HALBWAHRHEITEN. ZUR MANIPULATION VON WIRKLICHKEIT

Nicola Gess untersucht das Vorfeld von Verschwörungserzählungen

Man erinnere sich an jenes Buch, das Ivan Krastev gemeinsam mit Stephen Holmes im Jahr 2019 veröffentlichte. DAS LICHT, DAS ERLOSCH ging der Frage nach, weshalb sich die Osteuropäer von der Idee der liberalen Demokratie abwenden und beginnen, Populisten zu folgen. Eines der interessantesten Kapitel in jenem Buch war das über das moderne Russland unter Putin. Die Autoren konnten nachvollziehbar machen, wie die Lüge als Machtfaktor funktioniert: Man lügt, weil man es kann, unwidersprochen. Die offene Lüge als Machtbeweis, Machtdemonstration. Und als eine stille Übereinkunft mit der Bevölkerung. Wenn ihr uns folgt und uns machen lasst, dann garantieren wir euch einen gewissen Wohlstand und vor allem nationale Identität und Stolz. In einem abschließenden Kapitel wendeten sich die Autoren dann der Frage zu, wie es sich bei Trump mit dem Lügen verhält. Und daß es bei Trump gar keine Rolle mehr spiele, was er erzähle, da er die Wirklichkeit schlicht negiere. Besser: ignoriere. Er stellt sie in Abrede.

Nicola Gess geht in ihrem schmalen Band HALBWAHRHEITEN. ZUR MANIPULATION VON WIRKLICHKEIT (erschienen 2021) der Frage nach, inwiefern die titelgebenden Halbwahrheiten Bestandteil, ja Voraussetzungen sind, um ein kulturelles und kommunikatives Umfeld, ein Klima, zu schaffen, in dem das Ignorieren der Wirklichkeit auch auf einer Massenbasis funktioniert. Sie analysiert die Halbwahrheit als Mittel zum Zweck, als Instrument, aber auch als nützliches, deshalb in Kauf genommenes, Mittel für persönliche Reputation. Gess spürt der Bedeutung des Begriffs nach, wie das, was er umfasst, genutzt wird. Denn wie verhält sich die Halbwahrheit zu Wahrheit und Lüge? Wie wird sie gebildet und wie eingesetzt?

In zwei eher schwierig zu lesenden Einführungskapiteln widmet sich die Autorin der Frage von Halbwahrheit und Ideologiekritik sowie dem Themenkomplex, wie Halbwahrheiten überhaupt in die Welt kommen. Dabei rekurriert sie auf Theodor W. Adorno und dessen Anmerkungen zur Ideologielehre, bzw. zu seinem erst jüngst neu aufgelegten Text zum neuen Rechtsradikalismus. So kann Gess die Halbwahrheit von der Basis von Wahrheit und Lüge abkoppeln und verständlich machen, daß es hier nicht mehr um Fragen von „rechts“ und „links“ geht, letztlich nicht mal um die Frage von „wahr“ und „falsch“ – vor allem, da die Lüge sich ex negativo immer auf eine „Wahrheit“ bezieht, die sie verbiegt oder negiert, während die Halbwahrheit aus Versatzstücken der Wirklichkeit und passenden Zitaten und medialen Schnipseln eine neue, passende Wirklichkeit zusammensetzt. Einer literarischen Collage gleich, entsteht so im Grunde ein Stück Literatur.

