SCHLAFWANDLER/SLEEPWALKERS

Eine fast vergessene Stephen-King-Verfilmung aus den frühen 90er Jahren

Eine Polizeieinheit im kalifornischen Bodega Bay wird zu einem Einsatzort gerufen. An einem Haus hängen Dutzende toter Katzen, teils fürchterlich entstellt. Die Polizei kann sich keinen Reim auf das Massaker machen, lediglich feststellen, daß die Mieter des Hauses verschwunden sind.

Eine Kleinstadt in Indiana. Charles (Brian Krause) Brady und seine Mutter Mary (Alice Krige) haben sich hier niedergelassen. Charles besucht die lokale Highschool und lernt dort Tanya Robertson (Mädchen Amick) kennen, die ihn offenbar nett findet und die ihn sofort interessiert.

Beide sitzen in einem Kurs für kreatives Schreiben, dessen Lehrer (Glenn Shadix) ein arroganter Schnösel ist, der seine Schüler nicht leiden kann und sie gern vor versammelter Mannschaft runterputzt. Als er nachmittags zufällig Charles begegnet und diesen unter Druck zu setzen versucht, bekommt ihm dies nicht gut: Charles reißt ihm eine Hand ab und schleift den sterbenden Mann in ein Unterholz.

Charles und seine Mutter, die eine inzestuöse Beziehung zueinander pflegen, sind Katzenmenschen. Sie können ihre Gestalt wandeln, haben vollkommen unterschiedliche Gesichter, je nach dem, in welchem emotionalen Zustand sie sich befinden, und verfügen zudem über telekinetische Kräfte, die es ihnen erlauben, sich und auch Gegenstände, auf die sie Einfluß haben, im Aussehen zu verändern oder ganz verschwinden zu lassen. Allerdings sind sie bedroht durch herkömmliche Hauskatzen. Denn diese spüren und erkennen die Wer-Wesen nicht nur, sie feinden sie auch an. So sammeln sich vor dem Haus von Mutter und Sohn Brady immer mehr Streuner, die auf irgendetwas zu warten scheinen.

Mary, die sicher ist, daß es noch mehr ihrer Sorte gibt, verliert allerdings ihre Kraft. Die Katzenmenschen brauchen dringend die Lebensenergie von Menschen, vor allem von Jungfrauen. Dies ist auch der Grund, warum Charles unbedingt mit Tanya ausgehen möchte – sie ist in seinen Augen das perfekte Opfer, um seine Mutter mit frischer Energie zu versorgen.

Charles, der mittlerweile unangenehm in der Kleinstadt aufgefallen ist, weil er gern mit einem TransAm über die Highways und Straßen jagt und dabei auch Officer Simpson (Dan Martin) aufgefallen ist, will mit Tanya, die gern fotografiert, ein Picknick abhalten. Dazu begeben sie sich auf einen alten Friedhof, wo Tanya sowieso Fotos schießen wollte. Charles lässt seine Masken fallen und greift Tanya an, er will ihr die Lebensenergie aussaugen. Tanya wehrt sich verzweifelt. Sie zieht Charles den Fotoapparat über und zerkratzt sein Gesicht, schließlich hackt sie Charles mit einem Korkenzieher, den sie im hohen Gras findet, ein Auge aus. Sie schleppt sich zur Straße, wo Simpson zufällig vorbeikommt und sie zu schützen versucht. Dieser Versuch endet für den Polizisten tödlich. Es ist sein Kater Clovis, der immer bei Simpson im Dienstwagen mitfährt, der Charles angreift, ihm schwere Verletzungen zufügt und den Angreifer somit schließlich vertreiben kann.

Tanya gelingt es, Simpsons Kollegen zu rufen, während Charles schwer verletzt in seinem Wagen davonrast. Die Polizei – vor allem Sheriff Stevens (Jim Haynie) und der Staatspolizist Captain Soames (Ron Perlman) – nehmen sich der jungen Dame an. Einen Reim auf das, was hier vorgefallen ist, können sie sich allerdings nicht machen, zumal Tanyas Bericht von Gestaltwandlung und Katzenwesen sie nur verwirrt. Tanya bittet die Polizisten, ihr später Clovis zu bringen, der habe ihr das Leben gerettet.

Charles kehrt ins Haus zurück, wo seine Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, ihren Sohn am Leben zu erhalten. Katzenhiebe, Katzenbisse und Katzenkratzer sind für die Wer-Katzen, zu denen die beiden gehören, tödlich und so verliert Charles zusehends seine Kraft.

Als der Sheriff und sein Kollege von der Staatspolizei eintreffen, muß Mary ihre ganze Kraft darauf verwenden, sich und ihren Sohn unsichtbar werden zu lassen. So entgehen sie der Verhaftung.

