RADIKALISIERUNGSMASCHINEN. WIE EXTREMISTEN DIE NEUEN TECHNOLOGIEN NUTZEN UND UNS MANIPULIEREN

Julia Ebner führt den Leser in Ecken des Internets, von denen man nicht einmal ahnte, das es sie gibt - und wo man auch lieber nicht hinwill

2017 konnte Julia Ebner mit ihrem Bericht WUT: WAS ISLAMISTEN UND RECHTSRADIKALE MIT UNS MACHEN einen großen Erfolg feiern. Es gelang der jungen Wienerin, die seit 2017 am Institute for Strategic Dialogue in London arbeitet, die strukturelle Verwandtschaft von Islamisten und Rechtsradikalen sowohl in ihrer Zielsetzung als auch in ihren Methoden aufzuzeigen.

Nun legt Ebner nach und weist in RADIKALISIERUNGSMASCHINEN. WIE EXTREMISTEN DIE NEUEN TECHNOLOGIEN NUTZEN UND UNS MANIPULIEREN (2019) nach, wie das Internet als perfektes Mittel genutzt werden kann, Minderheitsmeinungen wie Massenbewegungen aussehen zu lassen, welche Strategien greifen, um sich im World Wide Web zu vernetzen, Kommunikationsstrukturen aufzubauen, die nicht so schnell zu durchschauen sind, und nicht zuletzt neue Anhänger für die eigenen ideologischen Überzeugungen zu rekrutieren.

Ebner arbeitet in ihrer Funktion am Institute eng mit Ermittlungsbehörden, aber auch mit Regierungsorganisationen zusammen, um diese bei ihrer Arbeit für politische Bildung, gegen Hass und Hetze, aber auch bei der Aufklärungsarbeit zu unterstützen. Für die Recherchen zu ihrem Buch hat sie sich nicht nur online mehrfach anwerben lassen – darunter vom britischen Ableger der Identitären Bewegung, islamistischen Hetzern und in Trollwerkstätten  – sondern sie hat sich auch mehrfach mit Vertretern dieser und anderer Organisationen des rechten Randes getroffen, hat ein Rechtsrockkonzert besucht und sich auch in die Niederungen islamistischer Prediger und IS-Kämpfer begeben.

Manches dessen, was sie in den sechs Kapiteln ihres Buchs beschreibt, ist dem aufmerksamen und interessierten Leser bereits bekannt. Vor allem die Vorgänge auf den Rechtsrockkonzerten im sächsischen Ostritz sind mittlerweile hinlänglich dokumentiert, gelegentlich entsteht der Eindruck, daß dort mehr V-Männer und undercover Recherchierende vor Ort sind, als wirkliche Neo-Nazis. In diesem Kapitel entfernt sich Ebner auch am weitesten von ihrem eigentlichen Anliegen, dem Leser die Radikalisierung im Internet zu verdeutlichen. Und doch bleibt auch in diesem Abschnitt nicht nur der unappetitliche Nachgeschmack einer braunen Brühe, sondern durchaus auch die Erkenntnis, daß auch zur Organisation solcher „Events“ das Internet dringend notwendig ist.

Am überzeugendsten ist Ebner dort, wo sie dem Leser die unendliche Fülle an Plattformen und Möglichkeiten der Vernetzung nahebringt. Nicht nur all jene mehr oder weniger geschlossenen Blasen auf Facebook und anderen Social-Media-Plattformen, sondern vor allem auch Suchmaschinen und Kanäle, die einst für ganz andere Vorgänge gedacht waren. Bspw. die Nutzung von Spieleplattformen, die den einschlägig Interessierten nicht nur die Möglichkeit bietet, in einer Masse von scheinbar Gleichgesinnten – man ist ja lediglich an den neuesten Ego-Shootern etc. interessiert – unterzutauchen, sondern auch eine Art codierter Sprache, die an sich schon nicht gut zu durchschauen ist, durch doppelte und dreifache Codierung jedoch auch die Möglichkeit bietet, doppelte Kommunikation zu betreiben. So kann der Gamer, der Spieler, sich einerseits mit seinesgleichen austauschen, der politisch-ideologische Manipulator aber auch gleich noch ganz andere Nachrichten vermitteln und verbreiten. Es waren gerade solche Plattformen, auf denen sich der Attentäter von Christchurch und der verhinderte Massenmörder aus Halle tummelten.

