WASHINGTON SQUARE

Henry James´ vielleicht beliebstester Roman führt das amerikanische Patriarchat vor

Die literarische Welt ist ja voller Mutter- und Vätermonster, die den Leser in Angst und Schrecken versetzen können, einige auf die plumpe Art und Weise, andere mit eher subtilen Methoden. Aber Dr. Sloper, eine der wesentlichen Figuren in Henry James´ Roman WASHINGTON SQUARE (Original erstmals erschienen 1881; Deutsch hier in der Übersetzung von Bettina Blumenberg, 2014/2018) ist schon ein ganz besonderes Exemplar der Gattung Vätermonster.

James´ Roman, der zu seinen erfolgreichsten und beliebtesten gehört, ist sicherlich einer der großen Frauenromane der Weltliteratur – wobei immer zu bedenken gilt, wie bei Flaubert, Tolstoi oder Fontane, daß es Männer waren, die hier Frauen imaginiert haben – aber auch eine sehr subtile Abrechnung mit der patriarchalen, paternalistischen amerikanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Denn Dr. Sloper, ein Gentleman, ein angesehener Arzt, das, was man generell einst Honoratior, eine Stütze der Gesellschaft, nannte, lebt in tiefer Enttäuschung über eine Tochter – Catherine Sloper – die er weder für anmutig, noch für liebreizend und auch nicht für sonderlich intelligent hält. Die Reihenfolge der Aufzählung ist bewusst gewählt, spiegelt sie doch wider, welchen Stellenwert welches Attribut in einer männlichen Welt erhält. Sloper seinerseits ist allerdings intelligent, gebildet und Gentleman genug, seine Enttäuschung hinter einer Fassade der Gelassenheit, der Ironie, gelegentlichem Sarkasmus zu verstecken. Doch als Catherine den jungen Morris Townsend zu ehelichen gedenkt, schlägt diese Haltung in blanken Zynismus um. Denn Sloper verdächtigt den ebenso gewitzten wie intelligenten jungen Mann schlicht der Erbschleicherei. Nicht zuletzt, weil er sich nicht erklären kann, weshalb ein solcher Mann eine Frau wie Catherine auserwählen sollte. Also droht er mit allerhand Maßnahmen, schließlich damit, seine Tochter zu enterben und sein Vermögen verschiedenen Kliniken und Krankenhäusern des Staates New York zu vermachen. Da Catherine allerdings über eigenes Vermögen verfügt – ihre Mutter hat ihr bereits einiges hinterlassen – kann diese Drohung die Tochter nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Es ist hier einmal mehr zu beobachten, wie extrem genau James sein Personal durchleuchtet, ohne dem Leser seine Erkenntnisse aufzudrängen. Im Gegenteil: Der Leser muß sich seine Meinung selbst bilden anhand dessen, was ihm geschildert wird. So bleibt Townsends Motivation immer im Dunkeln. Ist er nun der von Dr. Sloper verdächtigte Erbschleicher? Oder ist seine Zuneigung zu Catherine wirklich ernsthafter Natur? Die letzten Kapitel, in denen sich der nun gealterte Morris Townsend und die ebenfalls gealterte und als Jungfer lebende Catherine noch einmal treffen, deutet zumindest an, daß seine Motive ehrlicher und aufrichtiger Natur waren. Umso trauriger und melancholischer das Ende des Romans, der zu keinem Happyend führt, die Liebenden nicht spät zusammenbringt, sondern sich endgültig voneinander trennen lässt. Vertane Chancen, vertane Lebenszeit.

Da James diesen jungen Mann allerdings als tatsächlichen Hallodri zeichnet, der sein eigenes, bescheidenes Vermögen bereits durchgebracht hat, der lange auf Wanderschaft gewesen ist und sich eines Lebens erfreut hat, in welchem er wenig an die Zukunft, hingegen viel an das Jetzt gedacht hat, ein Hedonist sozusagen, bleibt dem Leser selbst am Ende des Buches Eindeutigkeit verwehrt. Vielleicht wollte Morris Townsend wirklich das Geld – und in einer seiner Auseinandersetzungen mit Dr. Sloper deutet er sogar an, daß einerseits natürlich eine Erbschaft auch ihn reizt, er andererseits aber nicht verantwortlich für eine Enterbung sein will. Dies, so stellt es zumindest Townsends Schwester dar, die hier ebenfalls eine entscheidende, wenn auch undurchsichtige Rolle spielt, sei der Grund gewesen, daß ihr Bruder einst gegangen sei, fort aus der Stadt, fort aus Catherines Leben.

