ROSEMARIE – DES DEUTSCHEN WUNDERS LIEBSTES KIND

Erich Kubys Bericht aus einem bigotten, selbstgerechten Deutschland im Wirtschaftswunderrausch

Vielleicht war die Literatur immer schon weiter als der Film? Erich Kuby, Autor von ROSEMARIE (erstmals erschienen 1958) legt die Vermutung nahe im Vorwort seines Werkes. Kuby, Schriftsteller, Publizist und vor allem Journalist, hatte bereits an der Verfilmung des Falles Rosemarie Nitribitt durch Rolf Thiele mitgearbeitet, war federführend am Drehbuch beteiligt und konnte in seinem Buch weiter gehen, deutlicher werden und damit auch gewagter bundesdeutsche Befindlichkeiten auf der Höhe des Wirtschaftswunders beschreiben, als es einem Film möglich gewesen wäre, der kommerziell erfolgreich sein musste.

Rosemarie Nitribitt war in Frankfurt eine lokale Größe, bundesweit bekannt wurde sie erst durch ihren Tod – sie wurde ermordet. „Die Nitribitt“ war eine Edelprostituierte, zu deren Kunden etliche Herren der „besseren Gesellschaft“, Männer aus Wirtschaft und Politik, gehört haben sollen. Da der Mord nie aufgeklärt wurde, war der Fall nicht nur ein Ereignis für den Boulevard, sondern auch Gegenstand etlicher seriöser Spekulationen, daß es sich bei dem Mord um ein Komplott eben jener gehandelt haben könnte, die bei ihr ein- und ausgingen und fürchteten, die Dame könnte über zu viele Informationen verfügt haben. Dazu trug das Gerücht bei, es sei ein Tonbandgerät in der Wohnung gefunden worden, woraus manche schließen wollten, hier habe möglicherweise Industrie- und andere Spionage im großen Stil stattgefunden. Auch wurde gern und häufig behauptet, die Ermittlungen seien bewußt in die Länge gezogen und teils boykottiert worden, um Vertuschungen Vorschub zu leisten. Heute weiß man, daß die meisten dieser Spekulationen und Gerüchte schlicht falsch waren. Doch 1958 bot sich solches Material natürlich für allerhand Arten der Verarbeitung an. Neben dem Film und Kubys Roman versuchten sich auch andere an dem Fall, darunter Gert Ledig mit einem Hörspiel und Rudolf Jugert mit einem weiteren Film.

Auch in Kubys Buch spielen die kolportierten Sachverhalte eine große Rolle. Hier gehen fast ausschließlich Herren aus der Industrie bei Rosemarie ein und aus, die zugleich an einem noch geheimen Projekt zu Fragen atomarer Bewaffnung mitarbeiten, welches von der Regierung als Gemeinschaftsaufgabe betrachtet wird – bis sich einer, Hartog, mit seiner Firma durchsetzen und das Projekt gänzlich an sich ziehen kann. Spätestens an diesem Punkt wird die Entwicklung für die anderen interessant und die Möglichkeit erwogen, Hartog per Wanze auszuhorchen. Dieser Hartog ist auch derjenige, der aus einer Straßendirne, wie das Buch Nitribitt zunächst charakterisiert, eine Edelhure macht, sie mit einer besseren Wohnung und allerlei Einrichtungsgegenständen ausstattet, die von Geschmack zeugen sollen. Später wird Bruster, ein weiterer Magnat, ihr Mentor. Das Dreiecksverhältnis Hartog – Rosemarie – Bruster bildet auch den Kern der Handlung des Buches. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich die Spionagegeschichte, wobei es zunächst nicht Brusters Idee ist, Hartog auszuspionieren, um herauszufinden, wie weit dessen Atomprojekt gediehen ist, sondern ein offenbar vom Staatsschutz in Rosemaries Wohnung verstecktes Aufnahmegerät, das Bruster allerdings findet. Daraus entwickelt sich eine Plot um Doppel- und Dreifachspionage.

Das klingt zunächst wie Kolportage, nach einem Spannungsroman, doch darum ist es Kuby nicht zu tun. Vielmehr geht es ihm um eine Art Sittengemälde. Ein Land, knapp fünfzehn Jahre nach dem Krieg und den schrecklichsten Menschheitsverbrechen, die in seinem Namen begangen wurden, das sich nun aber wieder auf dem aufsteigenden Ast befindet, dem es wirtschaftlich wieder gut geht und das sich anschickt, wieder im Konzert der Großen mitzuspielen. Kuby, der ganz bewußt keinen Roman geschrieben haben will, sondern einen Bericht, skizziert Hartog, Bruster und einige andere aus der Riege der Herren mit wenigen, aber treffenden Strichen. Heute würde man diese Skizzen als klischeebeladen betrachten, doch damals waren sie ein Anfang, eine frühe Wahrnehmung derer, die das Land zwar aufbauten, doch auch beherrschen wollten. Kuby läßt Bruster, der gegenüber Rosemarie ein eher väterliches (und in den wenigen Andeutungen seiner seltenen sexuellen Wünsche damit auch pädophiles) Verhältnis pflegt, offen über seine Reisen – oftmals gen Osten, nach Russland – sprechen und sich bei ihr über allerhand berufliche Belange und Schwierigkeiten ausbreiten. Er allerdings ist es auch, der sie auf die Schiene Richtung Edelprostitution setzt, der ihr vermittelt, wie viel sie wirklich verdienen könnte, welche Rolle sie einnehmen kann.

