SUSPIRIA

Wenn Oper und Horror aufeinander treffen

Suzy Banyon (Jessica Harper) kommt ins Breisgau nach Freiburg, um dort an einer renommierten Ballettschule zu reüssieren. Geleitet wird diese Schule von Madame Blank (gespielt von der großen Joan Bennett). Schon in der ersten Nacht kommt es in den Hallen der Schule zu einem fürchterlichen Mord. Suzy verfolgt die Vorgänge in der Schule mit zunehmendem Entsetzen und schließlich, da ihre Freundin Sandra (Stefanie Casini) ebenfalls eines grässlichen Todes Opfer wird, versucht sie, dem Geheimnis der Schule und ihrer Betreiber auf die Spur zu kommen. So erfährt sie schließlich von den drei Müttern: Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum sowie Mater Lachrymarum – drei Hexen, die drei Weltbezirke zu ihrem Einflußbereich zählen: Freiburg, Rom und New York, von wo aus sie die Herrschaft über Raum und Zeit antreten wollen. Suzy versucht alles, um der „Mutter der Seufzer“ – als die Madame Blank sich schließlich entpuppt – das Handwerk zu legen…

Wenn man heutzutage Horrorfilme der 70er und 80er Jahre anschaut, fällt neben der Andersartigkeit der thematischen Auswahl als allererstes natürlich auf, daß die Special Effects damals handgemacht waren und dementsprechend entweder niedlicher aussahen (EVIL DEAD/1981) oder sehr, sehr viel ekliger (DAWN OF THE DEAD/1978, DERANGED/1974). Oder sie waren derart stilisiert, daß sie uns Heutige, die wir ganz anderes, v.a. Computergeneriertes gewohnt sind, kaum mehr zu überzeugen wissen. In diese Kategorie fällt wohl Dario Argentos Meisterwerk SUSPIRIA (1977) aus dem Jahr 1977. Allerdings kann der Heutige auch fragen: Ist das ein Horrorfilm? Oder haben wir es hier schlicht mit einem Kunstwerk des Spätsurrealismus zu tun?

Argento, in den 60er und 70er Jahren zu einem der „Könige des Giallo“ – jener italienischen Spielart des harten, manchmal überharten Thrillers – ausgerufen, legt in seinen Horrorfilmen, denen er sich ab SUSPIRIA für die danach kommenden 15 Jahre weitaus mehr widmete als dem reinen Thriller, viel weniger Wert auf realistische Szenarios oder gar eine nachvollziehbare Handlung logischen narrativen Aufbaus. Weit mehr folgen seine Filme einer ästhetischen Logik, die narrativ dem (Alb)Traum, hier, im vorliegenden Film, vielleicht sogar noch weitaus mehr der eines Drogentrips entspricht. Ob der Film in Freiburg oder München spielt ist dabei vollkommen gleichgültig, wie auch die Frage, ob Teil 2 der mit diesem Film begonnenen „Trilogie der Mütter“ in New York, der dritte in Rom spielt. Zum einen ereignet sich der Großteil der Handlung in den Innenräumen der Ballettschule, die sich zugleich als Hexenhauptquartier entpuppt und dabei im Aufbau Ähnlichkeiten mit Bildern eines M.C. Escher, in der Farbdramaturgie mit einem Gemälde Andy Warhols aufweist, zum anderen sind selbst die Außenaufnahmen derart stilisiert durch Licht- und Toneffekte, daß auch diese letztlich in einem nie näher bestimmten Traumland zu spielen scheinen. Hinzu kommt, daß die meisten Außenaufnahmen im Studio in nachgebauten Kulissen entstanden.

Damit ist man schon sehr nah an Argentos spezifischer Art, Filme zu machen: Auf der Ebene einer Gruselgeschichte hat man es am ehesten noch mit dem Topos des Geister- oder „verwunschenen“ Hauses zu tun, inhaltlich und auch in der Art der Figurenzeichnung – bar aller Psychologie verhalten diese Figuren sich wie solche der Commedia dell’arte immer ihrem Typus entsprechend – am ehesten mit einem Märchen. Wesentlich sind die Einzelszenen, das Potential an Schrecken, bzw. an Überwältigung, das jedes einzelne Szenario bietet. Dieses Prinzip verfolgt Teil 2 der Trilogie – INFERNO (1980) – noch weitaus konsequenter denn SUSPIRIA. Doch muß man SUSPIRIA einfach attestieren, im Werk Argentos ebenso, wie im europäischen Autoren/Kunstfilm, eine Sonderstellung einzunehmen, da hier der Effekt des Ganzen überwältigend ist. Damals auch überwältigend neu war.