So entwickelt James also nach und nach eine sehr genaue, psychologisch klug durchdachte Geschichte um Liebe, Loyalität und Verrat. Zwar stürzt Dr. Sloper die eigene Tochter ins Unglück, doch versteht der Leser durchaus, welche Motive seinen Handlungen zugrunde liegen. Erst recht der Leser des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Slopers gehören einer Oberschicht an, die sich am titelgebenden Washington Square in New York niedergelassen haben. Sie bilden eine Art amerikanische Aristokratie. Allerdings sind es nicht Abstammung und Familie, die hier den Adel definieren, sondern vor allem Vermögen und der gesellschaftliche Ruf. Dr. Sloper behandelt eben jene neuzeitlichen Aristokraten, er ist aus eigenem Tun zu Vermögen gekommen, er hat sein Schicksal in die Hand genommen und etwas daraus gemacht. Morris Townsend war dies nicht vergönnt – ob aus Unvermögen oder Faulheit, sei einmal dahingestellt. Sloper lässt den jüngeren Mann deutlich spüren, wie sehr er ihn dafür verachtet. Wobei gerade die Dialogsequenzen zwischen den beiden Widersachern aufschlußreich in der Charakterisierung der Figuren sind. Denn Dr. Sloper verdeutlicht, daß er Townsend durchaus zu schätzen wüsste, seinen Witz, seine Bildung und seine Schlagfertigkeit, er gibt ihm zu verstehen, daß er ihn – unter anderen Umständen – vielleicht sogar als Begleiter oder Freund akzeptiert hätte. Nur eben nicht als Schwiegersohn.

Die geschickteste, auch literarisch gelungenste Charakterisierung gelingt James allerdings hinsichtlich seiner eigentlichen, heimlichen Hauptfigur. Catherine Sloper bleibt zunächst etwa so blass, wie ihr Vater sie einschätzt. Sie wird beschrieben, aber – der Roman ist auktorial erzählt, wobei der Erzähler, der sich gelegentlich direkt an seine Leserschaft wendet, die Perspektive ändert, je nachdem, welche seiner Figuren er gerade in den Vordergrund schiebt – selten nur bekommt der Leser direkte Einblicke in ihr Seelenleben. James wählt etliche Dialogsituationen, in welchen in Zwiegesprächen – zwischen Catherine und ihrem Vater, Dr. Sloper und Morris Townsend, Sloper und seinen Schwestern, deren eine selbst in bessere Kreise geheiratet hat, die andere, Mrs. Penniman, in seinem Haus lebt und ihr eigenes Spiel hinsichtlich Catherine und Morris Townsend betreibt, oder aber Sloper und Townsends Schwester – oft über Catherine gesprochen wird, manchmal mit ihr. Doch hat sie gelernt, sich nicht preiszugeben, sich zurückzuhalten und den Zwiespalt zwischen ihrer Liebe zu Morris und der Loyalität zum Vater auszuhalten.

Sie gewinnt aber anhand ihres Tuns, ihrer Taten und Nicht-Taten zusehends an Statur. Sie begleitet ihren Vater auf eine ausgedehnte Europareise, weil er dies so wünscht, natürlich in der Hoffnung, daß sie ihren Geliebten in den Monaten der Abwesenheit und Trennung vergisst. Doch gibt sie nicht nach. Ruhig und gelassen (wodurch James verdeutlicht, daß sie durchaus die Tochter ihres Vaters istn scheint sie diese Attribute doch von ihm geerbt zu haben) erklärt sie ihm, daß sie ihr Vorhaben, Morris Townsend zu heiraten, keineswegs aufgegeben hat. Und bringt Dr. Sloper so das einzige Mal im Roman wirklich aus der Fassung, bringt ihn dazu, seinen Ärger, auch die Verletztheit, daß sie ihm nicht folgt, nicht gehorcht, offen zu zeigen und einzugestehen. Und je weiter der Roman fortschreitet, je schlimmer die Situation für sie emotional wird, desto beherrschter und auch gelassener wird sie. Als der Vater schließlich stirbt und sein Vorhaben, sie zu enterben, wahr macht, stört sie dies keineswegs. Vielmehr beharrt sie darauf, daß das Geld bei den Hospitälern besser aufgehoben sei, sie könne für sich sorgen. Sie will das Testament auch nicht – wie Mrs. Penniman vorschlägt – anfechten. Sie entscheidet sich, auf die Liebe, also auch auf Hochzeit, Ehe und eventuelle Kinder zu verzichten und das zurückgezogene Leben einer „alten Jungfer“ zu führen. Und als Morris dann schließlich, nach nahezu zwanzig Jahren, doch wieder auftaucht, bleibt sie stur. Ihre Zeit war gekommen und ist gegangen. Morris hätte in ihren Augen mehr Mut zeigen müssen, als es darauf ankam. Nun hat sie sich in ihrem Leben eingerichtet und es schätzen gelernt. Es ist eine ungeheure Stärke, die diese Figur ausstrahlt. Eine Frau, die – vielleicht wirklich uninteressant, vielleicht auch einfach nur verkannt – an den Unbilden ihres Lebens, den spezifischen Umständen gewachsen ist und schließlich in sich selbst ruht.

