CIVIL WAR
Alex Garlands gut gemeinter, recht gut inszenierter und dennoch gescheiterter Versuch, uns alle vor einer möglichen Zukunft zu warnen
Lee Smith (Kirsten Dunst) ist Fotojournalistin. Mit vielen Kollegen befindet sie sich in New York, während sich im Land die Western Forces, die Florida Alliance und die New People´s Army aufmachen, die von den sogenannten Loyalisten gehaltene Hauptstadt Washington, D.C., zu erstürmen und damit den seit geraumer Zeit tobenden Bürgerkrieg zu beenden. Nachdem der autoritär herrschende Präsident (Nick Offerman) verfassungswidrig eine dritte Amtszeit angetreten und dann das FBI und andere Bundesbehörden eigenmächtig aufgelöst hatte, kam es zur Sezession einzelner Staaten und Gebiete.
Smith rettet auf den Straßen Brooklyns der jungen Jessie Cullen (Cailee Spaeny) bei einem Selbstmordattentat das Leben. Cullen verehrt Smith und will selbst Fotografin werden. Die ob ihrer Erlebnisse zermürbte Smith rät ihr ab. Dennoch gelingt es Jessie sich ihrem Idol und dessen Kollegen Joel (Wagner Moura) anzuschließen, die sich gen Washington aufmachen, da Joel tatsächlich ein Interview mit dem bedrängten Präsidenten in Aussicht gestellt bekam. Der Gruppe schließt sich Sammy (Stephen McKinley Henderson) an, Smith und Joel einst eine Art Mentor, immer noch ein alter Fuchs des klassischen Journalismus und mit einer feinen Nase ausgestattet, wenn es um einen Scoop geht.
Gemeinsam machen sie sich in einem von Joel gefahrenen SUV auf den Weg. Entlang der Highways passieren sie endlose Schlangen leerer Autos, das Land wirkt zwar seltsam friedlich, da man kaum Folgen direkter Kämpfe wahrnimmt, zugleich aber auch verlassen und verwaist.
Als sie an einer Tankstelle halten, in der Hoffnung, mit kanadischen Dollars eine Tankladung Sprit zu erhalten, werden sie Zeugen einer Folterung. Die Männer, die an der Tankstelle herumlungern, haben in der Waschanlage angebliche Plünderer aufgehängt und verprügelt. Lee macht ein Foto, Jessie beschwert sich später, dass sie nicht selbst daran gedacht habe und dass sie diese Lektion in Professionalität lernen müsse.
Unterwegs werden die Vier Zeugen von Kampfhandlungen, sie sehen, wie Rebellen Angehörige der Loyalisten standrechtlich erschießen, die Härte und die Verhärtungen, die dieser Krieg mit sich bringt, werden immer deutlicher.
Sie kommen in eine Kleinstadt, die vollkommen unberührt vom Krieg wirkt, die Menschen hier leben ihre alltäglichen Leben, gehen ganz alltäglichen Dingen nach, man kauft ein, geht shoppen, hält einen Schwatz auf der Straße. Doch macht Sammy seine Begleiter darauf aufmerksam, dass auf den Dächern Scharfschützen postiert sind, die auch sie ununterbrochen beobachten.
Bei einer weiteren Gelegenheit wird der Wagen beschossen, es gelingt Joel in letzter Sekunde, ihn in Sicherheit und zum Stehen zu bringen. Die Gruppe trifft nun auf zwei Scharfschützen, die sie auffordern, in Deckung zu gehen. Sie würden aus einem Haus, nicht weit gelegen, beschossen. Während die beiden ihren Gegner, den sie schließlich ausschalten können, durch ihre Fernrohre fixieren und mit einem Präzisionsgewehr zu treffen versuchen, erfahren Lee, Joel und die anderen, dass die beiden Soldaten keine Ahnung haben, auf wen sie da schießen, welcher Gruppe der Gegner angehört und dass es dem ganz genau so ginge.
