EINE OFFENE RECHNUNG/THE DEBT
John Maddens Neuverfilmung eines israelischen Films bietet ein spannendes Drama und einen spannenden Agententhriller
Rachel Singer (Helen Mirren) soll bei der Präsentation des Buchs ihrer Tochter eine Passage vorlesen. Im Buch geht es um sie und um jenen Auftrag, für den die ehemalige Mossad-Agentin berühmt wurde: Sie und ihre Mitstreiter David (Ciarán Hinds) und ihr Ex-Mann Stephan (Tom Wilkinson) haben einst den KZ-Arzt Dieter Vogel (Jesper Christensen) entführt, der in Ost-Berlin als Gynäkologe eine Praxis führte. Die Legende der drei Agenten besagt, dass Rachel, als Vogel sich befreien konnte und durch das Treppenhaus des Berliner Hinterhauses, in welchem er gefangen gehalten wurde, zu entkommen drohte, mit einem gezielten Schuss den Flüchtenden zur Strecke brachte.
Schon während der Lesung ist Rachel unwohl, erst recht, als ihr Ex-Gatte, der nach einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzt, ihr mitteilt, dass David, der Jahre verschwunden war, sich das Leben genommen habe. Der Grund dafür sei wohl, dass Vogel wieder aufgetaucht ist – und zwar in einem Heim in Kiew.
Nun erinnert sich Rachel daran, was sich damals, 1965, wirklich in Berlin abgespielt hat. Denn damals war ihr jüngeres Ich (Jessica Chastain) eine eher unsichere Frau, die ihren ersten Einsatz als Agentin im Ausland bestritt. Gemeinsam mit Stephan (Marton Csokas), der die meiste Erfahrung mitbringt, und David (Sam Worthington), der sehr zurückhaltend und ausschließlich auf den Auftrag konzentriert scheint, fädelt Rachel einen Plan ein. Sie wird Patientin bei dem sich als Dr. Bernhardt ausgebenden Arzt, der sich ihr gegenüber zwar onkelhaft, aber freundlich gibt.
Schließlich bekommen die Agenten das OK ihrer Vorgesetzten und entführen Dr. Vogel. Sie verbringen ihn in ihre Wohnung, wo sie ihn gefesselt und geknebelt gefangen halten, während die Überführung in den Westen vorbereitet wird. Doch geht der Plan schief, DDR-Grenzer werden auf die Agenten aufmerksam und nur mit letzter Not gelingt es ihnen, mit dem Gefangenen zurück in die Wohnung zu gelangen.
Zwischen den drei Agenten kommt es vermehrt zu Zwistigkeiten, da Stephan Rachels Unerfahrenheit die Schuld gibt, David will davon nichts wissen. Zwischen ihm und Rachel deutet sich eine tiefere Zuneigung an, doch landet sie schließlich mit Stephan im Bett. Dadurch wird sie schwanger. Die Agenten überlegen, ob sie Vogel einfach hinrichten sollen. Der Arzt provoziert sie, indem er sich ihnen gegenüber immer wieder als überlegener Herrenmensch aufspielt, der sie darüber aufklärt, wie „die Juden“ angeblich funktionieren.
Eines Tages gelingt es Vogel, seine Fesseln zu durchtrennen. Er schlägt Rachel nieder und verletzt sie schwer mit einer Scherbe im Gesicht. Es Entsteht eine Narbe, die Rachel für den Rest ihres Lebens zeichnen wird. Anders, als es die Legende später will, kann Vogel entkommen.
Da Stephan, der ehrgeizigste der drei, auch um seine Karriere fürchtet, zugleich aber auch Scham gegenüber seinem Land und den Israelis empfindet, schlägt er vor, dass sie gegenüber ihren Vorgesetzten behaupten, Rachel habe Vogel erschossen. Stephan ist sich sicher, dass Vogel untertauchen und sich nie wieder zeigen wird, da er immer damit rechnen müsste, dass der Mossad weitere Anschläge auf sein Leben planen könnte. Nach einigem Bedenken willigen Rachel und David in den Plan ein.
In den folgenden Jahren werden Rachel und David immer wieder bei Schulungen für angehende Agenten eingesetzt; dies sind Gelegenheiten, bei denen sie ihre Erfahrungen mit ihrem Auftrag weitergeben sollen und damit die Lüge immer weiter manifestieren. Doch irgendwann kann David nicht mehr mit der Lüge leben. Er verlässt den Dienst und verlässt auch Israel.
Nun ist er zurückgekehrt, hat sich aber umgebracht, da es ihm nicht gelungen ist, Vogel zu stellen und der Justiz auszuliefern. Er hatte Rachel am Vorabend besucht, was sie David gegenüber aber nicht zugibt. Der will, dass sie nun nach Kiew fährt und Vogel tötet. Sie solle offiziell mit einem Journalisten Kontakt aufnehmen, der sich anschickt, Vogel zu interviewen.
