THE WITCH/THE WITCH: A NEW ENGLAND FOLKTALE

Robert Eggers bietet ein verstörendes Stück schauerliche Filmkunst

Neu England zu Beginn der 1630er Jahre. Der Puritaner William (Ralph Ineson) ist mit seiner Familie gerade erst aus England in der neuen Heimat angekommen, als er sich schon mit seiner Gemeinde überwirft. Er, seine Frau Katherine (Kate Dickie) und ihre Kinder – die fünfzehnjährige Thomasin (Anya Taylor-Joy), ihr etwas jüngerer Bruder Caleb (Harvey Scrimshore) und die Zwillinge Mercy (Ellie Granger) und Jonas (Lucas Dawson) sowie der Neugeborene Samuel (Axtun Henry/Athan Conrad Dube) – werden der Siedlung verwiesen und müssen sich in der Wildnis ein neues Zuhause suchen.

Am Rand eines unermesslich wirkenden Waldes meint William das richtige Land gefunden zu haben, um seine kleine Farm aufbauen zu können. Das Leben ist hart, es besteht vor allem aus Arbeit – die mageren Maisfelder müssen bestellt, das Vieh, allen voran die Ziegen, gehütet, das Holz für den Winter geschlagen werden. Gottesfürchtig nimmt William jede Unbill an. Die Ernte droht zu verfaulen, die Fallen, die er im Wald aufgestellt hat, geben nur spärliche Beute her, bald weiß der Familienvater nicht mehr, wie er die Seinen durch den nahenden Winter bringen soll. Zudem gibt es zwischen ihm und seiner Frau Spannungen, da er, um die Fallen zu bezahlen, einen Becher versetzt hat, der ihr viel bedeutete. Katherine macht jedoch Thomasin verantwortlich für das Verschwinden des Bechers.

Thomasin muß auf dem Hof die Arbeit einer Erwachsenen verrichten und zugleich auch die Verantwortung einer Erwachsenen übernehmen. Eines Tages passt sie auf Baby Samuel auf, die beiden haben es sich mit einer Decke am Waldrand gemütlich gemacht, als Thomasin Geräusche – Knacken und Brechen von Zweigen – im Wald hört. Einen Moment ist sie abgelenkt, als sie wieder nach Samuel schaut, ist das Baby verschwunden. Während die Familie nach dem Kind sucht, rennt eine vermummte Gestalt mit einem Bündel durch den Wald. Später wird das Baby mit einem Messer traktiert, eine offenbar alte Frau reibt sich mit einer Blut ein und scheint zu verjüngen.

Katherine verfällt ob des Verlusts ihres Kindes in eine Depression, sie spricht kaum mehr, weint viel und verlässt das Bett kaum noch. Thomasin wird von ihrem Vater aufgefordert, noch mehr Aufgaben auf der Farm zu übernehmen. Eines Tages ist sie mit den anderen Kindern am nahegelegenen Bach, nachdem die Ziegen, allen voran der „schwarze Phillip“, ein Bock, ausgebrochen waren und nur unter größter Anstrengung wieder in ihr Gehege getrieben werden konnten. Die Zwillinge ärgern Thomasin und werfen ihr Beleidigungen an den Kopf, woraufhin sie behauptet, eine Hexe zu sein und ihre Geschwister bald aufessen zu wollen. Die Zwillinge beeindruckt diese Aussage und sie rennen verängstigt weg. Caleb, der die Szene beobachtet hat, bittet Thomasin, nicht solche Dinge zu erzählen.

Für die strenggläubigen William und Katherine verdichten sich die Zeichen – Mißernte, Mißgeschicke bei der Jagd, als es William nicht gelingt, einen Hasen zu schießen und er stattdessen sich selbst verletzt, das zunehmend befremdliche Verhalten der Tiere auf dem Hof, natürlich das Verschwinden des Kindes – daraufhin, daß sich Gott von ihnen abwendet und sie möglicherweise gegen den Teufel selbst bestehen müssen.

