UNTER ZWEI FLAGGEN/THE RAID

Ambivalentes Bürgerkriegs-Drama

1864, der Sezessionskrieg neigt sich langsam seinem Ende entgegen. Im Gefangenenlager der Union in Plattsburgh, Upstate New York, gelingt einer Gruppe konföderierter Offiziere unter Leitung von Major Neal Benton (Van Heflin) die Flucht nach Kanada. Von dort sickern sie in das Städtchen St. Albans ein, das sie als Vergeltung für Shermans Marsch durch Georgia ausplündern und zerstören wollen. Von dort soll dann eine ganze Reihe von sogenannten „Raids“ im Hinterland der Nordstaaten durchgeführt werden.

Benton nistet sich dazu in der Stadt in der Pension der Witwe Katy Bishop (Anne Bancroft) ein, die anderen Ausbrecher auf einer leer stehenden Farm im Umland. Sie rekrutieren unter anderen entflohenen Südstaatlern in Kanada eine Truppe für das Unternehmen gegen St. Albans. Es kommt vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen Benton und Leutnant Keating (Lee Marvin), der sich ein aggressiveres und schnelleres Vorgehen gegen die Stadt wünscht und zudem keine Rücksicht auf Zivilisten nehmen will. Nicht zu Unrecht fürchtet er, daß Benton, der sich in der Stadt als Kanadier ausgibt und ebenso Anfeindungen als Kriegsgewinnler als auch Zuspruch als jemand bekommt, der bereit ist zu investieren, sich in die Witwe Bishop verliebt haben könnte und dies das Unternehmen gefährden könnte. Doch schließlich ist er es selbst, der durch einen äußerst gewagten Auftritt alles zu ruinieren droht.

Benton erschießt Keating, als dieser alles zu verraten droht. In der Stadt, bei Katy und mehr noch deren Sohn Larry (Tommy Rettig) ist er nun ein Held und selbst Captain Foster (Richard Boone), der als Kriegsversehrter der Union Pensionsgast im Hause Bishop ist und Benton bisher eher skeptisch betrachtete, beginnt, Vertrauen zu fassen. Doch dann steht das Datum des Überfalls auf die Stadt endlich fest und Bentons Männer sind bereits in die Stadt eingesickert. Benton selbst legt seine Uniform an, da er als Soldat agieren will, nicht als Vigilant. So sieht ihn zunächst Larry, dann auch Katy. Benton, der sie einst um Verständnis für die Wut eines Südstaatlers bat, dessen Heim zerstört, dessen Familie vertrieben wurde, übernimmt das Kommando und also auch die Verantwortung für die Zerstörung der Stadt. Der Plan, die drei Banken im Ort auszurauben und dann die brennenden Häuser Richtung Kanada hinter sich zu lassen, geht auf. Benton verhindert ein Massaker an der Bevölkerung.

Katy bleibt mit einem Brief von ihm zurück, der sie noch einmal daran erinnert, daß er als Soldat eine Aufgabe habe und sie um Verständnis für seine Entscheidung bitte…

Es sind nicht allzu viele Western, die sich direkt auf die Schlachtfelder des Bürgerkriegs begeben und von dort berichten. John Hustons THE RED BADGE OF COURAGE (1951) wäre exemplarisch zu nennen, meist findet der Krieg nur Erwähnung oder es wird, wie in John Fords THE HORSE SOLDIERS (1959), von Sonderkommandos berichtet, die im Grunde Abenteuer in Uniform erleben. Auch in THE RAID (1954), einem B-, eher schon C-Western des Argentiniers Hugo Fregonese, ist es eher ein Sonderkommando, das der Erzählung zugrunde liegt, doch ist der Krieg hier äußerst spürbar und unmittelbarer Movens der Handlung. Es sind ja oft die kleinen, eher unbeachteten Filme, die uns oft mehr über ein Genre und seine inneren Motive verraten, als die großen, prestigeträchtigen Produktionen. Fregoneses Bürgerkriegsdrama – ein „Western“ ist es ja im eigentlichen Sinne schon geographisch nicht mehr – scheint es nicht einmal in Hembus` WESTERN-LEXIKON geschafft zu haben, derart „klein“ ist die Produktion; und dennoch ist an ihr vieles abzulesen, was den Western als Genre stark macht, aber auch, wo seine Begrenzungen liegen.

Ungewöhnlich genug, daß ein Film der klassischen Ära des Western uns zeigt, wie ein Südstaatenunternehmen gegen die Union stattfindet und nicht nur nicht verhindert wird, sondern erfolgreich ist. Dabei nimmt der Film eine weitestgehend neutrale Haltung gegenüber den unterschiedlichen Positionen seiner Antagonisten ein – namentlich Benton/Heflin und Foster/Boone. Die tiefere psychologische Auseinandersetzung findet zwischen Benton und Keating/Marvin statt. Bentons Härte reflektiert der Film in Wort und vor allem seinen sichtbaren Taten als gerechtfertigt. Solange die „Regeln des Krieges“ berücksichtigt werden, so scheint es hier die moralische Linie vorzugeben, sind auch härtere, härteste Mittel erlaubt. Nicht erlaubt sind die Mittel, die Keating bereit ist anzuwenden, wobei der Film und Lee Marvin – eher unüblich in seinen früheren Rollen – dafür Sorge tragen, daß auch er differenziert und nicht einfach unsympathisch gezeichnet wird. Er ist ein Haudegen, ein Angeber und äußerst nervös, ein Südstaatler ist er aber eben auch. Dennoch spricht Benton sich schon früh gegen ihn aus.

