WOLF CREEK

Ein australischer Backwood-Slasher, der erstaunlich gut funktioniert

Die englischen Touristinnen Liz (Cassandra Magrath) und Kristy (Kestie Morassi) und der Australier Ben (Nathan Phillips) unternehmen gemeinsam einen Ausflug in die australische Wüste, sie wollen den ‚Wolf Creek Crater‘ besichtigen, wo einst ein risieger Meteorit eingeschlagen ist. Nach einer Abschiedsparty mit ihren Freunden, fahren sie früh morgens los. Sie fahren hinein in die Weite des australischen Outbacks. Liz fühlt sich zu Ben hingezogen, Cassandra weiß das und will das Glück ihrer Freundin ein wenig beschleunigen. In belustigten Gesprächen mal zwischen Cassandra und Ben, mal zwischen Liz und Cassandra, wird das Für und Wider fester Beziehungen erörtert, doch genauso nehmen die drei die Schönheit der Wüste und ihr eigenes Jungsein, ihr Ungebundensein wahr. An einer Tankstelle kommt es zu einem unangenehmen Zwischenfall, als einige Männer die Frauen überdeutlich belästigen. Ben lässt es zwar auf eine verbale Auseinandersetzung ankommen, doch liegt es ihm fern, sich ernsthaft mit einem der Kerle zu schlagen. Draußen an der Zapfsäule filmt Ben sich mit einer Videokamera selber. Die drei fahren weiter. Eine Nacht verbringen sie auf einem Campingplatz, den Krater erreichen sie schließlich an einem regnerischen Morgen. Sie besichtigen ihn, ruhen sich aus und es kommt zu einer ersten Annäherung zwischen Ben und Liz. Als sie weiterfahren wollen, springt der Wagen nicht mehr an. Zudem stellen sie fest, daß alle Uhren stehen geblieben sind. Während die sich darauf einstellen, die Nacht im Wagen zu verbringen, nähert sich ein Wagen. Es ist Mick (John Jarratt), der ihnen anbietet, ihren Wagen in sein Camp zu schleppen, da bekäme er ihn wieder ans Laufen. Die Fahrt in dieses Camp kommt Liz, Ben und Kristy erstaunlich lang vor. Dort angekommen, bereitet Mick ihnen ein warmes Mahl und gibt ihnen von seinem hochgelobten Wasser zu trinken. Der Abend vergeht am Lagerfeuer mit Micks Geschichten von der Jagd, aber auch unterschwelligen Gereiztheiten, als er sich von Ben als Hinterwäldler hingestellt fühlt. Schnell macht er klar, worauf es ankommt, will man hier, mitten in der Wildnis, überleben. Als Liz am nächsten Morgen erwacht, liegt sie mit Kabelbindern gefesselt in einem Lagerraum des Camps. Sie kann sich befreien und wird Zeuge, wie Mick Kristy fürchterlich quält und demütigt. In einem Moment der Unachtsamkeit gelingt es ihr, ihre Freundin zu befreien, kann Mick sogar verletzen und gemeinsam versuchen Liz und Kristy mit einem der unzähligen Wagen, die im Camp rumstehen, zu fliehen. Doch Mick, der scheinbar unverletzt ist, taucht erneut auf und folgt ihnen. Liz kann mit einer Finte dafür sorgen, daß ihr Verfolger vorübergehend glaubt, die Frauen seien tot. Sie und Kristy kehren zum Camp zurück, wo Liz auf der Suche nach Ben und einem anderen Wagen in einem Lager etliche Gegenstände findet, die darauf hindeuten, daß hier bereits andere Touristen in die Falle getappt sind. Liz findet auch Kameras und kann so feststellen, daß es die immer gleiche Masche ist – Wagen,  die nicht mehr anspringen und Mick als Helfer – denen die Opfer aufgesessen sind. Als sie Bens Kamera findet und den Film sieht, den er an der Tankstelle aufgenommen hatte, kann sie Micks Pick-Up in einem Bildhintergrund erkennen. Offensichtlich ist er ihnen schon geraume Zeit gefolgt. Mick überrascht Liz, als die versucht, ein neues Fluchtfahrzeug zu holen. Er prügelt sie und schneidet ihr dann die Finger einer Hand ab, als sie dennoch zu fliehen versucht, durchtrennt er ihr das Rückenmark und lässt die nun vom Kopf abwärts Gelähmte einfach liegen – „Kopf am Stil“ nennt er dieses Verfahren. Kristy ist derweil die Flucht zur Straße gelungen, wo sie von einem Farmer aufgenommen wird. Während dieser ihr aus dem Kofferraum etwas Trinkbares holen will, wird er erschossen. Kristy versucht, mit dem Wagen zu entkommen, Mick drängt sie von der Straße ab und erschießt sie dann in einer regelrechten Hinrichung. Ben, den Mick gekreuzigt und an eine Wand in einem Verlies seines Camps gehängt hat, kann sich unter erheblichen Qualen und Schmerzen befreien, schließlich flieht er, wird von einer Sonnefinsternis überrascht und erreicht schließlich einen Highway, wo ihn ein schwedisches Touristenpaar findet und mitnimmt.