Caleb und Thomasin belauschen nachts ein Gespräch der Eltern, in welchem Katherine vorschlägt, die älteste Tochter in die Siedlung zu schicken und dort bei einer anderen Familie als Magd unterzubringen. Caleb verlässt nachts das Haus, nimmt die Flinte des Vaters mit und reitet mit dem Pferd allein in den Wald, um die Fallen zu leeren oder etwas Wild zu schießen. Allerdings zwingt Thomasin ihn, sie mitzunehmen. Wieder sehen sie den Hasen, den schon der Vater nicht erlegen konnte. Die Tiere verhalten sich seltsam, das Pferd scheut mehrfach, der sie begleitende Hund jault und setzt sich dann unaufhaltsam auf die Fährte von etwas, das er meint, jagen zu können. Schließlich werden Thomasin und Caleb getrennt, als der Junge dem Hund folgt und das Pferd seine Schwester abwirft, die daraufhin das Bewußtsein verliert. Caleb findet den Hund – er wurde praktisch zerfleischt. Immer tiefer dringt der Junge in den Wald ein und trifft auf einer Lichtung auf eine Hütte, die halb in die Erde eingelassen ist. Caleb fühlt sich wie magisch angezogen, hat zugleich aber Angst vor dem, was aus der Hütte kommen könnte. Es ist dann eine junge Frau (Sarah Stephens), die sich zu ihm hinabbeugt, ihn küsst und zugleich mit einer klauenartigen Hand nach ihm greift.

Thomasin erwacht schließlich und sie findet dank der Rufe ihres Vaters den Weg zurück zur Farm. Nun begegnen ihr alle Familienangehörigen mit Mißtrauen, ist sie doch erneut dabei gewesen, als ein Mitglied des Verbundes verschwand. Doch abends liegt Caleb nackt im Gatter der Ziegen. Die Familie findet sich um das Lager ein, auf das sie den fiebernden Jungen gebettet hat. Sie beten und Katherine lässt, da sie fest überzeugt ist, das Kind sei verhext, den Jungen zur Ader. Caleb erwacht schließlich und spuckt einen Apfel aus. Dann verfällt er in verzückte Lobpreisungen Gottes und stirbt.

Die Zwillinge beschuldigen Thomasin nun ganz offen, des Teufels zu sein. Thomasin ihrerseits erklärt dem zusehends verwirrten Vater, daß sie die Zwillinge der Hexerei verdächtige, diese sprächen mit dem Bock und zeigten alle Zeichen einer Verzauberung. William stellt Thomasin zur Rede, sie solle ihm die Wahrheit sagen. Daraufhin hält sie ihm die Wahrheit vor, daß er ein Versager in dem sei, was er tue – die Ernte verfault, die Jagd gelingt ihm nicht, er könne die Farm nicht bewirtschaften und seine Familie nicht so versorgen, wie es von einem Familienoberhaupt verlangt würde. William, der sich nicht mehr zu helfen weiß, sperrt die Zwillinge und Thomasin für die Nacht in den Ziegenstall. Seiner Frau gesteht er nun, daß er den Becher versetzt habe, woraufhin Katherine immer verzweifelter wird, da sie sich von Unglaube, Lüge und Verderbnis umstellt sieht.

In der Nacht werden die Kinder im Stall Zeugen, wie eine alte Frau (Bathsheba Garnett) eindringt, sich am Blut der Ziegen labt und sie über die Schulter hinweg angrinst. Am Morgen ist der Stall zerstört, alle Ziegen bis auf den „schwarzen Phillip“ sind tot und die Zwillinge sind verschwunden. William wird von dem Bock angegriffen und schwer verletzt, bricht schließlich zusammen, fällt in den mannshohen Stapel Feuerholz und wird von etlichen Scheiten begraben und erschlagen. Katherine kommt aus dem Haus und sieht ihre Tochter mit blutverschmierten Händen, da diese versuchte, dem Vater zu helfen. Die Mutter geht auf Thomasin los und es kommt zu einem entsetzlichen Kampf, bei dem Katherine versucht, ihre Tochter zu erwürgen, diese sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als mit einem Schälmesser auf die Mutter einzustechen. Auch diese stirbt.