Dabei wird verkürzt und in Zitaten gern Wesentliches weggelassen, um passende Aussagen konstruieren zu können. So negiert die Halbwahrheit nicht mehr die „Wahrheit“, sondern konstruiert eben eine eigene „Wirklichkeit“. Die Halbwahrheit zeichnet sich also nicht durch ihren Inhalt, ihren Gehalt aus, sondern schlicht durch ihr Da-Sein. Sie ist, verbal, bspw. auf einer Demonstration ausgesprochen, ein performativer Sprechakt, der allein dadurch legitimiert wird, daß er stattfindet. Eine Wirklichkeitsaneignung. Anders als der Sprechakt, das Eheversprechen beispielsweise, ist sie natürlich nicht bindend, aber sie wird zu einem Problem, wenn sie ausgesprochen ein immer größeres, affirmatives Echo findet. Und damit Wirkmächtigkeit entfaltet. Die Halbwahrheit konstituiert dann sozusagen eine eigene Realität, die jederzeit, bei gegebenem Anlass, auch wieder geändert und angepasst werden kann. Die Halbwahrheit ist somit, anders als die Lüge, grundlegend eine enge Verwandte, ja, eine Wegbereiterin des Verschwörungsmythos´.

Halbwahrheiten dienen also vor allem dazu, ein bestimmtes politisches Klima zu setzen, tendenziell zu beeinflussen, Hoheit über Diskurse zu gewinnen, indem man die Zuhörer oder Leser derart beeinflusst, daß das eigene Weltbild, die eigene Sicht auf die Dinge als richtig oder treffend wahrgenommen wird.

Anhand dreier Beispiele untersucht Gess, wo und wie Halbwahrheiten genutzt werden, mehr noch analysiert sie aber, wie sie konstruiert sind. Sie beschäftigt sich dazu mit dem Fall Claas Relotius, der dem SPIEGEL jahrelang hochgelobte und mit allerlei Journalistenpreisen ausgezeichnete Stories lieferte, die teils frei erfunden, teils ausgeschmückt, teils auf Wahrheiten gründende wilde Geschichten waren, die dem Journalisten hohe Reputation, aber auch dem SPIEGEL Ansehen einbrachten, weshalb lange aufkommende Zweifel unterdrückt wurden – als Beispiel eines (journalistischen) Hochstaplers. Sie untersucht den Fall Ken Jebsen, ein ehemaliger Moderator des rbb, der mittlerweile komplett ins Lager jener Verschwörungsmythologen gewechselt ist, die u.a. das Corona-Virus, bzw. dessen Auswirkungen, leugnen und an diese Leugnung zugleich eine Systemfrage koppeln – bis hin zu der Frage, ob die Demokratie, wie wir sie kennen, eigentlich schon eine Diktatur sei? Schließlich, als letzten Punkt, greift sie die Eingangsausführungen auf, die der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei seinem Streitgespräch mit dem Dichter Durs Grünbein in Dresden am 8. März 2018 äußerte. Tellkamp versuchte damals, statt eines eigenen Standpunktes, durch eine schier endlose Aufzählung von Zitaten und Zeitungsberichten nachzuweisen, wie der „Meinungskorridor“ in Deutschland immer enger und daß man als Kritiker bspw. der Flüchtlingspolitik, mundtot gemacht werde. Er wollte mit den Zitaten sozusagen eine für selbst sprechende Beweisführung abliefern.

Gerade anhand des letzten Beispiels lässt sich hervorragend nachvollziehen, wie das mit den Halbwahrheiten so funktioniert, denn Tellkamp betrieb exakt das, was oben theoretisch erwähnt wurde: Er ließ aus, er verkürzte, gelegentlich zitierte er auch falsch. Dadurch wurde sein Potpourri exakt zu dem Beleg, den er brauchte – ohne Differenzierung, ohne Einordnung, ohne Abweichungen klar zu markieren. Und indem er manchmal keine Trennlinie zwischen reinem Zitat und eigener Paraphrasierung, bzw. Kommentierung, zog. Wer das folgende Streitgespräch zwischen Tellkamp und Grünbein kennt (es ist nach wie vor auf Youtube abrufbar), weiß, daß Grünbein diesem Sermon kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Es wäre unmöglich gewesen, alle zitierten Passagen vor Ort nachzuprüfen oder im Fall der Fälle richtig zu stellen. Das anschließende Gespräch ist ein interessantes Beispiel dafür, wie ein Diskurs unmöglich wird, wenn beide Seiten auf grundlegend unterschiedlicher Basis sprechen und die Belege der Gegenseite nicht mehr gelten lassen, bzw. ausblenden. Tellkamp zog sich im Laufe des Gesprächs mehr und mehr auf eine Position zurück, in der er Grünbeins Aussagen wieder und wieder in seinen Worten „mal so stehen“ ließ – er argumentierte nicht mehr, er tat so, als desavouiere sich ein Diskutant wie Grünbein ganz von alleine. Das war möglich, weil sein Einstiegsstatement ein und für alle Male den Ton, aber auch die Faktenbasis setzte, von der Tellkamp nicht abzuweichen mehr bereit war.