Nachts campieren die Vier an einer alten Mall, wo es zwischen ihnen zu Gesprächen darüber kommt, woher sie stammen, was sie sich auch von dieser Reise erwarten und wie sie auf die Geschehnisse blicken. Dabei wird deutlich, dass alle vier ein recht distanziertes Verhältnis zu den politischen und militärischen Geschehnissen haben.
Sowohl Jessie als auch Lee entstammen bürgerlichen Familien des mittleren Westens, bzw. der Great Plains. Beide wollten, so wird deutlich, unbedingt der Enge in der Weite ihrer Heimatlandschaften entkommen und etwas von der Welt sehen. Beide sehnen sich insgeheim nach dem Frieden, den sie hinter sich gelassen haben, beide wollen aber nicht zurückkehren.
Am folgenden Tag treffen die Vier auf Tony (Nelson Lee) und Bohai (Evan Lai), mit Joel befreundete Journalisten. Man flachst sich zwischen den fahrenden Autos an und Tony klettert bei voller Fahrt in das Fahrzeug von Joel und den andern, während Jessie zu Bohai hinüberwechselt. Bohai beschleunigt und verschwindet. Nach einiger Zeit wird Joel, Lee, Sammy und Tony mulmig, tauchen ihre Freunde doch nicht wieder auf. Schließlich stoßen sie auf den verlassenen Wagen.
Sie folgen einer Spur und finden Jessie und Bohai kniend am Rande einer Grube, in der einige Milizionäre gerade Leichen entsorgen. Joel geht auf die Milizionäre zu, er will deren Anführer (Jesse Plemons) – oder den, von dem er annimmt, der Anführer zu sein – überreden, Jessie und Bohai laufen zu lassen. Obwohl der Mann vollkommen ruhig wirkt, spüren alle Beteiligten, dass die Situation zu eskalieren droht. Dann erschießt der Mann Bohai, da dieser – wie Tony – asiatischen Aussehens ist. Dann wendet er sich den anderen zu und fragt jeden einzelnen, woher er oder sie stammt. Als Tony wahrheitsgemäß antwortet, er sei in Hongkong geboren, wird auch er umstandslos erschossen. Bevor die Milizionäre auch Jessie, Lee und Joel töten können, rast Sammy, der im Wagen zurückgeblieben war, heran und überfährt zwei der Soldaten. Ein dritter springt aus der Fahrerkabine des Lasters, auf dem sich die Leichen stapeln, und eröffnet das Feuer auf die Fliehenden.
Sammy fährt den Wagen einige Meilen, dann muss er anhalten: Er wurde getroffen und ist schwer verletzt. Bald, nachdem die Gruppe in einem Lager der Western Forces eingetroffen ist, erliegt Sammy seiner Schusswunde. Lee erfährt von befreundeten Journalisten, dass die Loyalisten sich größtenteils ergeben hätten und die Rebellen-Armeen sich auf die Erstürmung der Hauptstadt vorbereiten.
Am darauffolgenden Tag begleiten Lee, Joel und Jessie Einheiten der Western Forces bis zum Weißen Haus. Hier kommt es zu Feuergefechten bei einem Ablenkungsmanöver des Secret Service, das Lee aber durchschaut. Sie arbeitet sich mit ihrer Entourage zum Weißen Haus vor, die Soldaten folgen ihnen und in einem der Büros dort kommt es zum Versuch einer Mitarbeiterin des Präsidenten, über Ausreisebedingungen zu verhandeln; doch auch sie wird von den Soldaten sofort und mit der gleichen Gnadenlosigkeit getötet, mit der die Familie des Außenministers vor dem Weißen Haus ausgelöscht wurde.
Nun kommt es im Weißen Haus zu einem Kampf um jedes Zimmer, jeden Raum, jede Halle. Bei dem Versuch, ein Frontalfoto zu schießen, gerät Jessie in einen Kugelhagel, bis Lee sie zur Seite stößt und selbst getroffen wird. Während Lee stirbt, fotografiert Jessie sie – sie hat ihre Lektion gelernt.