Nach einiger Überlegung ist Rachel bereit, diesen letzten Auftrag auszuführen. Sie reist nach Kiew und es gelingt ihr tatsächlich, in das Heim ein- und zu dem Mann vorzudringen, der sich als Vogel ausgibt. Schnell merkt sie aber, dass sie es mit einem Angeber und Hochstapler zu tun hat, der vielleicht mit dem echten Vogel Kontakt hatte, sich aber als jemand ausgibt, der er tatsächlich nicht ist.
Rachel konnte den Journalisten im Foyer der Klinik beobachten und schreibt ihm nun einen Brief. Dann will sie das Heim wieder verlassen, als sie auf den echten Vogel aufmerksam wird. Es kommt zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen den beiden, bei der Rachel zwar schwer verletzt wird, es ihr aber gelingt, Vogel mit einem Gift zu töten.
Sie kehrt nach Israel zurück und lässt Stephan wissen, dass sie dem Journalisten einen Brief geschrieben habe, in welchem die Wahrheit über den damaligen Einsatz steht. Sie wolle die Lüge nicht mehr aufrechterhalten, auch, wenn das auf Kosten ihrer Tochter und ihres Buchs gehe.
Die Arbeit des Mossad kann man sicherlich mit gemischten Gefühlen betrachten. Dass der junge israelische Staat sich eines scharfen Schwerts bemächtigte, um seine Feinde – alte wie neue – zu bekämpfen, ihrer habhaft zu werden und, allzu oft, präventiv zuzuschlagen, lässt sich vor allem aus der jüngeren Geschichte des jüdischen Volks erklären. Ob man deshalb die Methoden gutheißen muss, derer sich der israelische Geheimdienst immer gern bedient hat, sei einmal dahingestellt. Neben gezielten Tötungen war Entführung eines der Mittel der Wahl, vor allem, um Alt-Nazis zu fassen und vor Gericht zu stellen. Der berühmteste dieser Fälle ist ganz sicher Adolf Eichmann, der in Argentinien ergriffen, nach Israel verschafft und dort zum Tode verurteilte wurde. Hannah Arendt leitete aus ihren Beobachtungen dieses Prozesses ihr ebenso berühmtes wie umstrittenes Diktum von der „Banalität des Bösen“ ab.
Im Jahr 2007 erschien der israelische Film THE DEBT (2007), der lose auf den Originalakten der Eichmann-Entführung beruhte, diese jedoch fiktionalisierte und daraus ein Thrillerdrama um Lügen, Loyalität und persönliche Schuld entwickelte. Es war John Madden, der den Stoff, bestückt mit einem Star-Ensemble, dem u.a. Hellen Mirren, Jessica Chastain, Tom Wilkinson und Sam Worthington sowie Charakterdarsteller der obersten Kategorie wie Ciarán Hinds angehörten, unter demselben Namen neu bearbeitete. Und THE DEBT (2010) braucht sich hinter dem Original nicht zu verstecken. Basierend auf dem Drehbuch von Matthew Vaughn, Jane Goldman und Peter Straughan ist ein einerseits spannender und damit unterhaltsamer Agententhriller, zugleich aber auch eine eigenständige Studie über Moral, persönliche Verwicklung und Schuld gelungen. Das Gelingen verdankt sich ganz sicherlich auch und gerade dem vortrefflichen Spiel dieses außergewöhnlichen Ensembles.
