ALTERNATIVE FAKTEN. ZUR PRAXIS DER KOMMUNIKATIVEN ERKENNTNISVERWEIGERUNG

Ein gut lesbarer Beitrag zur Untersuchung aktueller Phänomene anti-demokratischer Verhaltensweisen

„Alternative Fakten“ sind in den vergangenen sechs Jahren in den Kanon jener Begrifflichkeiten eingegangen, die jenen Riss in den westlichen Gesellschaften markieren, der seit einigen Jahren verstärkt festzustellen ist und mittlerweile die Demokratie bedrohende Ausmaße anzunehmen droht. „Alternative Fakten“ stehen direkt neben der „Lügenpresse“, der „Verschwörungstheorie“ und den „Fake News“. Das Besondere an dem Begriff der „alternativen Fakten“ ist, wie und durch wen er in den Diskurs eingeführt wurde. Denn er wurde als offensiver Begriff genutzt, um eine Behauptung zu stützen, die nachweislich nicht haltbar war: Nach der Amtseinführung Donald Trumps am 20. Januar 2017 behauptete der Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, die Presse habe bewusst falsch über die anwesende Menge berichtet und sie kleiner gerechnet als sie gewesen sei. Trump hatte damit geprahlt, die „größte“ Inauguration der amerikanischen Geschichte abgeliefert zu haben. Vor allem sei sie viel, viel größer gewesen als die von Barack Obama, dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, auf den der 45. Präsident der USA einen fast obsessiven Hass zu empfinden scheint. Luftaufnahmen beider Ereignisse belegen recht einwandfrei, daß die Menge zu Obamas Amtseinführung mindestens doppelt so groß gewesen sein muß – nichtsdestotrotz beharrte Spicer auf der Trump´schen Lesart und lieferte dann eine Reihe sich teils widersprechender Begründungen und Argumente.

Eigentlich eine Marginalie, wollte man meinen. Doch Trump wäre nicht Trump, wenn nicht gerade solche Symboliken in seinen Augen die eigentlich wesentlichen Aspekte seines Schaffens wären. Dennoch wäre dies eine Petitesse geblieben in einer dann vierjährigen Phase voller mal irrelevanter, mal höchst relevanter Lügen, Falschaussagen und unhaltbarer Behauptungen, hätte nicht einen Tag nach Spicers denkwürdigem Auftritt, der eher einer Presseschelte denn einer Pressekonferenz glich, die Beraterin des Präsidenten, Kellyanne Conway, ein TV-Interview gegeben, in welchem sie Spicers Aussagen nicht nur stützte, sondern behauptete, dieser habe „alternative Fakten“ geboten, die eben gleichberechtigt neben jenen der Journalisten stünden. Damit war dieser seltsam schwammige Begriff, den Conway explizit nicht als Lüge behandelt sehen wollte, in der Welt. Und hat seither eine wundersame Karriere hingelegt.

In den Trump-Jahren und denen danach wurde viel und gern über die zersetzende Wirkung dessen berichtet, was „alternative Fakten“ eigentlich seien und wie man ihnen begegnen müsse. Wirklich beigekommen ist man ihnen nicht. Und wurde bald mit ganz anderen, sehr viel gefährlicheren Varianten konfrontiert. Denn sowohl in der akuten Krise der Pandemie, die die Welt in den Jahren 2020, 2021 und auch 2022 noch in Atem hielt, als auch in der Querdenkerbewegung, die sich nicht zuletzt aus den Protesten gegen die Maßnahmen der Regierung speiste, und vor allem und langfristig schadend in den existenziellen Fragen des Klimawandels und des menschlichen Einflusses darauf, spielen „alternative Fakten“ eine wesentliche Rolle. Zudem finden sie in den sogenannten Echokammern und Blasen der sozialen Plattformen im Internet nicht nur Verbreitung, sondern auch einen Resonanzraum, in welchem auf ihnen fußend immer weiter und weiter an „alternativen Realitäten“ gebastelt wird.

Der Soziologe Nils C. Kumkar hat sich in seiner sehr eingängig geschriebenen Studie ALTERNATIVE FAKTEN. ZUR PRAXIS DER KOMMUNIKATIVEN ERKENNTNISVERWEIGERUNG (2022) des Phänomens angenommen und seine Perspektive anders als bisherige Kommentatoren, Feuilletonisten, politische Beobachter und Wissenschafts-Kollegen ausgerichtet. Er betrachtet „alternative Fakten“ weder als Lügen, noch als einem Paralleluniversum entstammende Behauptungen, deren Verkünder man getrost als, im engeren Wortsinn, „ver-rückt“ bezeichnen kann, sondern vielmehr als strategisches Kommunikationsmittel innerhalb des herrschenden Diskurses. Keineswegs, so seine Schlußfolgerung, hätte man es hier mit einer kompletten Entkoppelung vom Mainstreamdiskurs zu tun, was durchaus Hoffnung machen würde – vielmehr sei dies ein Diffundieren des Diskurses, der gewollte Versuch, die Diskussionsgrundlagen selbst in Frage zu stellen, den Diskurs zu verwässern, mit Themen und Argumenten zu fluten, die vom eigentlichen Thema ablenken.