Schließlich wird der Präsident im Oval Office gestellt. Er fleht um sein Leben, auch er wird erschossen. Jessie macht von all dem Fotos, schließlich auch von den Soldaten, die lachend die Leiche des Präsidenten wie ein erlegtes Wild präsentieren.
Worin drückt sich das Politische eines Kunstwerks, eines Buchs, eines Theaterstücks oder eben eines Films aus? Indem es eine politisch relevante Situation konstruiert? Oder indem es direkt auf eine reelle politische Situation Bezug nimmt, sie aufgreift, bestenfalls zugleich konkret beschreibt und abstrahiert? Oder kann das Politische auch darin liegen, dass man eine Situation kreiert und beschreibt, wie sie die Protagonisten – bspw. eines Films – herausfordert?
Alexander Garland, der das Drehbuch zu Danny Boyles subkutan hoch politischem Film 28 DAYS LATER (2002) schrieb, als Regisseur mit EX MACHINA (2015) und ANNIHILATION (2018) zwei ebenfalls immanent politische Beiträge zum Science-Fiction-Genre ablieferte, wurde für seinen Film CIVIL WAR (2024) immer wieder angegriffen, da er ein Szenario entwerfe, welches nie erklärt, nicht analysiert und damit letztlich einfach hingenommen werde. Letztlich unpolitisch wurde es genannt. Desinteressiert an den Bedingungen, unter denen ein Bürgerkrieg – darum geht es hier – in den USA entstehen und sich ausbreiten könne. So verkomme das hochbrisante Szenario zu einem reinen Hintergrundrauschen für einen actionhaltigen Genrefilm.
Tatsächlich fällt auf, dass CIVIL WAR von einer nicht allzu weit entfernten Zukunft erzählt, deren Szenario – eben ein erneuter amerikanischer Bürgerkrieg – weder in der Entstehung noch im Verlauf näher erläutert wird. Es ist ein Szenario, welches bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich als Hintergrund dient, doch weniger für einen Kriegsfilm (der CIVIL WAR logischerweise dann doch auch ist), als vielmehr für ein Drama um eine Gruppe von Journalisten. Als historisch verorteter Vorgang bleibt dieses Szenario de facto seltsam ungreifbar. Dennoch wäre es zu einfach, es einfach abzutun, für unglaubwürdig zu erklären und Garlands Film damit als gescheitert zu betrachten.
Denn dem Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion gelingt es, ein gewisses, durchaus unangenehmes, Gefühl des Unübersichtlichen, ein bedrohliches Grundrauschen. Vieles von dem, was dem Film als Schwäche ausgelegt wird, könnte aber auch als Stärke begriffen werden. So stimmt es zwar, dass das Publikum nur rudimentär – und im Grunde oft nur nebenbei, fast schon beiläufig und damit leicht zu übersehen und zu überhören – erklärt bekommt, mit welcher gesellschaftlichen und politischen sowie militärischen Situation man es in dem dargestellten Amerika eigentlich zu tun hat.
Nachdem ein sich immer autoritärer gebärender Präsident gegen die Verfassung eine dritte Amtszeit angetreten und das FBI aufgelöst hat, haben sich verschiedene Fraktionen gebildet: Die Loyalisten, die zum Präsidenten stehen, die Western Forces, zu denen sich Kalifornien und Texas zählen, die Florida Alliance, die den sogenannten „Deep South“ repräsentiert, sowie die New People´s Army, die den gesamten Nordwesten umfasst. In welchem Verhältnis diese Fraktionen und Gruppierungen zueinanderstehen, wer mit wem möglicherweise Bündnisse eingegangen ist oder paktiert, wie sich die verschiedenen Gruppen eine amerikanische Zukunft vorstellen – oder ob es überhaupt eine gemeinsame Zukunft als Vereinigte Staaten von Amerika geben soll – bleibt im Dunkeln. Nichts wird erklärt, nichts erläutert.