Auf zwei Zeitebenen wird von der letztlich misslungenen Entführung des „Chirurgen von Birkenau“ Dieter Vogel in Ost-Berlin berichtet und davon, wie in der Gegenwart die Agenten von damals – eine Frau und zwei Männer – mit ihren Lebenslügen umgehen, bzw. versuchen, zu Ende zu bringen, was ihnen damals nicht gelungen ist. Und es wird davon erzählt, wie ein gelebtes Leben davon überzeugen kann, dass die Wahrheit mehr wert ist, als eine wie auch immer geartete Gerechtigkeit. Der Film beginnt damit, wie die deutlich gealterte Agentin Rachel Singer in der Gestalt von Helen Mirren bei einer Präsentation aus dem soeben erschienen Buch ihrer Tochter vorliest. Das Buch handelt von ihr, von Rachel, und von dem damaligen Einsatz, die Passage, die Rachel vortragen soll, erzählt von den dramatischen Momenten in der als Versteck genutzten Ost-Berliner Wohnung, als es Vogel gelang, sich zu befreien, Rachel mit einer Scherbe zu verunstalten – eine Narbe, die sie seither deutlich im Gesicht trägt – und den Versuch zu unternehmen, zu entkommen. Rachel konnte diese Flucht verhindern, indem sie – eine ausgesprochen gute Schützin – den Fliehenden durch das Treppenhaus, über mehrere Etagen hinweg, aus einem nahezu unmöglichen Winkel niederstreckte. Es ist Rachels Ex-Mann Stephan, auch er einer der Agenten, die damals an der Entführung beteiligt gewesen sind, der mit einer alarmierenden Nachricht bei seiner Ex-Gattin die Erinnerungen wachruft, die uns dann in einer langen Rückblende von den Geschehnissen im Ost-Berlin des Jahreswechsels 1965/66 berichten. Und zwar von den tatsächlichen Geschehnissen, nicht der Legende. Denn Vogel konnte – entgegen der Legende, die dazu diente, die Unbesiegbarkeit und Unfehlbarkeit des Mossad zu belegen und zu schützen – damals entkommen und verlebt nun seine letzten Tage in einem Heim in Kiew. Nun droht die Legende von dem mutigen Einsatz, den Rachel und ihre damaligen Mitstreiter lange auch bei Schulungen junger Mossad-Agenten erzählt haben, aufzufliegen, was Stephan, der mittlerweile im Rollstuhl sitzt und deshalb keine Außeneinsätze mehr durchführen kann, um jeden Preis verhindern will. Und deshalb Rachel bittet, nun zu Ende zu bringen, was ihnen einst misslungen ist.
Zusätzlich dramatisiert werden die Geschehnisse dadurch, dass der dritte Mitstreiter von einst, der in der Gegenwart des Films von Cirián Hinds gespielte David Peretz, mit dem Rachel eine enge Freundschaft verband, vielleicht sogar eine heimliche Liebe, sich zu Beginn des Films umbringt. Er war jahrzehntelang verschwunden und wollte nicht weiter mit der ewigen Lüge leben. Ob diese Lüge als Movens der Gegenwartshandlung wirklich stark genug ist, sei einmal dahingestellt. Belegt ist, dass der Mossad äußerst ungern Fehlschläge eingesteht. Doch entsteht definitiv ein erstaunlich unaufdringliches und doch eindringliches Gewebe aus moralischen Fragen um Loyalität – zum Land ebenso, wie familiär, will Rachel doch nicht ihre Tochter desavouieren, deren Bestseller auf der Geschichte der Mutter beruht -, um Freundschaft, Fragen der Gerechtigkeit und darum, wie wir mit Lebenslügen, derer wir uns nur allzu bewusst sind, umgehen. Mit welchen Lebenslügen wir leben können, mit welchen nicht. Rachel trägt das Zeichen ihrer Lüge als ebenso gut sichtbare wie hässliche Narbe in ihrem Gesicht, weithin sichtbar und damit immer den Abstand markierend, den die Wirklichkeit von der Legende, vom Mythos einnimmt. Es ist ein erstaunlich subtiles Zeichen genau dieser Vermessung, wenn auch offensichtlich und somit scheinbar gar nicht subtil.
Die Verletzung hat allerdings eine zweite Funktion. Denn sie markiert die Brutalität und Gnadenlosigkeit, zu der Vogel fähig ist, jener „Chirurg von Birkenau“, der natürlich auch an Josef Mengele angelehnt ist, jenen fürchterlichen Arzt, der an der berüchtigten Rampe in Auschwitz die Selektionen durchführte und zudem ungeheuerliche Menschenversuche im Lager durchführte. Er konnte nach dem Krieg nach Südamerika entkommen und wurde nie gefasst. Wahrscheinlich auch, weil er mächtige Fürsprecher nicht nur in den dortigen Junten, sondern auch in der CIA hatte. Das Drehbuch ist leider nicht gänzlich frei von Klischees und dazu gehört u.a. die Charakterisierung dieses Mannes als freundlicher, älterer Herr, der sich seinen Entführern intellektuell vielleicht nicht als überlegen, zumindest aber als ebenbürtig erweist. Zwar blitzt sein Herrenmenschdenken immer wieder auf, doch entspricht er dem Typus der klugen Geisel, die ihre Häscher vor Probleme stellt. Wenn er sich schließlich befreien kann und zu fliehen versucht, wird seine Skrupellosigkeit und Verachtung gegenüber den Kidnappern überdeutlich, wenn er ausgerechnet Rachel, die sich ihm gegenüber menschlich gezeigt hat, so fürchterlich verletzt und damit fürs Leben zeichnet. Es ist dies eine an Brutalität schwer zu übertreffende und wahrlich nur schwer zu ertragende Szene. Sie vergegenwärtigt allerdings, mit was für Menschen man es zu tun hat, wenn man es mit überzeugten Nazis zu tun bekommt, die wirklich in die Mordmaschine eingebunden waren und diese gar befeuert haben.