Am Abend, Tanya ist mittlerweile wieder zuhause, wo ein weiterer Polizist auf sie aufpassen soll, verschafft Mary sich Zutritt zum Haus der Robertsons. Sie will einerseits Rache üben, andererseits Tanya entführen, da deren Lebensenergie Charles´ letzte Chance ist zu überleben. Es kommt zu einem Kampf mit dem Polizisten, den Mary tötet. Auch Tanyas Eltern werden schwer verletzt.

Im Haus der Bradys ist Charles mittlerweile gestorben. Mary, außer sich, lässt ihn durch ihre Kräfte wiederauferstehen und Charles versucht noch einmal, die Lebensenergie aus Tanya zu saugen, die ihn dann aber endgültig töten kann. Der Sheriff taucht am Haus auf und will Tanya helfen, wird von Mary aber auf fürchterliche Art getötet. Doch womit Mary nicht gerechnet hat, obwohl sie es beobachten konnte, ist die Armee aus Katzen, die, angeführt von Clovis, Stellung um das Haus bezogen hat und die sie nun angreifen. Sie verkrallen und verbeißen sich solange in der um ihr Leben kämpfenden Frau, die sich nun vollends in das Katzenwesen verwandelt hat, das sie eigentlich ist, bis Mary aus sich selbst heraus in Flammen aufgeht.

Die Katzen fliehen und verstreuen sich wieder, Tanya, die sich im Wagen des Sheriffs verkrochen hat, sieht verstört zu, wie der Leichnam des seltsamen Wesens in der Auffahrt zum Haus verbrennt.

SLEEPWALKERS (1992) gehört zu jenen Stephen-King-Verfilmungen, die wenig Aufmerksamkeit erregten, in den dem Horrorfilm eher abgeneigten 90er Jahren schlicht untergingen und vergessen wurden. Lediglich in der Gemeinde der Hardcore-Fans erlangte er einen gewissen Kultstatus. Und dem Meister selbst gefiel die Inszenierung von Mick Garris offenbar so gut, daß er bei einigen Folgeprojekten mit ihm zusammenarbeitete, darunter der TV-Adaption von THE STAND (1994).

SLEEPWALKERS beruht auf einem nicht veröffentlichten Roman Kings, der dann für den Film ein Originaldrehbuch schrieb. Wie so oft für seine Geschichten, griff King auch hier auf einen bereits bestehenden Topos des Genres zurück. Es ist der Mythos der Katzenmenschen, Halbwesen, die sich bei Erregung welcher Art auch immer, in katzenähnliche Wesen verwandeln und für die, die sich in ihrer Nähe aufhalten, brandgefährlich werden. King, auch das typisch für ihn, fügt den überlieferten Merkmalen eigene hinzu, um seinen Plot aufzupeppen, bzw. gegenwärtiger zu machen. So besitzen seine Protagonisten hier telekinetische Kräfte und nähren sich dadurch, daß sie ihren Opfern die Lebensenergie aussaugen, was ihnen gleich noch einen vampirischen Aspekt verleiht.

Garris setzte die Vorlage zu einem mit einfachsten Mitteln gelegentlich effektive Schocks erzielenden Genrebeitrag um, der sich nicht scheut, auch Splatter- und Gore-Effekte einzusetzen, um das Publikum zu erreichen. Oder zu verstören. Buch und Regie geben sich Mühe, die Figuren glaubwürdig und ambivalent zu zeichnen, wobei der dramaturgische Effekt, Charles Brady und seiner Mutter Mary, die als Katzenwesen-Gespann durch die Vereinigten Staaten ziehen, immer auf der Flucht vor Entdeckung, immer auf der Suche nach Gleichgesinnten, als tragische Figuren zu zeichnen, eher mißlingt. Zwar haben wir ein gewisses Maß an Mitleid für Charles übrig, wenn er nach seinem Versuch, das von ihm und seiner Mutter auserkorene Opfer einzufangen und auszusaugen, schwer verletzt ins Haus zurückkehrt, wo er langsam stirbt und seine Mutter verzweifelt versucht, ihn zu retten. Doch wird uns dieser junge Mann nicht sympathisch genug dargestellt, können wir nicht wirklich eruieren, ob er sich nun in sein Opfer, Tanya Robertson, ernsthaft verliebt und so in einen inneren Konflikt gegenüber seiner Mutter gerät, was der Sache wirkliche Tragik verliehen hätte.  Zudem werden wir Augenzeugen der inzestuösen Beziehung zwischen Mutter und Sohn, was uns naturgemäß befremdet. Und deren Notwendigkeit der Film nie näher erläutert.