Nun allein mit den Toten auf der Farm, geht Thomasin nachts in den Stall und spricht zu dem „schwarzen Phillip“, will von diesem Wissen, ob er wirklich der Teufel sei und die Zwillinge verhext habe. Der Bock antwortet, daß sie alles haben könne, was sie auf der Welt haben wolle. Dann steht ein Mann hinter Thomasin und erklärt, sie müsse nur in seinem Buch unterschreiben. Thomasin erklärt sich einverstanden. Nackt folgt sie dem Bock in den Wald. Sie kommen an eine Lichtung, wo eine Gruppe von Frauen um ein großes Feuer tanzt. Dann erheben sie sich eine nach der anderen in die Lüfte. Auch Thomasin wird von der fremden Macht ergriffen und fährt in den Nachthimmel auf.

Spätestens seit THE BLAIR WITCH PROJECT (1999) stehen Hexen im Horrorfilm wieder hoch im Kurs. Eine erste Welle gab es schon in den 60er und 70er Jahren, als das Sujet gern genutzt wurde, um viel nackte Haut und möglichst ekelerregende Folterungen zu zeigen, was einige Klassiker des Camp- und Trash-Films hervorbrachte. Daß man das Thema allerdings auch ganz anders angehen und dennoch erstaunlich unangenehme Reaktionen beim Publikum hervorrufen kann, zeigt ein Film wie THE VVITCH – A NEW ENGLAND FOLKTALE (2015) von Robert Eggers, der damit seinen ersten Langfilm vorlegte. Und was für einen!

Angesiedelt im Neu England der 1630er Jahre und damit deutlich vor jenen Hexenprozessen, die ab den frühen 1690er Jahren den kleinen Ort Salem in Panik und Hysterie versetzen sollten, erzählt Eggers eine Geschichte, die der Betrachter ebenso als wahre Hexen-Geschichte lesen kann, wie auch als eine in Einsamkeit, religiöser Obsession und persönlicher Paranoia wurzelnde Familientragödie. Eggers, der sich sehr viel Mühe gegeben hat, seinen Film authentisch wirken zu lassen, weshalb er u.a. ausschließlich englische Darsteller wählte, damit sie, wenn schon kein Altenglisch sprechend, zumindest in Tonfall und Idiom möglichst naturgetreu wirkten, bediente sich einer Vielzahl von originalen Prozessakten und verweist im Abspann des Films darauf, daß die meisten Dialoge diesen Akten entnommen seien. So muten diese Dialoge gelegentlich befremdlich an, geben dem Film aber das gewünschte Flair eines scheinbar fernen, fremden und vollkommen anders geprägten Zeitalters.

Auch die Ausstattung und selbst der Score des Films wurden mit äußerster Akribie und viel Liebe zum Detail komponiert. Die kleine Farm am Waldesrand, wo die Familie des von der Gemeinde ausgestoßenen William sich niederlässt und versucht, eine Landwirtschaft aufzubauen, die Stallungen und das rudimentäre Wohnhaus, wirken ausgesprochen echt und der Zuschauer kann sich allzu gut vorstellen, wie entbehrungsreich und anstrengend dieses Leben gewesen sein muß. Eben erst dem Schiff aus England entstiegen, konfrontiert mit einem völlig fremden Land, das wenig einladend wirkt, von der eigenen puritanischen Gemeinschaft verstoßen, müssen diese Menschen das Überleben bewältigen, sind auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert und haben als Hoffnung nichts als ihren strengen Glauben, der sie lehrt, jede Entbehrung, jede Mühsal auszuhalten und als gottgegeben hinzunehmen, ja, sogar als Prüfung anzunehmen. Was allerdings auch zu Mißtrauen, Schuldgefühlen und Vorwürfen führt.

