GLÜCKSKIND MIT VATER

Aus dem geglückten Leben

Vielfach ist zu hören, die deutsche Literatur sei lahm geworden, ohne Biss und risikolos. Wo sei er, der große deutsche Gegenwartsroman, oder, besser: Wo sei der große Deutschlandroman zur Gegenwart? Nun wäre es sicher interessant, anhand der jüngsten deutschen Literatur der Frage nachzuspüren, inwiefern Gesellschaften, die in das Stadium des „Post-„ eingetreten sind, auch als postdramatisch angesehen werden können. Oder gar als solchermaßen angesehen werden müssen. Und daran anschließend drängte sich die Frage auf, was eine postdramatische Literatur dem Leser eigentlich noch mitzuteilen hätte? Wenn die großen Erzählungen aber auserzählt sind, das Dramatische seine Wirkung verfehlt, muß man vielleicht vom Austauschbaren, von den kleinen Sensationen im Alltäglichen, von den Lebensläufen berichten, die einander immer und immer zu gleichen scheinen. Vielleicht braucht es eine Sprache, mit der es gelingt, gerade im scheinbar Austauschbaren das individuell Einzigartige zu entdecken. Vielleicht wäre der „große deutsche Roman“ gerade einer, der vom Unauffälligen erzählt, dem es dabei aber gelänge, eben jenes Bedrückende, das die vergangenen siebzig Jahre deutscher Erinnerungskultur so eindeutig bestimmt, ja beherrscht hat, einzufangen, ohne Immergleiches wiederzukäuen.

Christoph Hein könnte als eine frühe Antwort auf genau diese Fragen betrachtet werden. Er besitzt die Sprache, er besitzt die sprachliche Sensibilität, die stilistische Sicherheit, den beschriebenen Balanceakt zu wagen. Seit geraumer Zeit, vielleicht seit dem Roman LANDNAHME von 2004, reduziert der Autor seine Sprache zusehends, vermeidet Ausschmückungen, erzählt immer schnörkelloser und damit direkter, deskriptiver, näher an den Dingen selbst und zugleich sprachlich immer distanzierter gegenüber dem Berichteten. Ein Effekt, der seinen jüngeren Erzählungen und Romanen eine eigentümliche, manchmal eigenwillige Spannung verleiht, die nicht immer trägt, wie der direkter Vorgänger WEISSKERNS NACHLASS leidvoll erfahren musste; wenn sie jedoch gelingt, eine ganz eigene erzählerische Magie zu entfalten versteht. Eine kaum spürbare, eher zarte Magie.Oft wirken diese Geschichten eher angerissen, dahingehaucht, lediglich skizziert, und man wundert sich, wie genau sie dennoch – oder gerade deshalb? – sind.

Mit langem Atem berichtet Hein von einem gelebten Leben, welches durch das väterliche Erbe einer fortwährenden Belastung ausgesetzt ist; ein Leben, das ein exemplarisches deutsches sein könnte – und doch ungewöhnlich anmutet als ostdeutsche Biographie. Hein kann sich darauf verlassen, daß seine Leser im Großen und Ganzen mit der Rezeption der jüngeren deutschen Geschichte vertraut sind. Zumindest mit der westdeutschen Rezeption dieser Geschichte. Die Vergangenheitsbewältigung, wie es in der alten BRD so schön hieß, bildet den stets mitgedachten Kontext des Buches. Es ist die Perspektive eines Ostdeutschen, der hier mit dem väterlichen Tun im Krieg konfrontiert wird und nicht nur die persönliche Auseinandersetzung führen muß, sondern sie auch als institutionellen Kampf erlebt, der seine Ausbildung und damit indirekt sein ganzes Leben durch die Spezifik der offen ideologisch geprägten Erziehungspolitik der DDR bestimmt und prägt, die in dieser Rezeption bisher weniger zur Geltung kam und daher ungewöhnlich ist. Hein, selbst Ostdeutscher, verfügt über die nötige Phantasie und die Empathie, aus diesem deutschen Leben zu erzählen, ohne dem Sentiment zu verfallen, in Melancholie zu baden oder aber den Faden, der, straff gespannt, den Leser unter Spannung hält, zu verlieren.