Der Film versetzt seine Zuschauer*innen ohne Vorwarnung in eine offenbar bereits seit geraumer Zeit bestehende Situation, die auch für jene, die berufsbedingt Informationen sammeln sollen, nur noch schwer durch- oder gar überschaubar ist. An verschiedenen Stellen im Film wird deutlich, dass auch die Kämpfenden oft nicht wissen, wer gerade für oder gegen wen ins Feld zieht und auf wen sie eigentlich schießen. Das ist zwar unbefriedigend, wird andererseits wahrscheinlich aber der Lage gerecht, die gerade in Bürgerkriegen immer wieder vorzufinden ist. Dass hier oftmals einzelne Gruppierungen über Nacht die Seiten wechseln; mit welchen Mitteln – in offener Feldschlacht oder mit den Instrumenten des Terrors – gekämpft wird; ob es sich um einen „dreckigen“ Krieg handelt, bei dem keine Regeln und Vereinbarungen mehr zählen, oder doch eher um Fraktionen, die sich herkömmlicher militärischer Mittel bedienen und an die Konventionen des Kriegsrechts halten – all diese Fragen bleiben unbeantwortet, obwohl es Hinweise gibt, dass die Einheiten der verschiedenen Provinzen und Staaten unter klarem militärischen Kommando stehen. Dennoch bleibt dieser Krieg unübersichtlich, schwer durchschaubar und – wie einige der bedrückendsten Szenen beweisen – von Willkür geprägt. Für all diese Befunde findet Garland teils beklemmende, teils drastische Bilder, Szenen und Sequenzen.
Auch stimmt, was andere Kritiker anmerkten – der Film ist in erster Linie ein Road Movie. Er erzählt von einer Gruppe Journalisten, die sich eher zufällig findet und mitten durch die verschiedenen Frontlinien von New York City nach Washington, D.C., fahren will, da zwei von ihnen – die von Kirsten Dunst gespielte Fotografin Lee Smith und der von Wagner Moura gespielte Journalist Joel – tatsächlich eine Zusage für ein Interview mit dem unter Druck stehenden Präsidenten erhalten haben; die sich ebenfalls als Fotografin verdingende, blutjunge Jessie Cullen – von Cailee Spaeny in einer Mischung aus Bewunderung und einer gewissen rotzigen Frechheit, dann wieder juveniler Verletzlichkeit gespielt – schließt sich ihrem Idol Smith an; der alternde Sammy, Smith´ einstiger Mentor – von Stephen McKinley Henderson als etwas müder, in seinem verfetteten Körper zusehends unbeweglicher Mann alter Schule gegeben – hofft auf einen letzten Scoop. Dieses Trüppchen bahnt sich seinen Weg über die verlassenen Highways in Richtung Hauptstadt und lernt dabei einander besser kennen und begreifen, welche Ängste, Sorgen, auch Hoffnungen die anderen umtreiben.
Natürlich wäre eine solche Konstellation in vielen erdenklichen Szenarien denkbar. Dafür braucht es tatsächlich keinen in die Zukunft projizierten, konstruierten Bürgerkrieg[1]. Und die Highways, über die die Gruppe in ihrem SUV fährt, erinnern dann auch stark an jene in Apokalypse-Filmen, vor allem Vertretern der Zombie-Apokalypsen wie WORLD WAR Z (2013) oder der erfolgreichen TV-Serie THE WALKING DEAD (2010-2022). Garland gibt sich vielleicht deshalb solche Mühe, alles an seinem Film so realistisch und gegenwärtig wie möglich wirken zu lassen, um sich gegen Werke wie die genannten abzusetzen. Die Zuschauer*innen sollen immer das Gefühl haben, das, was sie sehen, könnte sich auch gerade eben vor ihrer Haustür abspielen. Genau dies trägt wesentlich zur unbehaglichen Wirkung des Films bei und potenziert sich bis zum Schluss hin, wenn Garland seine Protagonisten in ein ebenfalls sehr realistisch inszeniertes Kriegsszenario stolpern lässt, bei dem sie Zeugen der Erstürmung des Weißen Hauses in Washington, D.C., werden.