Es erstaunt den geneigten Betrachter immer wieder, wie es einzelne Werke schaffen, aus einem Haufen Hundertfach durcherzählter Einzelteile doch erneut etwas Originelles zu basteln, ihnen eine neue Perspektive abzugewinnen, einen bisher unbeachteten Twist zu erproben, eine nicht genommene Abzweigung auszuprobieren. WOLF CREEK (2005) gelingt genau dieses Kunststück.

Die Story ist derart simpel – Touristen fahren ins Outback, Wagen ist kaputt, sie begegnen dem falschen Kerl, es wird gehackt, geschnippelt und geschmort und am Ende sind alle hin und der Weg hin zum Hinsein ist…nun ja…ein Passionsweg – daß man sich fragt, wie es irgend möglich sein sollte, dem noch irgendeinen Aspekt abzugewinnen, der noch nicht durchexerziert wurde. Regisseur Greg McLean bedient sich dafür ebenso abgegriffener wie durchaus respektabler Tricks und Kniffe: Er kennt seine Vorbilder sehr genau und baut also direkte Reminiszenzen ein – von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) bis WRONG TURN (2003), mit Abstechern bei THE HITCHER (1986) und etlichen Backwood-Slashern der vergangenen drei Dekaden, wird so ziemlich alles gegrüßt, was Rang und Namen hat. Zudem pappen die Macher allen Ernstes ein „Wahre Begebenheiten“-Etikett vor den Film, heutzutage eher ein klarer Hinweis auf den folgenden Mangel an Originalität und vor allem Kreativität. Und doch geht das alles auf.

Denn all das wird durch eine kleine aber feine Riege gut aufgelegter und vor allem gut gewählter Schauspieler, die einigen Mut für diese Rollen aufbringen, aufgewogen. Casandra Magrath, Kestie Morassi und Nathan Phillips sind hervorragend als Typen gecastet, sie entsprechen den Vorstellungen zeitgenössischer Studenten und vermögen es, ein Gefühl von Abenteuerlust, Freiheit und des ungebärdigen Jungseins zu vermitteln. Man nimmt diesen drei jungen Menschen sofort ab, daß sie einem langen Trip und einige schöne Tage vor sich haben. Sie sind frei und bar aller Sorgen; die Frage, wer schlußendlich mit wem, ist das eigentliche Thema um das sich alles dreht. Genau diese Harmlosigkeit vermitteln die Schauspieler perfekt. Hinzu kommt der Mut der drei – in diesem Fall muß man fairerweise sagen: der beiden Frauen vor allem – ungeschminkt vor die Kamera zu treten, denn dies erhöht den Grad an Authentizität doch enorm, gerade in den einleitenden Szenen, die uns lange, sehr lange einen vergleichsweise entspannten Ferientrip suggerieren. Das „beruht auf wahren Begebenheiten“-Etikett bekommt dadurch noch eine ganz andere Beglaubigung. Einsamer Höhepunkt der dargebotenen Schauspielkunst ist jedoch – zumindest solange das Drehbuch ihm die Möglichkeit dazu gibt – John Jarratt als Mick Taylor. Wie er Ben am Lagerfeuer beobachtet und unterschwellig zu provozieren versteht, wie er es schafft, einen Keil zwischen die Damen und ihren männlichen Begleiter zu treiben, wie er in seiner Jovialität den Eindruck vermittelt, alles sei Bestens, lässt auch den Zuschauer im GLauben, daß alles mit rechten Dingen zugehe, obwohl der ja längst ahnt, daß er es hier mit Mimikry zu tun hat. Man erwartet ein Monster à la ‚Leatherface‘, jenem grenzdebilen Ungeheuer, das die Familie in THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE mit Frischfleisch versorgt, und bekommt stattdessen  einen recht freundlichen, durchaus humorvollen, in seiner Einsamkeit vielleicht ein wenig verschroben wirkenden Mann, der offensichtlich weiß, was er tut und bereit ist zu helfen – wenn auch zu seinen Bedingungen. Mick Taylor darf man getrost zu den besseren jener Legionen von bedrohlichen Außenseitern, seltsamen Einsiedlern und knochenbrechenden Knackern zählen, die den moderneren Horrorfilm seit den 1970er Jahren bevölkern.

