MANIAC (2012)

Die gelungene Neuverfilmung eines Klassikers des Splatter- und Midnite-Movies

Man muß sagen: Eine rundum gelungene Neuverfimung. Schon das Original gab sich Mühe, Einblicke in die verstörte Psyche Frank Zitos (damals Joe Spinell, hier: Elijah Wood) zu gewähren und blieb somit bei aller gezeigten Gewalt doch einer der besseren Filme des Genres. Nun setzt die Neuverfilmung auf gewagte filmische Konzepte, um dem Täter noch näher zu kommen: Eine (nicht gänzlich durchgehaltene) radikal subjektive Perspektive, die uns einigen (die meisten) Tötungen so sehr nahe bringt und durch die Augen des Mörders wahrnehmen läßt. Das Blickfeld wird an den Rändern oft wässrig-trüb, wenn Frank seine „Zustände“ kriegt und entweder Tabletten nehmen (gegen die „Kopfschmerzen“) oder aber auf Jagd gehen muß. Er ist Erbe eines Fachgeschäfts für die Restaurierung von Schaufensterpuppen. Doch hegt er ein ganz eigenes, weit über das Maß eines Meisters zu seinem Material hinausgehendes Verhältnis zu ihnen. Sie werden ihm zum Ersatz für Menschen, die scheinbar nur in seinem Kopf existieren, vor allem seiner Mutter. In Rückblenden sehen wir mehrmals, wie der kleine Frank einst Zeuge der sexuellen „Abartigkeiten“ seiner Mutter wurde. Ihr Tod scheint ihn nachhaltig verstört zu haben. Einerseits braucht er sie als Halt und Refugium in der Welt, zugleich haßt er sie für das, was sie ihm angetan hat. Und somit werden ihm Frauen generell zur Projektionsfläche seines Hasses. Als er die Fotografin Anna (Nora Arnezeder) kennenlernt, die sich für seine Puppen interessiert, gelingt es Frank, ein echtes Gefühl der Zuneigung aufzubauen, das jedoch durch die Oberflächlichkeit der Menschen, die er u.a. auf der Vernissage von Annas Ausstellung trifft, wieder unterminiert wird. Er tötet Annas Freundin Rita (Jan Broberg) und schließlich auch Anna und deren Nachbarn. Anna kann ihn allerdings noch schwer verletzen und so schleppt sich Frank sterbend in sein Atelier, wo ihm Wirklichkeit und Phantasie endgültig in eins verwischen: Er wird von den Puppen, die nun die Antlitze seiner Opfer tragen, in Stücke gerissen.

1980 bescherte William Lustig der Gemeinde des damals noch recht jungen Horrofilm-Subgenres „Splatter“ einen Kultfilm der Sonderklasse: MANIAC. In Deutschland seit Jahr und Tag auf dem Index, erstaunt es umso mehr, daß nun die Neuverfilmung von Frank Khalfoun (P2 – SCHREIE IM PARKHAUS/2007) unter der Federführung des neuen Großgurus des Splatter- und Gorefilms Alexandre Ajas (HIGH TENSION/2003; THE HILLS HAVE EYES/2006) unbeanstandet in Deutschland erscheinen konnte.

Der Film gibt sich sehr viel Mühe mit seinem Look, die Fahrten durch ein kaum wiedererkennbares Los Angeles werden ähnlich traum- und trancehaft eingefangen, wie Nicolas Winding Refn dies in DRIVE (2011) tat. Elijah Wood gibt Frank eine drängende und schwer erträgliche Glaubwürdigkeit (und spielt nebenher kräftig gegen sein Frodo-Image aus den HERRN DER RINGE-Filmen an). Der Kunstgriff, den Zuschauer im Grunde alles nur durch Franks Augen sehen zu lassen und dabei das Risiko einzugehen, daß die Bilder auch mal verschwommen und deutlich zu dunkel geraten, wenn er des nächtens unter den neongelben Lampen der Straßenbeleuchtungen herfährt, daß wir unklar sehen, wenn sich Franks Blickfeld eintrübt etc., gibt dem Film einen authentischen und manchmal fast dokumentarischen Charakter. Und die Methode der Distanzierung, wenn die Kamera dann eben doch ein paar Mal „entäußerte“, „auktorial-neutrale“ Positionen einnimmt und uns das Geschehen – so v.a. beim Mord an Rita – dann eben doch voll sichtbar präsentiert, geht ebenfalls auf: Dieser Mensch ist sich selbst entäußert, er ist er und doch nicht: Wir können ihn mehrmals sprechen hören, wie er jemanden auffordert, ihn „in Ruhe zu lassen“, „weg zu gehen“, „aufzuhören“. Wen meint er? Seine Mutter, die er als Grund allen Ünbels ausgemacht zu haben scheint? Oder meint er doch eher sich selbst, den Teil in sich, der ihm kein „normales“ Leben inklusive Freundin, heller Tage und Sonnenscheins gönnt?

Im Kontext dieser Versuche, sehr nah an Frank heranzukommen, ist auch die gezeigte Gewalt eben kein Selbstläufer. Gemessen an einem Film wie Ajas eigener Neuverfilmung des Wes-Craven-Klassikers THE HILLS HAVE EYES (1977) ist sie hier eher gemäßigt (zugegeben, das Ende und enige Tötungssequenzen haben es in sich) und spärlich eingesetzt. Fast wollte man meinen, den Produzenten sei sie nicht einmal wirklich wichtig gewesen. Ganz offensichtlich lag das Augenmerk hier eher auf Atmosphäre (wenn Frank in seinem Atelier auf seinem Bett liegt, umgeben von mit blutigen Perücken geschmückten Schaufensterpuppen und Massen von Fliegen, gegen die er vergeblich versucht, mit Insektenspray vorzugehen, dann sind das schon delirierend kranke Momente, die mit Polanskis REPULSION (1965) zu korerspondieren scheinen) und der Eindringlichkeit der Beziehungen der Figuren zueinander. Die Atmosphäre wird neben den Bildern (natürlich) auch von einem überzeugenden Synthie-Soundtrack erzeugt, der an all die Untermalungen diverser italienischer Horror- und Giallofilme der 70er und 80er Jahre denken läßt.

Aus alldem erwächst allerdings auch der einzige echte Kritikpunkt an dem Film: Spannend ist das alles eher nicht. Man kommt sich manchmal vor, wie in einem schwer erträglichen Arthousefilm (verwiesen sei hier auf die surrealen Bilderwelten eines Alejandro Jodorowsky) oder einer – dann allerdings doch etwas oberflächlich geratenen – Psychostudie. Zu klar ist, worauf das alles hinauslaufen muß, zu klar ist, daß Frank keine Zukunft hat, zu klar ist, daß wir hier einem kranken Geist auf dem Weg zur Hölle zuschauen. Damit wird der Film allerdings seinem Vorgänger gerecht, der genau diese Merkmale aufweist. So funktiniert tut das alles letztlich ganz hervorragend. Ein unangenehmer kleiner Film, der manchmal wirklich „unter die Haut“ geht und einen so schnell auch nicht wieder losläßt. Und das gelungene Remake eines berüchtigen Vertreters des Genres.

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