SCHLOSS DES SCHRECKENS/THE INNOCENTS

Einer der klassischen Geister- und Spukfilme

Die junge Miss Giddens (Deborah Kerr) wird als Erzieherin und Gouvernante auf dem abgelegenen Anwesen Bly eingestellt, um sich um die verwaisten Kinder Flora (Pamela Franklin) und Miles (Martin Stephens) zu kümmern. Nach anfänglich gutem Einvernehmen entsteht bei der jungen Dame mehr und mehr der Eindruck, daß nicht nur Menschen auf dem Gut leben, von denen sie nichts weiß und von welchen ihr die Haushälterin Mrs. Grose (Megs Jenkins) auch nichts erzählen will, sondern daß die Kinder, v.a. der junge Master Miles, stark unter dem Einfluß eines Mannes stehen, der sie zusehends zu verderben, mit Bösem zu infizieren scheint. Miss Giddens bringt in Erfahrung, daß ihre unmittelbare Vorgängerin, Miss Jessel (Clytie Jessop), sich im Teich des Parks ertränkt hat, ihr Geliebter, der Hofverwalter Quint (Peter Wyngarde), durch einen Sturz vom Dach des Hauses starb. Miss Jessel war dem Verwalter sexuell hörig und die beiden hatten sich in einer Herr/Diener-Beziehung weit vom gesellschaftlich Akzeptierten entfernt. Die Kinder sind wohl Zeugen dieser Ausschweifungen gewesen, waren vielleicht sogar beteiligt. Miles Auftreten ist dann auch eines Jungen unangemessen, fast verhält er sich Miss Giddens gegenüber wie ein Liebhaber. Zunehmend treten Erscheinungen auf, die Miss Giddens davon überzeugen, es mit Spuk zu tun zu haben: Die Kinder, v.a. Miles, seien von den Geistern besessen und müssten geschützt werden. Schließlich schickt sie Mrs. Grose zusammen mit allem Personal und der jungen Miss Flora fort, um mit Miles allein auf dem Anwesen auszuharren und ihn zu zwingen, sich zu seiner Besessenheit zu bekennen. Dieser Versuch endet für Miles tödlich. Miss Giddens küsst ihn auf den Mund, faltet die Hände und versinkt im Gebet.

Henry James´ Roman THE TURN OF THE SCREW, der diesem Film von 1961 zu Grunde liegt, ist einer der meistinterpretierten des späten 19. Jahrhunderts. Trefflich läßt sich darüber streiten, ob man es bei der Lektüre, die in ihrem Erzählaufbau sehr raffiniert ist – eine Icherzählerin, deren Erzählung durch zwei unterschiedliche Männerperspektiven gebrochen wird – mit einer wahren Geistergeschichte zu tun hat oder dem vertrackten Bild einer hysterischen Frau. Letzteres entspräche ganz dem Bild jener Zeit, Hysterie war auf dem Markt der psychomedizinischen Sensationen der letzte Schrei, Dr. Freud hatte in Wien damit begonnen, der Menschheit zu erklären, was Triebe sind, was sie zu tun pflegen und was sie anrichten können und daß quasi alles sexuell konnotiert und durch die (unterdrückte) Sexualität geprägt sei. Und daß Frauen bei all der Unterdrückung, die sie erleiden müssen, v.a. auch der Unterdrückung ihrer Sexualität, eben dieses Krankheitsbild ausbildeten (alles unter Vorbehalt geschrieben: weder bin ich Psychologe, noch Medizinhistoriker, lediglich interessierter Laie). Gegen diese Interpretation spricht einerseits, daß Henry James wahrscheinlich relativ wenig mit den Schriften Freuds vertraut war (wenn auch ein psychologisch sehr interessierter Mensch, er gilt nicht zuletzt deshalb ja auch als ein Meister der psychologisch genauen Figurenzeichnung), andererseits allerdings ein ausgeprägtes Interesse an Geistererscheinungen und -geschichten hatte.