Und genau darin besteht der Clou des Buches: In Rosemaries zunehmenden Erfolg in der oberen Riege der Edelfreier spiegelt sich im Kleinen jene wirtschaftliche Entwicklung, die das Land nahm. Erst auf den letzten Seiten wird aus dieser manchmal im Ton frivolen Erzählung ein Drama, wenn Hartogs Schwester sich in dessen Beziehung zu der Hure einmischt und angedeutet wird, das diese für deren Tod zumindest mitverantwortlich sein könnte, da sie ihren Bruder und das, wofür er steht – Familienunternehmen, Ehre, Ansehen – schützen will. Hartog, wie alle, die Rosemarie aufsuchen, verheiratet, hat sich in die junge Frau verliebt, zumindest empfindet er einen Anflug von Verliebtheit. Er will sie für sich, er fühlt sich bei ihr auf tiefere Art geborgen, als dies für Bruster der Fall ist, er sieht in ihr die Möglichkeit eines anderen, vielleicht freieren Lebens. Eines Lebens, das von seinen Kreisen nicht geduldet wird, nicht geduldet werden kann.

Kuby mag diese Männer nicht, er charakterisiert sie als bigott, so wie er der gesamten Gesellschaft jener Jahre eine tiefsitzende Doppelmoral attestiert. Dabei nimmt er auffallend wenig Bezug auf die damals jüngste deutsche Geschichte, es wird nie thematisiert, welche Rolle diese Männer während des 3. Reichs oder des Krieges gespielt haben. Man gewinnt – zumindest aus dem Abstand mehrere Jahrzehnte – den Eindruck, daß Kuby diesen Aspekt der Geschichte entweder ausblenden will oder aber voraussetzt, daß der Leser dies unterschwellig mitliest. Kuby mag aber auch Rosemarie Nitribitt nicht. Seine Beschreibungen dieser Frau – mittelmäßiges Aussehen, Gier als Antrieb, Desinteresse an allem, was nicht unmittelbar ihr Geschäft und ihre Person betrifft, reizbar und aufbrausend – zeugen davon. Vielleicht ohne es zu bemerken, nimmt der Autor gegenüber seiner Hauptfigur eine ähnlich herablassende Haltung ein, wie er sie seinem männlichen Personal unterstellt.

Stilistisch changiert Kuby generell zwischen einer durchaus einem Roman angemessenen Sprache, die die Handlung vorantreibt, Spannung erzeugt, Charaktere fassbar macht, aber auch ironisiert, und einer eher journalistischen Sprache, die die Figuren und ihre Haltung, ihre Motive und Handlungen erklärt, anstatt sie darzustellen. So beschreibt er dann eben auch „das Gewerbe“, er erklärt den Unterschied zwischen einem Konzern herkömmlicher Art und dem Konzern, den Rosemarie aufbaut – in solchen Momenten wird Kubys Buch zu einer Reportage, die Beschreibung, Erklärung und letztlich auch ein Urteil enthält. Seine Sprache wird in solchen Momenten etwas gestochen, schwingt sich in gelegentlich pathetisch angehauchte Höhen auf und stellt eher die Sprachmächtigkeit des Autors aus, als daß sie angemessen ihr Sujet erfasst. Da wird dann manchmal Banales doch zu etwas Größerem, als es de facto ist.

Dennoch – Kubys Buch ist ein interessantes Dokument einer Zeit, die heute, gerade heute, gern verklärt wird. Eine Zeit, die sich gern biedermeierlich gab, sich in eine heile Welt hineinimaginierte, die von der vermeintlich eben abgelegten Vergangenheit nicht viel wissen wollte und in der, vertraut man den Erzählungen jener, die damals jung waren und es erleben mussten, vor allem Langeweile herrschte. Langeweile und eine enge moralische Haltung, die sich kaum an der Wirklichkeit messen ließ. Umso treffender, wenn Kuby beschreibt, wie die Honoratioren jener Zeit es genossen, etwas vorgeblich „Gefährliches“, etwas „Unmoralisches“ zu tun, indem sie sich offen an der Seite einer stadtbekannten Hure zeigten. Machtausstellung und Selbstüberhöhung in einem, kann man sich so als Besonderheit wähnen, ohne ein wirkliches Risiko eingehen zu müssen. Denn selbst wird man den Preis nicht zahlen müssen, der womöglich einmal fällig ist. Den hatte in diesem Fall – wie auch immer er sich in Wirklichkeit zugetragen haben mag – das „Mädchen Rosemarie“ zu begleichen. Mit ihrem Leben.

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