Ihr werden drei entscheidende Frauengestalten entgegengestellt: Da sind zum einen Dr. Slopers Schwestern, von denen allerdings Mrs. Penniman einen weitaus größeren Anteil der Handlung des Romans trägt. Und da ist Townsends Schwester, welche Dr. Sloper mehrfach besucht, um sie über die Hintergründe zum Leben des jungen Morris zu befragen. Während Mrs. Almond, Slopers verheiratete Schwester, ihren Bruder in seiner Haltung bestärkt, gelegentlich mit Klatsch und Tratsch aushilft, um seine Urteile zu stützen, allerdings seine Grausamkeit mißbilligt, beginnt Mrs. Penniman ein eigenes Verhältnis zu Morris Townsend aufzubauen, das einer fürsorglichen älteren Freundin. Dabei ist sie aber insofern auf ihr eigenes Wohl bedacht, als daß sie den Skandal liebt und es ebenso schätzt, ihren Bruder in die Enge zu treiben. Mrs. Penniman ist in vielerlei Hinsicht die stärkste Figur in diesem Reigen. Sie unterwirft sich dem Diktat des Bruders, wohl wissend, daß sie auf seine Fürsorge angewiesen ist, um in der besseren Gesellschaft zu überleben, widersetzt sich ihm allerdings bei jeder sich bietenden Gelegenheit und widerspricht ihm geradezu lustvoll. Und in diesen Widersprüchen offenbart sie ihre tiefe Menschenkenntnis (die der Erzähler und ihr Bruder allerdings mehrfach in Abrede stellen). Oft ist sie diejenige, die Sloper ganz offen mit einer Analyse seines Innersten konfrontiert.

So begreift der Leser mehr und mehr, daß Sloper wirklich Gefallen an seinem grausamen Spiel mit der eigenen Tochter findet. An einem Punkt des Romans gibt er schließlich sogar zu, daß es ihm zum Amüsement gereicht, sowohl Catherine als auch Morris sich winden zu sehen. Die Rolle von Townsends Schwester kann man hingegen als dramaturgisches Hilfsmittel begreifen, nutzt James sie doch, um Slopers Verdacht, bei Morris Townsend handele es sich schlicht um einen Erbschleicher, zu befeuern. Einerseits bricht sie eine Lanze für ihren Bruder, fordert Mitleid für ihn ein, andererseits ruft sie schließlich aus, Sloper möge eine Verbindung zwischen Morris und Catherine um jeden Preis verhindern.

Jede dieser Figuren bleibt relativ erratisch – allein Dr. Sloper wird von James ganz klar in seiner Motivik markiert. Er will vor allem verhindern, daß sein sauer verdientes Geld an einen Hallodri fällt. Zudem genießt er sein Machtspiel gegen einen eindeutig schwächeren Gegner (Morris Townsend) und gegen eine Gegenspielerin, die er im Grunde nicht ernst nimmt (Catherine). Also amüsiert er sich über die vergeblichen Versuche, ihn umzustimmen, zu überzeugen, daß es eine wirkliche Liebe ist, die er da verhindert und sonnt sich in seiner vermeintlichen intellektuellen Überlegenheit gegenüber dem, was er als „schwaches Geschlecht“ betrachtet und gegenüber einem Mann, dessen Lebenswandel er verachtet. James lässt ihm insofern Genugtuung widerfahren, als daß er Morris Townsend, als er sich nach Jahrzehnten bei Catherine meldet, eingestehen lässt, es wirklich nie zu etwas gebracht zu haben – auch, wenn er es in diesen zwanzig Jahren redlich versucht hat. Allerdings zeigt James auch das Patriarchat bei der Arbeit, bei dem elendigen Versuch, auch über das eigene Dasein hinaus seine Macht zu sichern. Ein allerdings ausgesprochen aktuelles Thema.

Henry James äußerte sich gelegentlich sehr abwertend über diesen Roman. Er habe ihn nie sonderlich geschätzt, zähle ihn sicherlich nicht zu seinen stärksten Leistungen. Nun darf ein Künstler sein Werk natürlich nach ganz eigenen Prämissen beurteilen. Das Publikum sah und sieht es anders und folgte der Geschichte der Catherine Sloper und ihrer unglücklichen Liebe nur allzu gern. Und auch Hollywood nahm sich schon früh des Themas an: William Wyler verfilmte ihn unter dem Titel THE HEIRESS (1949) als großes Melodrama und schuf damit einen der zeitlosen Klassiker der Traumfabrik. Henry James seinerseits hat sicherlich einen der großen Romane der amerikanischen Literatur geschaffen.

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