STRANGLER OF THE SWAMP

Eine fast vergessene Übung in Stil und Atmosphäre

In einem (nie näher bezeichneten) Sumpfland häufen sich die unnatürlichen Todesfälle. Seit ein Mörder gehängt wurde, finden Dorfbewohner immer wieder Nachbarn stranguliert auf. Der Fährmann Joe (Frank Conlan) weiß als einziger, daß sein Vorgänger Douglas (Charles Middleton) – der damals Gehängte – unschuldig war, denn er selbst, Joe, ist der gesuchte Mörder. In seinen Papieren hat er ein Geständnis hinterlegt. Nachdem auch er tot aufgefunden wurde, findet der örtliche Friedensrichter Christian Sanders (Robert Barratt) dieses, will aber nicht, daß die Wahrheit bekannt wird. Die Weiber des Dorfes befürchten eh schon, daß die Toten Opfer des unschuldig Gehängten wurden, der als Geist die Sümpfe durchstreift, Sanders will dem Aberglaube nicht noch frische Nahrung geben. Als Maria (Rosemary La Planche), die Enkelin von Joe, auftaucht und die Fähre selber weiter betreiben will, erzählt ihr Sanders nicht die Wahrheit über ihren Großvater, sondern berichtet ihr, der sei friedlich gestorben. Kurze Zeit später kommt auch Sanders Sohn Chris jr. nach einem mehrjährigen Aufenthalt in der Fremde zurück und verliebt sich schnell in Maria. Doch sein Vater will dem jungen Glück seinen Segen nicht geben, da Maria die Verwandte eines Mörders sei. Auch den Vorschlag eines Nachbarn aus dem Dorf, daß Sanders selbst sich opfern solle, um den Fluch von der Gemeinde zu nehmen, weist dieser empört zurück. So also nimmt das Schicksal seinen Lauf und es wird schließlich Maria sein, die bereit ist, dem Geist Erlösung zu schenken…

Wenn man schon als Kind ein Faible für gewisse Genres – den Western, den Horrorfilm oder Abenteuerfilme – entwickelt hat, die einschlägigen Bücher – zum Beispiel Goldmann/Citadels KLASSIKER DES HORRORFILMS – sein Eigen nennt und da all jene Filme besprochen sieht, die man meint, ob ihres Alters niemals betrachten zu können, dann ist es umso schöner, wenn einem später im Leben – zum Beispiel durch neue Techniken wie die Digitalisierung – eben diese Werke zugänglich werden. STRANGLER OF THE SWAMP (1946), der sicherlich nicht einmal wirklich zu den echten „Klassikern des Horrorfilms“ zählt, ist er doch zu deutlich eine Billigproduktion, stellt genau einen solchen Fall dar.

 

1946 drehte Frank Wisbar STRANGLER OF THE SWAMP für die P(roducers) R(eleasing) C(orporation), kurz PRC, als Neufassung seines eigenen, noch in Deutschland hergestellten Werkes FÄHRMANN MARIA von 1936. Diese Neufassung, mit gerade einmal 59 Minuten Laufzeit auch für seine Zeit ein recht kurzer Film, erzählt eine klassische Geistergeschichte.

 