Kumkar untersucht die oben genannten Felder: Die angeblich größte Menschenmenge, die je bei einer Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten anwesend war; die Klima-Debatte; den Gebrauch „alternativer Fakten“ in den sozialen Medien; die Rolle „alternativer Fakten“ in den Corona-Protesten der Querdenker. Er tut dies in der hier angegebenen Reihenfolge und kann damit auch chronologisch die Karriere des Begriffs nachvollziehen. Er kann auch herausarbeiten, wie das Trump´sche Beispiel einer diffusen Masse von scheinbar sehr unzufriedenen Menschen diente, um ihren Unmut „faktisch“ belegen zu können und somit scheinbar ernsthaft an einem Diskurs teilzunehmen. Kumkar kommt allerdings zu dem Schluß, daß diesem Nutzen ein ganz anderer Zweck zugrunde liegt als allgemein angenommen. Es geht weniger darum, eine Gegenargumentation aufzubauen, sondern die herrschende Argumentationsstruktur so anzugreifen, daß sie selbst in Frage steht. Das führt zu verschiedenen, durchaus erwünschten Ergebnissen und Konsequenzen.

Anhand eines Exkurses zum Begriff der „Expertise“ und des daran anschließenden Begriffs vom „Experten“, kann Kumkar verdeutlichen, wie sich „alternative Fakten“ eben weder eines anderen Wissens bedienen (auch wenn ihre Verbreiter dies häufig behaupten), noch ein Parallel-Universum eröffnen, in welchem andere physikalische Gesetzmäßigkeiten herrschten. In einer immer ausdifferenzierteren und somit auch komplexeren (und komplizierteren) Welt/Realität, wird es für einzelne immer schwieriger, generalisiertes Wissen anzuhäufen. Wir verstehen die Welt nur noch in Bruchstücken und Fragmenten, sind auf die Meinung und eben die Expertise von anderen angewiesen, die sich mit der jeweiligen Materie länger beschäftigt haben, sich besser auskennen. Fachleuten eben. Dies ist vor allem in dem Dauerthema Klimakrise, als auch in der akuten Pandemie relevant. Denn gerade anhand dieser Beispiele lässt sich zeigen, wie „alternative Fakten“ vorgeschoben werden und gleich mehrere Teilaspekte bedienen, die für die Verbreiter wesentlich sind: Sie können den einzelnen erhöhen, indem er sich als jemanden darstellen kann, der „Durchblick“ hat und die Dinge nicht nur durchdrungen, sondern auch durchschaut hat. Ihm gegenüber steht die graue Masse derer, die er gern als „Schlafschafe“ tituliert – eben alle, die die Dinge nicht so sehen, wie er selbst und also dümmer sein müssen oder es eben noch nicht „gecheckt“ haben; sie führen damit aber auch zu einer Selbstermächtigung, denn offensichtlich scheint der „Durchblicker“ aus seinem überlegenen Wissen abzuleiten, daß ihm entsprechende Handlungsweisen zustünden. So kann er sich über Gesetze stellen, die er als falsch oder irrig abtut, er kann sich sogar ermächtigen, die Regierung als solche anzugreifen und absetzen zu wollen. So geschehen beim Versuch, am 29. August 2020 den Reichstag zu stürmen.

Doch sind dies eher für die Verbreiter angenehme Nebenaspekte. Kumkar geht es aber um etwas anderes. Er will die kommunikative Funktion ermitteln, die „alternative Fakten“ zukommt. Und kommt dabei zu einem eher überraschenden Fazit: Letztlich sind Form und Inhalt „alternativer Fakten“ vor allem dazu geeignet, Entscheidungsprozesse zu unterminieren, aufzuhalten und damit aufzuschieben. Der Verbreiter der „alternativen Fakten“ müht sich, die Basis für Entscheidungen anzugreifen und unzuverlässig erscheinen zu lassen. Er nutzt dafür die unbestimmte Negation. Eine Abgrenzung zu Hegels Begriff der bestimmten Negation. Mit ihr ist es nicht nur möglich Gegen-Expertise zu generieren, sondern sie tut dies, indem sie den Raum, der bespielt wird, verschiebt: Aus dem Wissenschaftsbereich wird die Diskussion erst unmerklich, dann immer offener in den Raum des Politischen verschoben, so daß nicht mehr wesentlich ist, ob die wissenschaftliche Grundlage stimmt, sondern wozu sie genutzt werden soll. Und schnell sind dann wieder Verschwörungserzählungen zur Hand, um zu erklären, daß es zwar einen Klimawandel geben mag, der aber entweder ganz natürlich sei und nur aufgeblasen werde, um aufgrund dieser angeblichen Faktenlage bspw. eine „Öko-Diktatur“ zu errichten. Gegen die der „Durchblicker“ dann wiederum aufgrund seines überlegenen Wissens, das natürlich in den Mainstreammedien unterdrückt wird, berechtigt ist, sich zu ermächtigen, gegen etwaige diktatorische Maßnahmen aufzubegehren, zivilen Ungehorsam auszuüben usw.