Doch was wäre all dies ohne die Kamera, die die Schauspieler erst einfängt und in Szene setzt? Und nicht nur die, sondern eben auch jene Bilder, die den Zuschauer überzeugen müssen, sich trotz vorhersehbarer Entwicklungen auf das Ganze einzulassen. Kameramann Will Gibson gelingen teils atemberaubende Aufnahmen der australischen Wildnis. Die rote Wüste, die sich unter blauen Himmeln in manchmal bizarren Gesteinsformationen, manchmal sanften Hügeln, oft schroffen Felslandschaften ausbreitet, mag ein dankbares Motiv sein, doch korrespondieren die Bilder perfekt mit der  Stimmung der drei Reisenden und vermögen dennoch schon zu einem frühen Zeitpunkt des Films eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. So überwältigend weit sind diese Räume, daß man sofort die Bedrohung spürt, die von ihnen ausgeht: Wer sich hier verliert, der ist verloren, ein für alle Mal. So wirken die Totalen, die den dahingleitenden Wagen auf den endlosen Highways einfangen, zwar wie Bilder aus einem Werbespot für Südwestaustralien, wo der Film gedreht wurde, doch passt eben genau das zur Stimmung der drei Protagonisten. Während der langen nächtlichen Fahrt, wenn Mick die drei in sein Lager schleppt, kontrastiert die absolute Dunkelheit mit eben jener Offenheit der vorherigen Bilder. Wir wissen, daß der Konvoi sich durch eine Geröllwüste bewegt, freilich ist davon nichts, wirklich rein gar nichts außerhalb des Scheinwerferkreises des Zugwagens zu sehen. Weite wird zur Beklemmung – mal sichtbar, mal unsichtbar.

Wenn es dann zur Sache geht und Liz nach und nach begreift, womit und mit wem sie es eigentlich zu tun haben, springt die Kamera unangenehm nah an offene Wunden, Schnittstellen im Fleisch, abgetrennte Gliedmaße heran, erfreut sich an allerlei blutigen Details und kann sich des Vorwurfs nicht erwehren, eine gewisse voyeuristische Schaulust zu bedienen. Aber hey – es ist ein Horrorfilm, bzw. ein sehr, sehr harter Thriller, was will man da erwarten? Zumal die Kamera in dem Moment, in dem das Schicksal der Figuren sich entscheidet, durchaus in eine angemessene Distanz zu wechseln und ihnen Respekt zu zollen versteht. WOLF CREEK bietet dann ab eines bestimmten Zeitpunkts, mit Eintritt der Eskalation, ein Szenario, wie es so schon tausendfach geschildert wurde. Am Ende entpuppt Mick sich dann eben doch als das Monster in Menschengestalt, sind seine Bedürfnisse schlicht die aller 08/15-Slasher: Sexuelle Ausbeutung und Spaß am Schmerz der anderen. Interessanterweise verliert die Figur genau dann nicht nur das Interesse des Zuschauers, sondern in gewissem Sinne auch das des Films. In den letzten 20 Minuten, die ganz dem Überlebenskampf unserer drei Touristen gewidmet sind, wird Mick zu einer Bedrohung, die immer und überall lauert, aus dunklen Ecken hervorbrechen und fürchterlichen Schmerz, grausige Vernichtung, übles Leid bringen kann, sie als solche dann für das Publikum allerdings auch wieder berechenbar wird. So wie Mick verhalten sich nahezu alle weltlichen Killer in nahezu allen harten Thrillern. Ab hier kann der Zuschauer recht bequem in den Modus schalten, in welchem er schon etliche Verfolgungsjagden und Katz-und-Maus-Spiele verfolgt hat.