Der Nebel wabert durch die Studiolandschaft, von den künstlichen Bäumen hängen die Ranken und Lianen und scheinen nach den Menschen zu greifen, die sich ihren Weg durch den Sumpf bahnen; die Fähre knarzt und knirscht; Frösche quaken ununterbrochen und Sumpfvögel zirpen ihre hohen Töne und das alles wird von einem mal unheilvoll dräuenden, mal dramatisch aufbrausenden Score untermalt. PRC gehörte zu den denkbar kleinsten und billigsten Studios des Nachkriegshollywoods und man sieht auch diesem Film an, daß sein Budget bei MGM vielleicht gereicht hätte, die Beleuchter zu bezahlen, hier wurde auf diesen Posten scheinbar gleich verzichtet, so dunkel muten einige Szenen an. Wenn der Geist auftritt, so umgibt ihn fast immer eine Schwärze, aus der nur unscharfe Schemen hervorlugen, sieht man ihn einmal in Gänze, bleibt er auch dann unklar, unscharf. Die Tricks des Films sind ausgesprochen billig. Der Großteil des Etats scheint in die Bauten der Fähre geflossen zu sein, der größte Produktionsaufwand wurde für diese und das Haus des Fährmannes betrieben. So spielt der Film, mit gerade einmal zwei Ausnahmen, auch nur an zwei Schauplätzen – eben der Fähre und im Haus der Sanders. Nichts in diesem Film ist natürlich, alles ist Kulisse, alles ist billig. Der Nebel ist derart penetrant, daß er zeitweilig das Bild ausfüllt, jeder der Protagonisten watet geradezu durch ein Meer aus Weiß. Umso erstaunlicher, daß es Wisbar nicht nur gelingt, eine unglaublich packende Atmosphäre zu erzeugen, sondern auch, seine Mär glaubwürdig zu inszenieren. Wozu sicherlich auch die Schauspieler ihren Teil beitragen. Angefangen mit der wunderschönen Rosemary La Planche über den jungen Blake Edwards und den großväterlich-besorgten Robert Barratt (der sich sonst nur mit einem t schrieb), bis hin zu jenen Tratschweibern des Dorfes, allen voran der alten Mrs. Sanders (Effie Laird/Parnell), sind die Rollen erstaunlich gut besetzt und werden erstaunlich gut gespielt, gerade für das Niveau einer derart billigen Produktion.

 

Wisbars Film erzählt eine wohl schauerliche Mär vom Geist des Unschuldigen, der seine Rache will und schließlich Frieden findet, besser – um es mit Maria zu sagen – „…seinen Frieden mit dem Allmächtigen macht“, doch sollte man hier nicht unbedingt einen Horrorfilm im herkömmlichen Sinne erwarten. Einer Allegorie, einer Moritat gleich wird uns dieses klassische Sujet präsentiert. Wir bewegen uns von Beginn des Films in einer Art Niemandsland, nie wird näher definiert, wo oder in welcher Zeit wir uns befinden. Der Geist verlangt Genugtuung, doch wirkt er nicht wirklich bedrohlich, eher wie ein verzweifelt Getriebener. Dennoch sind  jene Momente schauerlich und furchteinflößend, in denen der alte Sanders und Maria durch den Sumpf und den Nebel irren, Chris jr. suchend, der das nächste Opfer werden soll. Und die Stimme des Geists hinter Maria raunt: „Lauf, lauf, lauf bis Dein Herz zerbirst!“ Der eigentliche Schrecken dieses Films ist aber weder der Geist noch sind es seine Taten, derer wir immerhin drei zu sehen bekommen, wenn Dorfbewohner plötzlich im Nebel hängen und ihren Tod durch den Strang oder andere sie würgende Schlingen gefunden haben. Der eigentliche Schrecken des Films sind die alten Dorfbewohner, die nicht nur einen Unschuldigen getötet und einen Mörder in ihrer Mitte geduldet haben, sondern die auch noch den Jungen – Maria und Chris jr. – die Wahrheit vorenthalten und diese somit enormen Gefahren aussetzen. Wie jede gute Moritat, berichtet uns STRANGLER OF THE SWAMP von der Schlechtigkeit des Menschen, weniger von der Bedrohung durch das Übernatürliche. Zudem gelingt Wisbar eine – vielleicht dem Film Noir geschuldete? – recht erstaunliche Wendung, wenn hier nicht der edle Held die Dame seines Herzens rettet, sondern eben diese den vermeintlichen Helden.

 

Unter den Massen ebenso schlechter wie billiger Horror- und Gruselfilme, die in Hollywood produziert wurden, geht STRANGLER OF THE SWAMP schnell unter, findet wenig Beachtung und wird schnell vergessen. Natürlich wird heute, in Zeiten CGI-generierten, hyperrealistischen Splatters, kaum mehr jemand ein Auge haben für diese Art Schrecken, der sich lediglich auf Andeutung, Atmosphäre und die Angst im Gesicht der Heldin stützt. Doch für jene, die immer noch ein Herz für die alten Universal-Monster, für den RKO-Affen oder all die verrückten Wissenschaftler, schreienden Scream Queens und furchtlosen Helden haben, lohnt sich dieser kleine, vergessene „Klassiker des Horrorfilms“ alle Male!

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