Es wurde gelegentlich kritisiert, daß Gess nicht einmal den (modernen) Antisemitismus und dessen Grundlagen wie bspw. die PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION erwähne. Doch im Grunde muß man ihr das sogar hoch anrechnen, denn sie bezieht sich dezidiert auf Beispiele, die aktuell sind und oft antisemitische Tendenzen zwar grundlegend stützen, die aber immer sehr darauf bedacht sind, nicht als direkt antisemitisch erkennbar oder einzuordnen zu sein. Gess untersucht sozusagen das, was ein rechter Denker wie Götz Kubitschek als „vorpolitisches Feld“ bezeichnet. Dieser Begriff bezeichnet die kulturelle Stimmung, die bestimmte Thesen und Analysen überhaupt erst möglich machen – und geht auf Überlegungen eines dezidiert linken Denkers, Antonio Gramsci, zurück.

Gess, die selbst Literaturwissenschaftlerin ist, nutzt also nicht die Mittel der politischen Analyse, der Soziologie oder des Historikers, sie macht also keinen „Faktencheck“, sondern sie behandelt Halbwahrheiten als Fiktion. Mit den Mitteln der Literaturwissenschaft untersucht sie, wie sich Halbwahrheiten zusammensetzen, auf welche Versatzstücke sie zurückgreifen und wie sie Wirklichkeit erst einmal behaupten, noch nicht einmal konstituieren. So kann sie auch innere Widersprüche verdeutlichen, kann aufzeigen, wo in diesen Konstrukten Fakt und Fiktion einander unterlaufen und wie einzelne Versatzstücke andere in Frage stellen. Fast schon ein dekonstruktives Vorgehen.

Nicola Gess´ Buch ist eine hervorragende Ergänzungslektüre zu all den Büchern, die sich in den vergangenen Jahren Mühe gegeben haben, die Phänomene von Populismus, Rechtsdrall der Gesellschaften, Verschwörungsmythen und offenen Lügen in der Politik zu erkunden. Es verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise, wie mittlerweile eine alternative Wirklichkeit konstruiert wird, die für sich in Anspruch nimmt, „alternative Fakten“ präsentieren zu dürfen und zu können. Man begreift, daß sich diese Halbwahrheiten eben gar nicht mehr an einer bestehenden Wirklichkeit orientieren, an sie ankoppeln müssen, sie also, wie die Lüge, negieren. Vielmehr operieren sie längst jenseits von „wahr“ und „falsch“, in einem Feld, wo es letztlich nur darum geht, einen eigenen Ton, eigene Fakten zu setzen, um damit ganze parallele Wirklichkeiten und Faktengebäude zu erschaffen, zu dem sich „der Mainstream“ bitteschön zu verhalten habe. Gefährlich wird dies in jenem Moment, in dem eine signifikante Minderheit (von Mehrheiten gar nicht zu reden) anfängt, an diese Parallelwirklichkeiten zu glauben. Letztlich aber ist das Problem von Gess` Band, daß auch diesen nur lesen wird, wer sich bereits auf einer der beiden Seiten – naturgemäß der der Autorin – sieht. Der Gegner eher nicht. Und der bleibt damit in seiner Blase, unberührt und weiterhin entlastet.

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