So entsteht der eigentliche Horror schon in der Konstellation, in die der Film das Publikum recht unvermittelt stößt. Beginnend mit dem Prozeß, der zum Verstoß der Familie führt, werden wir sofort in die Einsamkeit und Ödnis des Farmlandes am Rande der unermesslichen Wälder Neu Englands verfrachtet. Die Jagd, die nichts – oder kaum etwas – einbringt, die Mißernte, der daraus drohende Hunger der Wintermonate, die Verlassenheit des Ortes und das ewig dräuende Dunkel des Waldes, schaffen eine Kulisse und kreieren eine Situation, die ohne jedwede Übertreibung ins Übernatürliche schon ein gewisses Grauen bietet. Hinzu kommt der puritanische Glaube, den zu zeigen und zu vergegenwärtigen sich Eggers ebenfalls viel Mühe gibt und für den er sich viel Zeit nimmt. Religiöse Verzückung, die im Puritanismus vor allem darin besteht, mit seinem eigenen Gott, der dem einzelnen immer nah ist, immer streng und im Zweifelsfall strafend, klar zu kommen, ihm gerecht zu werden und doch auch zu ekstatischen Momenten führen kann, wird hier eindringlich dargestellt. Egal, was dem Einzelnen oder der Gemeinschaft widerfährt, es ist von diesem alttestamentarischen Gott so gewollt, es sind seine unergründlichen Wege und Wünsche, die man nur ahnen, denen man nur gerecht zu werden versuchen kann.

Als das jüngste Kind der Familie – Baby Samuel – verschwindet, während die älteste Tochter Thomasin auf es aufpassen soll, stürzt das Mutter Katherine in eine tiefe Krise, die sie wiederum mit Gebeten zu bekämpfen sucht. Die jüngeren Kinder, die Zwillinge Mercy und Jonas, glauben in ihrer Schwester eine Hexe zu erkennen. Nichts in dieser Familie wirkt sonderlich liebevoll, was den damaligen Realitäten entsprechen dürfte, lediglich Vater William versucht, den seinen ein gutes, sorgendes Familienoberhaupt zu sein. Allein – seine Versuche sind ohne Erfolg. Er ist kein guter Jäger, er weiß die Fallen nicht richtig zu stellen, lediglich das Holz für den Winter hackt er ununterbrochen und dementsprechend in ausreichender Anzahl. Und er ist ein Lügner, wenn er seiner Frau die Tatsache vorenthält, einen der wenigen Gegenstände von Wert – einen Becher – versetzt zu haben. Thomasin, die die Familie immer wieder in Obhut in der Siedlung zu geben überlegt, wo sie als Dienstmagd arbeiten könnte, so daß man ein Maul weniger zu füttern hätte, ist eine Pubertierende, die sich bemüht, den an sie gestellten Aufgaben gerecht zu werden und zugleich, vom Glauben geprägt, der auch ihr tief eingepflanzt wurde und dem sie folgt, den erwachenden Bedürfnissen einer Heranwachsenden zu entsprechen. Sie will Verantwortung übernehmen, wird aber von Vater und Mutter dabei gleichzeitig überfordert und zurückgewiesen. Ihr etwas jüngerer Bruder, Caleb, der älteste Sohn, will seinerseits den elterlichen Ansprüchen genügen, macht sich nachts auf den Weg in den Wald, um die Fallen zu leeren, nimmt Thomasin gegen seinen Willen mit, weil sie ihn zwingt, und verliert sich in den Weiten.

So ist es erneut die älteste Tochter, die im Verdacht steht, mit dem Verschwinden eines ihrer Geschwister zu tun zu haben. Die Zwillinge, die vor allem mit dem schwarzen Ziegenbock spielen und diesen – den „schwarzen Phillip“ – längst als Ausgeburt der Hölle, ein Abbild des Teufels, zugleich aber auch als Spielgefährten ausgemacht haben, sprechen den Verdacht offen aus – Thomasin sei eine Hexe. Verstärkt wird dieser Verdacht, dadurch, daß die ältere Schwester bei anderer Gelegenheit, genervt von den jüngeren Kindern, genau das behauptet hatte – sie sei eine Hexe und werde sie verfüttern, wenn nicht gleich selbst aufessen.