Diese Mischung aus psychedelischer Farb- und Soundorgie – dazu sei gesagt, daß der enerviernde Soundtrack der Experimentalgruppe GOBLIN hier eine den Bildern fast gleichberechtigt gegenüberstehende Affektfunktion erhält – momentweise aufblitzender Grausamkeit, eines nahezu deterministischen Handlungsverlaufs entspricht weitaus mehr einem „Kunstfilm“, als jenen 1977 angesagten Horrorfilme a la THE OMEN (1976), die wilde Teufelsgeschichten in denkbar realistischen Settings darboten und sich dabei in kühl kalkulierten Gewaltspiralen gefielen, die dem Zuschauer in genau berechneten Abständen immer weiter gesteigerte Schocks zumuteten. SUSPIRIA ist ein seiner Zeit geschuldetes Kunstwerk aus Bildern, die wie eine „bewegte Ausstellung“ anmuten, vielleicht einer Installation ähneln, wilden Farborgien, die den Zuschauer zu verschlingen drohen, Motiven manchmal ebenso gnadenloser wie erstaunlich „schöner“ Grausamkeit und einem Soundtrack, der an sich schon ein hysterischer Angriff auf das Nervenkostüm des Zuschauers ist, das in seiner artifiziellen Verzerrung jedoch meist weder wirklich gruselig noch sonderlich eklig anmutet. Eher scheint dies eine durchgedrehte Hommage des europäischen Kunstfilms an die Popart, die Drogen der Zeit und – ganz wichtig im Bildaufbau und der Aneinanderreihung szenischer Abläufe – die italienische Oper in all ihrer pathetischen Überhöhung zu sein.

Argento ist ein Meister der Entfremdung. Selbst die technische Realität wird ihm zu einer abstrakten Bedrohung, wenn er z.B. den Schließmechanismus einer automatischen Schiebetür so filmt, daß dieser zu einer Bedrohung jener wird, die gleich diese Tür zu durchschreiten gedenken. Wenn er nächtliche Häuserfassaden in neonroten und -blauen Farbkaskaden erleuchten läßt, wenn der Regen, der anfangs am Flughafen in München herabfällt, nicht einfach fällt, sondern eine geschlossene Wand fallenden Wassers darstellt – immer gelingt es dem Meister, den Zuschauer „subtil“ wissen zu lassen, daß er sich ab nun nicht mehr in der Welt des „Draußen“ befindet, also jener Welt, die vor dem Kino stattfindet, sondern in einer Welt des Kinos, die geschlossen, artifiziell, künstlich wie künstlerisch und dennoch oder gerade deswegen zutiefst bedrohlich ist. Labyrinthisch ist diese Welt und die Protagonisten dieser Formelalbträume scheinen das nicht nur zu wissen, sondern sie scheinen auch damit einverstanden zu sein.

Man kann sagen, daß man es bei SUSPIRIA mit einem originären Kunstwerk der 70er Jahre zu tun hat, daß gleichberechtigt neben den Filmen Fellinis (der in ähnlich artifiziellen Welten agierte), Kubricks, eines Alejandro Jodorowsky und auch denen Tarkowskijs bestehen kann. Voller Reminiszenzen an Vorbilder (so gibt es mindestens zwei mal Bildgestaltungen, die den Zuschauer sofort an Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY/1965-68 denken lassen), voller Querverweise auf literarische Verwandte, sollte man sich SUSPIRIA eben NICHT als Horrorfilm vorstellen und anschauen, sondern auf die gleiche Art und Weise, wie man sich einem Werk der genannten Großregisseure annähern würde. Selten kamen sich das (filmische) Grauen und die Kunst so nah, wie in Argentos Meisterwerk. Und dafür stehen ihm die vollen 5 Sterne zu!

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