Deshalb – Rückgriff auf den Exkurs zur „Expertise“ – leugnet der Anhänger „alternativer Fakten“ keineswegs die rein äußerliche Faktenlage oder präsentiert gar Lügen. Noch weniger bietet er ein wirklich alternatives Argumentationsgerüst, neue, gar eigene Erkenntnisse (sic!), sondern er nimmt immer Bezug auf die herrschende Meinung, auf die allgemein anerkannte Faktenlage und bietet dann meist unseriöse oder zumindest abseitige Quellen, um die Diskussionsgrundlage selbst anzufechten. Kumkar expliziert dies am Beispiel des NIPCC (Nongovernmental International Panel on Climate Change), einer Organisation, die mehr oder weniger als direkter Gegenspieler zum IPCC (Intergovernmental Panels on Climate Change) – oft als „Weltklimarat“ bezeichnet und eine Organisation der UN – gegründet wurde. Der Bezug ist hier natürlich überdeutlich, macht er sich immerhin schon im Titel bemerkbar. Das NIPCC erfreut sich der Unterstützung einiger Lobbygruppen, deren Interesse es ist, etwaige Beschlüsse, das Klima besser zu schützen, den Naturschutz auszubauen etc. mindestens zu verzögern, besser zu verhindern.

Anhand eines solchen Beispiels ist es natürlich vergleichsweis einfach, genau jenen Zweck herauszuarbeiten, den Kumkar „alternativen Fakten“ zuschreibt. Schwieriger wird es dann natürlich bei der Untersuchung solch divergenter Phänomene wie den Querdenkern und mehr noch den Gegnern der Coronamaßnahmen, die ja keinesfalls alles Querdenker waren, es aber in Kauf nahmen, auch an der Seite von erklärten Staatsfeinden, Rechtsradikalen und Verschwörungsmystikern zu marschieren. Hier greifen dann die eher persönlichen Aspekte der Selbstermächtigung, von denen weiter oben bereits die Rede war.

Nicht alles, was Kumkar bietet ist wirklich neu. Interessant allerdings sind die Herangehensweise und seine Fähigkeit, bestimmte, vielleicht eher intuitiv empfundene Aspekte zu bündeln und nachvollziehbar zu machen. Die Typen, die er beschreibt, sind den meisten Menschen schon begegnet – auf der Straße, bei Demos, auf einer Party oder einem Abendessen, in der Familie, oftmals am Arbeitsplatz und vor allem immer wieder im Netz. So versteht man recht gut, worum es Kumkar geht und ebenso, welche Funktion er „Alternativen Fakten“ zuschreibt. Denn genau das hat man einige Male schon gedacht: Was soll das jetzt? Wieso kommt der oder die mir jetzt mit so einem durchschaubaren Argument? Nur um dann festzustellen, daß Stunden vergangen sind, in denen man sich um Nebenaspekte und im Grunde Offensichtliches gestritten hat, ohne je an das eigentliche Thema zu gelangen. Man versteht geradezu instinktiv, wie diese Aufschiebungen funktionieren. Kumkar bringt dies in ein wissenschaftliches Korsett und macht das, was eben noch „gefühlt“ war (und damit potentiell selbst unter dem Verdacht stand, möglicherweise nur ein „alternativer Fakt“ gewesen zu sein), nachvollziehbar und verständlich.

Dafür gebührt ihm Dank. Im weitgefassten Diskurs um die Frage, wie wir uns als Gesellschaft noch verständigen wollen und ob Verständigung eigentlich das ist, worum es geht, oder ob sich vielleicht gewisse Gruppen schon so weit abgekoppelt haben, daß sie eben genau das Gegenteil von Verständigung suchen, mag Kumkars Beitrag vielleicht eher eine Fußnote sein. Aber wen Wissenschaft interessiert und wer sich schon wissenschaftlich betätigt hat, weiß ja, daß oft die interessantesten Informationen in den Fußnoten versteckt liegen.

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