FAKE FACTS. WIE VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN UNSER DENKEN BESTIMMEN

Katharina Nocun und Pia Lamberty gehen die aktuelle Lage frontal an und legen einige Strukturen offen

Vielleicht sollte man die Literatur zu Verschwörungstheorien in zwei Kategorien unterteilen: Da gibt es jene Werke, die sich grundlegend mit dem Gegenstand beschäftigen, analysieren, was Verschwörungstheorien eigentlich genau sind, wie sie sich definieren und in welchem Verhältnis sie zur Wahrheit stehen. Das sehr lesenswerte Buch DER KAMPF UM DIE WAHRHEIT (2021) fiele in diese Kategorie, aber auch ein Werk wie Karl Hepfers VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN. EINE PHILOSOPHISCHE KRITIK DER UNVERNUNFT (2015) oder Umberto Ecos VERSCHWÖRUNGEN. EINE SUCHE NACH MUSTERN (Dt. 2021). In die andere Kategorie fallen jene Werke, die sich ganz explizit auf die aktuelle Situation beziehen und eindeutig aus einer bestimmten Haltung heraus geschrieben werden. Zu dieser wäre FAKE FACTS. WIE VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN UNSER DENKEN BESTIMMEN (2021) von Katharina Nocun und Pia Lamberty zu zählen.

Die Autorinnen liefern allerdings in ihren Einleitungskapiteln ebenfalls gute Überblicke über Geschichte und Entwicklungen moderner Verschwörungstheorien, die sie – auch dies ein absoluter Vorzug des Buchs – nicht als solche benennen wollen. Stattdessen schlagen sie ein differenzierteres Benennungssystem vor, dem man gern folgt. So sprechen sie von drei Kategorien: Dem Verschwörungsmythos, der eher abstrakter Natur ist, der Verschwörungserzählung, die ein konkretes Narrativ bezeichnet und schließlich die Verschwörungsideologie oder auch eine Verschwörungsmentalität, die die Welt so oder so als einen Ort voller Verschwörungen wahrnimmt und daraus eine eigene Haltung ableitet. Mit dieser Unterteilung kann man gut arbeiten und vermeidet den Begriff der „Theorie“, der Vielen deshalb aufstößt, weil er mit dem scheinbar wissenschaftlichen Verweis oft unglaublichen Phantasiegeschichten einen seriösen Anstrich gibt. Vor allem, wenn es sich um Narrative handelt wie jenes, führende Politiker gehörten einer außerirdischen reptiloiden Spezies an, die vor Jahrmillionen die Erde kolonisiert habe.

Doch über die Strecke von gut 310 Seiten geht es den Autorinnen deutlich um anderes als abstrakte Begriffsklärung und Metaüberblicke. Hier schreiben zwei engagierte Wissenschaftlerinnen, bzw. Publizistinnen. Sie haben ein deutliches Anliegen, das sich aus den Erfahrungen in den sozialen Netzwerken der vergangenen ca. acht Jahre speist. Hetze und Hass, Angriffe auf einzelne Personen, offene Lügen und Falschbehauptungen, Geraune und Gerüchte, die sich im Laufe der Zeit zu Verschwörungserzählungen verdichtet haben, welche untereinander anschlußfähig sind, zugleich aber auch immer an andere, ältere und oftmals vor allem antisemitisch geprägte Verschwörungserzählungen andocken. In den vierzehn Kapiteln des Buches wird dann auch jede Menge Information und Wissen zu den aktuell sich im Umlauf befindlichen Verschwörungserzählungen zusammengetragen und ausgewertet. Nocun und Lamberty berufen sich auf etliche Studien, deren Gehalt anhand eines doch recht umfangreichen Apparats am Ende des Buchs nachvollziehbar und überprüfbar sind.

Da geht es um angebliche Wahlfälschung und die „Lügenpresse“, um Leugner des menschgemachten Klimawandels, um den „großen Austausch“ und soziale Netzwerke und Plattformen wie Facebook, Youtube oder Telegram, die massiv an der Verbreitung von Verschwörungserzählungen verdienen und deshalb auch daran interessiert sind, sie weiter zu verbreiten, es geht um Esoterik, die laut den Autorinnen als Verstärker verschwörungsbeeinflussten Denkens gilt, es geht um Impfungen und deren Gegner, aber auch darum, daß Verschwörungen durchaus auch im linker Lager vorkommen (wo sie zumindest in den vergangenen 50 Jahren eher zuhause waren) und um die immense ökonomische Kraft, die ihnen innewohnt und an der Verlage wie Kopp und andere partizipieren. Und zu guter Letzt geht es auch darum, wie man mit Verschwörungsfanatikern redet oder reden kann, wenn sie Argumenten überhaupt noch zugänglich sind. Allerdings lassen die Autorinnen wenig Zweifel daran aufkommen, daß dies ein eher schwieriges bis unmögliches Unterfangen ist, wenn man es mit bereits verfestigten Weltbildern zu tun hat.

