirklich trifft. Selbst die traurigsten und schrecklichsten Gegebenheiten (und das fängt mit Rosies Mutter an, die ihrer 14jährigen Tochter nicht mehr erlaubt, das Haus zu betreten, da diese des Teufels sei) werden mit einer Beiläufigkeit geschildert, die dem Leser während der Lektüre schon mal Schauer den Rücken hinunter jagt. Ein weiteres Verdienst ist es, daß diese Gesellschaft nicht einfach nur als verkommen und rassistisch dargestellt wird. Dexter zeigt die Bigotterie, die Verklemmtheit und auch die Verlogenheit, die dem Rassismus vorausgehen, ihn bedingen, ihn flankieren und erst ermöglichen. Er läßt auch die, die uns als Sympathieträger erscheinen, nicht im reinen weißen Licht erstrahlen, ganz im Gegenteil, sie sind Teil dieser Stadt, die jemanden wie Paris Trout hervorbringt und in ihrer Mitte duldet. Und natürlich auch an ihm verdient.

Hinzu kommt – ein weiterer Aspekt der Rassendifferenzen – , daß nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen, sondern auch zwischen den Weißen selbst eine abgrundtiefe Sprachlosigkeit herrscht. Doch elementar wird sie erst zwischen Angehörigen der verschiedenen Hautfarben. Denn der eigentliche Konflikt – sowohl zwischen Rosie und ihrer Mutter, als auch und vor allem zwischen Paris Trout und seinen Widersachern – verschärft sich durch die anhaltende Sprachlosigkeit zwischen allen Betroffenen. Der junge Henry Ray, der bei Trout Geld für ein Auto geliehen und eine Versicherung abgeschlossen hat, versteht schlichtweg nicht, was es mit dieser Versicherung auf sich hat. Paris Trout wiederum ist es egal. Er sagt nur, daß er – so oder so – sein Geld bekomme. Trout ist ein gewaltiger Schweiger, oftmals antwortet er nicht auf Fragen, die für den Fragenden, wie z.B. seine Geschäftsangestellte, sehr wichtig sein könnten.

Der Anwalt Harry Seagraves ist dabei die – auch literarisch – interessanteste Figur. Dexter gelingt es hier, auch sprachlich, eine Vulgärversion einer der wichtigen Figuren der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts zu erschaffen: Gavin Stevens, der weise, manchmal resignativ-müde Anwalt, den William Faulkner immer wieder als eine Art Alter Ego in seinen Romanen, den Short Stories und den Novellen, manchmal als Mittelpunkt und Hauptfigur, manchmal nur am Rande, auftreten läßt und der die Gesellschaft, in der er lebt, versteht und auch toleriert. Selbst da, wo sie rassistisch ist. Stevens ist – wie sein Erschaffer Faulkner – der Meinung, daß der Süden sich aus sich selbst heraus vom Joch dessen, was ihn vergiftet und zerstört, also der Rassenungleichheit, befreien muß. Er muß selbst einsehen, daß es ein Unrecht gibt und dieses Unrecht zu besiegen ist. Aus diesem Grunde lehnte Faulkner den Bürgerkrieg als „Rettung der Nation und Befreiung vom Joch der Sklaverei“ ab. So, meinte er, sei es nicht möglich, eine Gesellschaft von ihren Krankheiten zu befreien.

Harry Seagraves ist nicht ganz so hochtrabend wie Gavin Stevens, er ist aber auch nicht so intellektuell scharfsinnig wie Faulkners Gestalt. Und er ist, anders als Stevens, der Junggeselle und Hagestolz, ein durch und durch sexualisiertes Wesen. Jede Frau, der er begegnet, wird auf ihre sexuellen Attribute hin geprüft, während seine eigene Frau in der Handlung des Romans nur als Heimchen vorkommt. Generell sind die Frauen hier (nicht bei Dexter, sondern in Cotton Point) ebenso Personen zweiter Klasse, wie die Schwarzen, vielleicht nicht ganz so zweitklassig. Sie werden nicht ernst genommen, und wenn sie Personen eigenen Rechts und eigener Meinung sind (wie Hanna und die junge Dame, die Bonner geheiratet hat und die sich weder an gesellschaftliche Konventionen, noch an die innerstädtischen Gepflogenheiten halten will), dann erscheinen sie auch den „aufgeklärten“ Männern gefährlich (das geht soweit, daß Bonner seine Frau schließlich verdächtigt, mit anderen Männern umtriebig zu sein).

Es ist also vor allem eine Männergesellschaft, die Dexter darstellt, in der die Bigotterie, daraus resultierend der Rassismus und die Menschenverachtung, derart weit fortgeschritten sind (und darin besteht natürlich auch eine implizite Kritik an den Ansichten Faulkners und all jener, die Faulkners Meinung teilen), daß die Menschen, die all dem tagtäglich frönen und ausgesetzt sind, gar nicht mehr merken, wie es sie langsam zerstört. Der Einzige, der das Gift (wenn auch anders, als gedacht) ahnt, ist ironischerweise Paris Trout selbst, der seine Frau immer im Verdacht hatte, ihn zu vergiften. Sein Wahn, den Dexter fein, weil nie übertrieben, darstellt, artet schließlich darin aus, Flaschen mit seinem Urin zu sammeln, damit im Falle seines Ablebens bewiesen werden kann, daß er Opfer einer Vergiftung wurde.

Pete Dexter ist mit PARIS TROUT vielleicht sein bisher bester Roman gelungen. Er ist, nach den Stadtvierteln in GOD`S POCKET (1983/Dt. 2008), die durch ethnische und rassische Grenzen gekennzeichnet waren, und jenem Los Angeles, in dem TRAIN (2003/Dt. 2006) spielt und wo der Rassenkampf einem Klassenkampf gleichkam, dort angelangt, wo – zumindest in den USA – der Rassismus seine Wiege hat: Im tiefen Süden. Das ist der geographische Aspekt. Er ist hier auch sprachlich reduzierter bei seinen (möglichen) Vorbildern angekommen, Vorbildern wie eben William Faulkner. Und er tut dem Leser, der Gesellschaft generell, weh mit diesem Buch. Es tut weh, das zu lesen und es tut weh, zu wissen, daß dies zwar in den 50er Jahren angesiedelt, allerdings nie sehr weit entfernt ist von der (traurigen) Gegenwart.

Vielleicht war Pete Dexter bis dahin „nur“ ein guter Krimi- und Noir-Autor (wobei dies immer auch gute Literatur war, die sehr viel über diese Gesellschaft verriet), mit seinem erst dritten Roman PARIS TROUT legt er ein erschütterndes literarisches Gesellschaftsportrait vor. Und das ist dann eben wirklich große Literatur!

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