HENRY – PORTRAIT OF A SERIAL KILLER

Henry - ein Symbol für Reagans Amerika

Auf dieser Schattenseite – hier: Chicago – Amerikas leben Menschen wie Henry (Michael Rooker in seiner ersten Rolle) und Otis (Tom Towles), die sich aus dem Knast kennen, wo Henry für den Mord an seiner Mutter einsaß. Otis‘ Schwester Becky (Tracy Arnold) stößt zu den beiden, nachdem sie ihren Mann ver- und ihre Tochter bei den Eltern gelassen hat. Die drei leben eine Art Wohngemeinschaft. Henry arbeitet als Kammerjäger, Otis an einer Tankstelle und Becky findet einen Job im Frisiersalon. Abends sitzen sie zusammen und spielen Karten, essen, trinken Bier und unterhalten sich schleppend. Otis erzählt Becky davon, daß Henry seine Mutter mit einem Baseballschläger umgebracht habe. Er nimmt ihr das Versprechen ab, nicht mit Henry drüber zu reden. An einem der folgenden Abende ist Otis unterwegs und Becky erzählt Henry beim Kartenspiel von ihrem Vater und wie der sie mißbraucht hat. Dann fragt sie ihn nach dem Mord an seiner Mutter. Ja, er habe sie erstochen, berichtet Henry, den die Unterahaltung deutlich mitnimmt. Dann kommt er ins erzählen und berichtet davon, wie seine Mutter trotz der Anwesenheit des damals kleinen Henry und dessen Vaters Männer mitgebracht und mit diesen geschlafen habe, manchmal habe er, Henry, zuschauen und dabei Frauenkleider tragen müssen. Da habe er sie eines Abends erschossen. Erschossen? Ja, nein, erstochen…Henry und Otis fahren mit dem Wagen durch die Gegend und nehmen zwei Prostituierte mit. Während Otis sich mit der einen auf dem Vordersitz vergnügt, erwürgt Henry die andere auf dem Rücksitz und tötet dann auch Otis‘ Gespielin. Otis ist außer sich, aber Henry beruhigt ihn und erklärt ihm, wie man zu töten hat, damit man nicht gefasst wird. Außerdem gehe es immer nur darum: Die oder wir. Otis tritt in einem Wutanfall den Fernseher kaputt und die beiden fahren los, einen neuen besorgen. Der Verkäufer verhöhnt sie dafür, daß sie kaum Geld hätten. Sie hören sich das eine Weile an, dann töten sie den Mann, indem sie ihn erwürgen, mit einer Elektrode erstechen, ihm einen Fernseher auf den Kopf schlagen und den dann ans Stromnetz anschließen. Für Henry Routine, für Otis ein vollkommen neues, befreiendes Erlebsnis. Er nimmt eine Handkamera mit. Ein Collegeboy linkt Otis bei einem Drogendeal – Otis würde ihn am liebsten umbringen, doch Henry macht ihm kar: Niemals jemanden, den man kennt! Sie fahren los und erschießen in einer Unterführung einen Autofahrer. Henry und Otis sitzen vor dem Fernseher und schauen sich selber zu, wie sie eine Frau vergewaltigen, deren Mann foltern udn schließlich, als der Sohn durch die Tür tritt, alle töten. Otis läßt den Film zurücklaufen, Henry will wissen, was er da mache, Otis sagt, er wolle alles noch einmal sehen und läßt den Film im Frame-to-Frame-Modus laufen, die Morde werden zu bizzaren Todestänzen in Superzeitulupe. Zwischen Henry und Becky kommt es zu einer Annäherung, sie will zurück und fragt ihn, ob er mitkäme. Ihr Mann säße im Knast. Henry sagt vielleicht. Sie werden intim, als Otis betrunken im Bett liegt. Gerade als es zu ernsthaften Körperlichkeiten kommt, steht Otis in der Tür. Henry entschuldigt sich und geht. Als er von einem kurzen Spaziergang zurückkommt, trifft er Otis dabei an, wie der Becky vergewaltigt. Gemeinsam töten Becky und Henry Otis und schneiden ihn dann auseinander, um ihn zu entsorgen. Sie fahren aus der Stadt, Henry wollte eigentlich immer nach Westen, da habe seine Schwester eine Pferdefarm. Sie fahren durch die Nacht, schlafen schließlich in einem Motel. Am nächsten Morgen kommt Henry aus dem Zimmer, fährt los, hält an einem Highway, steigt aus und holt einen schweren Koffer aus dem Kofferraum. Diesen stellt er an den Straßenrand und fährt davon.

