SWEET HOME

Mittelmaß von der Home-Invasion-Front

Ihr Job als Immobilienmaklerin führt die junge Alicia (Ingrid Garcia Jonsson) in alle möglichen Häuser – auch solche, die sich schon im Verfall befinden. So verhält es sich auch mit jenem Mietshaus, das sie am Geburtstag ihres Freundes Simon (Bruno Sevilla) bewerten soll. Hier trifft sie im obersten Stockwerk auf den letzten Mieter, einen alten Mann namens Ramón (José Maria Blanco), der ihr von den Versuchen des Vermieters berichtet, ihn rauszuekeln. Doch er ließe sich nicht vertreiben.

Alicia kommt auf die Idee, Simon abends in eine der leerstehenden Wohnungen zu bringen und ihn dort bei Kerzenlicht zu verführen. So kommt es dann auch. Allerdings ist die Beziehung nicht konfliktfrei, weshalb die beiden mehr miteinander diskutieren, als daß sie sich wirklich näherkämen.

Sie werden auf Geräusche im Treppenhaus aufmerksam. Sie beobachten drei Männer (Eduardo Lloveras, Miguel Ángel Alarcón, Luka Peros), die sich durchs Treppenhaus schleichen. Alicia schleicht hinter ihnen her und entdeckt den toten Ramón. Er wurde offenbar umgebracht.

Alicia will aus der Wohnung fliehen, hört die Eindringlinge jedoch auf der Treppe. Die Männer sind dabei, das Haus zu verlassen. Sie will Simon per Handy davor warnen, die Wohnung, in der sie ihn zurückgelassen hat, zu verlassen. Doch ihr Handy rutscht ihr im falschen Moment aus der Hand und zerschellt fünf Etagen tiefer auf dem Boden der Eingangshalle. Nun sind die Männer natürlich alarmiert.

Bei der anschließenden Verfolgungsjagd gelingt es Simon, der sich mittlerweile ebenfalls ins Treppenhaus vorgewagt hat, einen der Männer außer Gefecht zu setzen. Doch wird er selbst von den beiden anderen überwältigt. Sie bringen ihn in eine der leeren Wohnungen und durchsuchen seine Sachen. Als sie feststellen, daß er von Beruf Arzt ist, fordern sie ihn auf, ihren verletzten Freund zu untersuchen. Obwohl der bereits tot ist, erklärt Simon, er brauche sofort Hilfe in einem Krankenhaus.

Zwischen den beiden verbliebenen Männern kommt es zum Streit, der vermeintliche Anführer befiehlt seinem Kompagnon, auf Simon aufzupassen, er ginge telefonieren. Zwischen Simon und dem Mann kommt es zu einem Wortgefecht, dann gehen sie aufeinander los. Alicia kommt hinzu und schlägt dem Angreifer etwas über den Schädel, Simon, der sich zuvor eine Feder aus seiner Tasche sichern konnte, vergisst sich und sticht etliche Male auf sein Gegenüber ein. Der Mann stirbt.

Die beiden verschanzen sich in einer der Wohnungen und überlegen, wie sie aus dem Haus entkommen können. Die Männer haben die Türen mit Ketten gesichert. Der verbliebene letzte Angreifer hat derweil seinen toten Kumpel entdeckt und kann die beiden in der Wohnung ausmachen. Alicia gelingt es, durch eine versteckte Luke in die Nachbarwohnung zu entkommen. Simon, der bei dem vorherigen Kampf schwer verletzt wurde, kann seinen Gegner mit einem Trick zumindest einen Arm so fesseln, daß der andere bewegungsunfähig ist.

Der Mann ruft seinen Auftraggeber an und bittet den erneut um Hilfe.

Alicia schleicht in die Wohnung des toten Mieters und wirft dessen Leiche auf die Straße, um so auf sich aufmerksam zu machen. Doch gerade in diesem Moment taucht ein schwarzer Wagen auf, der mit der Werbung für einen „Desinfektions-Dienst“ beschriftet ist. Es ist der „Liquidator“ (Oriol Tarrida). Er soll hier aufräumen und keine Zeugen zurücklassen. Gar keine.

Deshalb nimmt er sich zuerst des gefesselten Mannes an, der Hilfe angefordert hatte. Nachdem er ihn in Stücke gehackt hat, trägt er ihn in die Halle hinunter, wo er auch die Leiche des Mieters deponiert hat. Alicia beobachtet, wie er beide mit extremer Kälte kristallisiert, in Stücke zerschlägt und dann wegsaugt. Ihr ist klar, daß ihnen dasselbe Schicksal droht. Sie überredet Simon, den Schacht des Lastenaufzugs hochzuklettern und sich oben irgendwo zu verstecken und von dort aus Hilfe zu rufen.

Der „Liquidator“ wird allerdings auf sie aufmerksam. Während Alicia es schafft, über das Geländer zu klettern, kann Simon nicht mehr die Kraft dazu aufbringen. Er fleht Alicia an, sich in Sicherheit zu bringen, was dieser in letzter Sekunde gelingt. Sie muß dann aber mit anhören, wie Simon fürchterlich schreit und dann irgendwo etwas Schweres aufschlägt.