Der Fokus liegt in diesen Schlußminuten zunächst auf Liz, dann auf Kristy und schließlich auf Ben, dem unter fürchterlichen Qualen die Flucht gelingt. Daß WOLF CREEK für mindestens zwei seiner drei Protagonisten kein gutes Ende nehmen wird, kann man sich bereits sehr früh denken. Die Frage ist: Wer schaffts? Und vor allem – wie? „Nach einer wahren Begebenheit“ kann ja nur bedeuten: Einer hat es berichtet. Der muß es ja überlebt haben. Im Abspann wird uns erklärt, daß Ben vier Monate in Untersuchungshaft gesessen habe, in Ermangelung der Leichen und eines Tatorts aber wieder entlassen wurde und in Südaustralien lebe. Die Härte, die diese letzten Szenen des Films haben, beglaubigt die Geschichte und macht den Film trotz des vorhersehbaren Ablaufs spannend. Die Kälte, mit der das finale Schicksal der Frauen inszeniert wird, ist durchaus ein Schock und sorgt dafür, daß der Film nachwirkt, lang über sein Ende hinaus. Ben, der eine wahre Passion durchleidet, um fliehen zu können, wird sein Leben nach diesem Er-Leben kaum mehr frei und unbelastet führen können. Und einen Ausflug in die Weite der australischen Wüste wird er sich zukünftig wahrscheinlich eher verkneifen. Er hat überlebt – angeblich werden jährlich 30.000 Menschen in Australien als vermisst gemeldet, 90% tauchen wieder auf, einige werden nie wieder gesehen – das sollte ihm Gerechtigkeit genug sein. Die Wüste ist größer und stärker als menschliches Begehren nach Gerechtigkeit.

Mick sehen wir in eine gleißende Sonne über der Wüste hineinwandern, in deren Glimmen er langsam verschwindet. Ein Geist der Wüste, ein Dschinn, der Dämon des Outbacks, wo sich Wahrheit und Mythos überschneiden. Er hatte den drei Studenten am Lagerfeuer erzählt, daß es Plätze wie den, den er sich als Camp zurecht gemacht habe – eine alte Mine – tausendfach in Australien gäbe. So wird er also weiterwandern und sich einen anderen Ort suchen, wo er seine atavistischen Bedürfnisse wird ausleben können. Aber ist er ein „einfacher“ Serienkiller? Oder eben wirklich eine Art Dämon? An einigen Stellen spielt der Film zumindest mit der Möglichkeit, daß wir es mit übernatürlichen Phänomenen zu tun haben: Die stehengebliebenen Uhren am Krater, Micks scheibare Unverwundbarkeit und die Sonnefinsternis, die im Grunde überhaupt keinen dramturgischen Nutzen hat, außer sie soll Bens Rückkehr ins Leben symbolisieren. Es ist nicht wirklich wesentlich, doch sind es eben solche kleinen, fast nebensächlichen Details, kleine Ambivalenzen, die aus einem herkömmlich wirkenden Film eben einen modernen Kultfilm machen. Und genau das ist Greg McLean gelungen.

Mick Taylors Erscheinung ist viel zu gelungen, um sie nicht erneut in Szene zu setzen. Was der Regisseur nach einigen Finanzierungsschwierigkeiten dann auch getan hat. So sah man sich also wieder – in WOLF CREEK 2 (2013). Der Weg allen Erfolges: Es ist ein Horrorfilm, es ist das Gesetz der Serie, also…

 

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