So entfaltet sich vor dem Leser das Leben des Konstantin Boggosch, geborener Müller, dessen Mutter ihn ein Glückskind nennt, ist es doch die Schwangerschaft mit ihm, die einen russischen Offizier Mitleid haben und sie in Frieden sein läßt. Allerdings nur solange, bis die Identität ihres Gatten, des Fabrikbesitzers und SS-Mannes Müller, geklärt ist. Der wurde in Polen  kurzerhand aufgehängt, angeklagt zahlreicher Kriegsverbrechen. Es ist das Erbe dieses Vaters, seines Wirkens, welches das Leben seines Sohnes, der ihn nie gesehen, nie kennengelernt hat, lange Zeit überschatten wird. Da ihm das Abitur als Sohn eines Täters und also Klassenfeindes verwehrt bleibt, die Mutter, die etliche Sprachen spricht, ihren beiden Söhnen jedoch ihre Fähigkeiten vermacht hat, flieht der gerade einmal Vierzehnjährige die heimatliche Kleinstadt und schlägt sich durch nach Marseille, wo er der Fremdenlegion beitreten will und so dem wieder und wieder ihn heimsuchenden Vater zu entfliehen hofft. Statt Kameraden bei der Legion, findet der Junge Freunde unter ehemaligen Kämpfern der Résistance. Er muß sich endgültig der Tatsache stellen, daß die Taten, ja, die Person des Vaters, nicht nur Unglück und Menetekel seines Lebens sind, sondern für andere konkretes Leid, ja den Tod bedeuteten. Es sind diese Lektionen, die sein Leben, seinen Umgang mit der eigenen Geschichte,aber auch den mit der großen Historie, prägen. Konstantin Boggosch kehrt zurück in seine Heimat – aus Heimweh?, aus Pflichtgefühl? – er findet Arbeit, er macht sein Abitur an der Abendschule, er studiert – nachdem erneut Sippenhaft die eigenen Studienwünsche vernichtet hat – Sprachen, verliebt sich und heiratet, wird Lehrer, wird Vater, erlebt Schicksalsschläge, erlebt berufliche Rückschläge und bekommt dabei immer mal wieder die Macht der staatlichen Institutionen zu spüren. Schließlich findet er Ruhe in einer nicht allzu stürmischen Beziehung und seinen beruflichen Frieden – und auch den mit dem Land, in dem zu leben er sich entschieden hat- , als er schließlich gegen alle Widerstände zumindest für kurze Zeit Direktorenwürden an einer Provinzschule erhält.

Berichtet wird das alles in beiläufigem Ton, undramatisch, wie oben erwähnt. Nach zwei kurzen einführenden Passagen, erhebt für das Gros der Geschichte Konstantin als Erzähler seine Stimme und bietet uns also seine – vergleichsweise nüchterne – Perspektive auf sein Leben. Da redet einer vom Ende her. Zu Beginn des Romans wird Boggosch angefragt für ein Interview in der Lokalpresse anläßlich des Jubiläums der Schule, der er einst, wenn auch nur kurz, vorstand. Der längst Pensionierte lehnt das ab, doch scheint ihn die naive Fragerei der Jungjournalistin dazu angeregt zu haben, Protokoll, gar Rechenschaft?, abzulegen von seinem Leben, das er selber als eher unspektakulär einschätzt. Und es ist auch genau das sein Ton: unspektakulär. Da blickt einer zurück aus der Position desjenigen, der all das gelebt, es überlebt, die Höhen erklommen und die Tiefen durchlitten hat, es ist eine Stimme von dort, wie die Dinge Erinnerung, nicht mehr Ereignis sind.

Manchmal sind wir nah dran, sind unmittelbar in Situationen, die uns die Intimität von Menschen, die ihr Leben teilen, spüren lassen, dann werden lapidar Monate, manchmal Jahre übersprungen. Manches ist schrecklich und findet doch nur Erwähnung wie nebenbei, anderes, scheinbar Unwesentliches, wird dem Leser übergenau beschrieben. Es ist erstaunlich, wie es gelingt, anhand dieses doch gleichmäßig dahingleitenden Stroms, Spannung nicht nur zu erzeugen, sondern auch aufrecht zu erhalten. Da entsteht ein Sog, man lebt sie mit, all diese Jahre, denn es gelingt, diesen Konstantin Boggosch mit Leben zu erfüllen. Die Art der Erzählung ist uns vertraut. So erzählen wir uns von uns selbst: Indifferent, manchmal über-, manchmal kaum distanziert, hadernd und zweifelnd, die raren Momente manchmal banalen Glücks übertreibend. Scheinbar einfach. Aber weil es eben vom Ende her erzählt ist, weil der Erzählende in der Erzählsituation komfortabel ist, ist es auch die Erzählung eines letztlich geglückten Lebens.

Hein wählt die Mittel, diese Nähe bei scheinbarer Nüchternheit entstehen zu lassen, mit großem Bedacht. Manch eigenes mag in die Erzählung mit eingeflossen sein, vieles ist sicherlich Konstruktion und funktioniert dennoch hervorragend. Geschickt gelingt es, gerade aus dem Alltäglichen, dem Lapidaren den Funken zu schlagen, der dem Ganzen Leben einhaucht, vitale erzählerische Kraft gibt. Wir glauben diese Menschen, wir nehmen der Erzählung das Geschehen ab, weil der Autor brillant – brillant einfach – aus Hyperrealismus und Sehnsuchtssphäre etwas kreiert, das in seiner durchaus künstlichen, literarischen Form mit großer Wahrheit, Wahrhaftigkeit gar, Schuld- und  Generationenkonflikte, das Wirken der Historie, den Klammergriff der Geschichte sich spiegelnd im Schicksal dieses Menschen, Konstantin Boggosch, behandelt; zugleich aber auch vom Leben in der DDR in einem Narrativ des Alltäglichen, des „Normalen“ berichtet. Eben als Narrativ vom geglückten Leben; unter der Prämisse, daß wir wissen, irgendwann im Leben wissen, daß geglückt schlicht bedeuten kann, es friedlich gelebt zu haben, das Leben. Weitestgehend unbeschadet, trotz aller Verletzungen, Dellen, Anramschungen. Und ohne sich allzu sehr versündigt zu haben.