Diese Momente könnten so aber auch Filmen von Kathryn Bigelow (ZERO DARK THIRTY/2012) oder Paul Greengrass (GREEN ZONE/2010) entstammen und in Bagdad oder Aleppo angesiedelt sein. Und genau diesen Filmen wurden sie offensichtlich auch abgeschaut. Garland überträgt gewisse Klischees und Topoi jüngerer Kriegsfilme schlicht in ein heimisches, also amerikanisches Szenario. Das darin aber reine Behauptung bleibt, weil sich keiner der Protagonisten anders verhält, als er es in irgendeinem Einsatz irgendwo auf der Welt täte, nicht einmal, als man den Präsidenten festsetzt und schließlich mehr oder weniger exekutiert. Es entsteht nichts Spezifisches, das dem Publikum der Schrecken ob dessen in die Glieder fahren könnte, dass all das Gezeigte, all die Schrecken und Schrecknisse in ihrer Heimat geschieht – auch, wenn eben alles nach Heimat ausschaut.
Kate Winslet spielte in Ellen Kuras´ Bio-Pic LEE (2023) die Kriegsfotografin Lee Miller, die von Jessie in CIVIL WAR aufgrund der Namensähnlichkeit ihres Idols Lee Smith auch erwähnt wird. Miller ging direkt nach der Invasion in der Normandie nach Europa und folgte der Front in kurzem Abstand. Je mehr Leid und Tod sie sah, desto müder wurde sie, bis sie schließlich auch eben erst befreite Konzentrationslager besuchte und dort die Leichenberge und bis auf die Knochen abgemagerten Insassen fotografierte. Auch wenn LEE als Film nicht sonderlich gelungen ist, die Geschichte seiner Protagonistin zu konventionell herunter erzählt, ist es eben doch die Geschichte einer Person, die real existiert hat und deren Geschichte, so, wie sie der Film erzählt, verbürgt ist. Warum also erzählt Alexander Garland dann eine ähnliche Geschichte fiktionalisiert? Versetzt in ein Bürgerkriegsszenario in den USA, das zwar denkbar ist, welches allerdings so, wie der Film es präsentiert – ein offenbar koordiniertes und aufeinander abgestimmtes Vorgehen verschiedener Truppenteile, die die Hauptstadt einnehmen und dann zur „Kommandozentrale“, also dem Weißen Haus, vordringen – eher nicht geschehen wird.
Erinnert man sich an den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021, nachdem Donald Trump an jenem Tag, an dem sein in einer ordentlichen Wahl bestimmter Nachfolger Joe Biden ins Amt eingeführt werden sollte, einen Mob aufgeputscht und zum Angriff auf eine der zentralen Institutionen der Vereinigten Staaten aufgefordert hatte, so muss man konzedieren, dass ein aufkommender neuer Bürgerkrieg wahrscheinlich anders aussähe, als der im Film vermittelte. Wahrscheinlich eher wie in einer jener weiter oben bereits angesprochenen Szenen, die dem Publikum tatsächlich einiges abverlangen. Nicht als Kombattanten erkennbare Männer, die andere Männer mit irgendwelchen Begründungen („Plünderer!“) foltern und hinrichten. Milizionäre der Rebellentruppen, die Gefangene Loyalisten einfach standrechtlich erschießen (wobei der Begriff“ standrechtlich“ hier schon zu hinterfragen wäre). Scharfschützen, die scheinbar emotional völlig unbeteiligt einen Kollegen ausschalten, der auf sie schießt und von dem sie nicht wissen, auf wessen Seite er eigentlich kämpft – so, wie der nicht wisse, auf welcher Seite sie stünden. Man schießt eben aufeinander und einer stirbt. Die wahrscheinlich nachhaltigste Szene dieser Art ist jenem in der vier Reisenden zwei befreundete Journalisten treffen – beides Amerikaner asiatischer Abstammung – und alle gemeinsam eher durch Zufall in eine Situation geraten, in der sie von Soldaten – erneut Milizionäre –, die Berge von Leichen von einem Kipplaster werfen und in einem Massengrab verscharren, bedroht werden. Sie erschießen die asiatisch aussehenden Männer, bevor sie sich anschicken, auch den Rest der Gruppe zu töten. Sammy gelingt es in einem waghalsigen Manöver, seine Freunde aus dieser Situation zu befreien, tötet dabei zwei der Soldaten – oder vermeintlichen Soldaten – und wird selbst angeschossen, wodurch er später am Tag sterben wird. All diese Szenen sind eigentlich dazu angetan, die Verwirrung zu zeigen, zu der ein Bürgerkrieg führt, die Unüberschaubarkeit der Situation zu verdeutlichen und vor allem auch zu zeigen, dass ein Punkt kommt oder kommen kann, an dem niemand – auch ein reiner Berichterstatter – sich aus den Handlungen heraushalten kann. Dass in einem Bürgerkrieg alle Bürger früher oder später involviert sind.
