DIE SCHULDLOSEN

Hermann Broch sucht nach den psychologischen Bedingungen des "Hitlerismus" und verliert sich in der Metaphysik

Es gibt diese Bücher, die schon nach wenigen Seiten ärgern, ver-ärgern, die man eigentlich fortlegen, deren Thesen man kaum folgen mag und die dennoch reizen, nicht zwangsläufig faszinieren, dennoch immer locken, die Lektüre fortzusetzen und abzuschließen. Ein sehr gutes Beispiel eines solchen Werkes ist der Roman DIE SCHULDLOSEN von Hermann Broch.

Broch fasst einige bereits in der Zeit zwischen 1917 und den 30er Jahren geschriebene Geschichten zusammen, ergänzt sie durch einige neue, extra für dieses Projekt verfasste, zieht zwischen den drei Einzelteilen – 1913/1923/1933 – , in die das Werk unterteilt ist, Passagen ein, die in poetisch-lyrischer Sprache „Stimmen“ wiedergeben, die das Geschehen der Handlung einordnen und auch kommentieren und bringt dies in eine Form, die trotz Zeitsprüngen, trotz daß sie inhaltlich unzusammenhängend erscheinen, eine fortlaufende Geschichte erzählt.

Erzählt nun wird die Geschichte des niederländischen Diamanten- und Juwelenhändlers A., der nach Deutschland kommt, sich in einer mittelgroßen Stadt niederlässt, Zimmer nimmt bei einer Baronesse und deren Tochter sowie deren Hausangestellter und es über den Zeitraum von zehn Jahren, von 1923 bis 1933, langsam zu Wohlstand und einem gewissen Ansehen bringt. Er lernt die Notabeln des Ortes kennen, er geht kleine Affären ein, ohne sie je ernst zu nehmen, er geht mit seiner Wirtin, der Baronesse, eine Zweckgemeinschaft ein, die sowohl von der Tochter des Hauses, wie  auch von der Haushälterin, beargwöhnt, allenfalls geduldet und schließlich eiskalt genutzt wird. So vergehen die Jahre, die Politik wird eher am Rande wahrgenommen, als etwas dem Bürgerlichen Entäußertes, etwas leicht Anrüchiges, dem man bestenfalls die Peripherie seiner Aufmerksamkeit widmet. Stattdessen entwickeln sich regelrechte Wahlverwandtschaften zwischen den vier Hauptpersonen, A. häuft Reichtümer an und kann schließlich – trotz seiner Kälte und seines Desinteresses für die Bedürfnisse anderer – sogar noch rechtzeitig errettet werden, bevor er aus dem vielleicht gnadenbringenden Zustand des „schuldlos Schuldigen“ in den des Schuldigen übergeht.

Broch nutzt seine Konstruktion, um das Bild einer Gesellschaft zu malen, die in ihrer Vereinzelung, im Verlust echter Spiritualität und philosophischer Tiefe, orientiert an oberflächlichem geschäftlichen oder auch privaten Erfolg und vor allem bar aller Empathie oder sensiblen Wahrnehmungsfähigkeit dessen, was um sie her vor sich geht, das Unheil nicht nur nicht kommen sieht, sondern ihm durchaus Vorschub leistet. „Unschuldig schuldig“ – DIE SCHULDLOSEN umkreist dieses Thema auf verschiedenen Ebenen. Broch schreibt explizit in seinen Kommentaren, er habe jene Geisteshaltung(en) aufzeigen wollen, die den „Hitlerismus“ erst möglich gemacht habe. So bleiben diese Gestalten, die – ähnlich dem Werke Thomas Manns oder Robert Musils, denen Broch sich nahe und künstlerisch verwandt fühlte – eher Typen, Figuren allegorischer Gleichungen sind, als wirklich von einer Psychologie beseelte Individuen, dem Leser seltsam fremd. Man folgt dem Schicksal, man verfolgt A.s krisengewinnlerischen Geschäften, die berechnenden Anwandlungen der Tochter des Hauses, die als sexuell frustrierte, fast frigide, doch gedanklich obsessiv mit dem Thema beschäftigte Frau  gezeigt wird, die Baronesse, die die Moderne nicht wahrnehmen mag und – ihrem Dünkel verpflichtet – allzu gern A.s Verlockungen folgt, wenn der das „alte Jägerhaus“, das einst der Familie gehörte, zurückkauft und nicht zuletzt folgt man den ins Metaphysische Hegel´scher Philosophie reichenden Gedankengängen der Haushälterin, in deren Verhältnis zur Baronesse, deren Tochter und schließlich in dem zu A., Broch Hegels Gleichnis von Herr und Knecht sich spiegeln und zeitgenössisch düster umdeuten lässt.