Man mag Hein vieles vorwerfen: Mangelnde Auseinandersetzung mit der DDR-Realität zwischen Stasi und Stacheldraht; die Mauer, bzw. der Mauerbau, lediglich als Ereignis, nicht als moralisches Urteil; trotz all der widrigen Umstände, die einen Halbwüchsigen bis ans Mittelmeer getrieben haben, Jungsträume ausleben, mag der Werdegang im „anderen Deutschland“ zu glatt anmuten; überhaupt alles zu konstruiert, abenteuerlich und unrealistisch, mag mancher denken. Doch kommt es darauf gar nicht an. Hein gelingt eine kohärente Erzählung, Und auch hier verlässt sich Hein auf den Diskurs, die öffentliche Rezeption der vergangenen 25 Jahre, welche sein Text mitdenken kann, mitdenken darf, um sich historisch zu kontextualisieren. Wir, die Leser, wissen um die Stasi und all die beschädigten Leben, die sie hinterlassen hat, wir wissen um die Schrecknisse, die Enge und die Spezifika des ostdeutschen Lebens, denn wir haben die vergangenen 25 Jahre auch damit verbracht, die entsprechende Literatur zu studieren. So wie wir auch um die Gräueltaten der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges wissen, weil wir ein gut Teil der vergangenen 60 Jahre damit verbracht haben, die dem entsprechende Literatur zu studieren. Man muß nicht immer bei Null, mit Adam und Eva anfangen. Man darf sich auch auf den Leser als Rezipienten verlassen.

Diese Erzählung gelingt also aus den genannten Gründen auf der individuellen Ebene, doch verdeutlicht Hein anhand der Biographie des Kindes eines Täters, wie Geschichte, Verstrickung, das, was die Deutschen so gern „Schicksal“ nennen, sich immer weiter fortpflanzt, manchmal vollkommen irrational, oft einer scheinbaren Rationalität folgend. Systemisch. Ganz nebenbei entlarvt er auch den Versuch des real-sozialistischen Erziehungswesens, die Verstrickung in die deutsche Geschichte geographisch zu lösen, indem man das eigene Territorium als antifaschistisch deklarierte, Westdeutschland hingegen als vollkommen Nazi-verseucht darstellte, als einen von allem Anfang an zum Scheitern verurteilten. Es sind diese Verkreuzungen, die sich immer wieder im Text ereignen, die einer vielleicht so niemals möglichen Geschichte eine realistische Erdung geben, wahr machen, was so nie wahr gewesen sein mag. Vierzehnjährige, die abhauen? Ja doch, man kommt ins Grübeln, erinnert sich, da gab es diesen Vetter sowieso, der ist doch damals, und ja, da kommt es zurück, es fliegt einen an, ähnliche Schicksale, Verwerfungen, Verirrungen, diese Geschichten haben die Alten den heute Mitvierzigern noch erzählt. Wer „im Krieg geblieben ist“, und so. Es waren wilde Zeiten, jene Jahre nach Kriegsende, die Sektorengrenzen noch leicht zu überschreiten, zwei deutsche Länder, die sich, auch gesellschaftlich, sozial, erst einmal finden mussten – da war einiges möglich. Warum sollte ein Vierzehnjähriger es nicht wagen, in einer Situation, die sich als ausweglos darstellt? Es ist eben dies die geglückte Erzählung: Den Leser auch glauben zu machen dort, wo das Berichtete scheinbar unrealistisch erscheint. Hinter einer gewagten Konstruktion verbirgt sich eben oft Wahrhaftigkeit, die größere Wahrheit.

Das ist ein großer Deutschlandroman, sogar in Bezug auf die Gegenwart, weil er beweist, daß und vor allem wie man erzählen kann von diesem Land, die Vergangenheit, die in dieser Form in diesem Land nun einmal eine wesentliche Rolle spielt, immer bedenkend aber dennoch nicht in einem künstlichen Gestern verharrend. Die Geschichte der nächsten Generation wird erzählt. Einer Generation,  die natürlich nicht für das Geschehen selbstverantwortlich ist, sehr wohl aber für die Erinnerung daran. Aber auch eine Generation, die schon in eine neue Gesellschaft hineingewachsen ist, ständig an den unsichtbaren Barrieren eines undurchdringlichen Gestern aufgehalten wird, trägt die Verletzung fort, empfindet gar zu große Verantwortung für das Geschehene im Angesicht eigener Kinderwünsche. Lebensfragen. Es sind all dies Facetten des Romans. Es ist die große Kunst Christoph Heins, sie zu einem Gewebe des Lebens zu verdichten.

 

 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.