Es ist dies aber nicht das einzige Klischee, dem der Film in die Falle geht. Auch die drei Agenten entsprechen handelsüblichen Charakteren des Genres. Stephan ist der harte Kerl, der sich am Auftrag festhält, nicht frei von Ehrgeiz, ein Patriot, der an die Aufgabe des Mossad glaubt und diesen Auftrag als Bewährungsprobe versteht. Er erliegt Rachels Reizen, ohne dass sie dies sonderlich forciert. Rachel ist eine eher unerfahrene Agentin, die deutlich ihre Angst zeigt, die sich in David verliebt und doch mit Stephan im Bett landet und dann schließlich auch von ihm schwanger wird. Dass die beiden miteinander schlafen ist wohl der Ausnahmesituation in einem fremden Land unter enormer Nervenanspannung geschuldet. David seinerseits ist der Zauderer, der ganz im Auftrag aufgeht, der schließlich aber an der Lüge, auf die die Drei sich einigen, nachdem Vogel entkommen konnte, zu zerbrechen droht. Er quittiert später den Dienst und macht es sich zur Lebensaufgabe, Vogel aufzuspüren und doch noch der Gerechtigkeit zuzuführen. Und er ist derjenige, der schließlich an den moralischen Widersprüchen zerbricht und sich darob das Leben nimmt. Diese Charaktere sind interessanter in der Gegenwart des Films, als in der Vergangenheit der 60er Jahre und des Kalten Krieges. Dass Rachel schließlich nach Kiew reißt und dort den alten Auftrag erfüllt, wie diese alternde Agentin, die eigentlich nicht mehr im Dienst ist, in die ihr fremde Stadt fährt und dort schließlich ihren alten Widersacher zur Strecke bringt, ist der eigentlich interessantere Teil des Films. Hier werden die inneren Konflikte spürbar, sie sind vielschichtiger, als die rein moralischen Fragen, die die drei sich stellen, als ihnen ihr Opfer entkommt. Sollen sie lügen, damit den Ruf des Dienstes, letztlich aber vor allem sich und ihre Karrieren retten? Oder die Wahrheit sagen und damit die Unfehlbarkeit des Mossad, in ihrem Selbstverständnis sogar die Integrität ihres Landes verraten? Es ist Rachel, die diese Frage am Ende des Films endgültig beantwortet, wenn sie Vogel zwar tötet, einem ukrainischen Journalisten aber einen Brief zukommen lässt, der die Welt darüber aufklärt, wie es sich wirklich zugetragen hat in jenem kalten Januar 1966.
Vergleichsweise konventionell erzählt Regisseur John Madden seine Geschichte, er inszeniert die zwei Zeitebenen übersichtlich und montiert sie nicht allzu kompliziert ineinander. Die Set Designer haben der Produktion in Budapest ein ansehnliches Ost-Berlin gebastelt, die Kulissen und Szenenbilder können überzeugen. Überhaupt schafft es der Film, auf beiden Zeitebenen überzeugende Atmosphären zu kreieren und so auch den zeitlichen Abstand zwischen den – erneut ein Klischee – eher grauen 60er Jahren und einer eher hellen Gegenwart zu markieren, die aber durch das Auftauchen von Vogel verdunkelt zu werden droht.
Die inneren Konflikte der Figuren und auch die Konflikte zwischen den Figuren sind nachvollziehbar und der Film generiert seine Spannung zu großen Teilen aus diesen zwischenmenschlichen Belangen. Und kann dennoch auch als Agententhriller überzeugen, da vor allem die Szenen der letztlich vereitelten Flucht aus Ost-Berlin als auch jene im Pflegeheim in Kiew überzeugend und spannend inszeniert sind. Die Mischung, die Madden bietet, geht im Großen und Ganzen auf, auch wenn der Film nach hinten raus ein wenig runtergespult wirkt, da das Publikum zu diesem Zeitpunkt schon begriffen hat, wohin die Reise geht. Vor allem aber lebt dieser Film von den Leistungen seiner Schauspieler und da bleibt nichts zu wünschen übrig. Das gesamte Ensemble weiß zu überzeugen, wobei die älteren Damen und Herren letztlich die interessanteren Figuren darstellen dürfen. Aber das sind natürlich auch Figuren, die nicht nur vom Idealismus leben, wie ihre jüngeren Varianten, sondern ihre Zweifel aus gelebtem Leben ableiten. Und das macht sie so spannend und menschlich. THE DEBT ist ein überzeugender Thriller und ein ebenso überzeugendes Drama.