Alicia findet den sterbenden Simon im Schacht. Er steckt ihr etwas zu, das er zuvor von der Jacke des „Liquidators“ abgerissen hatte. Bevor sie ihren Freund retten kann, wirft der „Liquidator“ ein schweres Eisenteil herab und tötet Simon damit endgültig.

Alicia flieht in die Kanalisation, ihren Verfolger immer auf den Fersen. Als sie glaubt, ihn endlich abgehängt zu haben, muß sie feststellen, daß er gerissener war als sie. Er schlägt sie bewusstlos.

Sie erwacht in einem Kellerraum irgendwo unter der Stadt. Hoch oben kann sie über ein Gitter Menschen vorüber gehen sehen. Der “Liquidator“, nun ohne seine Ganzkörper-Ausrüstung sondern nackt von Kopf bis Fuß, ist dabei, einige chirurgische Instrumente zurecht zu legen. Alicia stellt fest, daß er bereits ihre Gelenke markiert hat. Als er zu einer Säge greift und beginnen will, ihren Fuß abzusägen, schlägt sie ihn mit dem erstbesten Gegenstand, dessen sie habhaft werden kannmmt. Es entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod, der damit endet, daß Alicia die Axt, die der Mann die ganze Zeit mit sich führte, in die Hände bekommt. Sie spaltet ihrem Angreifer kurzerhand den Schädel. Dann rollt sie sich zusammen und schläft ein.

Der Home-Invasion-Thriller ist ja seit einigen Jahren so etwas wie der letzte Schrei am Markt für Düsteres, Verstörendes und vermeintlich Abartiges, sprich im Horrorfilm. Die polnisch-spanische Koproduktion SWEET HOME (2015) reiht sich da einerseits direkt ein, andererseits gelingen Regisseur Rafa Martinez hier und da einige Neuerungen und somit auch Überraschungen. Schlußendlich leidet sein Film aber unter (fast) genau den Schwächen, die das Sub-Genre seit jeher mit sich bringt.

Was SWEET HOME ganz grundlegend von anderen Vertretern des Home-Invasion-Thrillers unterscheidet, ist sein Setting. Hier bricht nicht das Grauen in Gestalt von Unbekannten im Blutrausch über irgendwelche unschuldigen Eigenheimbesitzer herein, sondern die vermeintlichen Opfer – ein junges Liebespaar – dringt seinerseits in ein nahezu leerstehendes, fast abbruchreifes Haus ein, um dort den Geburtstag des jungen Mannes einmal anders zu feiern. Dumm nur, daß sich der Besitzer des Hauses ausgerechnet diese Nacht ausgesucht hat, um den letzten Bewohner der Bruchbude, der sich beständig weigert seine Wohnung zu räumen, aus dem Weg zu räumen. Somit gibt es hier – im Gegensatz zu den meisten Kollegen des Genres – sogar eine Motivik, weshalb es überhaupt zu einer „Invasion“ des Hauses kommt. Martinez greift auf den auch außerhalb Spaniens bekannten Konflikt um Immobilienspekulation und die Methoden derer zurück, die ihre Objekte interessanter – also ent-mieten, wie es so schön heißt – wollen. Auch das ist also eine Eigenart seines Films. Natürlich ist es die reine Kolportage und keine Sozialkritik; doch entsteht ein Moment des Grauens natürlich durch die Idee einer obskuren, im Hintergrund agierenden Vermieter-Mafia, die im Zweifelsfall zu äußersten Mitteln greift.

Was sich daran anschließt, folgt weitestgehend den bekannten Mustern. Allerdings macht der Film bis etwa zur Mitte der mit 80 Minuten eh recht kurzen Laufzeit eher den Eindruck, ein Psychothriller sein zu wollen. Der Zuschauer beginnt bereits sich zu wundern, weil die drei Angreifer einen doch eher bescheidenen Eindruck machen und Alicia und Simon, das turtelnde Paar, auch keine allzu großen Probleme hat, sich ihrer zu erwehren. Im Gegenteil – sie sind gewitzt genug, ihre Häscher mit allerlei guten Einfällen auszuschalten, was wiederum den Zuschauer auch zum Lachen bringen kann. Und das, obwohl das Szenario schon ernst und auch blutig ist. Zum Horrorthriller mutiert SWEET HOME aber dann erst, wenn der „Liquidator“ auftaucht. Es scheint sich dabei um eine Art „Tatortreingier“, nur von der anderen Seite, zu handeln. Als die Dinge im Haus aus dem Ruder laufen und sich der Auftrag für die ursprünglichen Eiendringlinge, die offenbar nur den resistenten Alten aus dem Haus verjagen – bzw. ihn wohl auch schon umbringen – sollten, als immer unübersichtlicher entpuppt, ruft der letzte Verbliebene von ihnen Hilfe von seinem Auftraggeber. Das bringt den „Liquidator“ ins Spiel, der bald auftaucht, auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt und nicht nur die Toten entsorgt, sondern auch gleich die (noch) Lebenden.