Garris lässt einige Gelegenheiten aus, uns enger an diese beiden zu binden. Charles lässt zu schnell die Maske fallen, wenn er sich ein unmotiviertes Autorennen mit der örtlichen Polizei liefert und dabei droht, kaltblütig ein kleines Mädchen zu überfahren, sein erstes Rendezvous mit Tanya endet sofort im Fiasko, weil er sich auf die Auserwählte stürzt, als gäbe es kein Morgen. Wobei spätestens hier niemand mehr glaubt, daß der junge Mann diese junge Frau ernsthaft lieben kann. In diesen Momenten gibt der Film sein Geheimnis preis, indem Charles seine verschiedenen Gesichter zeigt. Und die sind nicht alle hübsch. Für einen Film von 1992 weist SLEEPWALKERS übrigens, das sei an dieser Stelle erwähnt, erstaunlich gute, amorphe Spezialeffekte auf. Die Veränderungen in den Gesichtern der beiden Katzenmenschen wirken realistisch, auch die Splatter-Momente können überzeugen.

Jenseits der erwähnten dramaturgischen Schwächen – eher vergebenen Chancen – kann Garris´ Film aber als kleiner, gemeiner Horrorfilm bestehen. Wir bekommen kaum mit, wie er ganz vorsichtig immer weiter an der Spirale dreht, die uns in einen blutigen Showdown führt, den unsere Heldin – die von Charles auserwählte Tanya Robertson – mit Ach und Krach überlebt. Einige Cops leider nicht. Garris hat sich dafür recht eklige und anschauliche Todesarten ausgedacht, die er sehr explizit und grafisch umsetzt. Wenn Charles langsam sein Lebensodem abhandenkommt, wird seine Mutter zu einer Killer-Furie, die mit allen Mitteln um das Leben ihres Sohnes kämpft. Aber auch das wird nicht allzu subtil ausgespielt. Besser, im Sinne von subtiler – und im Grunde auch grusliger – , sind da die Legionen von Katzen, die den Katzenmenschen gefährlich werden können, da ihre Kratzer und Bisse für die Wer-Wesen tödliche Folgen haben können. Katzen scheinen sich von ihren Artverwandten ebenso angezogen zu fühlen, wie sie ihnen feindlich gesonnen sind. So ist es schließlich Kater Clovis, dessen „Herrchen“, ein freundlicher Officer des Sheriff-Büros, ebenfalls zum Opfer der Katzenwesen wird, der schließlich eine ganze Armada von streunenden Katzen zu organisieren scheint, die sich mehr und mehr um das Haus der Bradys scharen und dort – auf jeden erdenklichen Platz hockend – der Dinge harren, die da kommen mögen. Diese Katzenmassen sind durchaus bedrohlich und geben uns kurz noch einmal einen Empathie-Schub hinsichtlich Charles´ und seiner Mutter, der man ihre Angst vor den Tieren deutlich anmerkt und der sie mithilfe von allen möglichen Fallen beizukommen sucht.

Doch ist der Auftritt der Dame in den meisten Fällen derart unsympathisch und vor allem brutal, daß es sich mit jeglicher Empathie dann auch schnell hat. Kein Vergleich also zu Jacques Tourneurs CAT PEOPLE (1942), der sein Publikum nahezu den gesamten Film hindurch im Ungewissen ließ, ob er es mit einer ernsthaften, realen Bedrohung zu tun hat oder mit der neurotischen Angst einer einsamen Frau, die allein in New York lebt. Tourneur wusste natürlich, wie man Ambivalenz herstellt, wie man einer Figur Mitgefühl zuteilwerden und sie dennoch auch bedrohlich wirken lässt. Selbst Paul Schraders Neuverfilmung des Klassikers von 1982 konnte da noch mit subtileren Mitteln arbeiten.

Aber SLEEPWALKERS will letztlich auch nicht mehr sein, als was er erscheint. Er versteht es, seine Dramaturgie ökonomisch geschickt voranzutreiben, er bleibt eng an seiner Story, er setzt seine Schocks effektiv ein und überzeugt auch mit einer gewissen Härte. Und selbst der Humor kommt nicht zu kurz, wofür u.a. jener Polizist sorgt, der gemeinsam mit seinem Kater – Clovis – im Dienstwagen Streife fährt und sich dabei mit ihm unterhält. Als besonderes Schmankerl gibt es dann noch Cameo-Auftritte von King selbst und einer ganzen Riege weiterer Schriftsteller (u.a. Clive Barker) und Regisseure, die ihrerseits im Genre reüssiert haben, darunter Tobe Hooper, Joe Dante und John Landis. So verpasst Garris seinem Film zu guter Letzt eben auch einen gewissen Insider-Faktor, der gerade die Gemeinde erfreut haben dürfte. Und schafft damit einen runden, in sich geschlossenen und funktionierenden Film, der auch dreißig Jahre nach Erstveröffentlichung funktioniert.

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