Ein tatsächlicher Bürgerkrieg in den USA würde also wahrscheinlich vollkommen unkoordiniert wie jener Strum am 6. Januar 2021 beginnen und Folgen zeitigen, wie sie der Film in den geschilderten Szenen dann teils drastisch zeigt. Doch selbst diese Szenen bleiben seltsam „sauber“. Bleiben im Kontext des Films und in der Art der Inszenierung Behauptungen. Darstellungen. Sie packen nicht auf die Art und Weise, wie sie dies könnten und wie man es in anderen Filmen schon besser gesehen hat. Womit man bei einem der eigentlichen Probleme dieses Werks ist: Es erinnert fast durchgehend an andere Filme und büßt damit natürlich ebenso durchgehend an Originalität ein. So wie die menschenleeren Highways, die die Gruppe lange befährt, eben wie Kulissen aus früheren Zombie- oder Apokalypse-Filmen wirken, so wirken die Kampfszenen, bspw. am Ende des Films beim Sturm auf das Weiße Haus, wie Nachstellungen anderer Kriegsfilme. Und selbst die Szene am Massengrab wirkt eher wie eine Reminiszenz an etliche „harte“ Kriegsfilme, denn wie ein wirklicher Ausblick auf den Bürgerkrieg. Zumal man es als Zuschauer*in hier einfach mit ein paar Psychos zu tun haben könnte, die die Situation nutzen und ihren abgründigen Bedürfnissen nachgehen. Sollte dieser Effekt gewollt sein, sollte Garland damit deutlich machen wollen, dass eben diese Typen in eben solchen Situationen das Ruder übernehmen und ihren abgründigen Seiten frönen, dann konterkariert er das wiederum durch all die sehr rational und teils auch umsichtig vorgehenden Soldaten, die er ansonsten präsentiert. Und selbst die erinnern eher an Weltkriegsdramen als an jene Schergen, die zumindest Europäer aus Berichten der Jugoslawienkriege in den 90er Jahren erinnern.
Zugutehalten muss man Garland allerdings, dass er keine Seite hervorhebt, keine Heldensaga erzählt. Immer wieder wird deutlich, dass die Gewalt von allen Seiten ausgeht – mehr noch, in gewisser Weise wird die Seite der Loyalisten nie dabei gezeigt, wie sie sich irgendwelchen Gräueltaten hingeben. Alle die Folterungen, die Verletzungen der Menschenrechte, die der Film zeigt, und auch die Kampfhandlungen, die man bspw. während eines nächtlichen Stopps der Gruppe am Himmel sieht, gehen von den Rebellen aus. Dass der Präsident und seine Truppen die anzugreifende Zentralmacht darstellen, die ein wohl autoritäres Regime errichtet hat, wird ebenfalls nur behauptet, im Film aber nie belegt.