Dieser Kerl erinnert in seinem Auftritt an eine Mischung aus Leatherface, jenen Hünen im TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), der seine Opfer vornehmlich mit einem Hammer erschlug und an Fleischerhaken aufhängte, und jenem verrückten Killer, der einst in MY BLOODY VALENTINE (1981) sein Unwesen trieb. Und spätestens mit dem Auftritt des Kerls häufen sich dann auch in SWEET HOME die Ungereimtheiten. Denn bedenkt man die doch eher überschaubare Geschwindigkeit, mit der der Herr sich bewegt, verwundert es doch, daß es ihm überhaupt gelingt, irgendwen zu fassen zu bekommen. Und spätestens, wenn Alicia zum Ende des Films aus ihrer Ohnmacht erwacht und sich tief unter der Stadt in einem Hohlraum wiederfindet, dem Hünen ausgeliefert, der offenbar gerade eine umfangreiche Operation an ihr vorbereitet, fragt man sich als Betrachter, wer den eigentlich eingestellt hat? Denn offenbar erledigt auch er seine Aufträge nicht mit der nötigen Sorgfalt, erst recht, wenn man bedenkt, mit welcher Leichtigkeit Alicia ihn überwältigen und schließlich auch töten kann. Logiklöcher und vor allem etwas zu garstige Zufälle lassen sich allerdings auch zuvor schon einige finden.

Doch all das spielt bald schon keine Rolle mehr, da längst jeder verstanden hat, wo der Hase langläuft. Man erwartet kein sonderlich spannendes Finale mehr, sondern fragt sich lediglich, wie Alicia sich befreien und auf welche Art sie ihren Widersacher schließlich erledigen wird. Ohne zu viel verraten zu wollen sei gesagt, es wird blutig. Spannung – und damit kommt man zur eigentlichen Kritik am Film – kommt so oder so nur selten auf. Die Verfolgungsjagden durch das Haus sind eher konventionell, Martinez fällt hier nicht allzu viel Neuartiges ein; die Figuren sind nahezu charakterlos, über das Pärchen erfahren wir das allernötigste, die Angreifer treten hier dramaturgisch rein funktional auf. Buch und Regie – Martinez zeichnet für beides verantwortlich, beim Script unterstützten ihn Àngel Agudo und Teresa de Rosendo – kaprizieren sich vollkommen auf die Situation im Haus. Spannung, die sich in Gewalt auflöst oder durch sie ersetzt wird – das Muster ist allseits bekannt.

Die Qualität des Films liegt dann auch eher in seinem Look, in seiner Erscheinung selbst, in der Atmosphäre begründet. Die Mise-en-Scene ist – gerade für einen Horrorfilm – exquisit, die Spezialeffekte, auch und gerade die wenigen aber effektiven Gore- und Splattermomente, können durchweg überzeugen. Die Schauspieler erfüllen ihre Aufgaben – Funktionen – in genau dem Maß, das es braucht, um in diesem Setting zu überzeugen. Das Pärchen entspricht genau der Vorstellung, die man sich von modern und urban geprägten jungen Menschen gemeinhin macht: Gute Jobs, gutaussehend, selbstbewusst, hip und woke (vielleicht). Die drei Erstangreifer sind aggressiv genug, um als bedrohlich durchzugehen und doch schon früh zu gezeichnet von den Gegenangriffen, als daß die Bedrohung den gesamten Film hindurch von ihnen ausgehen könnte. Das ahnt der Zuschauer schnell. Die eigentliche Bedrohung – der „Liquidator“ – ist zumindest so lange überzeugend (wenn auch nicht logisch; aber welcher Jason oder Michael war das schon?), solange die Maske sein Gesicht bedeckt und er als unförmige, dichte Masse daherkommt. Als plötzlich nackter, fast geifernder Psychopath im Keller unter der Stadt sieht die Sache gleich ganz anders aus. Aber da man in diesem Moment auch quasi das Schlußbild des Films betreten hat, kommt es nicht mehr wirklich drauf an.

Ramirez und seine Set-Designer kreieren allerdings eine überzeugende Atmosphäre. Der Kameramann Antonio J. Garcia nutzt sämtliche bekannten Tricks, mit denen man im Thriller und Horrorfilm Spannung erzeugt – von der wackligen Handkamera, über Reißschwenks bis zur manchmal nur Sekundenbruchteile genutzten subjektiven Perspektive – und weiß sie gut miteinander zu kombinieren. Die Effekte sitzen, die wenigen Schocks ebenfalls. So unterhält SWEET HOME, ohne wirklich mitzureißen, ist leidlich spannend, aber sicher nicht schweißtreibend. Allerdings sticht Martinez´ Werk weder als Home-Invasion-Thriller, noch im erweiterten Feld des Horrorfilms in irgendeiner Weise hervor.

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