Erschütternd ist es, mit welcher Leichtigkeit der Rest der Familie den Anschuldigungen Glauben schenkt. Erneut werden wir mit diesem Glauben konfrontiert, mit seiner potentiell tödlichen Härte und Brutalität. Aber auch mit den psychischen Verwerfungen, die er hervorruft. Die Lügen des Vaters, die immer wortwörtlich genommenen Glaubenssätze der Bibel, was die Zwillinge auf Thomasins Äußerungen, sie sei eine Hexe, übertragen, das Mißtrauen auch den nächsten Angehörigen gegenüber, das alles zeigt THE WITCH als Folge einer fast obsessiven Glaubenshörigkeit, die paranoide Züge aufweist. Wo die Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit verlaufen, ist nur noch schwer auszumachen. Caleb liegt eines Morgens im Ziegengehege, nackt und offenbar geschändet. Mutter und Vater wissen nicht aus noch ein und als er unter Qualen und zugleich in heftigen Gebeten an seinen Herrn und Gebieter stirbt, wird aus einer abergläubischen Annahme für diese Menschen Gewißheit: Hexenwerk! Bevor der Junge seine letzten Gebete aus sich herauspresst, spuckt er – wie Schneewittchen im Märchen– einen Apfel aus, golden und doch offenbar verwunschen, ein giftiges Geschenk, Nahrung, die nicht nährt, sondern tötet. Andeutungen, die der Film uns bietet, die aber nur skizzenhaft aufschimmern und freie Interpretation zulassen. Geschieht dies alles wirklich? Oder sind dies Phantasmagorien einer sich in der Einsamkeit der realen Welt und den Schrecknissen des eigenen Glaubenssystems verlierenden Gruppe von einander eigentlich nahstehenden Menschen?

Ebenso erschütternd wie die scheinbar so leicht ausgesprochenen Anschuldigungen der Zwillinge, ist dann auch die Reaktion der älteren Schwester, die mit gleicher Münze heimzahlt und Vater und Mutter darauf hinweist, daß die Zwillinge mit dem „schwarzen Phillip“ sprächen, was an sich schon ein sicheres Zeichen für einen Teufelsbund sei. In THE WITCH ist niemand davor gefeit, Opfer seiner Wahnvorstellungen, einer lebenslangen Indoktrination zu werden. Und ein jeder weiß durchaus, was für fürchterliche Folgen diese Anschuldigungen zeitigen können. So werden wir Zeugen, wie eine Familie, aufeinander angewiesen, einander aber auch ausgeliefert, langsam dem Wahn verfällt, wie gegenseitiges Mißtrauen dieses Gebilde vergiftet, so, wie Caleb vielleicht vom goldenen Apfel vergiftet worden ist.

Eggers spielt gekonnt ein doppeltes Spiel. Was wir sehen, ist eine Familie, die – nach modernen Maßstäben – zusehends einer kollektiven Psychose verfällt, sich Unerklärliches mit dem Aberglaube zurecht zu legen sucht, Wahrheiten (das eigene Versagen, die eigenen Lügen) nicht eingestehen will und zu immer drastischeren Maßnahmen greift, um eines Schicksals, das sie nicht versteht, Herr zu werden. Tatsächlich füttert der Regisseur sein Publikum aber immer wieder mit Hinweisen, daß hier tatsächlich Hexen an Werke sind. Nachdem das Baby verschwunden ist, sehen wir eine Frau in einem Mantel, das Antlitz unter einer Kapuze verdeckt, durch den Wald eilen, ein Bündel im Arm. Wir sehen, wie das Baby mit einem Messer traktiert wird, wir werden Zeugen einer Verjüngung nach einem Bad im Blut. Caleb trifft im Wald auf eine schöne Frau, die aus einer Erdhütte hervorkommt, ihn küsst und nach ihm greift – wobei diese Hand eher einer Klaue gleicht. Passiert dies wirklich? Oder sind auch dies Projektionen, frühpubertäre Vorstellungen sexueller Handlungen eines Jungen, der – wieder spielt die Religion die entscheidende Rolle – seinen Bedürfnissen um Gottes Willen nicht nachgeben, sie sich nicht einmal eingestehen darf?