Manches bleibt nebulös und erklärt sich erst spät im Buch, anderes entzieht sich komplett dem Verständnis und kann allerhöchstens durch Exegese und Interpretation grob erschlossen werden. Sei es die BALLADE VOM IMKER, seien es die „Stimmen“, die die einzelnen Teile miteinander verbinden, sei es das fast transzendentale letzte Kapitel VORÜBERZIEHENDE WOLKE – es erschließt sich letztlich nicht wirklich, worauf Broch hinaus will. Was in dem grandiosen BERGROMAN (DIE VERZAUBERUNG) – früher geschrieben, unmittelbarer unter dem Eindruck der Machtergreifung der Nationalsozialisten, doch später, als letztes seiner Werke, erschienen – so zwingend die Handlung wie der dieser Handlung zugrunde liegende Haltung definierte, erstarrt hier, in DIE SCHULDLOSEN, und wird manchmal zur reinen Geste, zu einem Raunen. Broch, der der Literatur einen den exakten Wissenschaften gleichrangigen Erkenntnisgewinn zubilligte, konnte im BERGROMAN noch „naiver“ einer „richtigen“ Spiritualität eine „falsche“ entgegensetzen, um damit das „Phänomen“ Hitler, das Phänomen, wie man ein ganzes Volk verführen kann, zu erklären, ja, spürbar werden zu lassen. Ein wenig entsprach es einer Abwägung von Spiritualität und Religion, bzw. Religion und Religiosität. In den SCHULDLOSEN will man dem aber nur noch eingeschränkt folgen. Mit der Kenntnis dessen, wozu die „Schuldlosen“[1] wirklich fähig gewesen sind, mag man Brochs Raunen darüber, wie sich das Unendliche im Endlichen, das Unsterbliche im Sterblichen spiegelt, will man seinen spiritual-dialektischen Analysen und Erkenntnissen nicht mehr folgen. Die Wahrheit dessen, was wirklich gewesen ist, die Wirklichkeit der Lager, Millionen Toter, eines komplett zerstörten Landes, die Erkenntnis, daß noch das zivilisierteste Volk zur größten Barbarei fähig ist, verstellt den Zugang zu diesen dann doch abgehoben und der Wirklichkeit des 3. Reichs und seiner Folgen niemals gerecht werdend wirkenden Überlegungen.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe kleiner Details, die die Lektüre anstrengend machen, sie teilweise vergällen. Seien es DIE VIER REDEN DES STUDIENRATS ZACHARIAS, in dem der titelgebende Studienrat und SPDler sich in ewigen antisemitischen und völkischen, nationalistischen und antidemokratischen Tiraden ergeht und man sich nach Brochs Motivation fragt, die SPD so zu diskreditieren; sei es die schon erwähnte Nutzung der Hegelschen Dialektik; sei es A.s späte Reue und sein metaphysischer Aufstieg in höhere Sphären und Weihen, dabei die Weisheit des IMKERS erblickend, somit also in Gottes Gnade aufgenommen – nicht schuldig – : es sind etlicher solcher Kleinigkeiten, an denen man während der Lektüre hängenbleibt, die einen zwar beschäftigen, die sich aber letztlich zu keinem Ganzen zusammenfügen mögen. Und die genau daraus resultierende Beliebigkeit – ein jeder mag hier rein lesen, was ihm geziemt – ist es, die beim Lesen abstößt.

So folgt man dem seltsam fasziniert, begreift zugleich, daß dies lediglich als zeitgenössische und damit historisierende Lektüre Interesse wecken kann, distanziert sich innerlich maximal von Brochs Erklärungen, die man aus heutiger Sicht weder soziologisch noch psychologisch wirklich nachvollziehen mag und folgt der Handlung, die immerhin bei allem Allegorischen, das sie ausmacht, durchaus melodramatisches Potential hat. Als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen des „Hitlerismus“ kann man dies allerdings nicht betrachten. Liest man den Text unter dieser Prämisse, wirkt er nicht nur öde, sondern wird irgendwann ärgerlich.

 

[1] Man beachte, daß schon der Titel des Romans nicht loskommt von der religiösen Dimension des Geschehens. Wo Schuld ist, kann es eben auch Erlösung geben. Ein manchmal gefährlich verführerischer Gedanke, der während der Lektüre stichelt.

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