Unter den berüchtigten, indizierten Filmen wie William Lustigs MANIAC (1980) oder Sam Raimis THE EVIL DEAD (1981), nimmt John McNaughtons Erstlingswerk HENRY – PORTRAIT OF A SERIAL KILLER von 1986 eine Sonderstellung ein. Wo Lustig in seinem streckenweise auch langweiligen Slasherfilm nahezu delirial wird, wenn es zur Gewalt kommt, wo Raimi in seiner eher ironisch gemeinten Höllen-Zombie-Geisterbahn momentweise wirklich Grauen zu erzeugen weiß und ansonsten die Grenzen des Zeigbaren deutlich auszudehnen sucht, hat man beim Betrachten dieses Films eher das Gefühl, einer Sozialstudie beizuwohnen. McNaughton berichtet von Amerikas Schattenseiten, von der „other side of the street“, eben nicht der Sonnenseite. Er erzählt uns von dort, wo der White Trash zuhause ist, wo die leben, die wenig bis nichts haben, außer einer grimmigen und manchmal zynischen Sicht auf die Welt.

Ist das ein Horrorfilm? Nein, sicherlich nicht. Ein Terrorfilm? Nicht einmal das. Womit hat man es hier zu tun? Lose auf der Biographie des Serienmörders Henry Lee Lucas basierend, scheint McNaughton nichts an einem dramaturgischen Spannungsaufbau zu liegen, auch will er keine Psychostudie liefern. Er zeigt uns zwei „ganz normale Menschen“ aus der Unterklasse (dies ist eines der wenigen psychologischen Indizien: Henry und Otis töten fast immer „nach oben“ – also sozial Höherstehende; mehrmals lassen sie Menschen „gehen“, die offensichtlich ihrer Klasse entstammen, ob dies jedoch nicht einfach rein pragmatische Gründe hat, sei einmal dahin gestellt), die einem etwas ungewöhnlichen Hobby nachgehen. Wobei in Henrys Fall nicht einmal das stimmt: Während wir ihm in den ersten Minuten des Films durch seinen gewöhnlichen Alltag folgen, werden Bilder von Henrys Opfern zwischengeschnitten – sie sitzen auf öffentlichen Toiletten, liegen in Abwassergräben oder zerstückelt in ihrer eigenen Küche – und die Tonspur des Films vermittelt uns Eindrücke ihrer letzten Sekunden. Wenn wir Henry beim Töten beobachten, fällt sofort auf, daß er weder sonderlich erregt ist, noch wütend oder aufgebracht. Er erledigt „seinen Job“ (als rituelle Wiederholung des Mordes an seiner Mutter? Die beschriebene Szene zwischen Henry und Becky ist das einzige Mal, daß wir Henry emotional erregt erleben, zugleich kann er sich offensichtlich nicht erinnern, wie er seine Mutter nun eigentlich umgebracht hat – die Wahl der Mittel, erklärt er an anderer Stelle Otis, sei unbedingt zu beachten, damit nie ein „modus operandi“ feststellbar sei; sogar als Mörder bleibt Henry ein Niemand, ohne Persönlichkeit, ohne „Abdruck“); Otis ist eher derjenige, der nach dem Schock des ersten Mals wirklich eine gute Zeit hat und die Morde als Blitzableiter, als Ventil und zur eigenen Belustigung nutzt. Otis wirkt weitaus eher wie der uns aus unzähligen Slasher-, Splatter- und Serienemörderfilmen bekannte „Psycho“, Henry ist ein vollkommen in sich ruhender, der Welt schlicht gleichgültig gegenüberstehender junger Mann.

