SUSANNA

"Und der Himmel sprach Frost..."

Rezeptionsgeschichte (persönliche): Das sehr gute Nachwort von Thomas Sparr zu dieser Ausgabe beginnt mit dem Hinweis auf das Wort „Affidavit“ und darauf, daß es kaum mehr geläufig sei. Stimmt. Es bezeichnet die eidesstattliche Erklärung eines amerikanischen Bürgers, für einen Juden, der in die USA einwandern wollte, aufzukommen. Gertrud Kolmar nutzt es dierekt am Ende des ersten Absatzes ihrer Erzählung. Und definiert damit nicht nur den Ort und die Zeit der Erzählerin, sondern auch den Ton der folgenden Erzählung, die eingerahmt wird von dieser Bemerkung und einer ähnlichen der Erzählerin am Ende des Textes.

Es ist eine einfache Geschichte: Die Erzählerin liest die Todesanzeige einer alten Frau und erinnert sich, wie sie als Erzieherin die Aufgabe übernahm, sich um die junge Susanna zu kümmern, die als verrückt galt. Vom ersten Moment ihrer Begegnung an läßt Susanna keinen Zweifel daran aufkommen, daß hinter dem, was „wir“, die „normalen“ Menschen, als Wirklichkeit betrachten, eine andere, vielleicht bessere Realität versteckt liegt. Eine Realität, die uns auf dem Meeresboden laufen, Fischreiher und Seeadler lieben und die Welt sich um uns drehen läßt. Und Susanna läßt ebenfalls keinen Zweifel daran aufkommen, daß da, wo sie ist, die Logik einer Welt, die die „Normalen“ als „Normalität“ behaupten, aufgehoben ist.

Und die Erzieherin verfällt zusehends der ganz anderen Logik Susannas, die in sich jedoch ebenso aufgeht, wie die mathematische Präzision unserer vermeintlichen Wirklichkeit und all der Bedrohlichkeit, die in ihr vorkommt, in ihr herrscht. Susannas Logik, Susannas Realität zeitigt oft sehr viel schönere Ergebnisse und Ereignisse. Eines der letzten Male, da die Erzieherin, also die Icherzählerin, die anfangs in einem Zimmer in Berlin sitzt und zwischen Angst vor Deportation und der Hoffnung auf Auswanderung hin und her gerissen ist, die „normale“ Wirklichkeit durchsetzt, indem sie Susannas Angebeteten und Liebhaber – sei er nun eingebildet oder wirklich der, der zu sein sie ihm aufträgt – gehen läßt, wissend, daß Susanna wartet und wartet, da hat dies ebenso fatale wie finale Folgen.

Gertrud Kolmar, die sich als namenlose Erzählerin dieses wunderbaren Prosatextes, der eben nie verheimlichen kann, daß seine Autorin eine der wichtigsten und wunderbarsten Dichterinnen war, die dieses Land im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, fragt, wo sie einst sein werde, erlebte das Ende des Krieges nicht mehr, sie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort wahrscheinlich sofort ermordet. SUSANNA bleibt also so etwas wie ihr Vermächtnis, neben DIE JÜDISCHE MUTTER ihr einziger Prosatext, der zum Glück dank ihres Schwagers Peter Wenzel erhalten geblieben ist.

Es ist ein Text, dem etwas Traumhaftes anhaftet, der sehr langsam, fast unmerklich, eine Kippbewegung vollzieht, fort von den der Logik folgenden Klarheiten derer, die als „normal“ gelten, hin zu jenen scheinbar unlogischen Gedankengängen, derer sich Susanna befleissigt, die jedoch in einer Welt, die nach und nach aus den Fugen gerät (und die immer irgendwie anwesend ist unter der Oberfläche dieser an sich sehr einfachen Erzählung), ein immer stärkeres Gewicht erhält. Das Gewicht einer Behauptung nämlich: Daß es eine andere, eine bessere Welt, ein anderes und besseres Leben geben kann und vor allem geben DARF, als jenes, welches die Realität in Deutschland der Jahre 1939 und 1940 bereit hält.

Enstanden um die Jahreswende 39/40 wird diese ganze Erzählung dann auch begleitet von der Bedrohlichkeit der Gegenwart der Gertrud Kolmar, der es dennoch ob ihrer faszinierenden Sprache gelingt, das Bedrohliche zugleich zu beschwören und zu bannen. Es ist die Sprache einer Dichterin und damit verdichtete Sprache, die in einzelnen Worten ganze Welten einfangen kann, die im Außen das Innere zur Anschau bringt:

…Menschen, die jetzt aneinander vorüberglitten, wurden wesenlos gleichsam, schattenhaft und wie durch weite Räume geschieden. Doch war kein Nebel, nur ein sehr stilles, weiblich schwermütiges Grau; unsichtbar starb die Sonne.“ [S. 38] – Es sind Sätze wie dieser, die den Leser in ihrer seltsamen Stille, dieser immanenten Ruhe, einfangen, ihn in ihrer Schönheit kurz anfassen und dann in der Kälte, der Angst und Fremdheit, die ihnen eigen und innen ist, erstarren lassen.

Diesen kurzen Text zu lesen, läßt einen teilhaben an einem Moment in einem Leben, der nicht entschieden ist. Dieses Unentschiedene drückt sich hier aus und wird zu Kunst. Der Leser hingegen muß mit dem Wissen um das Danach weiterleben. Das ist seine Bürde. Eine Aufgabe und eine Bürde. Zurecht. Es ist schrecklich. Schrecklich schön. Und groß.

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