TRAIN

Pete Dexter zeigt den Rassenkampf als Klassenkampf

Manchen Büchern würde man eher gerecht, wenn man auf Klassifizierungen verzichtete. Dann hätte man es bspw. einfach mit einem „Roman“ zu tun, nicht mit einem „Krimi“. Das Label nämlich führt in die Irre. Pete Dexter erzählt in seinem Neo-Noir-Thriller TRAIN (2003/Dt. 2006) von zwei Schwarzen, die sich als Caddies in einem Country Club verdingen, von einem geheimnisvollen Mann, der offenbar bei der Polizei arbeitet, und einer reichen Dame aus Beverly Hills, deren Mann auf ihrem Boot getötet wird, sie selbst wird Opfer einer ausgesprochen brutalen Vergewaltigung. Die Täter sind Kollegen der beiden Caddies. Der Mann, Miller Packard, wird mit der Lösung des Bootsfalles betraut, tötet jedoch willkürlich die Täter. Dann kümmert er sich derart liebevoll und zugewandt um die Witwe, bis diese sich in ihn verliebt. Er wiederum ist an einem der Caddies – genannt Train – interessiert, da dieser offenbar ein hervorragender Golfer ist. Und mit so einem kann man Geld verdienen, wenn man zu wetten versteht. Und Geld hat Packard – genug, um den Reiz des Verlierens auskosten zu können.

Was hier wirkt wie eine kohärente Handlung, ist in Wirklichkeit ein relativ freier Fluß einzelner Episoden, die von einem recht weit gesteckten Rahmen zusammengehalten werden. Es ist auch nicht die Story, die hier überzeugt (oder überhaupt wichtig ist). Wichtig sind zum einen die Figuren, zum anderen die Konflikte, die zwischen ihnen entstehen und die zeigen, daß man selbst bei bestem Wissen und Gewissen doch nicht über seinen Schatten springen kann. Dexter spannt ein dichtes erzählerisches Netz aus Beziehungen und Querverbindungen, in dem sich alle Figuren nach und nach verheddern, wobei einige mehr, andere weniger schuldig werden. Dazu nutzt er die Regeln des Noir – die Täter, die mehr Getriebene als gedungene Kriminelle sind; die Unschuldigen, die nur als Opfer zu existieren scheinen, die in Händel verwickelt werden, die sie nicht verstehen; die Skrupellosen, die jede Situation als Aussicht auf Gewinn begreifen; sogar das scheinbar so verführerische Weib – sie alle könnten dem Personaltableau des klassischen Noir entstammen. Hinzu kommen die scheinbar genretypischen Verhaltensweisen: korrupte Cops, falsche Freunde/Kollegen, eine Welt, die voller Verrat und Illoyalität ist. Aber Dexter bürstet das alles gewaltig gegen den Strich. Und dabei gelingt es ihm, die Welt fast noch düsterer zu zeichnen, als es der Noir je tat, denn hier gibt sich nahezu jeder Mühe, ein besserer Mensch zu sein, als er es ist und nahezu jeder scheitert entweder an seiner Rassen- oder der Klassenzugehörigkeit.

Die Witwe ist steinreich, sie ist eine frühe Bürgerrechtsaktivistin, aber auch Opfer zweier schwarzer Vergewaltiger; sie beherbergt zwei Schwarze in ihrem Gästehaus, die ihr ebenfalls steinreicher Gatte (Packard, so erfahren wir auf den ersten Seiten, entstammt einer uralten Gelddynastie) dort einquartiert hat; der gleiche Gatte, der keine Skrupel hatte, die Vergewaltiger auf dem Boot mühelos umzubringen; der hier vielleicht Buße tun will. Train, der sich seines erblindenden Buddies Plural(!) angenommen hat und mit seinen 18 Jahren spürt, daß er vielleicht ein Recht auf ein eigenes Leben hat, hätte. Ein Leben, in dem er frei von der Verantwortung für einen blinden Verrückten die Chance hätte, mit seinen Talenten zu wuchern. Und der ob dieser Gedanken in Schuldgefühlen versinkt.

Der Roman ist in den 50er Jahren angesiedelt. Dexter läßt den Leser also ein wenig von der aufkommenden Liberalisierung spüren, die die Bürgerrechtsbewegung mit sich bringen wird. Nicht jeder in diesem Buch ist ein Rassist, Dexter malt durchaus auch Menschen und Situationen, die wirklich frei von allem rassistischen Wahn sind. Doch gerade vor diesem Hintergrund wird die hier beschriebene Welt besonders düster. Was James Ellroy zu verächtlichem Zynismus gegenüber den Idealisten treibt, dient Dexter als bitter-ironischer Twist. Da draußen gibt es eben doch anständige Menschen, alle – der Cop, die Witwe, der Caddie – geben sich Mühe, die Welt etwas besser zu machen – und scheitern. Der Kontrast, den Dexter dadurch schafft, ist literarisch großartig. Und furchtbar bitter im Resultat.

Das Scheitern hier ist ja gerade auch ein Ergebnis des guten Willens: Wer sich für die Rechte Schwarzer einsetzt, kann nicht erwarten, daß jeder Schwarze sein Freund wird; wer Geld hat, kann erwarten, daß alle anderen enorme Schwierigkeiten haben könnten, seinen Umgang mit selbigem zu verstehen. Und wer arm und schwarz ist, weiß sowieso, daß er nichts zu erwarten hat. Train und die anderen Caddies können eins besonders gut: Schweigen. In diesem Gestrüpp bleiben alle hängen. Mißtrauen, das aber zumindest die Weißen grundsätzlich verleugnen, ist das eigentlich herrschende Gefühl. Historisch gesehen hat Dexter ja Recht, wenn er sein Geschichtenbündel mit einem Lichtblick kommender Liberalisierung ausstattet. Doch er ist auch ausgesprochen hart in seiner Analyse: Kein Ausweg für den Einzelnen aus dem Gewirr der verschiedenen Konfliktebenen.

So hat man es hier mit einer als historischem Kriminalroman getarnten Gesellschaftsanalyse im Hinblick auf den allgegenwärtigen Rassismus zu tun. Bedrückend.

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