All dies ist deutlich aus der Perspektive von Menschen geschrieben, die selbst Teil der politischen Auseinandersetzung sind, besorgten Menschen, die sehen, welchen Einfluß Verschwörungserzählungen gerade in den letzten Jahren hatten und haben – egal, ob es um Finanzkrisen, Migration und Flüchtlingselend oder eben Corona und die damit verbundenen Fragen nach Impfpflicht u.ä. geht. So sollte man hier eben vor allem ein Buch erwarten, das sich engagiert, das Teil eines politischen Prozesses, einer politischen Auseinandersetzung ist und sein will, ein Buch, das eine klare Haltung zu Verschwörungserzählungen einnimmt,– und zwar eine ablehnende.

Wohl weisen die Autorinnen – und belegen dies ebenfalls mit zahlreichen Studien und auch neurologischen, psychologischen und soziologischen Untersuchungen – auch darauf hin, daß und welche Funktion Verschwörungserzählungen haben (können): In immer komplexeren Wirklichkeitsstrukturen einfache Erklärungen zu erhalten für den Lauf der Dinge, aber auch Zugehörigkeit zu Gruppen, Identitätsstiftung („wir“ und „die“). Aber es gibt eben auch andere Motive: Zersetzung gesellschaftlicher Strukturen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, Hass und Hetze gegen Gruppen („die Juden“; „die Ausländer“, „die Moslems“ usw.) und Individuen (George Soros, Bill Gates), denen man böse Absichten unterstellt.

Natürlich verwundert es nicht, daß gerade dort Verschwörungserzählungen grassieren, wo das eigene Kerngeschäft darin besteht, permanent Gegensätze und Gegnerschaft zu postulieren und zu behaupten. Schon einmaliger Kontakt mit Verschwörungserzählungen – Nocun und Lamberty weisen mehrfach darauf hin – kann weitreichende Folgen haben. Allerdings ist der etwas alarmistische Ton des Buchs gelegentlich nicht nur enervierend, sondern begeht auch einen Fehler, der gerade Linken häufig unterläuft. Denn liest man sich durch all die vielen Seiten, entsteht der Eindruck, wir seien alle vollkommen hilflos diesen Erzählungen, Narrativen und Ideologien ausgeliefert, weshalb es gewisser erzieherischer Maßnahmen bedürfe, um uns zu schützen. Dem ist aber keineswegs so. Menschen sind selbst lernende Systeme, wie die viel gescholtenen Algorithmen auf Facebook oder Youtube, die uns zielsicher mit immer härterem „Stoff“ versorgen. Auch scheinbar unbedarfte Nutzer sozialer Plattformen sind durchaus in der Lage, sich ein eigenes Bild zu machen. Und daß ein grundlegend kritisches Denken gegenüber staatlichen Institutionen nicht unbedingt schlecht ist, hat die Vergangenheit mehr als deutlich gezeigt, in der sich durchaus häufiger erwiesen hat, daß er immer wieder reelle Verschwörungen gab. Sei es eine historische Verschwörung wie jene der Senatoren gegen Julius Cäsar, sei es das „Celler Loch“, seien es Regierungsumstürze, auf die sich die CIA in den 50er und 60er Jahre spezialisiert zu haben schien (Chile, Persien et al.) – es gibt Verschwörungen und es gibt definitiv Vorgänge, deren offizielle Versionen (Kennedy-Attentat, 9/11, NSU) zumindest so viele Fragen aufwerfen, daß man sie durchaus guten Gewissens hinterfragen darf.

Die Autorinnen schreiben sich selbst in das Buch ein, berichten von Treffen mit Geschädigten und Journalisten, die sich mit dem Thema beschäftigen, berichten auch von Bedrohungen aller Art, denen auch sie selbst ausgesetzt sind und verlassen gelegentlich die Basis neutraler Berichterstattung (die dies, es wurde dargelegt, so oder so nicht ist), wenn sie zum Beispiel von einem Besuch auf einer Esoterik-Messe erzählen. Hier scheint es ihnen sichtlich schwergefallen zu sein, journalistischen Abstand zu wahren, was sich u.a. darin niederschlägt, daß man seitenlange Preislisten esoterischer Angebote zu allem möglichen bekommt, womit belegt werden soll, daß man es eben auch mit Nepp zu tun habe. Das ist verständlich – ebenso, wie es verständlich ist, daß man nicht mehr wirklich ernst bleiben kann, wenn man damit konfrontiert wird, Angela Merkel sei ein Reptiloid vom Alpha Centauri. Allerdings sollte man an dieser Stelle die Frage stellen, ob man es in solchen Fällen nicht doch eher mit ernsthaften psychischen Problemen zu tun hat statt mit knallharter Ideologie.

FAKE FACTS bietet einen sehr guten aktuellen Überblick, der Leser muß sich allerdings seinen Weg durch das Dickicht aus Verweisen und Anmerkungen bahnen, muß sehen, daß er mitnimmt, was wirklich hilfreich ist und wo die Autorinnen vielleicht doch eher persönlicher Abneigung und auch Betroffenheit nachgeben. Dennoch ein guter und durchaus brauchbarer Ergänzungsband in der mittlerweile ebenfalls wie ein Wirtschaftszweig funktionierenden Literatur zu Verschwörungstheorien und ihrer Abwehr. Und zumindest die theoretischen Definitionen sind allerdings sehr gelungen und weiterführend.

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