Gleiches gilt für jene Nacht, in der Vater William seine verbliebenen Kinder im Stall bei den Ziegen einsperrt. Dort sehen die Kinder eine alte Frau, die sich am Blut der Ziegen labt und sie dann über die Schulter anlächelt – doch sind dies wirkliche Momente oder wahnhafte Einbildungen einer durch Glaubensdruck und unheimliche Geschichten befeuerten Phantasie? Und wenn am folgenden Morgen die Zwillinge fort, die Ziegen tot sind und William Opfer des ihn angreifenden Ziegenbocks, des „schwarzen Phillip“, wird, haben wir es dann mit dem Ergebnis eines nächtlichen Überfalls durch eine (oder gar mehrere?) Hexen zu tun? Oder hat Thomasin, möglicherweise wirklich verrückt geworden, ihre Geschwister getötet? Daß sie dazu in der Lage sein könnte, beweist sie kurz darauf, wenn sie die eigene Mutter – die sie freilich in ihrem eigenen Wahn angreift – mit einem Messer abschlachtet. Voller doppelter Böden und doppeldeutiger Hinweise, baut Eggers ein Labyrinth, in dem auch der Zuschauer bald nicht mehr weiß, was er glauben soll, ob er noch rationalen Begründungen folgen darf oder schon den Bereich des Irrationalen, der Magie, der Hexerei betreten hat.

Wirklich eindeutig und explizit scheint jedoch das Ende von Eggers Film: Thomasin, die, nachdem sie den „schwarzen Phillip“ fragt, ob er wirklich mit ihren Geschwistern geredet habe und daraufhin ein Mann erscheint, der sie auffordert, in „seinem Buch“ zu unterschreiben, nackt in den Wald entschwindet, trifft auf einer Lichtung auf einen Hexensabbat. Mehrere nackte Frauen tanzen um ein Feuer und erheben sich dann in die Lüfte. Und so erhebt sich auch die junge Frau, wird offenbar aufgenommen in den Zirkel, der sich nicht erklärt und scheinbar auch keine Notiz von ihr nimmt.

Ist das das reaktionäre Ende eines Films, der lange puritanischen Aberglauben und die Enge einer puritanisch geprägten Gesellschaft ausstellt und damit sogar einiges über das heutige Amerika zum Ausdruck bringt? Ist dies die Rechtfertigung, daß jene Prozesse, die später in Salem angestrengt wurden und etliche Opfer hatten, ihre Berechtigung gehabt haben könnten? Oder aber ist dies das (symbolische) Bild einer jungen Frau, die sich aus den Fängen eben dieser religiösen Sektiererei befreit, die die Fesseln einer engen und angstbesetzten Gesellschaft abstreift, sicher um den Preis, kein Mitglied der Gemeinschaft mehr sein zu können? Exstatisch wirkt dieses Emporsteigen, einer Himmelfahrt gleich. Eine Emanzipation.

Es sind diese Reibungsflächen, das Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten, durch welche Eggers Film so ansprechend, spannend und auch bedrückend wirkt. Ein Blick in eine uns doch ferne Zeit, möglichst authentisch, möglichst realistisch – und doch auch ein Horrorfilm, ein Schauerstück, a New England folktale. Mit einer hervorragenden Besetzung, einem dräuenden Score, der größtenteils auf original der Zeit des Films entstammenden Instrumenten eingespielt wurde, in teils erlesenen, teils düsteren und fast immer durch einen Filter gefilmten Bildern, die die Wirklichkeit am Waldesrand blass, kühl, manchmal unwirklich erscheinen lassen, berichtet Robert Eggers seinen amerikanischen Mitbürgern von ihren Vorfahren. Er bietet eine schlüssige Analyse eines Landes, dessen Gesellschaft – zumindest jener weiße Teil der Gesellschaft, der rund 300 Jahre lang die Geschicke des Landes bestimmte – sich aus Sektierern und manchmal Wahngläubigen rekrutierte und deren Anfälligkeit für Hysterie, Paranoia und potentiell tödliches Denken in schwarz-weißen Mustern  ja gerade gegenwärtig wieder allzu deutlich spürbar und allfällig ist. Eggers macht es sich, seinem Publikum und der Geschichte, die er erzählt nicht leicht. Er stößt in Grauzonen vor und hat, wie andere große Regisseure zuvor, begriffen, daß gerade der Horrorfilm hervorragend dazu eignet, ambivalente, emotional uneindeutige und sogar soziale Perspektiven gleichberechtigt zu behandeln und zugleich diametral entgegengesetzte Standpunkte nebeneinander existieren zu lassen.

THE WITCH kann getrost in die Riege der großen, maßgeblichen und über sich selbst hinausweisenden Horrorfilme eingeordnet werden.

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