Die geschilderte Problematik greift dann auf die Figuren über. Kirsten Dunst gibt diese Lee Smith als desillusionierte, erschöpfte, all des Leids und des Todes überdrüssige Journalistin, und ähnelt darin – wohl bewusst – Winslets Figur, ihrer Namensvetterin Lee Miller. Joel entspricht den ehrgeizigen und dadurch todesmutigen aber eben auch zu wagemutigen, manchmal zynischen Journalisten, die man aus etlichen Journalisten-Thrillern von THE YEAR OF LIVING DANGEROUSLY (1982) über SALVADOR (1986) bis NATURAL BORN KILLERS (1994) – da bereits als Karikatur – kennt. Jessie ist die junge, naive und draufgängerische Anfängerin, die ihr Handwerk schnell lernt. Als Smith sich während des Angriffs auf das Weiße Haus vor sie stellt, eine Kugel abfängt und langsam stirbt, entscheidet Jessie sich nach kurzem Zögern, dieses Sterben zu fotografieren und dann den Soldaten zu folgen, die auf der Suche nach dem Präsidenten sind. Sie wird ihrer Mentorin nicht helfen – das Foto geht vor. Eine Lektion, die sie früher im Film von Lee Smith selbst gelernt hat. So geht Professionalismus. Um jeden Preis. Dies ist eins der Sub-Themen, die der Film behandelt und bei denen man ihm Ernsthaftigkeit attestieren muss und auch den gelungenen Versuch, darzustellen, was diese Art von Professionalismus mit den Protagonisten macht. Der alte Sammy schließlich entspricht so ziemlich jedem alten Haudegen des Hollywood-Kinos, gleich ob dieser als Veteran der US-Kavallerie in einem Western von John Ford auftrat, als gutmütiger Opa, als väterlicher Freund oder als Big Daddy. Keine dieser Figuren besitzt Tiefe, keine dieser Figuren wird näher erklärt, hat genügend Geschichte, um nachzuvollziehen, wieso und weshalb sie tun, was sie tun. Sie sind im Kontext dieses Films Funktionsträger. Wodurch sie den Eindruck verstärken, dass das Publikum es hier mit einem Thesenfilm zu tun hat. Und wie die meisten Thesenfilme neigt auch CIVIL WAR dazu, zu einer Art Referat auszuarten und beflissen seine Unterpunkte abzuarbeiten.
Was also bleibt von einem zwar recht gut inszenierten, dennoch seltsam steril wirkenden Film? Sicher ein Denkanstoß hinsichtlich der politischen/gesellschaftlichen Entwicklungen in einem Amerika, genauer: in den Vereinigten Staaten von Amerika, das immer weniger zu sich selbst findet, immer mehr auseinanderdriftet und immer stärker in verschiedene, tatsächlich einander feindlich gesinnte Lager zerfällt. Das symbolisieren die unterschiedlichen Fraktionen, die der Film bietet, sicherlich ganz gut. Nur stellt sich die Realität doch anders dar: Da sind es eben nicht sauber voneinander getrennte Regionen, verlaufen die Linien nicht entlang der Grenzen der Einzelstaaten. Der Riss, der diese Gesellschaft durchzieht – vielleicht sollte man, die USA betreffend, sogar eher von Gesellschaften sprechen – kann durch Staaten mit unterschiedlichen und momentan immerzu neu gezogenen Wahlbezirken verlaufen, durch Städte mit ihren unterschiedlichen Vierteln, durch einzelne Straßenzüge, wo ein Fähnchen, das die eine Seite unterstützt, von einem abgewechselt wird, das der anderen Seite Sympathie bekundet, manchmal sogar mitten durch eine Familie, wo der eine diesen, die andere jene wählen mag. Die Frontlinien – welch furchtbares Wort – sind oft nicht auszumachen, was wiederum jene Szene symbolisiert, die am bereits ausgehobenen Massengrab spielt. Und was ein Bürgerkrieg aus Menschen macht, wie abstumpfend die ewige, immer gleiche Gewalt wirkt, verdeutlicht eine Szene, in der das Journalistentrüppchen an der Tankstelle auf Zivilisten trifft, die in der Waschstraße vermeintliche Gegner foltern. Eine Szene übrigens, die von Garland seltsam verhuscht inszeniert ist: Bei aller Härte blendet er lieber aus, als uns zu zeigen, was da wirklich passiert. Eine seltsame Uneinheitlichkeit des Films mit sich selbst, da dieser ansonsten vorgibt, quasi direkt an der Front zu sein.