Ganz anderen Interpretationen ließe die Geschichte ebenfalls Raum: Möglicherweise hat man es hier ja auch mit einer Abhandlung darüber zu tun, wie das 19. Jahrhundert auf die Kinder und die Kindheit blickte: V.a. in England und im durch das Englische stark geprägte Neuengland; in England war die Gesellschaft ausgesprochen kinderfeindlich eingestellt, wie es ja auch in den Erzählungen eines Charles Dickens zum Ausdruck kommt. Kinder und das ‚Land Kindheit‘ sind etwas Unheimliches, etwas, das der Erwachsene nicht mehr versteht. Kinder sollten schließlich ‚kleine Erwachsene‘ sein und auch so behandelt werden (v.a. was Arbeit anging). Daß Kinder unermessliche Vorstellungsgabe und Phantasie haben, so stark, daß diese mitunter die Realität zu verdrängen vermag, ängstigte die viktorianischen Erwachsenen, die – ähnlich der wilhelminischen Welt im Deutschen Reich – in einer engen Gesellschaft lebten, klar definiert durch das Klassensystem, in engen Korsetts des Normativen, klaren Vorstellungen von Benimm und Regeln. All diesen Ängsten trägt James´ Text durchaus Rechnung, indem er sie sowohl zu bestätigen scheint, als auch ausstellt und denunziert.

Das Verdienst dieser Verfilmung ist es nun, all diese Interpretationspielräume in einer zwar nicht kongenialen aber doch sehr gelungenen Umsetzung zuzulassen. Deborah Kerrs Miss Giddens – zunächst streng aber lieb und den Kindern gegenüber aufgeschlossen – wirkt mit zunehmenden Handlungsverlauf angemessen verwirrt, was sich nicht zuletzt dadurch bemerkbar macht, daß ihre Haare, ehemals immer streng im Dutt, zusehends offener um ihren Kopf fallen, dabei aber zugleich die Bildausschnitte, in denen sie sich bewegt, immer enger werden, der Film mit immer weniger Licht immer weniger Raum inszeniert, das Bild zeitweilig sogar auf eine Rundung, ein (Schlüssel)Loch in der Bildmitte sich zu reduzieren scheint. Zugleich werden die Hintergründe immer flächiger. Der Film bewegt sich von großartigen Dekoraufnahmen des Inneren des Anwesens (die im Studio entstanden, eine hervorragende Arbeit der Bühnenausstatter) in immer tieferes Dunkel, mit dem Miss Giddens zu verschmelzen scheint, aus dem jedoch auch jederzeit etwas hervorzubrechen droht. Regisseur Clayton nud Kameramann Freddie Francis finden angemessene, atmosphärisch sehr dichte Bilder, inszenieren Deborah Kerr entsprechend verängstigt, um den fortlaufenden Prozeß von Miss Giddens geistigem Verfall zu verdeutlichen. Ähnlich ist es bei den Außenaufnahmen, die in Sheffield Park entstanden sind: zunächst schwelgt der Film in der Ausdehnung des Parks, den Miss Giddens durchschreitet, wieder und wieder wird die Bildtiefe inszeniert, um die Weite zu betonen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto seltener bekommen wir den Park bei Tage zu sehen und wenn, dann wird er plötzlich bedrohlich, können wir unserer Wahrnehmung – wie eben die junge Gouvernante selbst ja auch – nicht mehr trauen, sind Brechungen durch Sonnenstrahlen dafür verantwortlich, daß wir hin und her gerissen werden zwischen unserer eigenen Wahrnehmung und dem daraus resultierenden Willen, Miss Giddens zu glauben und den Beteuerungen des Personals, es gäbe hier keine anderen Menschen, geschweige denn Geister.