Man merkt dem Drehbuch an, wie es anfängt zu schlingern. Wie soll ein Film verfahren, der es nicht automatisch mit den Siegern halten will? Ein Film, der ein Südstaatenunternehmen bis zu einem gewissen Grad als gerechtfertigt zeigt? Denn Bentons wiederholte Klage über den Verlust der heimatlichen Plantage und über die Gewalt, die Sherman über den Süden gebracht habe, ist glaubhaft. Der Konflikt jedoch, in der Witwe des Feindes sogar eine mögliche Liebe und damit also auch eine Möglichkeit zur symbolischen Versöhnung einstiger Feinde zu erkennen, ist es nicht minder. Umso bemerkenswerter, wie es zur Auflösung kommt: Die Liebe, besser vielleicht: Zuneigung, zwischen ihm und der Witwe Bishop – die ihrerseits pure Annahme bleibt, deutlich sichtbar ist lediglich eine gewisse Bewunderung festzustellen, seinerseits deutet sich die emotionale Ebene zumindest klarer an – ist nicht stark genug, den Zorn, der ihn antreibt, den Schmerz, den ihm originär der Krieg zugefügt hat (schon), zu bändigen. Sein Hass ist ein starker Motor und der Krieg braucht diesen Hass. Es obsiegt sein Verantwortungsgefühl gegenüber „der Sache“, für die er anfangs bereit war einen seiner Mitflüchtlinge dem sicheren Tode zu überlassen, wie ihn sein Kompagnon Captain Dwyer erinnert.

Und so läßt Major Benton die Stadt zerstören, er trägt Sorge, daß den Zivilisten nichts geschieht und führt ansonsten aus, was man sich vorgenommen hatte. Die erblühende Liebe zu einer Frau – dazu noch einer aus dem Feindeslager – kann nicht stärker sein, als dieser Drang für eine sowieso verlorene Sache zu kämpfen. Van Heflin macht das beeindruckend deutlich, wenn Bentons Wege während der Brandschatzung mehrere Male die der Witwe kreuzen. Er hält kurz inne, doch huschen seine Augen an ihr vorbei, immer wieder, und suchen Gelegenheiten außerhalb der Kadrierung, um sich festzuklammern. Katy Bishop ihrerseits mag Verständnis für seinen soldatischen Stolz haben, das zarte Pflänzchen ihrer Zuneigung scheint in den letzten Sequenzen, in denen wir sie sehen können, doch schon deutlich eingegangen zu sein. Das ist dem Drehbuch hoch anzurechnen: Es werden keine Brücken gebaut, wo es (noch) keine geben kann. Im Gegenteil: Ebenso konkret wie symbolisch wird in der Schlußsequenz eine Brücke abgefackelt..

Ein erstaunlich uneindeutiger, wirklich ambivalenter Western, der seine Spannung lange aus dem Konfliktpotential seines nicht gerade üppigen Personals bezieht. Eine Riege späterer Stars wie Bancroft, Marvin und auch Graves birgt für eine gewisse Glaubwürdigkeit. Van Heflin verleiht Benton die nötige Mischung aus Leidenschaft und Hass, um dessen Entscheidungen zu rechtfertigen. Man staunt über eine gewisse Härte, die den Film von Anfang an auszeichnet und in einer Billigproduktion für ein ‚Double-Bill‘ sicher eher ausprobiert werden konnte, als in den A-Filmen. Der Film bietet kein Happy End und er beschönigt den Krieg nicht, was die Härte wiederum durchaus rechtfertigt. Ein Typ wie Keating ist eben auch extrem brutalisiert durch den Krieg, sein Hass gilt dem Norden en gros. Der Film nimmt es mit den Zeitangaben äußerst genau, weshalb wir wissen, daß sich all dies im Oktober 1864 abspielt, der Krieg also immerhin schon dreieinhalb Jahre andauert. Zeit genug, einen Gegner hassen zu lernen, zumal der Film des öfteren Stichworte wie „Gettysburg“ und „Shermans Marsch“ einstreut. Begriffe, die einem Mann des Südens selbst heute noch die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Ein untypischer „Western“, der in manchem fast an einen Film Noir erinnert – ein Stich ins Melo spricht ebenso dafür, wie eine Erzählung, die nicht nur auf „wahren Begebenheiten“ beruhen soll, sondern sich auch in genauesten Datumsangaben gefällt. Dokumentarisch will das anmuten, blass sind die Farben, fast pastellartig – verweht, so wirkt das alles. Dieser Krieg hat tiefe Wunden in die Seele einer Nation geschlagen und diese Wunden haben oberflächliche Narben hinterlassen, unter denen der Schmerz über den Brudermord noch äußerst virulent ist. Ein Film wie Fregoneses, auf Action und Unterhaltung angelegt, erzählt da mehr drüber als manch ambitioniertes Drama.

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