CIVIL WAR entwirft ein äußerst konstruiertes Szenario, das dem – wie es viele Soziologen angesichts einer Gesellschaft unter Waffen und jährlich Hunderten Toten durch eben die Gewalt, die von diesen Waffen ausgeht, betrachten – bereits seit Jahrzehnten tobenden Bürgerkrieg in den USA nicht wirklich gerecht wird. Ein Civil War, wie CIVIL WAR ihn darstellt, scheint sich an jenem Bürgerkrieg zu orientieren, wie das Land ihn, ungeheuer blutig, im 19. Jahrhundert über die Frage der Sezession und jene nach der Sklaverei ausgefochten hat. Moderne Bürgerkriege sind anders, wie gerade die Europäer in den 90er Jahren durch die bereits erwähnten jugoslawischen Bürgerkriege (oder auch jenem sich über Dekaden hinziehenden Bürgerkrieg in Nordirland, der u.a. auch religiös motiviert war) leidvoll erfahren mussten. Und auch die Bürgerkriege im Nahen Osten zeugen von anderen Verläufen, als die zwar blutigen, aber letztlich sauberen militärischen Operationen, von denen CIVIL WAR kündet.
Garlands Film will aber vielleicht auch zu viel: Nicht nur ein Debattenbeitrag zu einer sich langsam zersetzenden Gesellschaft sein, sondern auch noch eine Reflektion auf das Wesen des (Bild)Journalismus und dessen Bedingungen sowie der psychischen Belastungen, die das mit sich bringt. Und wieder kommen dem geneigten Betrachter Erinnerungen an Filme, die genau diese Themen anhand realer oder zumindest nah an der Realität angesiedelter Situationen abhandeln: UNDER FIRE (1983) oder THE KILLING FIELDS (1984) waren Meisterwerke, die neben vielen anderen, vielleicht sogar wesentlicheren Aspekten, auch auf die Frage nach der Wirklichkeit des Bildes und der Wirkmacht des Bildes und darauf abgehoben haben, wo der schmale Grat zwischen eben dem hier behaupteten Professionalismus und der puren Menschlichkeit verläuft. Und danach, ob dieser Grat überhaupt je eindeutig zu erkennen ist.
Zu allem Überfluss will Garland dann auch noch die psychische Disposition seiner Figuren analysieren – und spätestens da hakt der Film dann vollends. Man muss aber eben konstatieren, dass diese Figuren zu wenig Substanz haben, nie lebensnah genug geschildert werden, alles, was wir über sie wissen, ihre Herkunft und Lebensgeschichten, bloße Behauptung bleibt und ihre Beschädigungen zwar ausgestellt werden, aber leider aufgesetzt wirken. Dass sie eben Funktionsträger sind.
Dass Lee Smith schließlich im Feuerhagel stirbt, als sie versucht, die junge Kollegin zu retten – womit ebenfalls ein Zirkelschlag vollendet wird, denn so lernen die beiden sich kennen: Smith rettet die junge Frau vor einem Selbstmordattentäter – wirkt dann im Kontext dieses Films folgerichtig, geradezu zwingend fatal und umgibt ihn mit einer seltsamen Aura des historisch Sinnhaften. Und diese Aura verpasst dem Werk dann allerdings einen etwas schalen Beigeschmack, erweckt dies doch den Eindruck, man könne der Entwicklung, die der Film andeutet, so oder so nicht entgegenarbeiten. Aber wenn dem so ist – warum dann all der Aufwand, um vor einer solchen Situation zu warnen?
[1] Tatsächlich könnte man schon einen Film wie EASY RIDER (1969), sozusagen Urahn und Pate des modernen Road Movies, dahingehend interpretieren, dass die beiden hippiesken Hauptfiguren Billy und Wyatt auf ihren Harley-Motorrädern durch ein bürgerkriegsähnliches Amerika reisen.