Natürlich kann der Film nicht die Geschicklichkeit der Doppelbrechung durch zwei Männerperspektiven leisten, die das Buch quasi mit doppelten Doppelböden ausstattet und um so schwieriger in der Einschätzung macht, was nun wirklich passiert: Eine Spukgeschichte oder die zunehmende geistigen Verwirrung einer jungen Frau, die etwas überdreht scheint und sich von Geschichten aus der Vergangenheit einfangen läßt? Es gelingt der filmischen Narration – die uns nahezu ununterbrochen Deborah Kerr zeigt und sich somit explizit Miss Giddens Wahrnehmung verpflichtet – subtil, den Zuschauer darüber im Ungewissen zu lassen. Es kann sein, daß Quint am Fenster auftaucht, es kann sein, daß Miss Jessel im Schilf steht, es kann sein, daß Stimmen durch die nächtlichen Gänge raunen – doch ist leider nie jemand außer Miss Giddens anwesend, bzw. schaut in den entscheidenden Momenten dorthin, wohin sie schaut. Und wenn sie, wie in der Szene am Teich, wo sie (und wir) mehrmals Zeuge werden, wie Miss Jessel als schwarzgekleidete Gestalt im Schilf erscheint (nebenbei: einige der unheimlichsten Momente des Films), Flora zwingen will, ihr zu gestehen, daß auch sie die ehemalige Gouvernante sehe, dann weigert sich das Mädchen schlichtweg und bekommt einen Nervenzusammenbruch, der sich in stundenlangem Kreischen ausdrückt.

Neben der gewohnt guten Deborah Kerr (die m.E. dennoch einen Tick zu alt für die Rolle gewesen sein dürfte), muß man v.a. die Leistung der jungen Pamela Franklin hervorheben. Sie spielt die Flora als ein kleines Luder, immer wieder gibt es Momente, in denen wir sie sehen, ihr Gesicht sehen, dieses Miss Giddens jedoch verborgen bleibt, und sie in sich hineinlächelt. Diese Flora, das schwingt in der Inszenierung ebenso mit wie im Spiel dieser fantastischen Jungschauspielerin (die einige Jahre später in THE LEGEND OF HELL HOUSE [1972] gleich ein weiteres Spukhaus bewohnen durfte), weiß mehr als sie zugibt und hat ein wahrlich teuflisches Vergnügen daran, andere im Ungewissen zu lassen, zu manipulieren und zu beherrschen. Martin Stephens spielt den Master Miles als Jungschnösel, seiner selbst sehr sicher, durch sein Klassenbewußtsein auch sicher in seiner Überlegenheit gegenüber Miss Giddens; dennoch überzeugt auch sein schließlich wirklich jungenhaftes Überdrehen, wenn er zum Schluß in die Enge getrieben wird.

Man kann dem Film allerhand vorwerfen: Die Inszenierung ist (v.a. für heutige Verhältnisse) behäbig, der Grusel entsteht aus dem, was heute eher Geisterbahnpotential hat – Stimmen im Dunkel, Erscheinungen am Fenster usw. – , manchmal geht die innere Logik der Figuren nicht auf (man sieht, daß Miss Giddens sich fürchtet und wundert sich, daß sie dennoch immerzu genau da hin geht, wo die Quelle der Furcht zu vermuten ist) – wobei letzteres dem Umstand geschuldet sein mag, daß die Drehbuchschreiber, unter ihnen der unvergessliche Truman Capote, zu ihrer Zeit sicherlich davon ausgehen konnten, daß dem zeitgenössischen Publikum noch eher viktorianisches Ehr- und Pflichtgefühl vertraut gewesen ist. Doch trotz all dieser Einwände, die den Film heute eher wie ein Relikt einer lange vergangenen (Film)Zeit aussehen lassen, hat man es bei THE INNOCENTS mit einem der wenigen wirklich funktionierenden Spuk/Geisterfilmen zu tun, gerade auch, weil er sich nicht festlegen läßt. Psychologisch raffiniert, mit einer tollen Ausstattung und herrlichen Kostümen, macht der Film eben auch heute noch Spaß, so man denn Sinn für das Atmosphärische hat.

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