EIN SATANSWEIB/HELL OF A WOMAN

Thompson vs. everyday life: Bittere Atlltagsroutine

Dolly Dillon, Vertreter in einer amerikanischen Kleinstadt, immer pleite und im ständigen Nahkampf mit seinem Chef Staples und seiner Frau Joyce, lernt eines Tages auf einer seiner Touren Mona kennen, eine junge Frau, die von ihrer Tante prostituiert wird. Zwischen den beiden entspinnen sich zarte Bande, umso besser, daß Joyce eines Tages abhaut und Dillon verläßt. Der will mit Mona ebenfalls das Weite suchen, zuvor jedoch deren Tante um ca. 100.000 $ erleichtern, die jene im Keller hortet. Dazu denkt er sich einen ebenso komplizierten wie leichtsinnigen Plan aus. Und kaum hat er das Geld, taucht Joyce wieder auf. Mehr und mehr verliert sich Dillon in einem immer undurchschaubareren Geflecht aus Lügen, Halbwahrheiten und falschen Behauptungen. Und schließlich verliert er sich zusehends in seinen eigenen Labyrinthen, was nicht nur für ihn gefährlich wird, lebensgefährlich…

Kein Schriftsteller kann immerzu das gleiche Niveau halten, auch Jim Thompson hat eine Reihe von Romanen vorgelegt, die zwar großartig, nicht aber brillant sind. Zu diesen ist wohl auch A HELL OF A WOMAN (Originaltitel) zu zählen. Sicherlich reichen diese 230 Seiten nicht an solche Meisterwerke wie THE KILLER INSIDE ME oder SOUTH OF HEAVEN heran, doch auf der direkt darunter liegenden Ebene funktioniert der Roman hervorragend als Beispiel dafür, wie Thompson es immer wieder versteht, Protagonisten aus deren subjektiver Perspektive erzählen und allein durch ihren Duktus, ihren Stil und auch die Ehrlichkeit, mit der sie bereit sind, zu berichten, sich charakterisieren zu lassen. Oder: sich zu entlarven. In manchen Fällen kommt das dann einer Beichte nah, wenn wir zum Ende der Geschichte feststellen müssen, daß der Erzähler schlicht nicht mehr lebt. Thompsons Werke macht – neben der bitteren Brutalität und Düsternis seiner Geschichten, die ihn schon recht einzigartig machen in SEINER Zeit – auch immer das Spiel mit gewagten formalen Experimenten aus. So sind seine Romane eben nicht einfach „nur“ Thriller; es sind auch immer Berichte aus der Hölle einer Existenz, die sich diese nicht ausgesucht hat; Berichte von Geworfenen, die versuchen, gegen die brutalen Bedingungen dieser Existenz irgendwie den Kopf über Wasser zu halten und die immer gelernt haben, daß es keinen Sinn macht, sich darum zu bemühen, anständig zu sein. Diese Figuren haben ihre Lektionen längst gelernt und akzeptieren, daß man immer noch ein bisschen gemeiner, ein bisschen brutaler, ein bisschen mieser als die anderen sein muß, um zu überleben.

Dillon mag ein charakterliches Schwein sein, ein Mann, der sich nicht einmal mehr an die Namen aller seiner Ehefrauen erinnern kann, jemand, dem das Lügen längst derart zur zweiten Natur geworden ist, daß er geradezu schizoid in den verschiedenen Paralleluniversen seines Geistes beheimatet scheint – er ist aber auch Opfer der Zeitläufte. Er wird ausgenutzt von seinem Chef, der mit seinen Drückerkolonnen Ramsch in die Häuser trägt, der seine Leute die Kunden unter Druck setzen lässt und selbst sein Personal permanent unter Druck hält. Und sobald sich dem Mann eine Möglichkeit auftut, ist auch er sofort bereit, den Pfad der Tugend zu verlassen. So bestätigt sich auch hier einmal mehr Thompsons enorm düsteres Weltbild, in dem Liebe, Mitmenschlichkeit oder Freundschaft immer nur strategische Mittel zu sein scheinen, andere übertrumpfen, übers Ohr hauen und übervorteilen zu können. Dillons Weg hinab in die Hölle ist gepflastert mit seinen gescheiterten Träumen, für die er sogar zu morden bereit war. Nichts wird ihm schließlich bleiben, nur das Wissen darum, daß er dort, wo er seinen Qualen ausgesetzt ist, nicht allein bleiben wird. Ein trauriger Trost.

Jim Thompson war seines Zeichens ein Kommunist, was gerade in den 50er Jahren in den USA kein einfacher Standpunkt gewesen ist. Er zeigt immer einen wachen und kritischen Geist, der die Bedingungen seiner Zeit, seiner Umwelt klar wahrnimmt, der scharf zu urteilen versteht. Stärker als in anderen Werken scheint diese Weltsicht hier eine Rolle zu spielen und stärker als in anderen Werken nimmt er Bezug auf eine „wirkliche“ Wirklichkeit. Schon in der Anlage zeigt sich dies. Dillon ist Vertreter, maximal weit weg von allen Verbrechen und Mordgeschichten. Fast alles, was hier erzählt wird, entstammt einer durchaus zugänglichen Realität. Und zwar sowohl im Kleinen – also Dillons direkter Umwelt, seinem Leben – als auch in den weiterreichenden Aspekten der sich entspinnenden Geschichte. Da drängen sich dann Erinnerungen an die Entführung des Lindbergh-Babies auf, ebenso wie die reale Figur der Ma Barker – jene Dame, die sich gemeinsam mit ihren Söhnen in den 20er und 30er Jahren fleißig als Bankräuberin betätigte – für eine wesentliche Figur der Handlung Pate gestanden zu haben scheint. Thompsons Verweise wirken wie eine Art Rechtfertigung für die Dunkelheit, die Trübnis und Brutalität seiner Story. Als wolle er einer amerikanischen Öffentlichkeit, die er als herzlos und egoistisch ausgemacht hat, einen Spiegel vorhalten, in dem deutlich zu sehen ist, daß keine Story, kein Plot, keine Fiktion auch nur annähernd mit der Härte der Realität mithalten kann.

Im kalten Kosmos des Jim Thompson ist dies schon ein Roman, der sich vor allem dadurch auszeichnet, daß er ohne schrille Konstruktionen, ohne besonders explizite Gewalt oder außergewöhnlich perfide Ekelpakete auskommt, sondern schlicht von einem weder besonders dummen noch sonderlich intelligenten, nicht bösen, aber eben auch nicht ausgesprochen guten Menschen erzählt, der in einem Leben festhängt, das ihm scheinbar nicht mehr viel zu bieten haben wird und der eines Tages DIE Chance sieht, aus genau diesem Leben auszuscheren. Und der ab diesem Moment nahezu alles falsch macht.

NO EXIT. Bitter.

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