In diesen Hinweisen steckt der eigentliche Wert von Ebners Buch. Anderes mutet nur skurril an. Wenn sie sich auf eine Plattform begibt, auf der Frauen sich dezidiert antifeministisch geben, sich bereitwillig zu den Werten des Patriarchats bekennen und nichts lieber sein wollen als willige Dienerinnen ihrer Herren, mag man das kaum glauben und kann nur hoffen, daß es sich da um keine zukünftige Massenbewegung handelt. Auch Ebners Abstecher in die Welt der Verschwörungstheoretiker ist eher im Bereich des Surrealen anzusiedeln, allerdings wird dem Leser bei der Lektüre gerade dieser Kapitel auch noch einmal deutlich, daß es da „draußen“ eine komplett in sich geschlossene Welt gibt, in der die wildesten Theorien und die allerüberholtesten Werte fröhliche Urständ´ feiern.

Daß allerdings auch immer wieder Ausbrüche aus diesen scheinbar geschlossenen Parallelwelten möglich sind und dann höchst dramatische Folgen haben können, zeigt ihre Nachzeichnung der Planungsorganisation für die rechtsextremistischen Aufläufe in Charlottesville, Virginia, im Jahr 2017. Anhand der damaligen Vorkommnisse, die Donald Trump veranlassten, davon zu sprechen, daß es „good people“ auf beiden Seiten des politischen Spektrums gebe – immerhin traf er diese Aussagen, nachdem in Charlottesville eine junge antirassistische Aktivistin Opfer eines üblen Anschlags mit einem Auto geworden war und zudem Hunderte sich eindeutig der militanten Rechten zuordnende Protestler wenig Zweifel an ihren rassistischen und antisemitischen Ansichten und ihrer Bereitschaft zur Gewalt gelassen hatten – kann Ebner nicht nur verdeutlichen, wie die Vernetzung auch scheinbar nicht direkt zusammenhängender Organisationen funktioniert, sondern auch, wie ein emotionalisiertes Empörungspotenzial zu einer schnellen und vor allem effektiven Mobilisierung führen.

RADIKALISIERUNGSMASCHINEN bietet allzu Bekanntes und doch immer wieder auch Neues, wird dem Interessierten vor allem Ergänzungen und Erweiterungen an die Hand geben, kann aber doch immer wieder mit einzelnen Hinweisen und Rechercheergebnissen überraschen. Stilistisch merkt man Ebner an, daß sie keine Journalistin ist, das Schreiben also auch nicht ihre engere Berufung. Gelegentlich muten ihre Berichte von Treffen mit Identitären in London, der Kontaktaufnahme mit rechten Bloggern im Internet oder auch Frauen, die sich dem IS verschrieben haben, wie schulische Aufsätze an. Andererseits geht es hier wahrlich nicht um Schönheitspreise oder die feinste Syntax, sondern um Fakten. Fakten, die man sicher zur Verfügung haben sollte, wenn man sich ein Bild davon zu machen versucht, wie die sogenannte „neue Rechte“ sich vernetzt, wie es ihr gelingt, neue Mitglieder, oft Menschen, die noch gar nicht allzu radikalisiert sind, zu werben und von ihren menschenfeindlichen Ansichten wenn nicht zu überzeugen, so doch immerhin Interesse daran zu wecken. Gerade das Internet, dieses einst als Mittel zur totalen Demokratisierung betrachtete und gefeierte Instrument, entpuppt sich immer mehr als Echokammer für Radikalisierung unterschiedlichster Couleur und Richtung. Es ist an uns allen, wachsam und aufmerksam zu bleiben, auch da hinzugucken, wo es hässlich wird und im Zweifelsfall dagegen zu halten. Auch wenn es nicht gerade bequem ist.

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