Worum, fragt man sich, worum geht es John McNaughton in diesem Film? Nahezu eine No-Budget-Produktion, ausschließlich ‚on location‘ in den Straßen Chicagos (eher: den Straßen der vollkommen gesichtslosen Außenbezirke von Chicago) und den Behausungen der Beteiligten gedreht, gibt HENRY… ein gutes Stück dreckiges Americana wieder. Auf grobkörnigem Material hergestellt, verweist der Film auf die New-Hollywood-Produktionen der 70er Jahre, die ebenfalls oft Ausschnitte des „realen“ Amerikas präsentierten. Die nächtlichen Fahrten durch neonbeleuchtete Unterführungen, Strips und Backstreets, die Appartements mit den abgerissenen Tapeten, den Stockflecken, den dunklen Ecken zwischen Spüle und Kühlschrank, die raue Sprache fast aller Protagonisten (auch hier sticht Henry heraus – eigentlich nie während des Films wird er laut, nie verfällt er in Gossensprache, nie hört man ihn fluchen), die dreckigen Bars und Burger Joints – das, was der Film uns zeigt, ist Amerika nach 5 Jahren Ronald Reagan. Ein Amerika, das durch die hyperkapitalistischen Verzerrungen dieser Jahre eine Unterschicht produziert hatte, die, noch einmal einige Stufen abgerutscht, wirklich ums nackte Überleben kämpfte. Die Brutalität, mit der Farmen zwangsenteignet, Menschen aus ihren Häusern vertrieben und das Land in teils bittere Armut gestürzt wurde, wird in HENRY… sowohl als Film wie auch in der titelgebenden Figur virulent. Er ist im Grunde keine Persönlichkeit, Henry ist ein Typus, ein Zeichen. Er ist die Fleisch gewordene Kälte und Gewalt dieser Jahre Anfang bis Mitte der 80er. Ein Spiegel dieser Gesellschaft ebenso, wie er ihr Produkt ist, ein Reagenz. Otis, der dem uns bekannten Killertypus viel mehr entspricht, wird von Henry eingeladen, mitzutun, sie gehen ein Stück des Wegs gemeinsam, dann bringt Henry ihn um und zieht alleine weiter. Daß der Film hier seine einzige echte dramaturgische Bewegung macht, indem die Dinge sich durch Beckys Annäherung, Otis Vergewaltigung und die daraus sich entwickelnde Situation zuspitzen, sollte keinesfalls überbewertet werden. Sollte hier wirklich so etwas wie „Emotion“ seitens Henrys im Spiel gewesen sein, wird dies sofort konterkariert, wenn wir Henry am folgenden Morgen allein aus dem Motelzimmer in irgendeiner Industriegegend kommen sehen – dieser Typ macht immer weiter, wir haben ihn ein wenig begleitet, jetzt ist der Film aus und er macht eben alleine weiter, ohne Becky, ohne Otis und ohne uns…als sei das alles schon tausendfach so geschehen und wird noch tausendfach sich wiederholen.

Diese Verankerung in einer amerikanischen Hyperrealität macht den eigentlichen Terror des Films aus. Die Gewaltszenen sind momentweise drastisch (v.a. Otis‘ Ermordung ist schon eine der heftigeren Szenen im Splatterfilm der 80er Jahre; ebenso der Mord an dem Elektrohändler), doch ist es nicht so, daß sie ausgekostet würden oder im Film unbedingt mehr Gewalt vorkäme als für diese Erzählung nötig. Und wenn sie ausbricht, ist sie fast ebenso beiläufig und alltäglich, wie alles andere hier. Allein Otis‘ perverse, bis ins Nekromanische gehende Verzückung während der Folterung und Tötung der Familie, verdeutlicht uns, daß wir es hier mit etwas eben nicht ganz so Alltäglichem zu tun haben. Etwas, das vielleicht, möglicherweise nicht sein sollte? John McNaughton bedient sich hier eines brillanten Kniffs: Er zeigt uns die gesamte Szene nur und ausschließlich als „Film im Film“. Otis wird immer wieder fasziniert vor seinem Camcoder gezeigt, den er irgendwo hat mitgehen lassen. Er filmt daheim, er filmt auf der Straße, er filmt heimlich und offen und  dann eben auch die Morde. Entfremdung? Distanzierung? Jedenfalls wendet sich McNaughton in diesem Moment, dieser spezifischen Szene, direkt an uns, die Zuschauer, das Publikum, denn in dem Moment, da wir der Szene bei der Familie beiwohnen, sind wir von Otis und Henry nicht mehr zu unterscheiden: Wie sie, sitzen wir passiv da und schauen uns diese grauenerregenden Momente an. Die Entfremdung wird also zugleich ins Äußerste getrieben und zurückgenommen: Wir sehen eben „nur“ einen Film, den allerdings direkt zusammen mit den Tätern, die in diesem Film zu sehen sind. Das Prinzip hat Michael Haneke später aufgegriffen und verfeinert, bzw. in FUNNY GAMES (1997)  – ein Film, der vielleicht vergleichbar mit HENRY… ist – in noch ganz andere Bereiche getrieben.

Wenn wir also in einer an sich schon kühlen, vereinzelten, verarmten und verrohten Gesellschaft leben, in der uns Gewalt und der Schmerz anderer zur Unterhaltung gereichen – wieso wundern wir uns dann über einen Typen wie Henry? Das scheint die zentrale Frage zu sein, die dieser Film sich und uns stellt. Es ist ein teils widerlicher Film, aber ganz sicher auch ein wichtiger, einer, der uns – wie so viele „widerliche“ und wichtige Undergroundfilme – schon die richtigen Fragen stellt. Immer gut, wenn sowas eben nicht im Mainstream passiert, nicht wahr, denn dann kann man es besser in der Schmuddelecke bannen…das Grauen…

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